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30.03.1984

Informatik als Zugpferd der Kriegsmaschinerie?

Professor Dr. Jörg Siekmann

Universität Kaiserslautern, Fachbereich Informatik

Unserer Welt droht eine Krise, deren Umfang anscheinend denen entgeht, in deren Macht es steht. große Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen zu treffen. Die entfesselte Macht des Atoms hat alles verändert - nur nicht unsere Denkweisen.

Albert Einstein

Was würde wohl passieren, so fragt Ron Newman im CPSR Newsletter (Computer Professionals for Social Responsibility), wenn die Regierung 1,5 Milliarden Mark (600 Millionen Dollar) für ein Medizinprogramm bereitstellen würde, an dem sich die hervorragendsten Medizinkoryphäen, die angesehensten Universitäten und die besten medizinischen Forschungsgesellschaften beteiligen sollen? Ein Forschungsprogramm also, das einer gewaltigen nationalen Anstrengung zur Weiterentwicklung unserer medizinischen Kenntnisse gleichkäme - das jedoch einen Haken hätte: Das Ziel dieses Programms wäre die Entwicklung eines Virus von bisher ungehörter Gefährlichkeit. Über feindlichem Gelände versprüht, würden innerhalb weniger Minuten alle biologischen Organismen davon infiziert werden und nach kurzer Qual sterben.

Die Entwicklung dieses Virus bringe dem Land, das ihn als erstes besäße, einen entscheidenden militärstrategischen Vorteil, und natürlich - so wird versichert - kämen im Rahmen dieser enormen Forschungsanstrengung auch sehr nützliche Antibiotika, Methoden zur Bekämpfung von Viruskrankheiten und völlig neue Behandlungsmethoden heraus, die jedem Bürger des Landes nutzten.

So sehr dies auch die persönliche Eitelkeit der beteiligten Wissenschaftler ansprechen und so sehr auch deren Forschungssituation objektiv verbessert würde - die Antwort der Medizinischen Forschungsverbände und der Ärzteorganisationen wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit: Nein, das ist mit dem hippokratischen Eid nicht vereinbar.

DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) hat im Oktober i983 ein strategisches Forschungsprogramm angeworfen, das für zehn Jahre geplant ist und dem für die ersten fünf Jahre bereits 600 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Ziel dieses Projektes ist die Weiterentwicklung und die Anwendung von Grundlagenforschung der Künstlichen Intelligenz (KI) in zunächst drei Bereichen:

- Entwicklung von Kriegsrobotern und Roboterpanzern,

- Computerunterstützung von Kampfpiloten,

- Managementsysteme für die Kampfführung (von Flugzeugträgern).

Dieses Programm von ungebrochener "Fortschrittsgläubigkeit" ist ein Aufruf, in die

zukunftsträchtige KI-Technologie zu investieren, um so die Schlachtfelder der Zukunft, beschrieben in der Air Land Battle Doctrin, zu beherrschen.

Nur oberflächlich und mit kaum verhüllter Ironie, die an die "nützlichen Antibiotika" vom Anfang oder an die Raumfahrt-Teflonpfanne erinnert, werden im DARPA-Programm Rechtfertigungen angeboten, wie der "lebensrettende Roboter", eine Eigenschaft, die er übrigens nur mit fünfter Priorität besitzen soll, nach der Wirtschaftlichkeit und der Geschwindigkeit. Das Idealszenario, das gemalt wird, sieht jedoch unter anderem so aus: "Ärzte würden hierdurch (durch mit Robotern ausgerüstete Untersuchungszentren) zwar nicht völlig überflüssig, aber ihre Zahl könnte erheblich verringert werden. Natürlich sollten weiterhin einige Menschen anwesend sein, um den Eingezogenen das Gefühl und die Begeisterung zu vermitteln, einer großartigen Gemeinschaftsorganisation beizutreten."

Die Informatik (und darin insbesondere die Künstliche Intelligenz) ist zur kriegsentscheidenden Grundlagenwissenschaft geworden, so wie es die Physik zur Zeit der Entwicklung der ersten A- und H-Bomben war.

