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17.08.1984 - 

Amerikanische DV-Wissenschaftler kämpfen mit nuklearem Alptraum:

Informatiker-Kritik am US-Defense-Programm

PALO ALTO - "Sooner or later, we will blow up ourselves . . .": Trauma und formulierte Angst eines Mitentwicklers des hochperfektionierten Nato-Verteidigungssystems. Lebensgefährliche Pannen bei Tests mit Nuklearwaffen haben nach Aussagen des DV-Wissenschaftlers Severo Ornstein nur durch Zufall nicht zu größeren Katastrophen geführt. Als Kontrapunkt zu den Statements einiger Politiker sieht es die von Ornstein mitgegründete Gruppe "CPSR - Computer Professionals Social Responsibility" als ihre wichtigste Aufgabe an, die Öffentlichkeit über die Unzulänglichkeit computergesteuerter Waffensysteme zu informieren. Das versehentliche Versenken des US-Spionageschiffs "Liberty" durch Verbündete gilt nur als ein warnendes Beispiel.

Alpträume quälen immer mehr Computerspezialisten, seitdem 1980 das erste Mal eine Reihe von Fehlalarmen beim amerikanischen Frühwarnsystem Norad (North American Air Defense Command) bekanntwurden (siehe CW Nr. 47 vom 18. 11. 1983, "Computerpannen gefährden militärische Sicherheit").

Rakete irrt umher

Auch im Forschungszentrum der Xerox Corp. in Palo Alto, das als eine der innovativsten Denkfabriken der Computerindustrie gilt, wurden die Wissenschaftler durch diese Pressemeldungen aufgeschreckt. Als besonders brisant sahen sie den Vorfall vom 3. Juni 1980 an. Damals meldete das nordamerikanische Verteidigungsministerium den Anflug sowjetischer Raketen von U-Booten aus. Der Fehler konnte nur lokalisiert werden, weil lediglich in zwei der vier Kommandozentralen die Bildschirme sowjetische Raketenangriffe anzeigten und auch die Anzahl der in den zwei Kommandozentralen gemeldeten Raketen nicht übereinstimmte. Bis zur Entdeckung des Computerfehlers hatten aber bereits zwei Sicherheitskonferenzen stattgefunden, auf denen ein eventueller Gegenschlag erwogen worden war.

Neben den offiziellen Presseberichten diskutierten die Wissenschaftler aber auch über persönliche Erfahrungen, die ihre Angstträume noch mehr bestätigten. So war Xerox-Mitarbeiter Severo Ornstein vor einigen Jahren in Cape Canaveral beim Start einer Versuchsrakete anwesend, die mit einem Selbstzerstörungsmechanismus ausgerüstet war. Sollte die Rakete irrtümlicherweise in Richtung Inland abdrehen und somit zur Bedrohung der Bevölkerung werden, stand ein Bediener bereit, um vom Boden aus diese Sprengladung zu zünden. Berater klärten Ornstein darüber auf, daß bei einem früheren Start die dritte Stufe versehentlich bereits zündete, als sich die Rakete noch am Startturm befand und nicht erst in der Luft. Die abgesprengte Kapsel kam vom Kurs ab, wurde umhergetrieben und flog landeinwärts. Das für diesen Fall vorgesehene Zerstörungspaket befand sich jedoch in der zweiten Stufe, die noch am Startplatz stand. Mit einem Knopfdruck zerstörte nun der Bediener die zweite und erste Stufe am Startturm sowie den Startturm selbst - nicht aber wie vorgesehen die in der Luft befindliche dritte Raketenstufe.

Je tiefer die DV-Experten von Palo Alto in die Problematik einstiegen, desto bewußter wurde ihnen, daß es vor allem ihre Verantwortung war, die Öffentlichkeit über die Möglichkeit eines "Atomkriegs aus Versehen" aufzuklären.

Im Herbst 1981 erschien über das Xerox-Netzwerk eine Anti-Kriegs-Unterschriftenliste, die damals bereits 135 Mitarbeiter unterzeichnet hatten. Ein halbes Jahr später erklärte sich der Vorstand der Xerox Corp. bereit, Mittel für eine Fernsehsendung über das Wettrüsten zur Verfügung zu stellen. Im Juni 1982 stählte dann der amerikanische Fernsehsender NBC eine einstündige Dokumentarsendung mit dem Titel "Leben mit der Bombe" aus.

Zwei Monate später gründeten Terry Winograd und Severo Ornstein die Vereinigung "Computer Professionals Social Responsibility - CPSR". Winograd arbeitet an der Universität Stanford und gilt als führender Mann auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Ornstein war Computerwissenschaftler bei Xerox und hatte maßgeblich an der Entwicklung einiger der kompliziertesten Computersysteme der Welt - unter anderem für das Pentagon - mitgearbeitet.

