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16.11.1979

Informatik als Unterrichtsfach in der Schule

Informatik wurde als Hauptstudium 1978 an 15 (1980: 17) Universitäten und 11 Fachhochschulen angeboten. Pro Jahrgang standen damit an den Universitäten 1540, an den Fachhochschulen schätzungsweise 700 Studienplätze zur Verfügung. Die Ausbildungskapazität im Nebenfach lag etwa 30 Prozent tiefer.

Die Zahl der tatsächlichen Absolventen lag 1978 mit 460 deutlich unter dem Studienplatzangebot, da der Vollausbau erst 1978 erreicht wurde und die Schwundrate vom 1. bis zum 8. Semester zwischen 30 und 40 Prozent liegt.

In den kommenden Jahren ist mit einem gleichmäßigen Ansteigen der Absolventenzahlen zu rechnen. Allerdings wird derzeit das Studienplatzangebot nicht voll ausgeschöpft. Dieser Effekt sowie die für eine technische Wissenschaft etwas zu hoch liegende Schwundrate sind vermutlich auf unklare Vorstellungen über die Informatik zurückzuführen. In Zukunft sollte als flankierende Maßnahme eine Einführung in die Informatik an den Gymnasien vorgesehen werden.

Ein fertiger Informatiker ist heute außerordentlich begehrt: Auf gute Absolventen kommen 10 bis 15 Angebote, und auch durchschnittliche Absolventen haben keinerlei Arbeitsplatzschwierigkeiten. Die revidierten Bedarfsrechnungen aus dem Jahre 1973 waren offenbar zu niedrig angesetzt. Heute werden von der DV-Industrie und DV-Anwendern Absolventen anderer Fachrichtungen eingestellt und umgeschult, was einen volkswirtschaftlich nicht zu vertretenden Zusatzaufwand bedeutet.

Angesichts der guten Marktlage fehlen die Kriterien für eine Kontrolle des Lehrerfolges. Auch aus anderen Gebieten hört man Klagen über fehlende Praxisbezogenheit des Studiums; einheitliche und klar formulierte Vorstellungen der Abnehmer existieren bisher nur in Einzelpunkten. Eine zunehmende Tendenz des Studiums zu praktischen Übungen ist erkennbar, ebenso der weitgehende Abbau der Vorbehalte seitens der Wirtschaft gegenüber der für sie neuen Disziplin.

Einige Hinweise auf die Qualität des Lehrangebots geben die Ergebnisse einer Umfrage der Gesellschaft für Informatik bei Informatik-Absolventen bis 1977.

a) Beschäftigung bei DV-Anwendung 36 Prozent, DV-Industrie 32 Prozent, Lehre/Forschung/Ausbildung 32 Prozent (überrepräsentiert wegen des Ausbaues der Informatik an den Hochschulen).

b) Von den in der freien Wirtschaft Tätigen entfielen auf Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern nur 11 Prozent, in der DV-Industrie 24 Prozent, 66 Prozent waren an einem neu eingerichteten Arbeitsplatz tätig.

c) Inder DV-Anwendung waren 50 Prozent mit Systemanalyse, Planung, Organisation und Entwicklung neuer Anwendungen beschäftigt, in der DV-Industrie 63 Prozent mit Software-Entwicklung.

d) Der Zufriedenheitsgrad der in der DV-Anwendung und -Industrie Tätigen (uneingeschränkt 43 Prozent, bedingt 48 Prozent, unzufrieden 9 Prozent) läßt gewisse Rückschlüsse auf die Zufriedenheit der Arbeitgeber zu.

e) Keine zusätzliche Ausbildung erhielten bei Eintritt in die DV-Anwendung 59 Prozent, in die DV-Industrie 39 Prozent.

Als gleichrangig neben der Ausbildungsförderung lief im zweiten und dritten DV-Programm die Schaffung von Forschungsgruppen einher. Im Gegensatz etwa zu den USA wird die Grundlagenforschung in der Informatik heute noch weitgehend von den Hochschulen und wenigen Großforschungseinrichtungen getragen. Derzeitige Forschungskapazität an den Universitäten besteht aus rund 140 Professoren etwa 300 planmäßigen wissenschaftlichen Mitarbeitern und größenordnungsmäßig 300 bis 350 drittmittelfinanzierten wissenschaftlichen Mitarbeitern. Zum Vergleich: IBM beschäftigt in seinem Unternehmensbereich Forschung rund 1100 Wissenschaftler, zwei Drittel davon in der reinen Technologieforschung.

