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06.09.1985

Informatik in Lehre und Forschung kurz vor dem Kollaps

06.09.1985

MÜNCHEN - Noch ist die Ausbildung in der Informatik nicht zusammengebrochen - allerdings besteht eine aktuelle Notlage. Diese Ansicht vertritt eine Initiativgruppe* der Gesellschaft für Informatik (GI) in einem Memorandum und offeriert einen Katalog von Sofortmaßnahmen. Kurzfristig den Nachholbedarf an Personal und Geräten zu befriedigen sei Flickwerk, betonen die Wissenschaftler. Der Schlüsselstellung der Informatik in Forschung und Wirtschaft könne nur ein langfristiges Konzept gerecht werden. Hier die gekürzte Fassung des Memorandums.

Seit 1978/79 steigt jährlich um rund 20 Prozent die Studienanfängerzahl im Hauptfach Informatik, ebenso wächst die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem wurden auch in diesem Jahrzehnt bisher nur ungenügende Anstrengungen unternommen, um dem akademischen Fach Informatik einen angemessenen Ausbaugrad an den Hochschulen zu geben. Der 1981 an elf Hochschulen - von 16 Informatik anbietenden Universitäten insgesamt - bestehende Numerus clausus in Informatik wurde durch das besondere Verteilungsverfahren der ZVS aufgehoben. Meldungen der Länder über vorhandene Anfängerkapazitäten gaben 1982/83 die Zahl von 2393 Studienplätzen an. Trotz aller Ausbauversprechungen und weiterer neuer sechs Hochschulen verzeichnete 1984/85 die ZVS-Anmeldestelle nur 2357 Plätze für Studienanfänger in Informatik.

Die Gesamtzahl der am Arbeitsmarkt benötigten Hauptfachinformatiker für die Bundesrepublik Deutschland wird mit 80 000 bis 100 000 insgesamt angesetzt, was etwa zehn bis zwölf Prozent aller berufstätigen Ingenieure entspricht. Da bisher nur wenige tausend Diplom-Informatiker im Beruf stehen, werden bei den genannten Absolventenzahlen von zirka 3000 Informatikern pro Jahr mindestens 25 Jahre vergehen, bis der erforderliche Gesamtbestand von 80 000 bis 100 000 Informatikern erreicht ist.

Bei der Bedarfsplanung für den Informatikausbau darf man daher nicht von einem kurzfristig zu befriedigenden Nachholbedarf ausgehen, der mit begrenzten Überlastmaßnahmen abgefangen werden kann. Die langfristige wissenschaftliche, wirtschaftliche und technologische Schlüsselstellung der Informatik und der daraus resultierenden Ausbauerfordernisse dagegen ist in den Mittelpunkt der Planungen zu stellen.

Die einheitliche Forderung des Fakultätentages Informatik und der Gesellschaft für Informatik lautet daher, die Ausbildungskapazitäten für Hauptfachinformatiker des Diplomstudiengangs Informatik auf eine jährliche Studienanfängerzahl von 4000 Studenten auszubauen. Bei einer angestrebten Erfolgsquote von 75 bis 80 Prozent würde das die jährliche Absolventenrate von etwas über 3000 Diplom-Informatikern ergeben. Dies bildet die untere Grenze um eine schon heute zu beobachtende internationale Wettbewerbsbehinderung von Wissenschaft und Wirtschaft durch fehlende Absolventen künftig zu vermeiden. Die Gefahr einer "Informatikerschwemme" ist bei diesen - als absolut konservativ zu bezeichnenden - Bedarfszahlen sicher nicht zu erwarten.

Die Situation der Informatik kennzeichnet ein Mangel an Personal, Raum, Sachmitteln und moderner informations- und kommunikationstechnischer Ausrüstung.

Steigende Wartezeiten für Praktika, die stark eingeschränkten Betreuungsmöglichkeiten (oft weit über 100 Studenten pro Informatik-Professor) führen zu einer ansteigenden Verlängerung der Ausbildungsdauer. Weiterhin ist die Qualität der Ausbildung gefährdet, insbesondere das Heranführen der fortgeschrittenen Studenten an den aktuellen Stand der dynamischen informationstechnischen Spitzentechnologie.

