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26.02.1988

Information als Schlüssel der Produktion: Eine Herausforderung für die Automatisierungstechnik CIM hat höchst individuellen Charakter

Die menschenleere Fabrik wird es durch den Einsatz der computerunterstützten Fertigang nicht geben, betont AEG-Vorstand Peter Stehle in seinem folgenden Beitrag. Wenn auch auf einzelne Unternehmen bezogen, Arbeitsplätze verloren gehen könnten, sichere die höhere Flexibilität auf lange Sicht die Wettbewerbsfähigkeit.

Aus bekannten Trends wie weltweites Angebot mit neuen, nicht kalkulierbaren wirtschaftlichen Einflußgrößen, stark wachsender Preisdruck - auch durch neue Anbieter sinkende Fertigungslosgrößen bei schnellerem technologischen Wandel, steigende Anzahl von Produktvarianten zur optimalen Erffüllung der Kundenwünsche, kürzere Lieferzeiten und eine starkere Nachfrage nach kompletten Lösungen - resultieren für die Produktion eine Reihe von Forderungen. Dazu gehören die weitere Erhöhuhung der spezifischen Produktivität, die Reduzienung der Gemeinkosten, eine hohe Flexibilität in Produktgestaltung und in der Reaktionszeit auf erforderliche Veränderungen sowie gleichmäßig hohe Produktionsqualität.

Werden diese Forderungen schnell genug erfüllt, verbessert dies die Chancen der produzierenden Unternehmen erheblich. Die deutschen Betriebe sind vielfach stark auf individuelle Kundenwünsche bei hohem Qualitätsdenken ausgerichtet.

Die in den Prozeß der Leistungserstellung integrierte Informationsverarbeitung ist das Mittel, die zukünftigen Anforderungen besser zu erreichen. Die Idee in der Anwendung dieses Mittels heißt Computer Integrated Manufacturing, das heißt die infpormationstechnische Zusammenführung entwickelnder, dispositiver und ausführender Tätigkeiten in produzierenden Unternehmen. Über CIM ist viel gesprochen und geschrieben worden. Es soll hier nur auf einige wichtige Aspekte bei der Realisierung von CIM hingewiesen werden. CIM erfordert eine ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens und damit ein übergreifendes Informationskonzept. Dieses ist nun keineswegs eine reine lnvestitionsfrage, sondern hat höchst individuellen Charakter. Es muß erreicht werden, daß durch frühe Mitwirkung die betroffenen Menschen entsprechend ihrer Arbeitsgewohnheiten die technische Lösung von vornherein so akzeptieren, daß die neuen Möglichkeiten in voller Breite zur Entfaltung kommen können. Das Konzept bestimmt den Handlungsspielraum des Unternehmens in der Zukunft, es ist die vorweggedachte Zukunft oder - als Teil der Planung - nach Gälweiler "die systematische Vorbereitung des Geschäfts" der 90er Jahre.

Der grundsätzliche Charakter, die langfristigen Auswirkungen und die relativ hohen Anfangsinvestitionen mit langen Belastungszeiten fordern hohe Verantwortungsbereitschaft aller Beteiligten bei Analyse, Strukturierung, Realisierung, Inbetriebnahme und auch im späteren Betrieb.

Die Strukturierung (in Organisation und Technik) ist dabei kostenentscheidend. Die Anforderungen an die integrierte Informationsverarbeitung sind um so höher, je kleiner die Losgröße ist, und die Gesamtinvestitionskosten steigen überproportional mit dem Verknüpfungsumfang, beispielsweise bei Mehrmaschinen-Konfigurationen mit Werkstoff-und Werkzeugverknüpfung. Die Anlagenstrukturierung und die Strukturierung der Informationstechnik sind bestimmend dafür, daß sich die Investitionen langfristig auszahlen. Bei späteren Produktmodifikationen oder neuen Produktgenerationen dürfen dann bei entsprechender Flexibilität nur relativ wenig Zusatzkosten verursacht und die Organisationsabläufe müssen vereinfacht werden. Man erkennt also leicht, daß die Planung derartiger neuer Fertigungskonzepte hohe Anforderungen im Engineering-Bereich stellt.

Nicht nur bei der Erarbeitung neuer Produktionskonzepte müssen neue Aufgaben gelöst werden, auch bei späterem Betrieb ergeben sich eine Reihe von Änderungen. Man kann nicht von der Schlüsselfunktion der Informationsverarbeitung in der Produktion und den damit verbundenen wirtschaftlichen Chancen sprechen, ohne auf die gesellschaftlichen Auswirkungen beziehungsweise Chancen einzugehen - die möglichen Risiken sind beherrschbar.

Die Informationsverarbeitung verursacht zweifellos erhebliche strukturelle Veränderungen, die am Beispiel der Produktion stichwortartig genannt werden sollen:

- Zukünftige betriebliche Organisationsmodelle werden dem Informations-Management nachgebildet sein.

- Sie werden einfacher und transparenter sein.

- Der Informationszugriff wird direkter, Zusammenhänge werden für den einzelnen Mitarbeiter letchter erkennbar werden.

