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20.06.1986

Informatik ohne Uni-Nachwuchs: Die Industrie lockt mit Mammon

Mehr als fünfzig Stellenangebote hält der akademische Arbeitsvermittlungsdienst momentan für jeden interessierten Studienabgänger des Fachs Informatik an der Universität Erlangen-Nürnberg zur Verfügung, wobei andere Universitäten sicherlich ähnliche Erfahrungen machen können. Diese für den frischgebackenen Diplom-Informatiker so erfreuliche Situation hat allerdings auch ihre Kehrseite, denn aufgrund der Vielfalt der Angebote sowie der hohen Anfangsgehälter in der Industrie haben die bundesdeutschen Informatik-Fakultäten mehr und mehr Schwierigkeiten, geeigneten wissenschaftlichen Nachwuchs für Forschung und Lehre zu gewinnen.

Die schwierige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses im Fach Informatik an den Hochschulen war auch eines der Themen, zu dem Dekan und Informatik-Vorstand der Universität Erlangen-Nürnberg beim alljährlichen "Tag der Informatik" Stellung bezogen. Die Fakten, die im Rahmen dieser Veranstaltung genannt wurden, lassen allerdings kaum auf eine kurzfristige Verbesserung der Lage an den Hochschulen hoffen.

So wurde bei einer Absolventenbefragung der Informatik-Fakultät, abhängig von der jeweiligen Unternehmensgröße, ein Einstellungsgehalt von zirka 4300 Mark im Großraum Erlangen-Nürnberg genannt, wobei Softwarehäuser und Ingenieurbüros ihre Mitarbeiter noch höher bezahlen. Demgegenüber sind die Anreize, an der Universität zu bleiben und zu promovieren, eher gering.

Neben den attraktiven Forschungsmöglichkeiten, die momentan besonders stark auch in der Industrie angeboten werden, gibt es eine Reihe von Faktoren, die es bei einem nüchternen Vergleich zwischen der Hochschule und der sogenannten "Praxis" einem begabten Absolventen kaum raten lassen, Forschung und Lehre an einer Universität zu betreiben.

Dieser Vergleich läßt sich in die nachfolgenden drei - provokativen - Fragen für einen Informatik-Abgänger fassen, die nachfolgend erörtert werden sollen: Unter welchen Rahmenbedingungen ist Forschung an der Universität noch möglich? Was bringt der "Doktorhut"? Welche finanziellen Einbußen sind hinzunehmen?

Nach Aussagen von Industrie und akademischem Arbeitsvermittlungsdienst sind die Aussichten zwischen einem "Dr." und einem einfachen "Dipl.-Inf." identisch, das heißt momentan ausgezeichnet, wobei sich eine Änderung dieser Tendenz in den nächsten Jahren nicht abzeichnet. Wer also darauf spekuliert aufgrund der Promotion später bessere Aussichten im Berufsleben zu haben, wird spätestens nach Abschluß seiner Universitätslaufbahn eines Besseren belehrt.

Durch die explosionsartig angestiegene Studentenflut im Fach Informatik haben sich zudem die Rahmenbedingungen für Grundlagenforschung an der Universität extrem verschlechtert, obwohl nach übereinstimmender Meinung aller Politiker der Computertechnologie eine Schlüsselrolle für die Volkswirtschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zukommt.

So hat jeder hauptamtliche Wissenschaftler - Professor und wissenschaftliche Mitarbeiter - derzeit über dreißig Studenten zu betreuen, wobei das anhaltende Interesse von Schulabgängern am Fach Informatik für die nächste Zukunft noch Schlimmeres erwarten läßt. Der durchaus begründete Ruf nach einem "Numerus clausus" für Informatik ist politisch aufgrund der zugedachten Schlüsselrolle der Computer-Technologie allerdings nicht durchsetzbar.

Zum Vergleich zur Betreuungslast eines Wissenschaftlers in der Bundesrepublik können Zahlen aus den Vereinigten Staaten herangezogen werden. Dort sind pro Wissenschaftler lediglich fünf bis acht Studenten zu verzeichnen, was natürlich erhebliche Auswirkungen auf die Qualität der Ausbildung hat.

