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18.06.1982

Informatikstudium nur sinnvoll mit Praxis-Know-how

Eine Zunahme der Informatik- und Ingenieurwissenschaftsstudenten verzeichnet das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft vor allem bei den Erstsemestern. Neidvoll allerdings schaut Professor Detlef Schmidt nach Amerika, da die dortigen Haushaltsmittel eine intensivere Ausbildung gestatten. Kommen in unseren Landen auf einen Lehrstuhl 100 Studenten, so sind es auf der anderen Seite des großen Teiches lediglich zehn. Dennoch ist Professor Schmidt davon überzeugt, daß das Informatikstudium auf Grund der Veränderung der Arbeitsinhalte ein Studium mit Zukunftschancen ist. Vor der Wertung des Informatikstudiums als Modestudium warnt indes der österreichische Professor Ernst Rudolf Reichl: Er sieht viele junge Leute, die sich von den an sich guten Berufsaussichten verleiten lassen, mit nur geringem fachlichen Interesse diesen Ausbildungsgang einzuschlagen. Seine Empfehlung geht dahin, an den Anfang der Ausbildung zum diplomierten Informatiker eine längere Programmierpraxis zu stellen.

Prof. Dr. Ernst Rudolf Reichl, Institut für Informatik, Rektor der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich:

Informatik: Ein Modestudium oder Studium mit besten Zukunftschancen? Das hängt wohl davon ab, was man als "Informatikstudium" anbietet.

Unzweifelhaft sind durch die immer noch in stürmischer Ausbreitung begriffenen Einsatzmöglichkeiten des Computers in praktisch allen Lebensbereichen die Berufschancen für den Informatiker nach wie vor - und auch wohl noch in absehbarer Zukunft - ungleich günstiger als in den meisten anderen Studienfächern.

Ebenso unzweifelhaft setzt diese enorme Breite des Anwendungsbereichs aber auch einen akademisch ausgebildeten Informatiker voraus, der befähigt ist, grundsätzlich in jedem dieser Anwendungsbereiche nach kurzer Einarbeitungszeit seinen Mann zu stehen.

Die Wirtschaft wünscht sich den Fachspezialisten, der gleichzeitig ein hervorragender EDV-Spezialist sein soll, und vergißt dabei, daß eine solche Ausbildung ein Doppelstudium erfordern würde, das kaum ein Studierender in zumutbarer Studienzeit absolvieren könnte. Und sie vergißt, daß gerade dieser "doppelte Fachidiot" in krassem Gegensatz zur heute mit Recht geforderten Befähigung zur beruflichen Mobilität steht.

Genauso verkehrt - am anderen Ende der Skala - ist es freilich, dem Informatiker nur Grundlagenwissen (die vielzitierte "Kerninformatik") vermitteln zu wollen in der stillen Hoffnung, der Anwendungsbezug würde sich mit dem Eintritt ins Berufsleben durch äußeren Zwang oder innere Erleuchtung schon von selbst einstellen. Aus dem Wehklagen bundesdeutscher Personalchefs über den durchschnittlichen Absolventen der bundesdeutschen Kerninformatik mag man entnehmen, daß diese fromme Erwartung im allgemeinen nicht zutrifft.

Es gilt also wohl, im Rahmen eines Normzeitstudiums der Informatik hinreichenden Anwendungsbezug herzustellen, der es dem Absolventen ermöglicht, sich in kürzester Zeit - etwa in wenigen Wochen - in jedem beliebigen Anwendungsfach der Informatik zurechtzufinden; was nichts anderes heißt, als verständiger Gesprächspartner von Fachspezialisten zu sein, um mit ihnen gemeinsam EDV-unterstützte Problemlösungen zu schaffen. Ein so ausgebildeter Informatiker braucht um seine Berufschancen nicht besorgt zu sein: Er wird als Partner in praktisch allen Bereichen der Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft gefragt sein, und er braucht nicht zu befürchten, daß für sein doppeltes Spezialistentum der passende Posten gerade nicht zur Verfügung steht.

Noch ein zweites: Die - für richtig ausgebildete Informatiker -vergleichsweise sehr guten Berufschancen verführen heute schon viele junge Leute mit an sich geringem fachlichem Interesse zum Studium der Informatik. Wer aber nicht bereit ist, in Modifikation Galileis das "Formalisiere, was formalisierbar ist, und was nicht formalisierbar ist, das mache formalisierbar!" zur Maxime eines langen Berufslebens zu

erheben, der sollte - je früher, desto besser - ein anderes Studium ergreifen. Es bewährt sich, an den Anfang des Informatikstudiums umfangreiche Programmierpraktika zu stellen. Wer hier scheut, der tröste sich nicht mit "Interessanterem" in der Informatik; glücklich wird er als Informatiker nicht werden.

Prof. Dr. Detlef Schmid, Institut für Informatik IV, Karlsruhe

Zur Beantwortung der Frage "Informatik - Modestudium oder Studium mit großen Zukunftschancen?" sollte man wohl zuerst die Rolle klären, welche die Informationstechnik in unserer Zukunft spielen wird.