-- Die Produktionsvorbereitung und -überwachung werden zunehmend die Domänen des Menschen - weniger die Produktion selbst. Der Mensch wird zum Anlagenmanager mit erheblich größeren Freiheitsgraden.

- Der "informierte" Mensch wird immer mehr zum eigentlichen Innovationsmotor. Er kann seine Kreativität schneller umsetzen in Produkte, Verfahren und neue Abläufe.

- Bei der Produktentwicklung, der Erarbeitung neuer Produktionskonzepte und der Produktionsablaufplanung entsteht eine neue Qualität der Aufgaben und der Arbeit.

- Eine menschenleere Fabrik wird es nicht geben, wohl aber eine Fabrik mit qualifizierten Menschen - die wohlinformiert eng zusammenarbeiten.

Auf das einzelne Unternehmen bezogen, können zunächst Arbeitsplätze verlorengehen. Die erzielte höhere Produktivität und Flexibilität sichern jedoch über längere Zeiträume - die Wettbewerbsfähigkeit (die notwendigen späteren Zusatzinvestitionen für Modifikationen sind bei richtigem Konzept klein) und damit dauerhafte Arbeitsplätze und schaffen bei der zum Beispiel durch CIM gewollten Geschäftsausweitung sogar neue.

Volkswirtschaftlich gesehen ist die Informationsverarbeitung am Wachstum des Bruttosozialproduktes durch primäre und sekundäre Wertschöpfung beteiligt. Sie schafft in der Gesamtheit damit zusätzliche Arbeitsplätze.

Die Chancen für den Menschen und für das Unternehmen, in dem er arbeitet, sind mit diesen Perspektiven so groß wie nie zuvor. Die Grenzen liegen allenfalls im Menschen selbst begründet, wenn er etwa dem

Hilfsmittel Informationsverarbeitung Aufgaben zu übertragen versucht, die nur er selbst wahrnehmen kann, und er dadurch in nicht gewollte Abhängigkeiten und Unzulänglichkeiten gerät.

Bisher wurde über die Sekundärfelder der Informationsverarbeitung, deren Anwendung und Auswirkung berichtet. AEG ist natürlich Anwender, aber auch ein Anbieter dieser Techniken.

Das Markt- und Anwendungspotential der Informationsverarbeitung ist groß. Das Beispiel der produzierenden Unternehmen zeigt besonders drastisch, wie notwendig der Einsatz dieser Mittel ist, um die Wettbewerbsfähigkeit und damit das Unternehmen zu erhalten. Auf anderen Gebieten ergeben sich nicht nur aus diesem Grund Notwendigkeiten zum Einsatz dieser Technik, so zum Beispiel bei der Sicherheit des Luftverkehrs oder in der ständigen Aufrechterhaltung der Stromversorgung. Diese Zwänge führen zu einem breiten Markt der Informationsverarbeitung. Das Software-Weltmarkt- volumen - industriell und kommerziell - lag 1985 bei 200 Milliarden Dollar, mit Marktwachstumsraten von bis zu 15 Prozent jährlich in den vergangenen Jahren.

In der Bundesrepublik wächst im Gegensatz zum Weltmarkt der Software-Markt schneller an. Die jährliche Steigerungsrate beträgt rund 25 Prozent. Sie ist damit erheblich höher als die Steigerung im Hardware-Bereich mit etwa 7 Prozent pro Jahr. Dies hängt unter anderem mit der Kostendegression und der permanenten Leistungssteigerung zusammen. Schon in Kürze wird bereits ein Gleichgewicht zwischen Hard- und Software-Umsatz erreicht sein.

Der Weltmarktanteil der deutschen Informationsverarbeitungs-Industrie beträgt nur 3 bis 4 Prozent. Schwerpunkte liegen dabei in problemspezifischen Software-Lösungen, die durch gute Software-Produktionswerkzeuge unterstützt werden. Diese Stärke der deutschen Industrie muß weiter ausgebaut werden. Es besteht aber auch die Notwendigkeit, im Hardware-Bereich ausreichende Stückzahlen zur Erhaltung der technologischen Basis zu erreichen. Die CIM-Techniken bieten auch hier die Möglichkeit, durch hohe Gesamtautomatisierung die Kosten zu reduzieren.

Die Informationsverarbeitung als Wirtschaftsfaktor mit direkter Wirkung als eigener Industriezweig und guten Marktaussichten sowie mit indirekter Wirkung als Werkzeug für andere Industriezweige potenziert sich in ihrer Bedeutung: Die Wechselwirkungen verursachen Struktur-und Synergie-Effekte (Ausbreitungsgeschwindigkeit, "CIM durch CIM" Arbeitsplatzverschiebungen, Knowhow-Transfer etc.).

Die Kundennähe deutscher Unternehmen bei der Realisierung integrierter Informationskonzepte beziehungsweise kompletter Gesamtlösungen - inklusive etwa des Maschinenbaus - wird sich in der Zukunft prinzipiell positiv auswirken, denn bei höherem Integrationsgrad nimmt der individuelle Charakter der Lösungen zu. Im Produktionsbereich verschmelzen die Potentiale auf Anwender-, Maschinen- und Informationstechnik-Herstellerseite.

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den Dr.-lng. Peter Stehle auf dem 22. Technischen Presse-Colloquium 87 gehalten hat.