Diese derartig hohe Belastung an den bundesdeutschen Informatik-Lehrstühlen führt zum einen dazu, daß für betreuungsintensive Studien- und Diplomarbeiten mittlerweile Wartelisten von den wissenschaftlichen Mitarbeitern aufgestellt werden müssen, die dann natürlich auch Folgen für die Studiendauer haben. Eine Verkürzung der durchschnittlichen Studiendauer ist eine Illusion, solange die Universitäten keine Anreize für Absolventen bieten, an ihr zu bleiben und hier weiter zu arbeiten.

Zur Erlangung des "Dr."-Grades genügt es nämlich nicht, mitzuhelfen, den Studentenberg abzutragen, sondern es ist darüber hinaus intensive Forschungsarbeit zu leisten. Aufgrund der bestehenden Überlastung kann diese Art von Grundlagenforschung für das Fach Informatik bereits derzeit nur noch am Wochenende oder nach Feierabend durchgeführt werden. Hiermit ist aber ein von der Universität beschäftigter Wissenschaftler seinem Berufskollegen gleichgestellt, der als extern Promovierender mit denselben Schwierigkeiten kämpfen muß.

Seit Januar 1984 existiert eine weitere Hürde für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Obwohl die Universität bereits zum damaligen Zeitpunkt erhebliche Probleme hatte, aufgrund der niedrigen Besoldung geeignete Bewerber für die angebotenen Stellen zu erhalten, wurde kurzerhand im Rahmen der Konsolidierung des Haushaltsdefizits eine Absenkung der Eingangsbesoldung für Angestellte und Beamte im öffentlichen Dienst beschlossen, die natürlich auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Universitäten betrifft.

Dem Argument, daß die Beamtenschaft durch die Absenkung der Eingangsbesoldung durchaus auch ein "Notopfer" für die Gesellschaft erbringen kann, können von den wissenschaftlichen Mitarbeitern an den Hochschulen Argumente entgegengesetzt werden: Wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen befinden sich nicht im unkündbaren Beamtenverhältnis, sondern sind Angestellte mit befristeten Zeitverträgen, zumeist auf drei Jahre; wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen müssen dieselben Sozialabgaben wie ihre Kollegen in der Industrie leisten und profitieren auch nicht von Zusatzleistungen des Staates für seine Beamten.

Durch die Absenkung der Eingangsbesoldung erhält ein 25jähriger unverheirateter Informatik-Absolvent derzeit ein Bruttogehalt von zirka 3200 Mark, gegenüber einem Anfangsgehalt in der Industrie von mindestens 4300 Mark.

Ein weiterer Gesichtspunkt der die Problematik der Absenkung der Eingangsbesoldung verschärft, ist, daß geeignete Wissenschaftler mit Berufserfahrung kaum noch gewonnen werden können. Informatiker mit Berufserfahrung, die für einige Jahre an die Universität zurückkehren und ihre Kenntnisse dort weitervermitteln wollen, sehen sich dann Gehaltseinbußen von teilweise mehr als 2000 Mark pro Monat gegenüber.

Potentielle Kandidaten aus der Industrie, die zumeist im diesem Alter bereits eine Familie gegründet haben, sind damit wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, eine Stelle an der Hochschule anzunehmen. Wertvolle Erfahrungen bleiben hiermit den Studiengängern der Fachrichtung Informatik verschlossen, eine Rückkopplung zwischen Hochschule und Industrie findet auf diesem Wege somit kaum noch statt.

Basierend auf den Erfahrungen in den letzten beiden Jahren wurden in verschiedenen Bundesländern teilweise völlig unterschiedliche Ausnahmeregelungen zur Absenkung der Eingangsbesoldung erlassen, die hier am Beispiel Bayerns kritisch beleuchtet werden sollen. So existiert die Ausnahmeregelung, daß von einer Absenkung der Eingangsbesoldung abgesehen werden kann, wenn es sich um einen hochqualifizierten Nachwuchswissenschaftler handelt.

