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09.05.2003 - 

IT-Arbeitsmarkt/Pharmabranche steht vor großen Herausforderungen

Informatiker ohne Scheuklappen bevorzugt

MÜNCHEN (hk) - Die Pharmaindustrie muss sich in den nächsten Jahren auf große Veränderungen einstellen. Einerseits wird der Kostendruck im Gesundheitswesen zunehmen, andererseits sind Investitionen in die Bio- und Gentechnik unabdingbar, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Informatiker können mit interessanten Aufgaben rechnen, jedoch reicht das reine IT-Wissen nicht aus.

Die Pharmaindustrie hat sich als relativ stabile Branche behauptet. Nach Schätzungen des Institutes für medizinische Statistik (IMS Health) betrug der weltweite Pharmaumsatz im Jahre 2001 349 Milliarden Dollar, von denen 85 Prozent in den 13 Schlüsselmärkten USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien, Japan, Brasilien, Mexiko, Australien/Neuseeland und Argentinien erzielt wurden. Bis 2004 - so die IMS-Prognose - soll der Markt auf über 500 Milliarden Dollar wachsen. Dominiert wird dieser Markt von den zehn größten Pharmakonzernen, die rund 46 Prozent des weltweiten Umsatzes verbuchen. Der übrige Umsatz ist stark fragmentiert. Experten gehen jedoch davon aus, dass sich die Konsolidierung in der Branche fortsetzen wird.

Amerikaner investieren mehr in FuE

In Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie (BPI) rund 1100 Arzneimittelhersteller. Die Branche beschäftigt zirka 115000 Mitarbeiter und stellt Produkte im Wert von etwa 20 Milliarden Euro her. Der Pharmaverband erinnnert immer wieder daran, dass man die Entwicklung der eigenen Branche nicht losgelöst von den politischen Entscheidungen betrachten darf. Konkret bedeutet dies: Die Funktionäre sind der Auffassung, dass die deutschen und die europäischen Firmen aufgrund der EU-Rahmenbedingungen gegenüber Japan und den USA ins Hintertreffen geraten sind.

Das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe befürchtet zusätzlich eine sinkende Bedeutung Deutschlands als Standort der Pharmaforschung. Die Wissenschaftler stellen in ihrer Untersuchung fest, dass deutsche Unternehmen 16 Prozent vom Gesamtumsatz in Forschung und Entwicklung investieren, in USA macht dieser Anteil 19 Prozent aus. Alarmierend ist auch die zweite Zahl: Amerika steigerte in den letzten fünf Jahren seine FuE-Ausgaben um 120 Prozent, Europa um 60 Prozent.

Gentechnik als Triebfeder der Entwicklung

Die Fraunhofer-Forscher bemängeln auch die geringe Durchdringung der Biotechnologie im Pharmasektor gegenüber den USA. Dabei wird nach Meinung des Pharmaverbandes BPI mehr als ein Drittel aller Innovationen durch Erkenntnisse aus der Biowissenschaften entstehen. Bis zum Jahr 2005 sollen laut BPI etwa 50 Prozent der zugelassenen Wirkstoffe biotechnologischen Ursprungs sein. Weitere Triebfeder der Entwicklung soll die Gentechnik sein, wie die Boston Consulting Group (BCG) in einer Studie prognostiziert. Die Genomik - die Wissenschaft von der Erfassung der Gene - ermögliche in den nächsten Jahren, mehrere tausend genspezifische Medikamente zu erzeugen.

Der zu erwartende technologische Sprung ist die eine Seite der Branchenentwicklung. Auf der anderen Seite muss sich diese erfolgsverwöhnte Industrie auf einstellige Wachstumsraten umstellen - früher gehörte zweistelliges Plus zum Alltag. Hinzu kommen die leeren öffentlichen Gesundheitskassen und die immer kritischer werdenden Patienten, die Druck auf die Preise ausüben. Die hohe Zahl an auslaufenden Patenten belastet die Hersteller zusätzlich.