Ziel der CPSR-Leute ist, mit ihrer Arbeit den Verantwortlichen in Ost und West klarzumachen, daß sie zu sehr auf Computersysteme vertrauen, deren Funktionsfähigkeit nicht unter wirklichen Bedingungen getestet werden kann. Darüber hinaus wollen sie die ihrer Meinung nach gefährliche Lücke im öffentlichen Dialog über Fragen des Wettrüstens ausfüllen. Die Wissenschaftler sind überzeugt, daß dies nur durch tatkräftige, aber absolut unparteiische Bildungssaßnahmen von seiten der Computerfachleute möglich ist.

Seit der Gründung vor zwei Jahren hat sich die Mitgliederzahl der Organisation auf über 500 erhöht. CPSR ist inzwischen in zehn Städten der USA mit Anlaufstellen vertreten.

Finanzielle Sorgen kennt die Gruppe nicht. Im Gegensatz zu bundesdeutschen Organisationen wird die CPSR mittlerweile auch von Teilen der amerikanischen Industrie unterstützt. So erhielten sie in diesem Monat beispielsweise von Mitgliedern der Rockefeller-Familie eine Spende von 15 000 Dollar. Durch diese Geldspritzen ist es den Wissenschaftlern möglich, welweit Veranstaltungen zu besuchen und Vorträge zu halten.

So reiste Professor Alan Borning vom Department of Computer Science an der University of Washington in Seattle zur Gründungsversammlung des bundesdeutschen Forums Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung am 2. Juni nach Bonn. In seiner Rede vor den rund 220 Computerfachleuten vertrat der amerikanische Wissenschaftler die Ansicht, daß einzelne Computer- oder Bedienungsfehler in Frühwarn- und Entscheidungssystemen wahrscheinlich keine ernste Gefahr darstellen würden. Allerdings könne durch eine widrige Kombination unvorhersehbarer Ereignisse sehr wohl ein "Atomkrieg aus Versehen" ausbrechen, nämlich dann, wenn es beispielsweise durch Computer-Versagen und durch menschliche Fehler wahrend einer internationalen Krise zu Fehlalarmen käme.

C³I-Systeme sind überfordert

Wenig Vertrauen hat der amerikanische DV-Spezialist in die "Command Control and Communication Systems (C³I), die nach Ansicht amerikanischer Regierungsbeamter in der Lage sein sollen, eine Schlacht oder sogar einen begrenzten Nuklearkrieg zu kontrollieren. Borning: "Die bestehenden Systeme sind oft sogar dann überfordert, wenn sie nicht in einem Nuklearkrieg bestehen müssen". Kommunikationsprobleme waren auch der Grund, daß die "Liberty" - ein US-Spionageschiff - von israelischen Bombern versehentlich versenkt wurde. Die Anweisung des Pentagon, sich sofort aus dem Kampfgebiet zurückzuziehen, kam nicht zur Schiffsbesatzung durch. Vier Stunden lang hatten die Militärs vom US-Stützpunkt Pueblo aus vergeblich versucht, diese Nachricht an die "Liberty" weiterzugeben.

Darüber hinaus zeigte ein Test des weltweiten WWMCCS-Nachrichtennetzes, daß lediglich 38 Prozent der Nachrichten überhaupt ihr Ziel erreichten. Der Versuch hat, so Borning, unter Bedingungen stattgefunden, die einen Krieg simulierten.

Derzeit kritisieren die CPSR-Mitglieder öffentlich das neue DARPA-Programm (Defense Advance Research Projects Agency) "Strategic Computing" (siehe CW Nr. 14 vom 30. März 1984, "Roboter dominieren die Kriegsschauplätze der Zukunft" ). Für dieses Projekt werden in den nächsten fünf Jahren von der amerikanischen Regierung 600 Millionen Dollar bereitgestellt. Ziel ist es, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz kritische militärische Entscheidungsprozesse zu automatisieren und die Wirksamkeit von computergesteuerten Waffensystemen zu erhöhen.

Mehr Rüstung um jeden Preis

In einem in der New York Times kürzlich veröffentlichten Statement vergleicht ein Sprecher von CPSR das DARPA-Programm mit der Situation der 40er Jahre. Damals hätten die Rüstungsexperten einen fast schon sportlichen Ehrgeiz entwickelt, Atombomben herzustellen.

Befragt, wie es zukünftig weitergehen soll, erklären die CPSR-Wissenschaftler, sie würden sich verstärkt um Aufklärungsprogramme im Fernsehen in der Art der NBC-Dokumentarsendung bemühen. Darüber hinaus wollen sie die Öffentlichkeit immer wieder auf die Gefahren hinweisen, die entstehen, wenn sich die eine oder andere Seite dafür entscheidet, ihre Raketen automatisch bei Warnung zu starten. Resümiert Ornstein, der kürzlich bei Xerox ausschied, um sich ganz CPSR zu widmen, in einem Gespräch mit der COMPUTERWOCHE: "Eigentlich brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Unsere Systeme sind inzwischen so gut, daß die Erdbevölkerung durch ein Computer-Versagen wahrscheinlich nur einmal in hundert Jahren vernichtet wird."