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20.06.1981

Informationssysteme und die menschliche Komponente

Professor Dr.Gernot Wersig Freie Universität Berlin

Menschen und Informationssysteme herkömmlicher Konstruktionsart sind augenscheinlich recht unterschiedlich veranlagt.

Beispielhaft sei auf vier Problemkreise hingewiesen:

- DV-Anlagen erfordern eine Eingabe, die so gestaltet sein muß, daß sich in ein eindeutig definiertes Zeichensystem überführbar ist - menschliche Kommunikation dagegen bedient sich im Normalfall mehrerer paralleler "Kanäle" (wie zum Beispiel gesprochenes Wort und Gestik), die sich nicht nur ergänzen, sondern auch höchst kompliziert gegenseitig verdeutlichen oder verunsichern;

- DV-Anlagen erfordern eine formalisierte Eingabe - menschliche Kommunikation ist selbst oft als der Versuch aufzufassen, die Begrenzungen, die die menschliche Sprache mit sich bringt, aufzuheben;

- Datenverarbeitung erfordert den Algorithmus - menschliches Verhalten ist offensichtlich von so vielen allgemeinen und situationsspezifischen Faktoren gestaltet, daß die Annahme von dahinterliegenden Algorithmen zumindest beim gegenwärtigen Forschungsstand eher absurd wäre;

- Datenverarbeitung legt dem Verhalten ein Modell zugrunde, das einen Input nach festgelegtem Verfahren in einen Output transformiert - menschliches Verhalten dagegen ist kontinuierlich und läßt sich kaum in derartige Transformationen zerlegen.

Derartige Gegenüberstellungen sind notwendigerweise etwas plakativ, öffnen aber den Blick dafür, daß das Verhältnis von Mensch zu Datenverarbeitungssystem komplizierter ist als das Verhältnis von zwei Maschinen zueinander.

Beide zu betrachtenden Konstruktionen sind offensichtlich nach so unterschiedlichen Prinzipien und auf zu unterschiedlichen Komplexitätsebenen konstruiert, als daß ihr Verhalten unter dem technischen Gesichtspunkt der Kompatibilität gesehen werden könnte. Mensch-Maschine-Schnittstellen sind daher wohl nur der Versuch des Technikers, einer Schwierigkeit zu begegnen, die eher genau von der anderen Seite her angegangen werden sollte. Bemühungen um benutzergerechte Terminals, einfache Dialogsprachen oder "Benutzerführung" sind ehrenwerte Versuche und auch ein Aspekt "menschlicher Systeme", jedoch sind sie es nicht allein.

Die "Menschlichkeit" von Informationssystemen hat ihre formale und ihre inhaltliche Seite. Rein formal sind für eine menschengerechte Ein- und Ausgabeprozedur, Antwort- und Interaktionsmöglichkeiten des Systems durch verbesserte Hard- und Software technische Fortschritte erreicht und werden auch noch weitere gemacht werden. So sehr sie auch Fortschritt sein mögen, bergen sie natürlich andererseits die Gefahr in sich, die grundsätzlichen Unterschiede zu überdecken.

Die computergerechte Aufbereitung eines Problems stellt in der Regel eine Vereinfachung dieses Problems dar. "Menschlichkeit" bedeutet daher, die Probleme jeweils genau zu prüfen, ob die notwendig werdende Vereinfachung auch eine noch zumutbare Vereinfachung ist.

Es drängt sich die Vermutung auf, daß zuweilen - insbesondere im Zusammenhang mit Informationssystemen - bereits vorliegende Problemlösungen lediglich technisch umgestellt werden. "Menschlichkeit" sollte hier eigentlich heißen, neue Techniken, die auch immer neue Potentiale haben, so zu entwickeln und einzusetzen, daß sie bislang noch ungelöste oder schlecht gelöste Probleme besser bewältigen können. Technikentwicklung sollte also auf ungelöste menschliche und gesellschaftliche Probleme gerichtet sein und nicht aus der vielzitierten Eigendynamik heraus betrieben werden.

Multitechnologisches

Allerdings geschieht dies zu einer Zeit, in der Datenverarbeitung, die recht lange eine verhältnismäßig abgrenzbare maschinelle Methode war, in ein neues Umfeld gestellt wird, das die Fragen allgemeiner stellt. Datenverarbeitung wird zunehmend Bestandteil "multitechnologischer" Angebote. Informationssysteme der 80er Jahre sind dadurch gekennzeichnet, daß unterschiedliche Techniken ineinander integriert werden. Dieser Trend offeriert Informationssysteme, die sich formal in dreierlei Hinsicht von denen, die in den 70er Jahren vorherrschend waren, unterschieden: Der Zugriff auf auch individuell abrufbare und interaktionsfähige Informationssysteme für ein breites Publikum wird technisch möglich (zum Beispiel Bildschirmtext, Kabel- und Satellitenkommunikation "electronic mail"); der individuelle Aufbau von Informationssystemen wird möglich (durch "home terminals"); die individuellen, zielgruppenspezifischen und publikumsorientierten Informationssysteme werden kombinierbar.