Wirft man einen Blick auf die Adecco/EMC-Stellenmarktauswertung im ersten Quartal 2003, was die IT-Jobs in der Pharmabranche angeht, zeigt sich ein eher durchwachsenes Bild. Das bedeutet: Die Zahl der Stellen für Computerfachleute ist in 40 Zeitungen inklusive der COMPUTERWOCHE in den ersten drei Monaten gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um etwa 45 Prozent auf 71 gesunken. Kleiner Trost: Damit steht diese Industrie noch immer besser da als die anderen von früher verwöhnten Branchen wie die Banken und die Versicherungen. Erstere inserierten 53 und Letztere 55 Stellen. Auch was den Rückgang der Offerten angeht, sind die Pharmazeuten in bester Gesellschaft, denn die IT-Branche musste einen Schwund der freien Stellen um über 60 Prozent in Kauf nehmen.

Laut Adecco-Auswertung werden in erster Linie Softwareentwickler, Systemanalytiker, Netzwerkspezialisten, Trainer für die Anwenderschulung und CAD/CAM-Experten gesucht. Ganz schlecht sieht es für die Internet- und E-Business-Profis aus: eine einzige Anzeige wandte sich an diese Berufsgruppe.

Wer in dieser Branche Fuß fassen will, muss sich auf interdisziplinäres Arbeiten einstellen. Und was die Voraussetzung an die IT-Spezialisten angeht, hat der Chief Information Officer (CIO) von Schering, Jürgen Schröder, auf einem Kongress so formuliert: "Die Anforderungen an die IT werden immer komplexer. Dadurch steigen sie auch für die Mitarbeiter. Technikwissen allein reicht nicht mehr aus." Die IT-Spezialisten müssten Kenntnisse über Geschäftsprozesse, IT-Strategien und Projekt-Management mitbringen.

Biologisches Problem schnell erfassen

Thomas Budimann, Projekt-Manager bei TSE-Systems im Bad Homburg, wünscht sich den Generalisten mit guten Programmierkenntnissen. Dabei geht es in seinem Unternehmen, das Komplettsysteme für die Pharmaforschung herstellt, unter anderem um die Entwicklung von Interface-Karten für die Datenerfassung und Prozesssteuerung, die Gestaltung der Programme auf dem Bildschirm unter Windows (XP, NT) sowie Programmierung der Datenanalyse. Branchenkenntnisse seien für das Bad Homburger Unternehmen, nicht so wichtig. "Ein allgemeines Verständnis und ein echtes Interesse an biologischen Fragestellungen reichen aus", so Budimann.

Er sucht eher IT-Profis, und wenn Einsteiger, dann solche mit Programmiererfahrung. "Uns nutzt es nichts, wenn ein junger Absolvent die Prinzipien der Quanteninformatik beherrscht, nicht aber eine AD-Wandlerkarte konfigurieren kann", so der Projekt-Manager. Er stellt am liebsten Mitarbeiter ein, die vielseitig sind. Deren Aufgabe beschreibt er so: Sie müssen zunächst die an sie herangetragene biologisch beziehungsweise pharmazeutische Problemstellung erkennen, die wesentlichen Gesichtspunkte erfassen und in sehr kurzer Zeit den Programmieraufwand abschätzen können. Dann geht es an die Programmierarbeit selbst, "und zwar nicht nur modular, sondern oft vom ersten Konzept bis zum fertigen Produkt".

Entwickler sollten sich nicht scheuen, sich mit Hardware (Interface-Karten, Programmierung von Schnittstellen) zu beschäftigen. Denn viele Probleme bezögen sich auf Messungen, Datenaufnahme, Regelprozesse, aber auch die Datenaufbereitung und -analyse seien wichtige Bereiche. "An Bedeutung gewinnt das kontrollierte und nachprüfbare Programmieren, Audit-trail und GLP (Good Laboratory Practice) sind hier die Stichpunkte", so Budimann. Er schätzt, dass schon in zwei Jahren kein Programm in der Pharmabranche mehr verkäuflich sein wird, das nicht den aus den USA kommenden GLP-Standards genügt.

