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13.02.1981

Informationslawine

Eckhard Rahlenbeck, M.A. Arbeitsgemeinschaft für Kommunikationsforschung, München

Das Schlagwort von der Informationslawine ist eine sprachliche Verwirrung. Es weitet den Begriff Information auf alle Sinngehalte aus, die in gedruckter, auditiver und visueller Form übermittelt werden. Da der Empfänger außerstande ist, alles an ihn Herangetragene inhaltlich wahrzunehmen und gedanklich zu verarbeiten, wird ihm auch nicht bewußt, wie groß - oder wie klein - tatsächlich der Anteil relevanter, für ihn prägender Information ist. Eine Ursache für die sogenannte Informationslawine liegt in der Vermarktung steigender Distributionskapazitäten. Das hat bewirkt, daß Inhalte in Wort und Bild heute weniger als in vergangenen Generationen einer auswählenden Prüfung auf Veröffentlichungswürdigkeit unterzogen zu werden brauchen. Die Informationslawine ist somit gleichzeitig auch eine Lawine der Belanglosigkeiten und Banalitäten.

Schema dotiert Fehlleistungen

Die gleiche Denkrichtung, wie sie sich im Lawinen-Argument niederschlagt, ist auf dem Gebiet der Bürokommunikation beliebt. Dort wird häufig der Vergleich zwischen industrieller Produktivität und einer anscheinend zurückgebliebenen Produktivität in den Büros angestellt. Unter dem Gesichtspunkt der Menge zu erledigender Kommunikationsvorgänge degeneriert das Büro zu einem briefproduzierenden Betrieb. Diese Produktivitätsrechnung führt in eine Sackgasse und heizt den lawinenartigen Ausstoß von Texten geradezu an. Inhalt und Qualität der Kommunikationsleistungen werden dabei nicht berücksichtigt.

Es wäre ein Trugschluß anzunehmen, zukünftig technisch unterstützte Kommunikation, so auch die Bürokommunikation; würde an herkommlichen Kommunikationsformen kleben und diese nur umfangreicher, schneller oder billiger gestalten können. Jede neue Kommunikationstechnologie hat bisher neue Kommunikationsformen ermöglicht. Man vergeudet Innovationen, würde man "alten Wein in neue Schläuche" füllen wollen.

Neue Kommunikationstechnik und neue Bürosysteme sind kein Selbstzweck. Das technisch Machbare darf nicht den Einsatz diktieren, sondern der Bedarf der Benutzer und ihrer Organisationen sind Leitlinie der Anwendung. Obwohl die Bedarfserhebung im Einzelfall oft sehr schwierig ist, so zeigen sich doch typische Kommunikationskonflikte, die mit herkömmlichen Mitteln nicht beizulegen sind. Sie lassen sich generell beschreiben als

Unfähigkeit, große Informationsmengen transparenter zu machen,

Unfähigkeit, weitverzweigte Ursache - Wirkungs - Zusammenhänge zu verdeutlichen,

Unfähigkeit, Dispositionsleistungen entscheidend zu verbessern . . .

Die hier angedeuteten Konflikte werden um so hinfälliger, je besser es gelingt, die wesentlichen Innovationen der computerunterstützten Kommunikation benutzergerecht in Anwendung umzusetzen. Es sollen hier hervorgehoben werden:

die Speicherkapazität,

die Interaktivität und

die Multifunktionalität.

- Speicherkapazität

Solange die zivilisierte Menschheit Fertigkeiten nutzt, Sinngehalte in Wort und Bild festzuhalten, seitdem sie auch Techniken zur Vervielfältigung und Verbreitung beherrscht, solange mußte sie sich auch mit einem Zwang zur Verknappung des Darstellbaren abfinden, der auf vielerlei physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruhte. Neue Speichertechnologien schaffen völlig neue Voraussetzungen. Statt eines Zwanges zur Reduktion, statt einer Mangelverwaltung, haben wir zukünftig einen Überfluß zu organisieren. Die Höchstleistung auf diesem Sektor, die optische Speicherplatte, illustriert diese Entwicklung, da ihr schier unvorstellbare Volumina zugesagt werden. Pro Platte: 1 Million Schreibmaschinenseiten Umfang eines 30bändigen Lexikons, ein Jahrgang der New York Times, das Dreieinhalbfache des derzeit in den Bildschirm - Textversuchen von Berlin und Düsseldorf maximalen Textumfanges.

