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29.11.1996 - 

IT-Arbeitsmarkt

Informatiker haben wieder gute Karten

Von Max Leonberg*

Werner Dostal vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bringt es auf den Punkt: "Die Aussichten für Computerfachleute haben sich wieder verbessert." Einer jüngst vorgelegten IAB-Studie zufolge hat sich die Arbeitslosigkeit in diesem Bereich 1995 erstmals verringert, nachdem sie seit 1991 kontinuierlich gestiegen war.

Kamen 1994 noch 21 arbeitslose IT-Spezialisten auf eine offene Stelle, waren es zuletzt nur mehr zwölf. Zudem ist die Beschäftigtenzahl seit 1993 in Westdeutschland nahezu konstant geblieben, nachdem sie in den 70er und 80er Jahren sprunghaft angestiegen war. Diese Normalisierung führe laut Dostal zu einer weiteren Professionalisierung des IT-Arbeitsmarkts: "Eine Informatik-Grundausbildung wird für die Karriere immer wichtiger, ein Umsteigen aus anderen Berufen in Computerberufe immer schwieriger."

Die Studie, die sich bewußt auf die reinen Computerkernberufe konzentriert und sogenannte Mischberufe ausklammert, geht von derzeit rund 280000 Beschäftigten in der IT-Branche aus. Dies entspricht einem Anteil von einem Prozent aller Erwerbstätigen in den alten Bundesländern. Vor allem für akademische Einsteiger in die DV ist Optimismus angesagt: Arbeitslos sind nur fünf Prozent der Fachhochschul- und sechs Prozent der Uniabsolventen.

Ist man nach dem Examen erst einmal ohne Stelle, dauert diese Phase durchschnittlich nicht länger als ein halbes Jahr. Sobald man sich im Unternehmen etabliert hat, verringert sich das Risiko, arbeitslos zu werden, deutlich. Laut IAB-Berechnungen sitzen die meisten IT-Experten im Alter zwischen 27 und 53 Jahren fest im Sattel. Mit zunehmender Rentennähe allerdings steige die Arbeitslosigkeit wieder rapide an.

Auf den ersten Blick verwundern die Ergebnisse aus Nürnberg kaum. Wer sich im Zeichen der ersten Einbrüche zu Beginn der 90er Jahre für ein Informatikstudium entschieden hatte, bewies nicht nur Mut, sondern hat angesichts der antizyklischen Entwicklung eine Punktlandung hingelegt, wenn er in diesen Tagen die Hochschule verläßt.

Überflüssige Debatten über alte Berufsbilder

Mit den vergleichsweise guten Aussichten dürfte auch bald wieder der Run auf die Studienplätze einsetzen, der unter dem Eindruck der bescheidenen Prognosen zuletzt ausgeblieben war. So hatte sich auch die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund (ZVS) aufgrund der stark gesunkenen Attraktivität der Informatik dazu veranlaßt gesehen, den Studiengang vom Auswahlverfahren auszunehmen. Zwar treten sich die Headhunter vor den Universitäten noch nicht gegenseitig auf die Füße, doch ihre Klientel kann sich wieder auf bessere Zeiten freuen.

Völlig neue Perspektiven bieten Multimedia und Telekommunikation, die von den Berufsforschern verständlicherweise noch nicht detailliert berücksichtigt werden können. Ihrer Meinung nach bieten diese unter dem Stichwort "interaktiv" laufenden Anwendungsbereiche keinerlei Basis für neu entstehende Berufe. Allenfalls würden sie mehr und mehr das Qualifikationsprofil des Informatikers anreichern und neue Formen des interaktiven Lernens in die Erwerbstätigkeit integrieren.

Damit ist das Dilemma der beruflichen Qualifikation umrissen. Während die Hochschulausbildung nur zögerlich auf die an Geschwindigkeit zulegenden Technologiesprünge und die damit einhergehenden Anforderungsprofile reagierten, hinkt die berufliche Bildung hoffnungslos hinterher.

Bestes Beispiel für die unzureichende Flexibilität ist die jahrelange Diskussion über das nunmehr neue Berufsbild des Informatikkaufmanns, der in die Fußstapfen des DV-Kaufmanns aus den 70er Jahren treten soll. Während sich im Multimedia-Bereich neue Qualifikationsprofile wie der Screen-Designer oder der Online-Programmierer in Szene setzen, verplempern Bürokraten ihre Zeit mit überflüssigen Debatten über altbackene Anforderungskriterien. Woher holt man sich einen Medienanimator, der sich auf digitale Details versteht und in der Programmierung nach dem Standard Motion Photographic Experts Group (MPEG) fit ist? Man braucht Leute mit Wissen in Sachen Netzwerke und Hardware, Informatiker für die logische Entwicklung eines Datenbankkonzepts und den Grafiker mit Know-how bezüglich Screen-Design. Wer in diesen Jahren überzeugende Weiterbildungsangebote unterbreiten kann, wird sich vor Lernhungrigen kaum retten können.