Eine mehrjährige Nachschulung von Absolventen durch die Wirtschaft, denen aus Ressourcenmangel die Arbeit mit moderner Technologie an der Hochschule verwehrt bleiben muß, ist ein teurer volkswirtschaftlicher Unsinn. Nach Ansicht der Universitäten ist und bleibt das Kernstück jedes Technologietransfers die Ausbildung hochqualifizierter, hochmotivierter Nachwuchskräfte mit fundiertem theoretischen Wissen und soliden Kenntnissen des modernsten Technologiestandes.

Obwohl die Überlastsituation der Informatik im Bereich der Lehre am deutlichsten sichtbar ist, darf dennoch der Schaden, der für die Forschung dadurch langfristig entsteht, nicht übersehen werden. Es muß deshalb in Anlehnung an internationale Standards ein Wissenschaftler/Studenten-Betreuungsverhältnis von etwa eins bis zehn durch neue Personalstellen angestrebt werden, damit die Bundesrepublik wissenschaftlich und wirtschaftlich einen vorderen Platz unter den führenden Industrienationen halten kann.

Diesen Anforderungen kann die Informatik in ihrer aktuellen Notlage nicht gerecht werden.

Unsere Vorschläge für Maßnahmen zur Verbesserung der Geräteausstattung basieren auf Überlegungen, die Professor Dr. Dieter Haupt am 19. und 20. November 1984 auf der Tagung "Zur Lage der Informatik" in Bonn vorgetragen hat.

Sie basieren auch auf einer Erhebung im Wintersemester 1984/85, die 21 Hochschulen der Bundesrepublik mit einem Informatik-Studiengang betraf. Als Vorgabe - und dem Bedarf angemessen - erscheint folgende Skizze sinnvoll.

Jeder Hochschullehrer und jeder wissenschaftliche Mitarbeiter verfügt über einen vernetzten Arbeitsplatzrechner, der bei angemessener Ausstattung mit 25 000 Mark zu veranschlagen ist. Je zwei Hochschullehrer benutzen gemeinsam mit ihren Mitarbeitern einen Rechner Ó 250 000 Mark für Forschungsarbeiten. Hierbei werden das aus Drittmitteln finanzierte Personal und deren Geräte nicht berücksichtigt.

Jeder Student soll ein notwendiges Minimum von Benutzerzeit an einem geeigneten Rechner erhalten: Im Grundstudium zirka sechs Wochenstunden an einfacheren Rechnerarbeitsplätzen Ó 5000 Mark, im Hauptstudium zirka neun Wochenstunden an Arbeitsplatzrechnern Ó 20 000 Mark. Die Ausnutzungszeit eines Arbeitsplatzes wird mit 40 Wochenstunden angesetzt, um Ausfallzeiten, Überschneidung mit Lehrveranstaltungen sowie die Möglichkeit zur freien Nutzung durch Studenten zu berücksichtigen. Nimmt man eine Relation von 4 zu 6 für die Studentenzahlen im Grund- und Hauptstudium an, so ergeben sich damit Kosten von 3000 Mark pro Student für Arbeitsplätze.

Dabei wird vorausgesetzt, daß alle Arbeitsplätze der Studenten an einen Rechner mit hoher Leistungsfähigkeit angeschlossen sind, der für Aufgaben der Informatikausbildung zur Verfügung steht. Es wird für je 1000 Studenten ein Investitionsvolumen von zwei Millionen Mark veranschlagt. Als laufende Kosten für Instandhaltung werden pro Jahr für Arbeitsplatzrechner und Terminals fünf Prozent und für die übrigen Rechner zehn Prozent der Investitionssumme veranschlagt. Für Software-Beschaffung und -Pflege sind 100 Mark pro Student und Jahr vorgesehen. Sonstige Betriebskosten wurden nicht berücksichtigt.

Das Ausmaß der Defizite ist größer, als es die Erhebungen widerspiegeln. Trotzdem ist die Ausbildung noch nicht zusammengebrochen. In bezug auf die Geräte hat dies mehrere Ursachen:

- Der Gerätepark ist oft hoffnungslos überaltert. Terminals und Rechner, die bereits zum alten Eisen gehören, werden zur Milderung der Notsituation länger eingesetzt, als dies im Interesse einer modernen Ausbildung und eines wirtschaftlichen Betriebs zu verantworten ist. Diese Tatsache zeigt sich auch in dem großen Investitionsdefizit.

