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20.04.2001 - 

IT im Anlagen- und Maschinenbau/Die Georgsmarienhütte gestaltet ihre DV-Systeme neu

Informations-Management aus einem Guss

Nach einem Management-Buyout aus den Strukturen des Klöckner-Konzerns musste sich das Stahlunternehmen Georgsmarienhütte eine neue Informationstechnik zulegen. Partner dafür wurde der IT-Dienstleister EDS. Von Klaus-Georg Heymann und Jürgen Schmidtkunz*

Stahlerzeugung und -bearbeitung stellen sich als Kombination aus einem typischen Verfahrensprozess und einer werkstattähnlichen Fertigung dar. Daraus resultieren hohe Anforderungen an die Flexibilität der Informationssysteme: Faktoren wie die Menge an zu bearbeitendem Material oder dessen Qualität sind nicht immer vorhersehbar. Innerhalb und am Ende jeder Prozessstufe erfolgen deshalb Soll-Ist-Vergleiche. Bei Abweichungen kann es erforderlich werden, Material neu zu disponieren. Standard-Anwendungspakete unterstützen diesen und andere Abläufe in der Stahlindustrie nur unzureichend.

Bei der Einführung eines neuen IuK-Systems standen für die Georgsmarienhütte zunächst fünf Aspekte im Vordergrund:

- Eine größtmögliche Transparenz durch Integration aller Betriebsteile herzustellen,

- die interne und externe Kommunikation zu verbessern,

- die Informationssysteme zu modernisieren und mit den kommerziellen Systemen zu integrieren,

- soweit wie möglich Standardsoftware zu benutzen und

- die modulare Erweiterbarkeit der Hard- und Software sicherzustellen.

Alle Geschäftsprozesse waren zu überarbeitenMit diesen Anforderungen ging die Georgsmarienhütte auf die Suche nach einem geeigneten Partner als Generalunternehmer. Die Wahl fiel 1993 auf den IT-Dienstleister EDS. Der Auftrag lautete, ein neues Informations- und Kommunikationssystem zu entwerfen und zu erstellen sowie sämtliche Systeme - die neuen ebenso wie die übernommenen - zu betreuen. In diesem Zusammenhang galt es für EDS, Georgsmarienhütte bei der Entwicklung flexibler und effektiver Geschäftsprozesse in der Verkaufs- und Produktionslogistik, in der Verfahrenstechnik, im Qualitäts-Management und im Produktions-Controlling sowie bei der Einführung innovativer Informations- und Kommunikationstechnologien zu unterstützen.

Ziel bei der Neugestaltung der Informationssysteme war es, alle Geschäftsprozesse zu überarbeiten. Dort, wo Standardlösungen nicht in Frage kamen, entwickelte oder beschaffte EDS die notwendigen Systeme. Innerhalb der neuen Struktur sind alle vier Systemebenen des Unternehmens - die Unternehmensrechner, die Betriebsrechner, die Prozessrechner und die Basisautomation - miteinander integriert.

Abläufe über das ganze Werk hinwegAuf der Ebene der Unternehmensrechner setzt Georgsmarienhütte heute so weit wie möglich die Module des Standardsystems SAP R/3 ein: Sie unterstützen vor allem Finanz- und Anlagenbuchhaltung, Controlling, Personalwesen, Verkauf und Versand, Materialwirtschaft, Lagerverwaltung und Qualitäts-Management. Die SAP-Produktionsplanung wird angewendet, um Stammdaten bereitzustellen und die Produktionsaufträge zu erstellen und zu verwalten. Die Planung der Produktionsaufträge in Form von Kapazitätsbelegung und Terminierung und die Anlagenprogrammbildung übernimmt das operative Produktionsplanungs- und Steuerungssystem Opps der Firma PSI-BT. Das System bildet Abläufe und Kapazitäten von den Walzwerken bis hin zum Versand, also über das ganze Werk hinweg, auf einer grafischen Plantafel ab. Dadurch lassen sich realistische Liefer- und Produktionstermine festsetzen und mittels Analyse-Tools überwachen. EDS integrierte in diesem Zusammenhang ein bereits vorhandenes System von PSI-BT für die Schmelzen- und Gießprogrammplanung.