Man braucht nur den Stellenteil der überregionalen Blätter wie der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unter die Lupe zu nehmen, um zu erkennen, welche Nachfragelawine hier losgetreten worden ist. BBDO Interactive beispielsweise, die über 50 Mann starke Multimedia-Truppe der gleichnamigen Werbeagentur in Düsseldorf, sucht ständig nach Experten wie dem Online-System-Programmierer, Screen-Designer, Game-&-3D-Designer oder gar dem Internet-Scout. Hier wird gutes Geld verdient.

Exzellente Einstiegs- und selbstverständlich auch Aufstiegschancen wird derjenige haben, der IT-Know-how und Werbekultur unter einen Hut bringen oder am besten gleich in eine saubere Konzeption und Realisierung umsetzen kann. Arbeit gibt es wie Sand am Meer: Die Werbekundschaft, darunter auch immer mehr IT-Anbieter, setzt auf den Multimedia-Trend. Ob Point of Sale, Point of Information oder CD-ROM, on- oder offline, ob Internet, Compuserve oder America Online - das Geschäft läuft glänzend.

Weil Werbeagenturen nur in Ausnahmefällen technologisch innovativ zu nennen sind, können Multimedia-Spezial-dienstleister hier eine hochinteressante Nische besetzen. Erfolgreich wird sein, wer sich weniger auf technologische Eiertänze konzentriert als vielmehr den interdisziplinären Schulterschluß sucht. Kompetenzen aus IT, Betriebswirtschaft, Marketing, Design sowie den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften können eine schlagkräftige Einheit bilden.

Feste Arbeitsplätze drohen auszusterben

Ein anderes boomendes Berufsfeld ist die an Attraktivität kaum zu übertreffende Telekommunikation. Seit die Monopolisten zum Abschuß freigegeben wurden, blasen schlagkräftige Herausforderer mit Taschen voller Geld zum Halali. Das Joint-venture aus Vebacom, RWE und Cable & Wireless braucht in den nächsten Jahren rund 10000 neue Leute, um seine ehrgeizigen Pläne in die Tat umzusetzen. Wohlgemerkt: zehntausend Professionals und keine Kabelträger. Trotz der auf Jahre hinaus vorzüglichen wirtschaftlichen Daten wissen die Key-Player bis dato nicht, wie sie den Arbeitskräftebedarf decken sollen.

Bis auf vereinzelte Bildungsträger wie die IHK Karlsruhe mit ihrem "Euromaster für Telekommunikation", einer siebenmonatigen, stark an der Praxis ausgerichteten Ausbildung, die auch für Hochschulabsolventen mit entsprechender Berufsorientierung gedacht ist, wird wenig geboten. Im Klartext bedeutet das hohe Investitionen der Unternehmen in die interne Aus- und Weiterbildung von ohnehin hochqualifizierten Mitarbeitern. Daß in der Pionierphase der Telekommunikation munter voneinander abgeworben wird, kann man sich leicht ausrechnen. Wer hier früh im Sattel sitzt, kann sich hochdotierter Verträge sicher sein.

Jenseits aller Expertisen und Hoffnungen scheint aber ein ganz anderes Phänomen in den Vordergrund zu treten, das die herkömmlichen Argumente der Berufstheoretiker über den Haufen wirft. Wie noch nie zuvor bestimmt das Thema Flexibilisierung der Arbeitswelt die Diskussion - auch die Debatte um die Zukunft der Qualifikation. Moderne Informationstechnik und Telekommunikation bahnen neue Wege der erwerbswirtschaftlichen Arbeit und des Lernens. Parallel dazu eröffnen die Down- sizing- und Outsourcing-Strategien der marktorientierten Unternehmen zahlreichen risikofreudigen Existenzgründern und virtuellen Projektgruppen einträgliche Umsatzaussichten. Experten wie der amerikanische Bestsellerautor William Bridges zählen bereits das Konzept "fester Arbeitsplatz" zu den vom Aussterben bedrohten Arten.

Seitdem immer mehr Manager oder andere hochqualifizierte Fachleute den Gang zum Arbeitsamt antreten müssen, und das selbst bei guter Konjunktur, sind neue Strategien der Selbstvermarktung erforderlich geworden. Die nächste Konjunkturflaute vor Augen, gliedern Unternehmen Dienstleistungen und Produktionen aus. Einmal abgebaute Stellen sind auf Dauer verloren, der Trend zur schlanken Firma, die Aufträge nach außen vergibt, ist nicht mehr umzukehren. Wer sich für diesen auf absehbare Zeit festgeschriebenen Prozeß trimmen will, sollte rechtzeitig lernen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Und das gilt für Informatiker ebenso wie für Pädagogen, für Arbeitsplatzbesitzer wie für Arbeitslose.

Angeklickt

Der Arbeitsmarkt für Informatiker hat sich entspannt. Vor allem in Branchen, die wie Multimedia und Telekommunikation als zukunftsträchtig gehandelt werden, sollen die Berufschancen gut sein. Allerdings weisen Management-Gurus aus dem angloamerikanischen Raum darauf hin, daß sich das Zeitalter der festen Arbeitsplätze dem Ende nähert.

*Max Leonberg ist freier Journalist in München.