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27.03.1981 - 

Folge 21

Informationsanalyse statt Organisations-Strukturuntersuchung Folge 21

In einem zweiten Beispiel für die "Handhabung zeitkritscher Informationen, nämlich zum Tagesbericht" Betriebliche Kennzahlen", wurde mir auf mehreren besuchten Schachtanlagen deutlich der Vorteil des Montan-mitbestimmten Belegschaftswesens vor Augen geführt: Es existieren zur Weiterleitung betrieblicher Basisdaten Meldekanäle für Untertageleistungen und Fehlschichten.

1. Betriebsleiter - Betriebswirtschaft an Werksleitung- (Werksebene) Betriebswirtschaft der Bergwerks-AG - (Vorstandsebene) Stabstelle des Konzernvorstandes (Führungsebene)

2. Betriebsräte- mit abgestimmten Zahlen der Betriebswirtschaft an die Arbeitsdirektoren bis zur Führungsebene.

Der erste Meldeweg ist der längere, ohne daß er trotz der entstandenen Amtlichkeit auch immer der absolute (im Sinn von Unanfechtbarkeit, Richtigkeit oder zur Geschehenswiedergabe) sein wird. Die Betriebsräte in der Bundesrepublik brauchen auf die Planerfüllung nicht Rücksicht zu nehmen. Praktisch sind sie selbst in das Geschehen unter und über Tage eingebunden, so daß sie für Manipulationen von Ausbringdaten und zur numerischen Schichtenkontrolle auch nicht verantwortlich gehalten werden können. Sie haben im Vollzug der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Betriebsführung - und nur mit dieser, denn für Kontakte mit dem Unternehmen sind der Gesamtbetriebsrat und die Arbeitsdirektoren zuständig - zwar das Betriebsergebnis zu fördern, aber sie brauchen die entsprechende Zahlenkosmetik nicht mitzumachen. Sie wissen sogar eher um die angesammelten Reserven unter Tage. Da der Übertagebetrieb stets kontinuierlich arbeitet, werden beispielsweise am Wochenende unter Tage Fördermengen angesammelt, die dann am Montagmorgen hochgebracht werden, damit der Übertagebetrieb in der Frühschicht gleich voll loslegen kann. Jeder weiß, daß des nur die Wochenleistung zu Lasten einer Schichtleistung der (abgerechneten) Vorwoche verbessern kann. Es ist ein zulässiger Mengenausgleich und dient gleichzeitig der Betriebskontinuität. Die Betriebsräte sehen und hören darüber hinaus mehr aus dem Betriebsgeschehen als die Führung aus den formalisierten Kennzifferberichten sehen könnte.

Freigestellte Betriebsräte aus dem Untertagebereich stehen beispielsweise frühmorgens zum Beginn der 1. Seilfahrt am Schachtmund. Sie verabschieden gewissermaßen die ausfahrende Nachtbeziehungsweise Reparaturschicht und fragen nach materiellen und personellen Schwiergkeiten. Sie gewinnen einen Eindruck, was "unten noch steht" und ob Strecken und Strebe in Ordnung sind. Gleichzeitig fahren die ersten Kumpel ein und können ihren freigestellten Betriebsrat sprechen, was während der Schicht, der Weitläufigkeit unter Tage und dem Lärm an den Betriebsorten nicht möglich ist. Ich persönlich halte diese Einstellung zur Leistung, die ich auch im Aachener Revier erfahren habe, von Betriebsräten für beispielhaft und nennenswert. Das Getue anderer "Freiherren", die dem Arbeitgeber auf Schritt und Tritt demonstrieren, daß nicht er sie kontrollieren darf, wohl aber sie ihn (gewiß nicht im Interesse des Kapitals?), bringe ich mit der ideologischen Verklemmung einiger anderer Gewerkschaftsteile in Verbindung zur Leistungsverweigerung und gegen das "Kapital".

Im Beispiel Tagesmeldungen wäre der Betriebsräte-Kanal zwar nicht punktuell genauer, aber weitaus schneller und verläßlicher als der mit dem betriebswirtschaftlichen Sachbearbeiter abgestimmte Kennziffer-Rapport. Im Prinzip weiß auch der oberste Arbeitsdirektor eher Bescheid als seine Vorstandskollegen, die auf dem Dienstwege über die Stabstellen die gleiche formalisierte Information empfangen. Als zeitkritisch wird daher nur der Bericht auf dem 1. Meldeweg- dem offiziellen - von den bearbeitenden Stabstellen und der betriebswirtschaftlichen Abteilung angesehen. Die Konkurrenz zweier Meldewege führt überhaupt erst dazu, daß ein Vorgang und seine Weitergabe zeitkritisch betrachtet wird. Die Aktualität im Postkutschen-Zeitalter wurde nach der Schlacht bei Waterloo durch Brieftauben und später durch den Telegraphen in Frage gestellt, heute duch Telekommunikationsterminals. Zum Glück wird nicht überall höchste Aktualität mit höchster Priorität versehen, denn nicht alle Vorgänge sind für zu treffende Entscheidungen zeitkritisch.