Berater drängen auf den Markt

Die Altana Pharma AG aus Konstanz bevorzugt im Augenblick ebenfalls eher die erfahrenen Experten. Und auch hier spielen die Branchenkenntnisse eher eine untergeordnete Rolle, wie Sprecher Mirko Meier-Rentrop betont. Aufgrund der allgemeinen Arbeitsmarktsituation habe die Zahl der Blindbewerbungen zugenommen. Allerdings trenne sich nun die Spreu vom Weizen. Meier-Rentrop: "Quereinsteiger ohne solide Informatikausbildung sind inzwischen nicht mehr gefragt und haben es sehr schwer, eine neue Stelle zu finden. "Zudem würden immer mehr Consultants auf den Arbeitsmarkt drängen, die von ihren Beratungshäusern freigesetzt werden. "Das Qualitätsniveau ist insgesamt sehr unterschiedlich", bilanziert Meier-Rentrop.

Chemie- und Pharmariese Bayer Leverkusen hat noch etwa 60 IT-Positionen zu besetzen, wie Personal-Manager Oliver Berntgen stolz erzählt - angefangen vom Informatiker für E-Commerce-Anwendungen über den SAP-Berater bis hin zum Netzspezialisten. In einem weltweit tätigen Konzern gäbe es eben sehr unterschiedliche und vor allem abwechslungsreiche Aufgaben zu besetzen - auch in der IT, was den meisten Bewerbern gar nicht so bewusst sei, bedauert Berntgen. Neben den guten fachlichen Qualifikationen legen die Bayer-Personaler großen Wert auf die viel zitierten Schlüsselqualifikationen. In ausführlichen Gesprächen wird versucht, herauszufinden, ob der Mitarbeiter zum Konzern und zum künftigen Team passt. Ganz wichtig sei auch Flexibilität - "in jeder Hinsicht", wie Berntgen betont. Das fängt bei der Aufgabe an - Jobrotation ist für uns kein Fremdwort - betrifft aber auch den Ort des Einsatzes und die sich ändernden Anforderungen.

Auch Pfizer, einer der weltgrößten Pharmahersteller mit 46 Milliarden Dollar Umsatz und 133000 Beschäftigten weltweit, stellt in Deutschland IT-Spezialisten ein. Das Unternehmen mit Sitz in Karlsruhe beschäftigt hierzulande 6000 Mitarbeiter. Computerfachleute werden vor allem in der Entwicklung und Betreuung der vorhandenen Systeme eingesetzt, in der Anwenderunterstützung und in der Beratung der Fachbereiche wie Marketing, Vertrieb oder Medizin. Was die Anforderungen an künftige Beschäftigte betrifft, unterscheiden sie sich kaum von denen in anderen Unternehmen. Das heißt, es sollte idealerweise ein Informatikstudium oder eine vergleichbare Ausbildung sein.Wichtig sind Pfizer, wie Firmensprecherin Franziska Theobald betont, auch betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, eine ausgeprägte Kundenorientierung und gutes Englisch.

Angesprochen auf die Defizite der Bewerber, fällt Budimann die mangelnde Programmiererfahrung und die oft fehlende Bereitschaft, tatsächlich zu entwickeln, ein. Auch Theobald wünscht sich tiefer gehendes IT-Know-how. Budimann beklagt sich auch über die überzogenen Gehaltsvorstellungen einiger Profis, die noch nicht in der heutigen Realität angekommen seien. Bayer-Mann Berntgen dagegen hat den Eindruck, dass die meisten IT-Fachleute mitbekommen haben, dass sich der IT-Arbeitsmarkt gegenüber den letzten Jahren verschlechtert hat und dass die Gehaltsforderungen im Durchschnitt etwa 15 Prozent unter denen des Vorjahres liegen.

Angeklickt

Auch an der Pharmaindustrie geht die aktuelle schwierige wirtschaftliche Situation nicht spurlos vorbei. Trotzdem erweist sich die Branche als recht stabil und rechnet auch in den nächsten Jahren mit einstelligen Zuwachsraten. Computerfachleute haben vor allem dann gute Chancen in diesem Umfeld unterzukommen, wenn sie fundierte Programmierkenntnisse mitbringen und die Kundenanforderungen verstehen und gut umsetzen können. Da die Großen alle international aktiv und auf den großen Märkten präsent sind, spielen Mobilität und Englischkenntnisse ein wichtige Rolle.