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11.07.1986

Informationsmanagement - Inflation der Konzepte

11.07.1986

Stichhaltige Begründungen und eine angemessene Berücksichtigung der Jeweils bestehenden Organisation und Tradition der Datenverarbeitung vermißt Dr. Michael Wollnik vom Organisationsseminar der Universität Köln bei vielen Konzepten des Informationsmanagements. Er analysiert im folgenden technologische Auslösefaktoren und strategische Aktionsfelder dieses Ansatzes. Praktisch aussichtsreiche Vorschläge zur Steuerung der anstehenden informationstechnologischen Infrastrukturentscheidungen zeichnen sich durch ein theoretisch durchdachtes Problemverständnis und eine abgewogene Abstimmung mit den gegebenen DV-Strukturen aus.

Der informationstechnologische Entwicklungsschub, der den Unternehmungen seit Beginn der 80er Jahre eine Reihe unverhoffter neuer hardware- und softwaretechnologischer Angebote beschert hat, verschärft die Probleme einer angemessenen planerischen, organisatorischen und kontrollmethodischen Steuerung der Informationsverarbeitung. Dagegen wird eine Vielzahl von Konzepten zum "Informationsmanagement" aufgeboten¹. Sie wollen Perspektive, Richtung und konkrete Ausprägungen strategischer Überlegungen, organisatorischer Reaktionstendenzen und kontrollmethodischer Fortschritte in der betrieblichen Informationsverarbeitung aufzeigen. Aber ihre Ausfüllung ist bisher nicht überzeugend gelungen; eine gehaltvolle Vorzeichnungsfunktion vermögen sie daher kaum zu übernehmen. Noch bevor die in der Vorstellung eines "Informationsmanagements" aufkeimenden Gestaltungsideen theoretisch richtig aufgegriffen und erschlossen sind, droht der Begriff schon zum Etikett zu verkommen, zum scheinbaren Qualitätssiegel, das jedem neuen Vorschlag feinen Glanz verleihen soll, jedoch mehr und mehr billigen Glamour verspricht.

Von der Forderung nach einem Informationsmanagement fühlen sich viele Unternehmen zugleich angesprochen und verkannt. Angesprochen sieht man sich, weil es stets und überall Probleme mit der Datenverarbeitung gibt und weil man tatsächlich nicht umhinkommt, sich mit den veränderten geräte- und programmtechnischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Die im Umkreis des Informtionsmanagements dargebotenen Situationsbeschreibungen und Problemdiagnosen erlauben oft eine griffigere Neuinterpretation der Schwierigkeiten, mit denen man sich "immer schon" befaßt glaubt. Verkannt sieht man sich, weil die Konzepte zum Informationsmanagement vorgetragen werden, als gäbe es keine Datenverarbeitungstradition mit entsprechend verankerten organisatorischen Strukturen und typischen Aktionsmustern, und weil sie vornehmlich große, in der Technisierung der Informationsverarbeitung weit fortgeschrittene Unternehmen anvisieren.

Informationsmanagement ist in Mode nicht nur, weil die Informationstechnologie sich erweitert und die techno-strategischen Wahlmöglichkeiten angereichert haben. Information als solche scheint wichtiger geworden zu sein. In den Auffassungen von Information als "Produktionsfaktor" oder "Ressource", als "Wettbewerbsfaktor" oder "strategische Waffe" (competitive weapon) spiegelt sich ein gehobener Stellenwert, der eine verstärkte unternehmenspolitische Berücksichtigung anregt². Mit Hinweisen auf den "Anwendungsstau" und einen "Wildwuchs" wird noch eindringlicher vor Augen geführt, daß etwas geschehen muß. So drückt sich im "Informationsmanagement" zunächst ein ziemlich unspezifischer Bedarf an Aktivität, an Ausschöpfung der Informationspotentiale und Beherrschung der dafür einzusetzenden Technologien aus. Dadurch werden

die DV-Manager aus der Reserve gelockt, und sie sehen sich alsbald prädestiniert, zu Vorreitern der neuen Strömung zu werden. Die Möglichkeit zur Verankerung der obersten Zuständigkeit für die Datenverarbeitung in der Geschäftsleitung oder dicht darunter rückt in vielen Fällen erstmals in greifbare Nähe. So ist man im DV-Management gerne bereit, auf den Zug zu springen, auf dem schon die Berater sitzen.