Wir müssen hiernach auf den Unterschied zeitkritischer Information (Störungsmeldung zum Beispiel) und zeitkritischen Berichten (betriebliche Kennziffern zum Beispiel) hinweisen. Denn nicht jeder Bericht, der eine zeitkritsche Information enthält, wird dadurch - anders bei den Meldern und Bearbeitern selbst - für die Empfänger von Statistiken im allgemeinen für die Handlungsentscheidung zeitkritisch. Dagegen kann die potenzierte Information (vervielfältigte Mehrfach-lnformation zu identischen Sachverhalten in ähnlicher Darstellung) kaum Eingang in einen zeitkritischen Bericht finden. Der Zeitaufwand der für die Vervielfältigung und für die gestreute Weitergabe benötigt wird, duldet keine zeitkritischen Berichte. Die Informationsanalyse zeigt zwar hoch angesetzte Aktualitäten der Verantwortlichen für den Empfang der Tagesberichte, ließ aber auch des beanspruchte Prestige für die Allgemein-lnformation erkennen.

Anders als die Berichte sind die direkten Rapporte zu sehen. Wenn es eilig ist, wird ferngeschrieben oder -gesprochen. Zur Beweissicherung ziehen dann diese Rapporte schriftliche Berichte mit dem Normalverteiler nach sich. Die Vorstellung eines "Echtzeit"-Handelns bei zeitkritischen Informationen ist eigentlich inhuman, indes zwischengeschaltete Aufsichtspersonen, Melder und Bearbeiter werden höchstens dann als überflüssig anzusehen sein, wenn vollautomatische Betriebszustände mit Prozeßrechnern und mit modifizierter Eingriffzeit für menschliches Entscheidungshandeln herrschen werden. Letztlich wird ein vollautomatischer Betriebsablauf also des humane Problem, dem sich Techniker und Betriebswirt zu stellen haben. Es sollte aber auch hier nicht verkannt werden, daß dann ein Großteil der papiernen Weitergabe von Berichten an die Führung ebenfalls überflüssig wird.

Die Organisationsforschung ist seit dem Einsatz funktionaler Modelle durch eine überaus heterogene Vielfalt von theoretischen Konzepten gekennzeichnet Wir sahen bereits, daß zwar Teilprobleme in der Betriebsorganisation gelöst werden konnten, daß es jedoch an einer einheitlichen theoretischen Konzeption gebricht und sich bisher nur die pragmatische Vorgehensweise durchgesetzt hat. Zur letzteren zähle ich weniger die sozialpsychologisch deskriptiven Untersuchungen in Verwaltungsorganisationen als vielmehr die ingenieurmäßige Einbettung von regelbaren Großen in eine Regelstrecke.

Kybernetik - nicht durchgängig angewandt

In der Regelungstechnik unterscheidet man

- Störgrößen und Führungsgrößen (Eingänge)

- Stellgrößen und Regelgroßen

(Ausgänge).

Die Regelungstechnik zusammen mit der Informationstheorie ist gemeinhin auch als Kybernetik bekannt. Sie ist zur Anwendungstheorie der organisatorischen Gestaltung geworden, wird aber leider von anderen Spezialisten nur unzureichend eingesetzt. Dabei hat der aus der Regelungstechnik entstandene Begriff der Ruckkopplung längst Eingang in die partizipative Forschung gefunden. Wo zum Beispiel in den Feldversuchen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projektes "Teletex" eine möglichst große Übereinstimmung zwischen den Wünschen der Beschäftigten und den technischen Fähigkeiten des Telekommunikationssystemes erreicht werden soll, werden die Einflußfaktoren der Technik und der Anwender erfaßt, um zu einer Rückkopplung zu kommen. Daß was aber andernorts unter "Wirkungsforschung" zum gleichen Thema Bürokommunikation praktiziert wird, entbehrt des kybernetischen Ansatzes und kann vom Ideologieverdacht nicht freigesprochen werden. Selbst die Frage, nach welchen Kriterien Freiheit in einer äußerst komplexen Organisation für die Anwender noch besteht, hängt ab von den Zielen der Organisation, der Varietät oder von Störungen, die einer Verwirklichung der Ziele im Wege stehen und der Varietät der einzelnen Regelungsorgane. (Dr. Heinz M. Mirow, Grundlage einer allgemeinen Theorie der Organisation Wiesbaden 1969):

"Unter einem System wird in der Kybernetik eine beliebige sammlung von miteinander in ziehung stehenden Teilen (Elementen) verstanden. Die Beziehungen zwischen den Elementen eines Systems müssen als physikalische Tatbestände beobachtbar oder meßbar sein. Eine rein gedankliche Zusammenfassung von Teilen ergibt noch kein System", wohl aber eine Menge. Nun beruhen demgegenüber "auch die Informationsbeziehungen in einem Kommunikationssystem auf physikalisch meßbaren Beziehungen, die als Signale bezeichnet werden". Weiterhin erklärt Mirow unter Bezug auf Wiener und Ashby:

Die Elemente eines Systems werden in bezug auf ihre Eingänge und Ausgänge definiert. Eine Mitteilung, die als Eingang in ein Element hereingegeben wird, hat einen bestimmten Ausgang zur Folge. Die Beziehungen zwischen dem Eingang und dem Ausgangsverhalten eines Elementes sind durch eine Ubergangsfunkt(...) bestimmt.

Wird fortgesetzt