- Die Zahl qualitativ hochwertiger, grafisch orientierter Arbeitsplätze ist wesentlich geringer, als dies im Interesse einer sachgerechten Ausbildung notwendig wäre. Auch diese Tatsache spiegelt sich in dem vergleichsweise großen Investitionsdefizit aller Informatik-Fachbereiche wider.

- Da die gerätetechnischen Voraussetzungen unzureichend sind, muß vielfach auf die Durchführung von praktischen Lehrveranstaltungen verzichtet werden. Der Praxisbezug der Ausbildung ist dadurch gefährdet.

- Nach unseren Feststellungen werden Gerätebeschaffungen aus Drittmitteln in erheblichem Umfang zur Deckung von Ausstattungslücken in der Ausbildung eingesetzt. Es braucht nicht näher erklärt zu werden, daß diese Notmaßnahme der Informatik-Fachbereiche in Hinsicht auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Forschung äußerst bedenklich ist.

Spezifische Randbedingungen in der Informatik-Ausbildung sprechen für eine Erhöhung des Verhältnisses Professoren: Studenten bei gleichzeitiger Senkung des Verhältnisses Mitarbeiter: Studenten. Die Verhältniszahlen Professoren: Studenten = 1: 50, wissenschaftliche Mitarbeiter: Studenten = 1:12 ,5 sind mit dem Fakultätentag Informatik abgestimmt. Wir sind der Meinung, daß dieser Personalbedarf bei den Kapazitätsberechnungen zukünftig berücksichtigt werden muß.

Zur Betreuung des Geräteparks und der zugehörigen Software wird auch nicht-wissenschaftliches Personal in erheblichem Umfang benötigt. Die geringen Ansätze für Wartungskosten im Bereich der Arbeitsplätze (fünf Prozent pro Jahr) setzen geschultes Techniker-Personal voraus. Zur Bereitstellung, Pflege und Wartung von System- und Anwendungssoftware ist zusätzlich nicht-wissenschaftliches Personal erforderlich. Diese Voraussetzungen sind nach unseren Feststellungen nur unzureichend erfüllt.

Der schnelle Anstieg der Studentenzahlen in der Informatik hat bundesweit zu einer großen Raumnot dieser Fachbereiche geführt. Hier besteht ein hoher Nachholbedarf.

Die geschilderte Notsituation in dem Fachbereich Informatik läßt Sofortmaßnahmen im gerätetechnischen und personellen Bereich sowie in der Raumfrage empfehlen. Es wird davon ausgegangen, daß der Numerus clausus auch künftig nicht eingeführt wird.

Bei den Geräten besteht ein unmittelbarer Nachholbedarf von zirka 112 Millionen Mark. Es wird angeregt, in 1985/86 als ersten Schritt 50 Millionen Mark für das Hauptfach Informatik bereitzustellen. Es ist darauf hinzuweisen, daß bei einer angenommenen Lebensdauer der Anlagen von sechs Jahren ein jährlicher Ersatzbedarf in Höhe von 24 Millionen Mark anfällt, der sich nach dem notwendigen personellen Ausbau noch erhöht. Die laufenden Mittel sind den Investitionen anzupassen. Es wird vorgeschlagen, ein Investitionsprogramm aufzustellen. Der Bund sollte hierbei durch ein Sonderprogramm eine deutlich über die normale Förderung im Rahmen des HBFG (Hochschulenbauförderungsgesetz) hinausgehende Unterstützung leisten. Dies ist auch dadurch gerechtfertigt, daß die Länder im personellen Bereich und im Bereich der laufenden Mittel gefordert sind.

Im Personalbereich ist eine möglichst zügige Ausweisung von Stellen für das Hauptfach Informatik in den Ländern nötig. Die Dringlichkeit der Bereitstellung dieser Stellen schließt ihre Schaffung durch eine Umverteilung im Hochschulbereich zunächst aus, da eine solche im Hinblick auf die Überlast in vielen anderen Fächern erst nach Abflachung des Studentenbergs möglich sein wird. Benötigt werden insgesamt zusätzlich zu den vorhandenen. Stellen rund 150 Stellen für Professoren sowie etwa 840 Stellen für wissenschaftliches Personal.

Als flankierende Maßnahme wird angeregt, umgehend ein Informatikstipendium einzurichten.

Bereits in den Jahren 1986 und 1987 sollten jeweils zirka 100 Stipendien vergeben werden. An dieser Stelle könnte insbesondere das BMBW (Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft) tatkräftige Unterstützung leisten.

