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02.06.1995 - 

Gastkommentar

Informations-Habenichtse in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft

Was sich im globalen Massstab hinsichtlich des Verhaeltnisses der Einzelstaaten untereinander manifestiert, gilt auch immer mehr innerhalb der einzelnen Gesellschaften: Die Reichen werden reicher, die Armen immer aermer. Wir bewegen uns auf eine Zwei- Klassen-Gesellschaft zu. Wer ueber genuegend Geld verfuegt, kann sich Sicherheit kaufen. Wer sich keinen privaten Sicherheitsdienst leisten kann, ist auf die oeffentliche Polizei angewiesen. Und deren Schutzaufgaben werden aufgrund der Finanzmisere der oeffentlichen Kassen immer weiter zurueckgeschraubt. Schon jetzt sollen sogenannte Bagatellaufgaben von der Polizei nicht mehr wahrgenommen werden. Angesichts des Booms privater Sicherheitsdienste ist das staatliche Gewaltmonopol in Gefahr, aufgeweicht zu werden. Die privat finanzierte Sicherheit beschraenkt sich laengst nicht mehr auf den Bodyguard, den sich ein Wirtschaftskapitaen zu seiner persoenlichen Sicherheit anheuert. Geschaeftsleute, Firmen und Hausgemeinschaften kaufen sich privaten Schutz. Und wer ueber das entsprechende Einkommen verfuegt, der sieht zu, dass er in sozial noch intakte Stadtviertel zieht, wo er und seine Kinder nicht von Hoffnungslosen tyrannisiert, bedroht und ausgeraubt werden.

Die jetzt schon uebergrosse Arbeitslosigkeit wird sich in der Informationsgesellschaft kaum abbauen. Im Gegenteil. Die grossen Firmen verlagern ihre Produktion zunehmend ins Ausland. Dorthin, wo aufgrund fehlender oder mangelhafter Sozialleistungen und so gut wie nicht vorhandener Umweltschutzbestimmungen die Produktion auf den ersten Blick billiger ist. Aber was wird in zehn oder zwanzig Jahren sein? Wenn die Billiglohnlaender umweltmaessig am Boden sind und gigantische Kosten fuer Sanierung anfallen? Wenn dort die Billigarbeiter in Rente gehen und Kosten fuer Altersversorgung und Gesundheitspflege entstehen? Werden Firmen wie Siemens, die jetzt schon einen Grossteil ihrer Software- Entwicklung in Indien erledigen lassen, den Programmierern dort die Gesundheitskosten zahlen, wenn die Leute erst einmal Rueckenbeschwerden haben? Ist in der auf den ersten Blick guenstigen Kalkulation schon eingeplant, dass in diesen Billiglohnlaendern Elektroschrott irgendwann entsorgt werden muss, damit Wasser, Luft und Boden auch dort noch ein Leben zulassen?

Werden wir buergerkriegsaehnliche Zustaende bekommen, wenn erst einmal das Heer der Arbeitslosen in der zweiten oder dritten Generation am Existenzminimum und am Rande der Gesellschaft gelebt hat, wenn Perspektivlosigkeit sich zur grundsaetzlichen Hoffnungslosigkeit verfestigt hat? Werden die Bewohner der sozialen Ghettos sich in die S-Bahnen und Busse setzen und sich in den besseren Vierteln der Staedte das holen, was sie sich nicht leisten koennen? Gar nicht mehr so weit aus der Welt: Wer sich monatlich beim Sozialamt seine Unterstuetzung abholt, bekommt sein Geld nur noch dann, wenn er sich auch gleich die beruhigende Droge fuer seine Sozialvertraeglichkeit verpassen laesst. Undenkbar?

Hat man frueher nicht auch ueber Jules Vernes Reise-zum-Mond- Phantasie gelaechelt? Und hat der 1963 verstorbene Aldous Huxley uns nicht in seiner fortschrittskritischen Utopie "Brave New World" gesagt, wo es mit der modernen Gesellschaft langgehen wird?

Dass sich unsere Welt in eine Informationsgesellschaft verwandelt hat, ist nicht mehr in Abrede zu stellen. Doch die grosse Frage ist, wer kann auf der Datenautobahn fahren? Wer hat das noetige Equipment dafuer? Wer die betraechtlichen Finanzmittel fuer Telefongebuehren, Zugangsgebuehren und Nutzungskosten?

Empfaenger der Beihilfe zum Lebensunterhalt vom Sozialamt werden zwangslaeufig wenig Gelegenheit haben, auf der Datenautobahn die vielfaeltigen Angebote zu nutzen. Werden die Millionen Menschen, die jetzt schon benachteiligt sind und der Entwicklung hoffnungslos hinterherlaufen, nicht noch mehr den Anschluss verlieren, wenn sie noch nicht einmal einen Computer haben? Werden die Sozialaemter sozial Benachteiligten dieses fuer die Informationsgesellschaft unabdingbare Utensil bezahlen? Und die, die einen Computer haben, koennen sie sich die anfallenden Kosten fuer die Reisen auf der Datenautobahn leisten? Was ist beispielsweise mit den Leuten auf dem flachen Land? Also denjenigen, die fuer teure Fernverbindungsgebuehren die elektronischen Auffahrten zum Information-Highway in den Grossstaedten aufsuchen muessen. Werden all diese Gruppen teilhaben koennen an den elektronischen Netzen? Oder wird der zunehmende Ausbau der Informationsgesellschaft die Kluft zwischen Arm und Reich vergroessern? Auch hinsichtlich des Verhaeltnisses zwischen den Industrienationen und den sogenannten Entwicklungslaendern und deren Moeglichkeiten, den Information- Highway zu nutzen, wird die Frage zu stellen sein: Wer wird zu den Informations-Habenichtsen gehoeren und den Schritt in die Informationsgesellschaft nicht schaffen?

* Kurt Nane Juergensen, Flensburg