Das technische Angebot wird damit komplexer. Nicht nur die zwischen Menschen gesponnenen Netze von Kanälen, auf denen sie miteinander kommunizieren, werden reichhaltiger, sondern auch die Möglichkeiten, diese zu nutzen, um sich Mitteilungen zuteilen zu lassen, sie abzurufen, sie zu modifizieren, sie gezielt zu senden oder breit zu vermitteln. Dabei durfte für den Benutzer häufig völlig außer Sichtweite geraten, daß dies alles auf der anderen Seite nur mit Hilfe der Datenverarbeitung geschehen kann Die heute noch augenfälligen Begrenzungen der Datenverarbeitung gegenüber den menschlichen Aktionsfähigkeiten werden sich vermutlich hinter farbige Bildschirme zurückverlagern lassen.

Daraus können sich zwei gegensätzliche Positionen ergeben, die gegenwärtig schon andeutungsweise erkennbar sind: jene, die die Nutzung von neuen Kommunikations- und Informationsprozessen unter allen Umständen für gerechtfertigt hält, weil sie Technik mit Fortschritt per se identifiziert, und jene, die aus einer allgemeinen Abneigung jede weitere Technisierung für unnötig erachtet. Wenn nicht rechtzeitig versucht wird, diese Entwicklungen im Sinne der inhaltlichen Menschlichkeit zu steuern, kann eine ähnliche Polarisierung wie in der Kernenergiefrage entstehen.

Wie sich schon heute bei DV-Systemen zeigt, wird hier wahrscheinlich ein weiterer Faktor der "Menschlichkeit" von Informationssystemen hinzutreten müssen: der Entwurf von Systemen, die nicht nur maschinelle Komponenten beinhalten, sondern bereits menschliche Rollen zum Bestandteil des Systems machen.

Wir müssen Kriterien finden, die übermäßige Schematisierung und Distanz vermeiden und gegebenenfalls Ergänzungs- und Freiräume schaffen. Andererseits können die Techniken auch Distanzen überwinden, die heute unüberwindbar sind.

Scientific Troubadour

Der sogenannte Informationsvermittler übt eine Tätigkeit aus, mit der man schon lange versucht die immer größere Kluft zwischen Wissensquellen und Informationsbedürftigen zu verringern. Bei zunehmendem Technikeinsatz muß der Systembenutzer- Vermittler hinzukommen. Neben diese neuen Aspekte bisheriger Tätigkeit könnten sich völlig neue Berufsrollen wie die des Bildschirmtext-Beraters entwickeln.

Je nach Bedürfnislage müssen die von den Informationsprofessionals angebotenen Vermittlungsdienstleistungen mit abgestuften höheren und niedrigen Organisations- und Technisierungsgraden gestaltet werden, um so starker auf menschliche Bedürfnisse eingehen zu können. Neben die technischen Kommunikationsformen müssen ergänzende Rollen treten, die für bestimmte Fragestellungen minimale Distanz und flexible Bedürfnisanpassung ermöglichen.

Denkbar sind beispielsweise der Informationsberater, der Wissensquellen auf das jeweilige Bedürfnis hin interpretiert; der Literaturdetektiv, der schwer beschaffbare Wissensquellen aufspürt; der Scientific Troubadour, der die verschiedenen Tagungen besucht und jeweils über die anderen Veranstaltungen berichtet, der "menschliche Wissensspeicher", der beruflich Wissen ansammelt und bei Bedarf intellektuell kombiniert und dem Interessenten aufbereitet.

Es ist müßig, nur von den Maschinen und Systemen mehr "Menschlichkeit" zu verlangen wenn nicht gleichzeitig auch darauf hingearbeitet wird, sie sinnvoll zu nutzen. Dies kann nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden. Neben den Möglichkeiten, die diese denkbaren Systeme bieten könnten, werden sie zweifellos auch neue Barrieren schaffen: Tastaturen, Paßwörter, Identifikationsprozeduren, Kanalwahl etc. werden - auch in noch verbesserter Form - Lernen und Gewöhnung erfordern.

Jedes Individuum muß sich allerdings im Laufe seines Lebens in neue soziale Situationen eingewöhnen.

Die weitere Technisierung auch in ihrer zu erwartenden stärkeren Flexibilität- bringt im Vergleich zu vielen gegenwärtig üblichen Kommunikationsformen eine größere Abhängigkeit im Kommunikationsverhalten von bestimmten Geräten, Orten, Hilfspersonal, Organisationen und Systemen mit sich. Damit können Trends zu einer gewissen Einengung des persönlichen Freiheitsspielraumes verbunden sein.

Entnommen aus den IBM Nachrichten, April 1981, Seite 15; gekürzte Fassung.