Die Antwort hierauf läßt sich recht gut aus dem Strukturwandel der Arbeitsplätze ablesen. Hiernach hat sich in den westlichen Industrieländern der Informationsbereich zum dominierenden Beschäftigungsmarkt entwickelt. Während 1950 noch 35 Prozent aller Arbeitnehmer - damals vorwiegend im Bürobereich - tätig waren, sind es heute 50 Prozent und bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden es etwa 70 Prozent sein. Darüber hinaus werden informationsverarbeitende Systeme, insbesondere Mikroprozessoren, in fast allen Bereichen der Wirtschaft Anwendung finden müssen, denn nur mit Hilfe beziehungsweise ihrer breiten Anwendung wird in Zukunft eine ausreichende Produktivität unserer Wirtschaft zu sichern sein. Nach einer kürzlich veröffentlichen Analyse der Gesellschaft für Informatik werden bis zum Ende dieses Jahrzehnts vier bis fünf Prozent aller Beschäftigten als Fachkräfte in den Bereichen Mikroelektronik, Informationsverarbeitung und Telekommunikation tätig sein und mindestens 15 Prozent der sonstigen Beschäftigten müssen über gute bis sehr gute Kenntnisse in Teilbereichen dieser Technologien verfügen. Sogar etwa 50 Prozent aller Beschäftigten werden mit Informationstechnologien soweit vertraut sein müssen, daß sie sie als selbstverständliches Hilfsmittel und Werkzeug anwenden können.

Wer möchte da noch von einem Modestudium sprechen? Ist das Informatikstudium nicht vielmehr eine dringende Notwendigkeit, wollen wir als Industrienation überleben?

Aber wie sieht es heute in der Praxis aus? Hier modifiziert man besser die ursprünglich gestellte Frage zur Aussage "Informatik - Notstudium mit großen Zukunftschancen". Die Informatik ist ja heute schon zu den großen Studienfächern zu zählen. Aber leider nicht von ihrem Ausbau her, bei dem die Universitäten nach einer vielversprechenden Anfangsinitiative in Form des "überregionalen Forschungsprogramms Informatik" auf halbem Wege von den Kultusministern der Länder schmählich im Stich gelassen wurden. Personal- und Großgeräteausstattung wurden damit praktisch auf dem Stand 1974/1975 eingefroren. Bei eminent steigenden Anfängerzahlen stehen damit vor allem die einen Numerus clausus ablehnenden Hochschulen vor praktisch unlösbaren Problemen.

In der Praxis sieht das beispielsweise so aus, daß in meiner Vorlesung für das zweite Semester die Studenten in den Gängen stehen müssen, weil die Plätze nicht ausreichen. Die Übungsgruppen, vom Lehrkonzept her als Kleingruppen gedacht, bestehen aus 30 und mehr Teilnehmern; Lernhilfen, zum Beispiel in Form von Kopien grafischer Darstellungen in Vorlesung zu verteilen, wird zum unlösbaren Finanzproblem, da die Mittel des Instituts so stark gekürzt wurden, daß für diese Dinge kein finanzieller Spielraum mehr bleibt. Sogar experimentelle Diplomarbeiten können nur noch begrenzt und nach langwierigen Erwägungen ausgegeben werden, da sie eventuell den Sachmitteletat stärker belasten könnten, als es in Anbetracht der gekürzten Mittel zulässig ist.

An neue Investitionen ist nicht zu denken, da die Haushaltsmittel hierfür nicht zur Verfügung stehen oder - wenn sie dann vom Ministerium stark reduziert freigegeben werden - bei weitem nicht ausreichen, um auch nur den notwendigsten Platzbedarf zu decken. Forschungsanträge, mit denen man dann nach Auswegen aus dieser blockierten Situation sucht, werden in einer viel zu langsam mahlenden Bürokratie so lange verarbeitet, bis der ursprünglich einmal mühsam erarbeitete Forschungsvorsprung der dem Antrag hoffnungsvoll zugrunde lag, verlorengegangen ist und man die Lust verloren hat.

Ein Antragsunwesen und schwerfällige Bewirtschaftungsvorschriften der Verwaltung, verbunden mit umständlichen bürokratischen Maßnahmen führen auch bei anderen Wegen, wie zum Beispiel bei industriefinanzierten Projekten, bald zur Resignation.

Da bleibt einem nur der neidvolle Blick auf die amerikanischen Kollegen, bei denen zehn Studenten auf einen Professor kommen, während es bei uns im Schnitt fast 100 sind, bei denen moderne Geräte und Hilfsmittel kein Jahrhundertereignis, sondern eine Selbstverständlichkeit sind.

Informatik - ein Studium mit großen Zukunftschancen? Mir scheint in unserer föderalistischen Kulturpolitik wird man die Chancen erst dann erkennen, wenn wir dieser Zukunft schon längst nachtrauern.