Seit einigen Jahren bietet der Bund durch Förderung von Drittmittelvorhaben in Kooperation mit der DV-Industrie Anreize für einen Wissenstransfer. Allerdings besteht dabei die Gefahr einer starken Produktorientierung der Forschung.

Die Qualität der deutschen Informatikforschung, gemessen im internationalen Vergleich im Rahmen von Aufsätzen, in Zeitschriften und Vorträgen auf Tagungen ist dem Stand in anderen EG-Nationen vergleichbar - eine führende Rolle spielt die deutsche Informatikforschung insgesamt gesehen jedoch nicht.

Um den erhöhten Bedarf an Informatikern zu decken, sollten künftig die Ausbildungskapazität besser ausgeschöpft und die Kapazität der Informatik an den Hochschulen ausgeweitet werden. Vor einer Ausweitung müßte in Zukunft eine planmäßige Vorbereitung der Informatik an Gymnasien durch entsprechende Lehrplangestaltung und Ausbildung der Lehrkräfte stehen. Der Tätigkeitsbereich der Informatik-Absolventen in der DV-Anwendung sowie die Verzahnung von Informations- und Kommunikationstechnologien und die volkswirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Informationstechnologie erfordern neuartige Ausbildungsgänge in Richtung einer Systemtechnik. Hier fehlt für Lehre und Forschung bereits geeignetes Personal. Es müßte zunächst in ähnlicher Weise wie im 2. und 3. DV-Programm aufgebaut werden, indem zeitlich befristet Forschungsgruppen in den vorhandenen Informatik-Fachbereichen eingerichtet werden.

Die zunehmend ingenieurwissenschaftliche Ausrichtung der Informatikausbildung bedarf einer entsprechenden gerätetechnischen Ausstattung. Hier stellt sich zum einen die Forderung nach dem Erhalt der vorhandenen Rechenkapazität (Beibehaltung des Bundesanteils an den Kosten regionaler Rechenzentren, Ersatz der überalterten Informatikrechner in den achtziger Jahren). Daneben ist der modernen technischen Entwicklung Rechnung zu trägen (Klein- und Mikrorechner, Kommunikationseinrichtungen).

Das Informatikwissen der im Beruf Stehenden veraltet außerordentlich rasch. Der nachakademischen Ausbildung kommt daher ein ganz besonderes Gewicht zu. Hierfür sind die personellen, finanziellen und technischen Voraussetzungen zu schaffen.

Die deutsche DV-Industrie hat zwar den Anschluß an den internationalen Stand erreicht, aber sie lebt von der Hand in den Mund und ist deshalb gegenüber technischen Durchbrüchen von Mitbewerbern sehr empfindlich. Dies liegt nicht unerheblich an dem Mangel an ausgebildetem Personal und damit wohl zusammenhängend an der im internationalen Vergleich zu geringen Grundlagenforschung. Zu prüfen ist, inwieweit hier das Forschungspotential der Hochschulen und Großforschungseinrichtungen nutzbar gemacht werden kann. Dabei sind Barrieren zwischen DV-Industrie/DV-Anwendern und Hochschule abzubauen; bei kleineren Unternehmen scheint schon bloßer Informationsmangel ein Hemmnis zu bilden.

Maßnahmen zur Nutzung des Forschungspotentials sind die Vergabe von Querschnittsaufgaben an die Hochschulen, die personelle Durchlässigkeit durch Austausch von Personal aus Hochschule und Wirtschaft für befristete Zeiträume sowie die Förderung eines intensiveren Erfahrungsaustausches.

Maßnahmen dieser Art bedürfen personeller, organisatorischer und finanzieller Unterstützung.

Menschliches Denken ist vor allem evolutionär. Neue Marktanteile werden aber vor allem mit technischen Durchbrüchen erworben, die aus der unkonventionellen Ausnutzung neuartiger Technologien herrühren. Die Informationstechnik bietet derartige Chancen, ihre konsequente Nutzbarmachung bedarf einer "Mobilisierung der Phantasie", zu der die Hochschulen und von politischer Seite eine gezielte Schwerpunktsetzung beitragen können.

Überarbeitete Fassung der Stellungnahme zum Programmentwurf "Informationstechnik" für die Anhörung vor dem Bundestags-Ausschuß für Forschung und Technologie.