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Technikwissenschaft hierzulande muß mit schlechtem Image fertigwerden, denn:


06.03.1987 - 

Ingenieurausbildung ist auf dem Stand von anno dazumal

Hart geht Wolfgang Neef von der Technisches Universität Berlin mit der Ingenieurausbildung an den bundesdeutschen Universitäten und Hochschulen ins Gericht: Sie sei völlig rückständig; seit 80 Jahren habe sich nichts geändert. Am meisten prangert der Wissenschaftler in seiner Polemik aber den mangelnden Willen der Professoren-Riege an, diesen Mißstand beseitigen zu wollen.

Vor einigen Wochen wurde in Berlin eine 50 Millionen teure "Forschungsfabrik" eröffnet, in der die vollautomatisierte "Fabrik der Zukunft konzipiert wird. Die Öffentlichkeit überschlug sich mit Lob über die innovativen Ingenieure in Berlin und anderswo. Neue Techniksysteme haben heute eine "Halbwertszeit" von fünf bis sieben Jahren. Entsprechend muß sich auch der Ingenieur nach dieser Zeit wieder neu qualifizieren: Flexibilität ist gefragt, ständige Weiterbildung unabdingbar.

Seit Jahren stehen die Technik, ihre sozialen und ökologischen Folgen, ihre Gefahren im Mittelpunkt öffentlicher Kontroversen. Bestimmte Technologien müssen mit geballtem Einsatz von Polizei und Bundesgrenzschutz durch Ausbau zu stacheldrahtbewehrten Festungen gegen Teile der Bevölkerung "verteidigt" werden, die in ihnen keinen Segen, sondern eine Gefahr für Leib und Leben sehen.

Die Einführung neuer, "arbeitsparender" Technologien ist ein Faktor, der die steigende Arbeitslosigkeit mit verursacht - weil das Sparen von Arbeit nicht in Arbeitszeitverkürzung umgesetzt wird. Im Gegenteil: Die neuen Technologien "erfordern" immer mehr Schichtarbeit, ja sogar die Wiedereinführung von Samstagsoder Sonntagsarbeit. Die Gewerkschaften melden deshalb ihre Kritik an dieser Art von Technik immer lauter an und verlangen eine am Menschen und seinen Bedürfnissen orientierte soziale Technikgestaltung.

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) startet Werbekampagnen für den Ingenieurberuf und für die Technik - denn das Ansehen der Ingenieure ist in den letzten Jahren in den Keller gegangen: Noch nie war dieser Berufsstand so schlecht angesehen wie heute. Absolventen der in

genieurwissenschaftlichen Fächer an Technischen Hochschulen und Universitäten studieren im Schnitt über sieben Jahre lang; Spitzenreiter ist das Studium der Elektrotechnik und des Bauingenieurwesens an der

TU Berlin: Hier liegen die Durchschnitts-Studienzeiten inzwischen bei 17 bis 19 Semestern. Nach diesem Zeitraum machen dann schließlich weniger als die Hälfte der Studienanfänger im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und im Bauingenieurwesen ihr Diplomexamen - die Erfolgsquote in den Technik-Studiengängen beträgt zwischen 40 und 50 Prozent.

Die Professoren der Technikwissenschaften arbeiten fieberhaft an neuen Studienplänen, erproben neue Studienformen und machen ihre Studenten mit den sozialen Problemen des Technikeinsatzes vertraut, damit die jungen Ingenieure mit dem richtigen Rüstzeug für ihre gesellschaftliche Rolle ausgestattet werden . . . sollte man meinen. Aber weit gefehlt: In der deutschen Ingenieurausbildung tut sich nichts; die Studienpläne und Studienformen sehen heute noch so aus wie vor 80 Jahren. Die Professoren halten nach wie vor langweilige Vorlesungen in halbleeren Sälen, lassen die Assistenten uninteressante Übungen betreuen und bis zu 80 Prozent der Studenten durch sinnlose Klausuren fallen. Der Studienplan ist vollgestopft mit Einzelfächern, die untereinander fast überhaupt nicht abgestimmt sind: Im Grundstudium werden den Studenten hauptsächlich abstrakte Naturwissenschaften vorgesetzt, die man in dieser Form vor rund 100 Jahren in das Ingenieurstudium eingeführt hat, um ihm akademische Weihen zu verleihen. Im Hauptstudium ist möglichst jeder Professor mit "seinem" Spezialfach (das natürlich das wichtigste von allen ist) vertreten. Und natürlich mit einer Prüfung.

Vor 70 Jahren bereits war diese Studiengestaltung Gegenstand herber Kritik: Mit den gleichen Argumenten wie heute, aber als Vertreter einer Minderheit, polemisierte vergeblich der Berliner Maschinenbau-Professor Alois Riedler gegen die "Zwangsanstalt" des Ingenieurstudiums, gegen die "Verschwendung von Zeit und Kraft und geringe Wirkung", gegen "Einzelforschung und schroffe Trennung von Wissensgebieten", gegen "Praxisferne und gelehrte Theoretisiererei" der Professoren.