Zu Recht wittert man gegenwärtig in den Konzepten des Informationsmanagements hervorragende Vermarktungschancen. Der Markt für diese Sorte von "Orgware" ist ähnlich dynamisch, unübersichtlich und überfrachtet mit reichlich fiktiven Angeboten wie die Hardware- und Softwaremärkte³. Die "Produkte" leiden nicht selten darunter, daß sie

a) aufgrund praktischer Einzelerfahrungen aus dem Ärmel geschüttelt werden und

b) zuwenig Rücksicht auf die jeweils in einer Unternehmung vorliegenden datenverarbeitungstechnischen und -organisatorischen Gegebenheiten nehmen.

Für viele Konzepte zum Informationsmanagement ist einstweilen ein gebrochenes Verhältnis zur Theorie und zur Praxis zu beobachten: Sie sind theoretisch nicht ausreichend begründet und tragen der Abstimmung mit den jeweiligen praktischen Situationen zuwenig Rechnung. In ihnen dokumentiert sich eher Experimentierfreude als gesichertes Wissen. Ihr Drang zum strukturellen Umbruch bringt eine neue Spielart von "Prototyping", die auch innovationsfreudigen Unternehmungen mitunter leichtfertig vorkommen dürfte.

Die technologischen Auslösefaktoren für das Informationsmanagement entspringen der informationstechnischen Entwicklung. Gerätetechnisch sind dabei insbesondere

- das Aufkommen leistungsfähiger Mikrocomputer mit der Ermöglichung der Verteilung von Verarbeitungskapazität in "Standalone"-Geräten (informationstechnologische Dezentralisierung),

- die signifikanten Fortschritte in der Übertragungstechnologie mit dem Entstehen einer eigenständigen "Kommunikationstechnologie" und der Vernetzung dezentraler Verarbeitungseinheiten und Endgeräte und nicht zuletzt

- die digitaltechnische Vereinheitlichung in der Verarbeitung verschiedener Informationsarten (informationstechnologische Integration) mit der Möglichkeit multifunktionale Endgeräte zu nennen.

Softwaretechnisch spielen sicher

- der verstärkte Trend zu Standardsoftware,

- die Bereitstellung von Endbenutzersprachen (Fourth Generation Languages),

- das allmähliche Vordringen wissensbasierter Systeme in die kommerzielle Nutzung und

- die Rationalisierung der Softwareerstellung durch entsprechende Methoden, Sprachen und Werkzeuge (bis hin zu integrierten Software Environment Systems)

eine hervorragende Rolle.

Die Verfügbarkeit dieser neuen Technologien gewinnt nun vor allem deshalb eine so weitreichende Bedeutung, weil dadurch nicht nur Entscheidungen bei der Entwicklung einzelner computergestützter Informationsverarbeitungsverfahren berührt sind, sondern informationstechnologische Grundsatzentscheidungen, besser: lnfrastrukturentscheidungen(4). Gerade das Inventar der individuellen Informationsverarbeitung (Mikrocomputer, Standardsoftware, Endbenutzersysteme) setzt sich in die Unternehmung infrastrukturell um, berührt sie also - wie einst die Groß-DV - als ein nutzungsunspezifisches Potential, dessen Fähigkeiten, dedizierte Applikationen zu übernehmen, im einzelnen noch auszuloten bleiben.

Eine ähnliche Betrachtung als anwendungsneutrale Infrastrukturen erscheint auch für lokale Netzwerke und die Anschlußmöglichkeiten an überbetriebliche Kommunikationsdienste (Teletex, Telefax, Bildschirmtext)

angemessen. Dies führt die Anwender vor das neuartige Problem, zu entscheiden, wie sie ihre Investitionsmittel auf verschiedene Infrastrukturen verteilen sollen, während sich die Innerbetriebliche Ausbreitung der Datenverarbeitung aus investitionspolitischer Sicht in der Vergangenheit überwiegend als kumulative Zuleitung von Mitteln in die bisher einzige, "klassische" Infrastruktur, die zentrale Groß-DV, verstehen konnte.

