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05.02.1999 - 

IT im Gesundheitswesen

Insellösungen überholt - Kliniksysteme unfertig

Marktforscher rechnen mit Neu- und Ersatzbeschaffungen bei Krankenhaus-Informationssystemen (KIS). Doch scheint die Zeit für derart hohe Investitionen noch nicht reif: Heutige Systeme erfüllen den von vielen Herstellern erhobenen Anspruch der vollständigen Integration der Krankenhausinformatik nur selten. Selbst die Funktionalität entspricht den aktuellen Anforderungen nur ungenügend. Weiterentwicklung der Produkte ist also angesagt. Ein Beitrag von Johannes Kelch.

Ein großer Nachrüstbedarf nährt in Europa das Marktwachstum bei Krankenhaus-Informationssystemen. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Frost & Sullivan. Laut Pressetext ist das Jahr-2000-Problem wichtiger Impulsgeber: "Zahlreiche ältere Systeme sind über das Jahr 2000 hinaus nicht mehr funktionsfähig."

Angeregt wird das Ganze zudem durch die Leistungssteigerung von Computersystemen bei sinkenden Hardwarepreisen. Anders als vor fünf Jahren, so die Marktstudie, sei es heute möglich, "Systeme zu entwickeln, die alle erforderlichen Transaktionen bewältigen können: von der Erfassung der Patientendemografie bis hin zur Bezahlung der Wäscherei". Die Analysten erwarten, daß viele Krankenhäuser ihre veralteten Systeme ersetzen oder aufrüsten werden.

Im Gesundheitswesen hat die Unternehmensberatung einen "besonders aufgeschlossenen Markt für neue Technologien" entdeckt. Bei über 15 000 Krankenhäusern in der EU prognostiziert die Studie ein Marktpotential von rund 7500 Systemen pro Jahr allein zur Nachrüstung. Die vorhandenen Systeme veralteten durchschnittlich alle zwei Jahre, so die optimistische Annahme des Reports.

Allerdings warnen auch die Marktforscher vor allzu euphorischen Prognosen: "Die Bremse für diesen Markt ist das verfügbare Investitionsvolumen." Die Ausgaben der Kliniken blieben aufgrund der teilweise staatlichen Finanzierung nach oben hin begrenzt.

Während im Krankenhaus die Systeme für die betriebswirtschaftlichen und die medizinischen Anwendungsbereiche bislang strikt getrennt waren, sind jetzt Integrationstendenzen spürbar. So wächst den F&S-Leuten zufolge der Markt für integrierte Systeme leicht, während die isolierten Patientendaten- und Finanzsysteme - in geringem Umfang - Einbußen erleiden werden.

Einen starken Trend macht die Marktstudie im Outsourcing aus. Das Einschalten externer Partner, die DV-Leistungen erbringen, biete eine Möglichkeit, das Problem schrumpfender Budgets bei steigendem Bedarf in den Griff zu bekommen.

Jeden Euro dreimal umdrehen!

Nicht nur wegen ihrer mangelnden finanziellen Ausstattung sollten die Krankenhäuser jeden Euro dreimal umdrehen, bevor sie investieren. Auch aufgrund der unzureichenden Entwicklung und der unausgereiften Technik zahlreicher Produkte ist eine äußerst sorgfältige Auswahl neuer Systeme dringend geboten.

Unabhängige Experten weisen auf offenkundige Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Marketing-Aussagen und tatsächlichen Leistungen hin. So warnt Hochschullehrer Jürgen Boese von der Fachhochschule Heilbronn die Kliniken vor dem "verhängnisvollen Trend, mutmaßlich schlüsselfertige Lösungen einzukaufen, die es überhaupt nicht geben kann". Noch immer würden im Krankenhaus die Hardware und die "nackte Anwendersoftware" als Erfolgsfaktoren überschätzt, die "Man- und Orgware" als Schlüsselgrößen der Informatik "nicht genügend gewürdigt". Passend zu dieser gefährlichen Fehleinschätzung, versuchen die Hersteller von Krankenhaus-Informationssystemen laut Boese, den Eindruck schlüsselfertiger Systeme zu erwecken, "um so ihre Software zu unverhältnismäßig hohen Preisen absetzen zu können". Der Trend zur spezifischen Software-Anpassung beginnt sich erst langsam durchzusetzen, meint der Experte.

Boese weist auf eine weitere Gefahr hin, der die Krankenhäuser ausgesetzt sind: den Konzentrationsprozeß bei den Herstellern, der sich vor allem durch Übernahmen vollzieht, aber auch schon Pleiten hervorgebracht hat. Boese wörtlich: "Dieser Selektionsprozeß wird weitergehen, er stellt für die Krankenhäuser ein großes Risiko dar. Deswegen ist derzeit der Trend zu einem sicheren Partner zu verzeichnen."

Als technologische Trends nennt der Klinikexperte erwartungsgemäß den Einsatz relationaler Datenbanken, Client-Server-Architekturen, international genormte Netzwerkprotokolle (TCP/IP, ISO/OSI) und Zugriffsverfahren (Ethernet, FDDI, Token Bus, Token Ring), die Verwendung von Standard-Schnittstellen, den Einsatz von Kommunikationsrechnern und den Aufbau integrierter Systeme. Doch der Hochschullehrer ist zu der Überzeugung gelangt, "daß kaum ein Hersteller von Krankenhaus-Informationssystemen alle diese Vorgaben erfüllt". Der Aufbau integrierter Systeme sei sogar eine "unerfüllbare Forderung".

Auch Walter Deringer vom Branchenspezialisten RKD in Düsseldorf, einem SAP-Systemhaus, warnt die Krankenhäuser vor Fehlinvestitionen. Der Diplomvolkswirt wettert gegen "Insellösungen" und die Praxis, daß einzelne Abteilungen im Krankenhaus Geld für angeblich billige Einzelsysteme ausgeben, die dann unverbunden nebeneinanderstehen und "bald überholt" seien. Den Klinikchefs werde "ein bunter Strauß" angeboten, darunter eine isolierte elektronische Patientenakte. Die medizinische Datenhaltung könne es aber sinnvollerweise nur als Komponente eines leistungsfähigen Krankenhaus-Informationssystems geben. Rationalisierung im Gesundheitswesen, so Deringer, sei vor allem durch integrierte Informationsprozesse zu erreichen. So könne der Informationsaustausch zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten übers Internet einen Beitrag zur Einschränkung der heute noch üblichen Mehrfachuntersuchungen leisten.

Die F&S-Studie sieht hier sogar die zentrale Anforderung für die Anbieter.

Voraussetzung für einen reibungslosen Datenaustausch zwischen Kliniken und Ärzten sei die identische Beschreibung von Krankheiten und Physiologie. Laut Frost & Sullivan winkt dem Anbieter, der auf diesem Gebiet eine "europäische Norm" entwickelt, "ein enormes Marktpotential". Softwarehäuser, die diese Herausforderung annehmen, müssen jedoch mit einem übermächtigen Konkurrenten rechnen: Microsoft bemüht sich sowohl in den USA als auch in Europa um den Einstieg in diesen Markt.

Johannes Kelch ist freier Journalist in München.