Die Studienpläne in den technischen Fachberieichen sehen eine Studienzeit von neun bis zehn Semestern vor. Dabei weiß jeder an den Hochschulen, daß diese "Pläne" mit der Wirklichkeit nicht zu tun haben, weil sie nicht studierbar sind: Addiert man die von jedem Professor individuell festgesetzten und verlangten Leistungen, so müßte ein Student 80 bis 100 Stunden pro Woche arbeiten. Die Folge: Die eingeplante Studienzeit verdoppelt sich beinahe. Dabei sind in dem vorgesehenen Stoff fast ausschließlich rein technisch-naturwissenschaftliche Fächer enthalten - interdisziplinäre Veranstaltungen, Beschäftigung mit den sozialen Folgen der Technik, mit dem Verhältnis von Technik und Gesellschaft sucht man vergebens.

So sind die Studenten, soweit sie es im Technikstudium überhaupt länger als drei Semester aushalten, darauf angewiesen, sich solche für den heutigen Ingenieur eigentlich unverzichtbaren Qualifikationen auf eigene Faust zu beschaffen. Viele Studenten und Studentinnen der Ingenieurwissenschaften machen sich zum Beispiel an der TU Berlin daran, in selbstorganisierten Projekten über alternative und "sanfte" Technologie zu arbeiten, mit Gewerkschaftern über die Probleme der Technik des Ingenieurberufs zu diskutieren, Veranstaltungen zum Thema . Technik und Gesellschaft" zu organisieren.

Demgegenüber ist fast die gesamte (konservative) Riege der Technik-Professoren der Meinung, daß solche Inhalte ganz und gar nicht in ein Technikstudium gehören. Während in der Informatik, in der Landschaftsplanung, in der Architektur an vielen Hochschulen Projekte, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen, Seminare über Technik-Folgen, über Datenschutz längst Standard sind, versperren sich die Technikfachbereiche konsequent jeder Neuerung. Soziale Folgen der Rationalisierungstechnologie? Uninteressant. Ökologie? Sollen die Ökologen betreiben, Techniker haben damit nichts zu tun. Humane Technikgestaltung? Ein Thema für "Softies", nicht für harte Technik-Männer (typischerweise sind nur zwei Prozent der Studierenden in den "harten" Ingenieurfächern Frauen). Wissenschaftskritik? Da wird doch nur Nestbeschmutzung betrieben. Alternative Technologie, regenerative Energiequellen, angepaßte Technik? Alberne Bastelei - "High-Tech" ist Trumpf.

Wie die Praxis zeigt, setzen sich diese Positionen deutscher Technikprofessoren bei der Studienplanung und -gestaltung immer wieder durch. Ein Beispiel: Im Februar 1987 ist (in der TU Berlin ein neuer Studiengang "Informationstechnik im Maschinenwesen" eingerichtet worden. In diesem Studiengang sollen also Studenten dafür ausgebildet werden, den DV-Einsatz und die Rationalisierung in der Fertigung des Maschinenbaus voranzutreiben - eine Arbeit, die mit der Entwicklung hochinnovativer Technologien verbunden ist, die aber auch erhebliche soziale und gesellschaftliche Folgeprobleme aufwirft. Der zugehörige Studienplan aber sieht - ersetzt man die Informatik- beziehungsweise DV-Fächer durch "klassische" wie zum Beispiel Dampfkesselbau - fast genauso aus wie ein mir vorliegender Plan von 1911: Es werden einzelne Fächer fast ausschließlich in Form von Vorlesungen und Übungen angeboten, es gibt eine Studien- und eine Diplomarbeit. Mit Ausnahme einer "Projektarbeit" in der Informatik findet sich kein Ansatz zu Neuerungen in diesem Studienplan; noch nicht einmal Tutorien sind in ihm vorgesehen. Auch bei der Suche nach Fächern außerhalb des Spektrums von Technik und Naturwissenschaften findet sich lediglich unter dem Titel "Wahlpflichtfach oder Ergänzungsfach" (vierstündig natürlich in Form einer Vorlesung) ein "Katalog C", in dem neben acht technischen Fächern Arbeitswissenschaft oder Betriebswirtschaft aufgeführt wird - auch dies "Neuerungen", die aus der Studienreform der 20er Jahre stammen.

Die Studenten reagieren auf die solchermaßen konservierten Mißstände in den Technikstudiengängen durch " Abstimmung mit den Füßen": In den letzten Jahren wurden die Studienanfänger-"Planzahlen" der entsprechenden Fächer an der TU Berlin um bis zu minus 30 Prozent verfehlt. Von den Studierenden, die trotzdem ein Technikstudium angefangen haben, "flüchteten" dann noch einmal gut die Hälfte vor dem Abschluß. In einer Studie, die 1981 bis 1984 zum Grundstudium im Maschinenbau und Bauingenieurwesen an der TU Berlin durchgeführt wurde (die aber sicherlich auf die meisten Tecnischen Universitäten übertragbar ist), zeigte sich außerdem, daß es weniger die "Versager" waren, die das Technikstudium vorzeitig aufgaben, sondern eher Studentinnen und Studenten, die vom Studium mehr erwarteten als nur fachbornierte Paukerei.