Jenseits aller metaphorischen Überhöhungen von Information als

"Produktionsfaktor" und "strategische Waffe" liegt in eben dieser Erweiterung der infrastrukturellen informationstechnologischen Investitionsspielräume der eigentliche Grund für eine Neubesinnung in Richtung "lnformationsmanagement". Denn die traditionellen Planungsansätze, Organisationsformen und Kontrollmechanismen in der betrieblichen Informationsverarbeitung hatten sich ganz auf die ursprüngliche Infrastruktur zentralisierter Großrechneranlagen eingerichtet, auf die in zentral durchgeführten Systemenentwicklungsprojekten Stück für Stück zusätzliche Anwendungen übernommen wurden. Genau diese Ausrichtung erweist sich jetzt als Hemmschuh für neue Weichenstellungen. Dabei wird noch zu oft übersehen, daß es kaum jemals darum geht, eine Infrastruktur durch eine andere abzulösen, sondern daß das Kernproblem darin besteht, verschiedene informations- und komunikationstechnologische Infrastrukturen

zusammenzuführen.

Spannungsmomente liegen zum Beispiel gerade im Aufziehen eines Personal Computing in einer nicht abbaubaren Groß-DV-Umgebung oder in einer sinnvollen Ergänzung der herkömmlichen Datenverarbeitung durch computergestützte Verfahrensweisen, die unter dem Sammelbegriff "Büroautomation" zur Anwendung drängen. An diesen Schnittstellen verschiedener Infrastrukturen kommt es dann auch erfahrungsgemäß zu mikropolitischen Reibungsverlusten, vor allem deshalb, weil hier infrastrukturell bedingte Unterschiede in der Auffassung computergestützter Informationssysteme aufbrechen(5).

Die Anworten, die ein modernes "Informationsmanagement" angesichts dieser Sachlage zu geben hätte, bewegen sich in mindestens drei Aktionsfeldern, die sich jeweils wiederum in mehrere Segmente auffächern:

- strategische Planung informations- und kommunikationstechnologischer Infrastrukturen und der Konstellation computergestützter Informationsverarbeitungsverfahren,

- Organisation der Informationsverarbeitung und

- Controlling informationssystembezogener Dienstleistungen (information services).

Gewiß begünstigt die große Spannweite dieser Operationsgebiete die Vielfältigkeit und Unbestimmtheit der Konzepte zum Informationsmanagement. Aber eben dies läßt Bemühungen um eine Klärung des Problemzuschnitts, die Systematisierung der Optionen und die Konsolidierung begründeter Einzelansätze in unternehmensstrategischen Steuerungsarchitekturen vielversprechend erscheinen. Dabei verdient dann insbesondere Beachtung, daß der informationstechnische Fortschritt eine zunehmende Entzerrung und Variabilität der informationstechnologischen Entwicklungsniveaus in den Unternehmen gefördert hat. Dementsprechend treffen schematisierte Szenarien des Informationsmanagement einen immer kleineren Kreis von Anwendern. Ohne eine abgewogene Relativierung laufen deshalb auch im Grunde sinnvolle Vorschläge Gefahr, keine Resonanz zu finden.

Die derzeitige strategische Problemsituation der informationstechnologischen Gestaltung weist eine grundlegende Ähnlichkeit mit dem früheren ersten Einstieg in die zentrale Datenverarbeitung auf, weil es erneut um Investitionen in Infrastrukturen geht.

Allerdings hat sich jetzt die Entscheidungskomplexität gesteigert, und vor allem spielt sich in den meisten Unternehmungen die informationstechnologische Renovierung im Gerüst und in den Mauern einer schon aufgebauten Datenverarbeitungsorganisation und einer eingefahrenen Tradition ab. Deshalb besteht keineswegs eine unbegrenzte Restrukturierungsmöglichkeit.

Die Folgen der überkommenen Gestaltungstendenzen lassen sich nicht abschaffen oder zurückdrehen; man kann sie fortentwickeln, muß sich aber mittelfristig weitgehend mit ihnen arrangieren. Es wirkt unter Berücksichtigung dieser Restriktionen nicht irrational, aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen, das heißt zu überlegen, warum sich das bisherige Management der Informationsverarbeitung in bestimmter Weise entwickelt hat, welche rationalen Gesichtspunkte dafür ausschlaggebend waren und wie sich die eingeübten Rationalitätsvorstellungen mit einem weitergesteckten Horizont informationstechnologischer Gestaltungsmöglichkeiten vertragen.

Neue Lösungen werden den alten ähneln oder von ihnen nicht allzuweit entfernt liegen; neue Strukturen müssen die Kontinuität wahren. Selbst wenn es dem innovativen Impetus der "computing world" widersprechen mag(6): Es ist wahrscheinlich, daß sich Informationsmanagement (wie auch immer es aussieht) nur zögerlich und schrittweise (inkremental) durchsetzt, und man kann durchaus vermuten, daß sich dies aus risikopolitischen Gründe auch als vernünftig erweist.