Ein sogenannter "hochqualifizierter Wissenschaftler" kann sich in Bayern dadurch ausweisen, daß er zahlreiche wissenschaftliche Artikel veröffentlicht hat, dies durch Gutachten von mehreren Professoren nachweisen kann, und wenn er das Prüfungsergebnis von nicht mehr als 20 Prozent der Absolventen dieser Fachrichtung übertrifft.

Ein Absolvent der Fachrichtung Informatik wird ebenso wie ein Informatiker mit Berufserfahrung in den seltensten Fällen anerkannte wissenschaftliche Veröffentlichungen in international renommierten Publikationen nachweisen können - dies sollte ja gerade auch ein Ziel seiner Arbeiten an der Universität sein. Ebenso ist ein Gutachten von mehreren Professoren zumeist nicht erstellbar, da zwar der Professor am einstellenden Lehrstuhl seine Gründe belegen kann, warum er eine Stelle gerade mit diesem Kandidaten besetzt hat. Der Professoren-Kollege indes ist in den meisten Fällen durch den Studentenberg überlastet und kennt bei den derzeitigen Massenveranstaltungen im Fach Informatik nur noch jene Studenten, die sich sehr stark für dessen Vorlesungen beziehungsweise Forschung interessieren.

Eine Regelung, die sich nur am Prüfungsergebnis orientiert, läßt weitere entscheidende Kriterien wie die Studiendauer und bei Kandidaten aus der Industrie deren Berufserfahrung unberücksichtigt. Durch die Wahl des Prüfungsergebnisses entsteht dieselbe Entwicklung wie an den Schulen im Rahmen der Kollegstufe, nämlich daß zum einen die leichtesten Vorlesungs- und Prüfungskombinationen gewählt werden, und zum anderen, daß die Gesamtstudiendauer dadurch wesentlich erhöht wird.

Hochschulabsolventen, die diese Mindestnote erreicht haben, sehen sich allerdings auf der anderen Seite einer langwierigen Bürokratieprozedur gegenüber. Nachdem in Bayern im Mai 1985 die angeführte Ausnahmeregelung vom zuständigen Kultusministerium erlassen wurde, sind von den betroffenen Mitarbeitern an der Universität Erlangen bislang noch keine genehmigten Bewilligungen erhalten worden.

Verschiedene Arbeitskreise und die Personalräte an den einzelnen Informatik-Universitäten versuchen derzeit, auf die miserable Stellung des wissenschaftlichen Nachwuchses an den Hochschulen hinzuweisen. Sie werden dabei von zahlreichen Professoren, wie Professor Dr. Peter Deussen, Karlsruhe, unterstützt, der bei einer wissenschaftlichen Fachtagung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft in Bonn nachhaltig auf die ungünstige Situation an den Hochschulen verwiesen hat.

Eine seiner Aussagen lautete hierbei, daß die Absenkung der Eingangsbesoldung wissenschaftlicher Mitarbeiter im öffentlichen Dienst den Hochschulen nur noch geringe Chancen im Kampf um die Absolventen läßt. Weiterhin muß zu Recht befürchtet werden, daß durch die extreme Lehrbelastung ein geeigneter Wissenschaftskandidat nicht genügend Zeit für seine wissenschaftliche Arbeit an der Hochschule haben wird.

Während zumindest die Universität Erlangen-Nürnberg die Aufhebung der Absenkungsregelung befürwortet, hat das bayerische Kultusministerium nur Plattitüden der Art übrig, daß es eben "auch Bevölkerungskreise gibt, die ihre Familie auch in späteren Jahren mit weniger Einkommen versorgen müssen". Diesem Hinweis an den wissenschaftlichen Nachwuchs, der mithelfen soll, in den nächsten Jahrzehnten die Konkurrenzfähigkeit der Bundesrepublik weltweit herzustellen beziehungsweise den Kontakt mit den führenden Technologieländern zu wahren, ist nichts mehr entgegenzusetzen.