Man fragt sich, was die Ursache dafür ist, daß technische Fachbereiche permanente "Innovation" auf ihre Fahne schreiben, in der Lehre aber die Methoden von vorgestern konservieren und mit großer Zähigkeit gegen alle Versuche der Veränderung verteidigen. Mangelnde Nachfrage nach Innovationen in der Lehre oder ldeenmangel ist sicherlich nicht der Grund: Die Hochschuldidaktik hat seit Anfang der 70er Jahre zahllose Vorträge vorgelegt, Experimente durchgeführt, entsprechende Weiterbildung für Hochschullehrer angeboten. Die Studenten fordern seit Jahr und Tag die Studienreform, fragen nach Projektstudium ebenso wie nach Gesellschaftsbezug. Die Industrie kritisiert die mangelnden Fähigkeiten der Absolventen zur Teamarbeit und ihre Fixierung auf technisch-fachliche Qualifikation. Der VDI fordert schon seit langem etwa 20 Prozent "nicht-technische" Fächer für Ingenieure - ein Ingenieurstudium in den USA wird von der US-Ingenieursvereinigungnur anerkannt, wenn mindestens 15 Prozent entsprechende Inhalte studiert wurden. Selbst die Gewerkschaften haben die Konzepte für "Modellstudiengänge" zum Beispiel im Maschinenbau und der Elektrotechnik erstellt.

Nur von denen, die "professionell" Studenten ausbilden sollten und dafür (gut) bezahlt werden, kommt nichts: Zum einen liegt es sicher an der Bildungspolitik, die es versäumt hat, Reformansätze der 60er und 70er Jahre konsequent durchzusetzen, oder die sogar das scheinbar gut geplante und organisierte Technikstudium zum Vorbild für andere Studiengänge erkor. Zum anderen aber - und dies dürfte der Hauptgrund sein - haben die Professoren der Technikwissenschaften kaum ein Verhältnis zu ihren Lehraufgaben Sie sind fixiert auf lukrative Drittmittelforschung, beschäftigen sich lieber mit Maschinen als mit Menschen und fühlen sich für Fachgrenzen überschreitende Anforderungen nicht kompetent. Sie stellen Studienpläne auf, die den Lehrplänen in einer Schule gleichen, fühlen sich aber nicht als (Hochschul-)"Lehrer" und dementsprechend für die Einhaltung der Pläne und die tatsächlichen Lernerfolge auch nicht verantwortlich. Man kann ihnen daraus nicht einmal einen Vorwurf machen. Werden doch Berufungen zum Professor ausschließlich an Forschungsleistungen orientiert - Nachweise über Leistungen in der Lehre werden praktisch nicht verlangt. Sie spielen zudem auf dem "Ausbildungsweg" zum Professor keine Rolle. Auch gibt es keine Form des "Leistungsnachweises" für Professoren in der Lehre (außer vielleicht der eher an absurdes Theater erinnernden Argumentation, der hohe "Drop-out" in den Technikfächern bezeuge das hohe Niveau in der deutschen Ingenieurausbildung).

So muß auch das Fazit lauten: Mehr denn je steht eine grundlegende Erneuerung der Ingenieurausbildung an. Nimmt man die entsprechenden Aktivitäten der Technikfachbereiche als Maßstab, findet diese aber nicht vor Ablauf weiterer hundert Jahre statt.

Literaturhinweise

GB/IG Metall (Hrsg.): Modellstudiengang Maschinenbau und Elektrotechnik, Düsseldorf/Frankfurt 1984 (Gewerkschaften zur Studienreform)

Hillmer, H/Peters, R.-W./Polke, M.:

Studium, Beruf und Qualifikation der Ingenieure, Düsseldorf (VDI) 1976

Morsch. R. u. a.: Ingenieure - Studium und Berufssituation. Frankfurt 1974

Morsch. R./Neef. W./Wagemann, C.-H.: Das Elend des Grundstudiums, Alsbach/Bergstraße 1986 (Hochschuldidaktische Materialien M 7).

Naudascher, E.: Ausbildung ohne Bildung? Und: Wer holt das Kind aus dem Brunnen? In: Deutsche Universitätszeitung 41, 1985, H. 6 und 7.

Neef. W./Hamann, M. (Hrsg.): Projektstudium in der Ausbildung von Ingenieuren, Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern. Alsbach/Bergstraße 1983 (Hochschuldidaktische Materialien M 1).

Riedler, A.: Der Zerfall der Technischen Hochschule. Berlin 1918.

Wagemann, C.-H.: Der 28-Stunden-Tag. Hamburg 1982 (Blickpunkt Hochschuldidaktik Nr. 69).

Wagemann, C-.H.: Universität oder Schule ? In: Grohs, G./Schwendet, J./Schwerdtfeger, Th. (Hrsg.): Kulturelle Identität im Wandel, Stuttgart 1980