Der Unterschied zum derzeitigen Zustand der deutschen Informatik ist nur der, daß sich die Physiker (und späteren Nobelpreisträger) in der Kernforschung dieser Tatsache durchaus bewußt waren. Die leidenschaftlichen Diskussionen über die moralische Rechtfertigung ihrer Forschung führten im Laufe von nicht einmal fünfzig Jahren zum Verfall des alten Wissenschaftlerideals eines wertfrei forschenden, weltabgewandten, aber edlen Menschen, der in seinem Elfenbeinturm "nur der Wahrheit und nichts als der Wahrheit" verpflichtet war. Das tödliche Erschrecken über die ungeheuren Verwüstungen, die im Namen einer "wertfrei forschenden" Wissenschaft ermöglicht wurden, hat diesem Wissenschaftsideal eine neue Dimension gegeben: Zwar in erster Linie immer noch nur der Wahrheit verpflichtet, ist der Wissenschaftler auch gefordert, zu reflektieren, was mit diesen Wahrheiten angestellt werden kann.

Der Kampf um eine "wertfreie", keiner äußerlichen Ideologie verpflichteten Wissenschaft, der von Galileis Auseinandersetzung (mit der Kirche) zur Forderung nach der relativen Autonomie der Hochschulen (vom Staat) reicht, hatte einen Naturwissenschaftlertypus hervorgebracht, wie er vielleicht am reinsten im frühen "Uranklub" oder den Physikern und Mathematikern in Göttingen, am MIT oder anderswo um die Jahrhundertwende verkörpert war. Doch so sympathisch sie waren - diese Ideale sind tot und nicht nur die Informatiker haben nun Mühe mit der Selbstfindung.

Dabei richtet das DARPA-Programm ein besonders verlockendes Angebot an die Wissenschaftler: So viele, große Forschungsziele der Informatik und KI liegen greifbar nahe, es fehlt oft nur an Geld, an Mitarbeitern und an Rechnern. Und all dies wird nun plötzlich im Überfluß bereitgestellt noch dazu an großen Forschungszentren, die "nicht den Einschränkungen der üblichen Bürokratie in Zusammenhang mit Forschung und Entwicklung unterliegen".

Ist eine Selbstbeschränkung, wie sie viele Physiker oder Mediziner heute akzeptieren, von einer so jungen Wissenschaft wie der Informatik oder der KI da nicht zuviel verlangt? Wieso ist es überhaupt unmoralisch, wenn wir Raketen mit eigener Sensorik und immer größerer Zielgenauigkeit oder Kriegsroboter entwickeln? Ist die militärische Forschung nicht schon immer Motor der technologischen Entwicklung gewesen.

- Im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 werden die Gesamtverluste an Menschenleben auf etwa 215 000 Menschen geschätzt.

- Im ersten Weltkrieg starben insgesamt etwa zehn Millionen Menschen.

- Im zweiten Weltkrieg starben durch Kampfhandlungen etwa 16 Millionen Menschen, die Verluste der Zivilbevölkerung insgesamt werden auf 20 bis 30 Millionen geschätzt.

- Die atomaren Feuer des dritten Weltkrieges werden, selbst wenn sie auf militärische Ziele begrenzt werden können, 60 Prozent bis 80 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung sofort vernichten und dem restlichen Teil ein unvorstellbar menschenunwürdiges Siechtum bis zum Tode bringen. Deutschland wird es als Nation nicht mehr geben, und niemand wird mehr fragen können, wer eigentlich Schuld an der Katastrophe hatte.

Solche Kriege sind nicht mehr fühlbar und durch kein noch so überlegenes Gesellschaftssystem zu rechtfertigen.

Die Mediziner und Physiker haben ihre soziale Verantwortung weitgehend erkannt und ihre "schwarzen Schafe", die dagegen verstießen, geächtet. Was werden wir Informatiker in unserer Verantwortlichkeit tun?