Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

30.03.1984 - 

GMD-Zentren als "Schaufenster und Lehrwerkstätten":

Informatik-Industrie braucht Steuerung durch anspruchsvoll-kritische Nachfrage

Well es Kleinbetrieben an Kapazität und Kompetenz fehlt, informationstechnische Systeme in vorhandene Arbeitsabläufe zu integrieren, müssen de negative soziale und organisatorische Konsequenzen befürchten. Andererseits braucht die Informatlk-Industrie die Steuerungsfunktion einer anspruchsvollen und kritischen Nachfrage. Ein Kommentar von Professor Dr. Norbert Szyperski. Vorstand der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung MBH Bonn (GMD).

Die bevorstehende Hannover-Messe wird einmal mehr deutlich machen, welche hohen Erwartungen an den Einsatz der modernen Informationstechnik geknüpft werden. Die Hersteller von Mikrocomputern übertreffen sich gegenseitig in ihren Umsatzprognosen, die heimische Informatik-Industrie beschwört das Wachstum des Binnenmarktes, und die Bundesregierung erhofft sich von unserer Branche Wachstums- und vor allem Beschäftigungsimpulse. Aber läßt die Situation der Anwender dies zu? Sind wirklich die Voraussetzungen für eine dauerhafte und erfolgversprechende Verbreitung der Informationstechnik gegeben?

"Eigene Interessen in die Gestaltung einbringen"

Ich habe bereits im letzten Jahr hier an gleicher Stelle darauf hingewiesen, daß ein ganz wesentlicher "nationaler Standortfaktor" die "Computer Literacy" sein wird, eine Informationstechnik-bezogene Allgemeinbildung. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung einer "instrumentellen Kompetenz", die sich auf die reine Handhabung eines Gerätes beschränkt, sondern um die Einübung der Fähigkeit, die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren und in die Systemgestaltung und -auswahl einzubringen. Diese Basisqualifikation muß als wichtige Voraussetzung für die Bereitschaft verstanden werden, eine aktive Rolle gegenüber der Informationstechnik einzunehmen, sei es als Entscheidungsträger in einem Anwenderunternehmen, als Endbenutzer, als privater Haushalt oder als Hobbyist.

Diese Einschätzung, daß Allgemeinbildung und berufliche Aus-und Weiterbildung im Bereich der Informationstechnik als zukunftssichernde Investitionen aufgefaßt und entsprechend verstärkt werden müssen wird von den Memoranden der Informationstechnik-Industrie und der Wissenschaft, sowie von dem soeben vorgelegten Bericht der Bundesregierung zur Informationstechnik gestützt. Auch die gemeinsame Veranstaltung des Forschungs- und des Bildungsministeriums vom 19. März diesen Jahres zum Thema "Computer und Bildung" hat diese gemeinsame Verpflichtung erneut betont.

"Kleine Betriebe sind auf Unterstützung angewiesen"

Dabei muß auf einen weiteren Aspekt des Problems aufmerksam gemacht werden, der offensichtlich in vielen Kalkulationen und Prognosen nicht berücksichtigt wird. Gerade die 1983 durchgeführte Softwaremarkt-Studie der GMD hat belegt, daß eine breite Nutzung der Informationstechnik vor allem in kleinen Unternehmen durch entwicklungshemmende Faktoren behindert wird:

Während die am Markt verfügbaren Systeme vom Preis/Leistungsverhältnis her inzwischen in vielen Betrieben wirtschaftlich einsetzbar sind, fehlt es bei der überwiegenden Zahl der kleinen Betriebe an Kompetenz und auch an Kapazität, das grundsätzliche Anwendungspotential abzuschätzen, die Vielfalt konkurrierender Angebote richtig zu beurteilen und die informationstechnischen Systeme in angemessene Aufgabenzusammenhänge und Arbeitsabläufe zu integrieren.

Die kleinen Betriebe sind hier in besonderem Maße auf externe Unterstützung angewiesen. Dabei kommt den kleineren, überwiegend regional agierenden Beratern, Bürofachhändlern, Software- und Systemhäusern schon heute - und in Zukunft wohl noch stärker als bisher - eine überragende Rolle zu. Bei vielen der kleinen regionalen Anbieter ist jedoch die Produktivität bei den personalintensiven Beratungs-, Schulungs- und Betreuungsaufgaben wie auch die Zahl der dafür qualifizierten Mitarbeiter zu gering. Außerdem läßt die Diskrepanz zwischen dem großen Informations- und Beratungsbedarf der kleinen (Neu-)Anwender und ihren knapp bemessenen Budgets diese Zielgruppe für die kleinen Anbieter nur wenig attraktiv erscheinen.

Als Reaktion dieser potentiellen Anwenderbetriebe auf die mangelnde Unterstützung müssen wir entweder einen völligen Verzicht auf eine Nutzung der Informationstechnik oder unangemessene, kurzsichtige Anwendungen mit negativen sozialen und organisatorischen Konsequenzen befürchten. Beide Verhaltensweisen beeinträchtigen aber nicht nur die Leistungsfähigkeit dieser Unternehmungen, sondern erschweren auch die Entwicklung der Informationstechnik-Industrie, der die Steuerungsfunktion einer zugleich anspruchsvoll-kritischen und innovationsbereiten Nachfrage auf ihrem heimischen Markt fehlt.

Ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Situation könnte ein Netzwerk lokaler Informationstechnik-Zentren sein. Als konkretes Beispiel dafür aus einem anderen Technikbereich können die Informations- und Beratungsstellen mancher Energieversorgungsunternehmungen dienen, in denen das Marktangebot an Herden, Kühlschränken oder Spülmaschinen gebündelt präsentiert wird, in denen vor allem aber ohne direktes Verkaufsinteresse, das heißt, neutral, beraten und praxisnah über den Umgang mit diesen informiert wird.

"Zielgruppenorientierte Einstiegschancen bieten"

Informationstechnik-Zentren sollen als "Schaufenster und Lehrwerkstätten" für die sinnvolle betriebliche und private Nutzung der Informationstechnik fungieren. Sie sollen der Öffentlichkeit, den Benutzern und natürlich den Geschäfts- und Abteilungsleitungen in Anwenderunternehmungen Information, Beratung und Schulung bieten und sie bei der Auswahl, Gestaltung und Nutzung informationstechnischer Systeme unterstützen. Zielgruppenorientierte "Einstiegsberatung", Information und Ausbildung zu Computer Literacy wäre dabei ein Basisangebot, auf dem ein differenziertes Leistungsspektrum aufgebaut werden könnte.

Derartige Informationstechnik-Zentren, die gleichzeitig auch die Anbieter bei der Markterschließung und Leistungserstellung unterstützen, indem sie deren Angebote durch Bündelung, Integration und Effektivitätssteigerung stärken und bedarfsgerecht ergänzen, sollte auf lokale Initiative hin gegründet werden.

Effektive Hilfen bei der Leistungserstellung der Anbieter und die Sicherung der Entwicklungsfähigkeit des Informations- und Schulungsangebots machen es allerdings notwendig, das anzustrebende Netzwerk lokaler Informationstechnik-Zentren durch eine zentrale Dienstleistungseinrichtung zu ergänzen. Dieses Dienstleistungszentrum müßte mit Unterstützung qualifizierter Hersteller und Institutionen inhaltliche Vorarbeiten für die Informations- und Ausbildungsaufgaben leisten, den lokalen Zentren eine einheitliche informationstechnische Kernausstattung zur Verfügung stellen und in der Startphase organisatorischrechtliche Beratung und vor allem eine finanzielle Unterstützung bieten.

Ähnliche Strukturen mit einer Differenzierung zwischen regionalen Zentren und einer Service-Einrichtung auf nationaler Ebene kennzeichnen auch die Federation of Microsystems Centres in Großbritannien und das Netz von X-2000-Zentren in Frankreich.

Bisherige Gespräche waren "durchaus ermutigend"

Die GMD hat bereits auf der SYSTEMS 83 eine Initiative für Gründung und Aufbau von Informationstechnik-Zentren angekündigt. Den inzwischen laufenden Bemühungen liegt ein Arbeitsplan mit vier Phasen zugrunde:

1. Erarbeitung eines Grobkonzepts für einen organisatorisch-rechtlichen Rahmen der Informtionstechnik-Zentren und für ein entwicklungsfähiges Angebotsspektrum;

2. Ausarbeitung und Präzisierung des Konzepts unter den lokalen Bedingungen der Standorte für zwei Pilotzentren: diese Arbeiten sollen im Frühjahr 1984 unter Federführung der GMD und mit Unterstützung durch externe Experten vorangetriebenwerden;

3. Aufbau und Weiterentwicklung dieser beiden Pilotzentren ab Herbst 1984, Begleitforschung und Dokumentation durch den funktionsfähigen Kern eines künftigen Dienstleistungszentrums;

4. Gründung weiterer lokaler Informationstechnik-Zentren mit Unterstützung durch das Dienstleistungszentrum und Ausbau zu einem möglichst flächendeckenden Netz.

Die ersten Ergebnisse unserer Vorarbeiten liegen nunmehr in Form einer Konzeptskizze vor. Hauptaufgabe für den bevorstehenden Übergang in die zweite Phase wird es sein, die Finanzierung für die Mitarbeit der externen Experten einzuwerben und eine solide institutionelle Trägerschaft auf lokaler und nationaler Ebene vorzubereiten.

Während die einzelnen Zentren durch lokale Fördervereine getragen werden sollten, für die lokale Anbieter, Banken und Sparkassen, die IHK und die Handwerkskammer, die Kommune, Hochschulen und größere Anwenderbetriebe der Region als Mitglieder zu gewinnen wären, könnte das Dienstleistungszentrum von einer Stiftung auf nationaler Ebene finanziert werden. An einer solchen Stiftung könnten die öffentliche Hand, die großen Unternehmen der Informationstechnik-Industrie, aber auch die Banken und etablierte Anwenderunternehmung beteiligt werden.

Wir sind davon überzeugt, daß die GMD mit dieser Initiative nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Abbau der skizzierten Enpaßfaktoren leisten, sondern auch die Entwicklung einer leistungsfähigen Informationstechnik-Industrie fördern kann. Allerdings kann die GMD hier nur eine Initiativfunktion haben; sie kann aber nicht die weitere Arbeit an der Konzeption und für den Aufbau von Informationstechnik-Zentren alleine tragen. Eine Weiterführung der Initiative muß sich auf den Sachverstand der informationstechnischen Industrie stützten und die Interessen aller relevanten Gruppen einbeziehen.

Ob dies tatsächlich gelingt, wird von der Unterstützung abhängen, die unser Vorhaben bei den für die Weiterentwicklung der informations-technischen Industrie Verantwortlichen und bei den Zielgruppen der Informationstechnik-Zentren findet; die bisherigen Gespräche dazu waren durchaus ermutigend.