Die Raumfrage für die Informatik ist an fast allen Hochschulen völlig unzureichend gelöst, selbst die Unterbringung der benötigten Geräte für die Ausbildung der Studenten ist meist nicht mehr möglich. Bund und Länder werden aufgefordert, im Hinblick auf den Ausbau der Informatik und ihre Anpassung an den Raumstandard der Ingenieurfacher einen angemessenen Raumausbau mit sehr hoher Priorität in Angriff zu nehmen. Bis zur Bereitstellung dieses Raumes durch Baumaßnahmen sollte eine Anmietung von Räumen erfolgen.

Die genannten Sofortmaßnahmen beziehen sich auf den Ausbau der Informatik auf rund 4000 Studienanfänger. Dies entspricht in etwa den heutigen Studentenzahlen. Darüber hinaus ist auch noch eine erhebliche Überlast im Fach Informatik zu bewältigen, selbst dann, wenn - im Gegensatz zu den Erwartungen - kein weiterer Anstieg der Anfängerzahlen erfolgen würde.

*Initiativgruppe der Gesellschaft für Informatik:

Professor Dr. Klaus Bender, Universität Karlsruhe;

Professor Dr. Günter Hommel, Technische Universität Berlin;

Professor Dr. Eike Jessen, Technische Universität München;

Professor Dr. Uwe Kastens, Universität GH Paderborn;

Professor Dr. Jürgen Nehmer, Universität Kaiserslautern;

Professor Dr. Bernd Radig, Universität Hamburg;

Professor Dr. Hans-Jürgen Siegert, Vorsitz Technische Universität München;

Professor Dr. Gerhard Stiege, Technische Universität Braunschweig.

Mangelhaftes Know-how bedingt teure Nachhilfe

Wartezeiten für Praktika, unzureichende Betreuung - oft weit über 100 Studenten pro Informatik-Professor - führen zu einer verlängerten Ausbildung. Deren Qualität ist auch dadurch gefährdet, daß an den aktuellen Stand der Technik Studenten nur mangelhaft herangeführt werden können. Eine mehrjährige Nachschulung von Absolventen durch die Wirtschaft aber ist ein teurer volkswirtschaftlicher Unsinn.

Als ersten Schritt 50 Millionen Mark

An Geräten besteht ein unmittelbarer Nachholbedarf - Kostenpunkt rund 112 Millionen Mark. Es wird angeregt, 1985/86 im ersten Schritt 50 Millionen Mark für das Hauptfach Informatik bereitzustellen.

Altes Eisen soll die Notsituation lindern

Der Gerätepark ist oft hoffnungslos überaltert. Terminals und Rechner, die zum alten Eisen gehören, sollen die Notsituation länger lindern, als im Interesse einer modernen Ausbildung zu verantworten ist. Dies spiegelt sich auch in dem großen Investitionsdefizit wider.

Ein Minimum an Equipment verfügbar machen

Jeder Student soll ein notwendiges Minimum an Benutzerzeit an einem geeigneten Rechner erhalten: Im Grundstudium etwa sechs Wochenstunden am einfacheren Arbeitsplatz in der Größenordnung von 5000 Mark, im Hauptstudium etwa neun Wochenstunden am Arbeitsplatzrechner zu 20 000 Mark. Bei einer Relation von 4 zu 6 für die Studentenzahlen im Grund- und Hauptstudium ergeben sich Kosten von 3000 Mark je Student für den Arbeitsplatz.

Notwendige Informatikerzahl erst in 25 Jahren

Für den Arbeitsmarkt wird nach Schätzungen künftig eine Zahl von 80 000 bis 100 000 Hauptfachinformatikern angesetzt. Da bisher nur wenige tausend Diplom-Informatiker im Beruf stehen, vergehen mindestens 25 Jahre bei der bisherigen Absolventenzahl von etwa 2400 Informatikern pro Jahr, bis der erforderliche Gesamtbestand erreicht ist.

Ausbildung für 4000 Anfänger ermöglichen

Die einheitliche Forderung des Fakultätentages Informatik und der Gesellschaft für Informatik lautet: die Ausbildungskapazitäten für Hauptfachinformatiker des Diplomstudiengangs Informatik auf jährlich 4000 Studienanfänger ausbauen.