- Interaktivität

Erst mit der Möglichkeit der Interaktivität, den individualisierbaren Abruf- und Dialogmöglichkeiten, betritt die Datenverarbeitung Neuland in der Kommunikation. Sie verläßt die Eindimensionalität, die Formen zielgerichteter Adressierung, die Einbahnstraßen der Kommunikation, und gibt dem Benutzer die Möglichkeit des Eingriffes, der Eingabe eines eigenen Suchprofiles beziehungsweise selbstgewählter Parameter. Dieser Entwicklung muß in der Bürokommunikation mit einer intensiven Informationsbevorratung begegnet werden. Das bedeutet Aufbau interaktiver Datenbasen, die Anfragen und Antworten in effektiven Dialogvorgängen konzentrieren und damit herkömmliche Korrespondenzformen ersetzen können.

- Multifunktionalität

Die zeitaufwendige Programmierung und die damit verbundenen Kosten lassen den Aufbau separater Datenbestände unwirtschaftlich erscheinen. Angesichts nationaler und internationaler Bemühungen um integrierte Netze und die Popularisierung zunächst einfacher Computerleistung (zum Beispiel im Bildschirmtext) ist ein größtmöglicher Mehrfachnutzen durch Integration der Programme und Dienste anzustreben. Eine Information, die nur durch eine Suchroutine im Rahmen eines Programmes erschließbar ist kann nur noch in Ausnahmefällen ihre Programmierkosten rechtfertigen .

Auch die Entwürfe zukünftiger Telekommunikation bestätigen die Integration von Individual- und Bürokommunikation. Die Integration zwingt die Büros- gerade die mit dem meisten Publikumsverkehr - sämtliche Kommunikationsarten und -leistungen zu koordinieren und zu harmonisieren, damit sie gewissermaßen über einen Kanal effektiv für den Kunden, Klienten, Anspruchsberechtigten und so weiter zu nutzen sind. Wenn Organisationen und Büros diese Koordinationsarbeit nicht zu leisten imstande sind, schaden sie sich selbst. Dann wird die Kommunikation über Bildschirmtext und ähnliche Varianten zu einem frustrierenden Ärgernis, das auf die Programmanbieter zurückfällt. Über die Optimierung der Dienste und die Auswirkungen auf die Organisationen gibt es noch zu wenig Erfahrungen. Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sind notwendig sowie spezialisierte Anforderungen für neue Berufsbilder in diesem Bereich, zum Beispiel Kommunikationsorganisatoren..

Gegenwärtig deuten viele Anzeichen darauf hin, daß auch die wirkliche Innovation der heftig umstrittenen Neuen Medien, für die sich eine nennenswerte Nachfrage entwickeln könnte, in der computerunterstützten Textkommunikation gesehen werden kann. Dies würde endlich eine kulturelle Emanzipationsbewegung vom viel beklagten passenden Fernsehzuschauer zum aktiven Benutzer in Gang setzen. Mit der Alphabetisierung des häuslichen Fernsehschirms vollzöge sich eine Informatisierung der Gesellschaft.

Wesentliche Elemente dieser Informatisierung sind schon vorhanden. In den USA und auch in Europa existiert bereits ein ausgeprägter Informationsmarkt mit derzeit etwa 600 öffentlich zugänglichen wissenschaftlich - technischen Datenbanken.

Bekenntnis ohne Bedürfnis

Die Erfahrung mit Bildschirmtexten beweist, daß die oft bekundete Bereitschaft der Behörden, eine verbesserte Kommunikation zum Bürger zu wollen, ein Bekenntnis ohne wirkliches Bedürfnis zu sein scheint. Ein Verzicht auf den Einsatz neuer Kommunikationstechnologien kann auf die Dauer nicht gutgehen. Insbesondere ist die Zurückhaltung der Finanzämter, deren möglichen Dienstleistungen immer noch zu den Hauptargumenten im Bildschirmtext - Marketing gehören, unverständlich. Sie kann auf Dauer nicht mehr ernsthaft mit dem Verweis auf frühere oder fehlende Rechtsverordnungen begründet werden.