Eine zentrale KommunikationsdatenbankUm die Abläufe auf der Betriebs- und Prozessrechner-Ebene zu sichern, benötigte die Georgsmarienhütte modulare Lösungen: Das Informations- und Steuerungssystem "Profis" unterstützt heute die Stahlerzeugung, Materialfluss-Steuerungssysteme arbeiten im Halbzeug-, Mittel- und Feinwalzwerk. Ein neuer Prozessrechner steuert und überwacht den Stranggussbereich. Im Bereich der Finalbetriebe arbeitet ein System zur Betriebsdatenerfassung (BDE). Diese Anwendungen sind mit den Systemen der Basisautomation verbunden, wie zum Beispiel speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS) und Mess- und Prüfsystemen an den einzelnen Aggregaten.

Eine neu geschaffene zentrale Kommunikationsdatenbank bildet die informationstechnische Drehscheibe. Über diese Datenbank können alle angeschlossenen Systeme - die Schmelzen- und Gießprogrammplanung, das Opps und die Betriebsrechnersysteme - ihre Daten mit dem übergreifenden SAP-System austauschen. Zudem stellt die Kommunikationsdatenbank sicher, dass die Produktion in den Betrieben selbst dann weiterläuft, wenn aus wartungstechnischen Gründen zum Beispiel das SAP-System nicht aktiv ist. Diese gewollte und notwendige Autarkie der Systeme erfordert teilweise eine parallele Datenhaltung.

Darüber hinaus erweiterte der IT-Dienstleister die SAP-Standards durch die Vormaterialdisposition, die Erstellung von Stückliste und Arbeitsplan für den Stahlerzeugungs-Auftrag, die Freigabe und die Werkszeugnisschreibung. So kann R/3 auch für Aufgaben eingesetzt werden, die in anderen Fällen Spezialsysteme erfüllen.

Als Grundlage für die neue informationstechnische Infrastruktur wurde ein neues internes und externes Netz aufgebaut. Es bindet Kunden, Lieferanten, Vertriebsaußenstellen und Unternehmen der Gruppe gleichermaßen ein. Ein leistungsfähiges lokales Netzwerk auf Ethernet-Basis unterstützt die Kommunikation zwischen mehr als 650 Geräten im lokalen Netz, im Bürobereich und im Internet. So weit wie möglich werden kostengünstige Server auf PC-Basis eingesetzt. Die Arbeitsstationen basieren dabei auf einheitlicher Hard- und Software. Jeder Mitarbeiter hat so Zugriff auf die für ihn wichtigen Informationen und Steuerungsfunktionen.

Neue Kanäle mit kurzen ReaktionszeitenDer erste Umsetzungsschritt bestand darin, SAP-Teilfunktionen, darunter auch die Auftragserfassung und die kaufmännische Auftragsklärung, einzuführen. Bereits 1994 gingen Teile einer neuen technischen Datenverarbeitung mit dem Informations- und Steuerungssystem "Profis" in Betrieb.

Der zweite Schritt der Umsetzung Ende Juli 1999 barg eine größere Herausforderung: Da wegen der unterschiedlichen Datenstrukturen weder eine stufenweise Einführung noch ein zeitweiliger Parallelbetrieb der Alt- und Neusysteme in Frage kamen, musste die Umstellung in einem Schritt erfolgen. Intensive Vortests in eigenen Testsystemen, eine weitgehend automatisierte Übernahme der Altdaten, eine detaillierte Ablaufplanung sowie die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten im Rahmen des Projekt-Managements machten es möglich, dass nach einer Umbauzeit von vier Tagen fast alle Systeme gleichzeitig in Betrieb gehen konnten.

Nach den bisherigen Erfahrungen erfüllt die neue IT-Struktur die Erwartungen an Transparenz und Leistungsfähigkeit. Auch die im ersten Schritt eingesetzten Funktionen des Standardsystems SAP laufen sehr stabil. Das neue lokale Rechnernetz (LAN), die Nutzung einer einheitlichen Bürosoftwareumgebung und die Einführung des E-Mail-Systems verbesserten wie geplant die unternehmensinterne Kommunikation. Darüber hinaus eröffnete die Anbindung ans Internet neue Kontaktkanäle mit kurzen Reaktionszeiten. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die neuen Systeme einen Umdenkprozess in Gang gesetzt haben: Sie führen zu einer Vereinheitlichung der Geschäftsprozesse und damit zu einer Effizienzsteigerung. Künftige Projekte, wie die Erweiterung des Qualitäts-Managements, die Einführung einer Master-Planung (SOP) oder die Integration von E-Business-Anwendungen, sollen diese Entwicklung fortsetzen.

*Klaus-Georg Heymann ist Leiter DV-Koordination, Diplomingenieur und Diplomkaufmann. Jürgen Schmidtkunz ist Leiter Logistik bei der Georgsmarienhütte GmbH in Georgsmarienhütte.