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19.11.1999 - 

Prozessorgigant will Standards im Netz setzen

Intel: Mit der Kriegskasse auf dem Weg zu neuen Märkten

19.11.1999
MÜNCHEN - "Alle Firmen werden zu Internet-Companies", hat Intel-Gründer und Chairman Andrew Grove vor kurzem der Branche ins Stammbuch geschrieben. Sein eigenes Management scheint es zu beherzigen: Fast unauffällig hat der Chipriese seit Beginn dieses Jahres damit begonnen, sich zumindest teilweise vom Halbleitergeschäft abzunabeln. Zahlreiche Übernahmen sollen mittelfristig dafür sorgen, daß aus Intel ein erfolgreicher Anbieter von Netz- und Internet-Equipment wird.

Lang ist die Liste der Unternehmen, die sich neuerdings in Intels Imperium heimisch fühlen (müssen) und ihren Teil zur neuen Strategie des Chipgiganten beitragen sollen. Diese heißt: Führender Anbieter von Komponenten rund um die "Internet-Economy" werden. Zehn Übernahmen tätigten die Kalifornier bereits in diesem Jahr (siehe Kasten "Kaufrausch", Seite 42) - weitere dürften folgen. Dabei handelte es sich ausnahmslos um Spezialisten im Netzinfrastruktur-Geschäft oder Anbieter von Kommunikationsprodukten.

Hinter dem Kaufrausch steckt Methode. Man kann aber auch sagen, eine Notwendigkeit. Denn die Tatsache, daß Intel zuvor in Sachen Akquisitionen kaum in Erscheinung getreten ist, zeigt, wie sehr selbst in ihrem jeweiligen Marktsegment führende Unternehmen unter Zugzwang stehen, sich in Zeiten der weltweiten Vernetzung eine gute Ausgangsposition für das Geschäft von morgen zu sichern. So ist die Chip-schmiede aus Santa Clara mit einem Weltmarktanteil von 70 bis 75 Prozent nach wie vor unangefochten die Nummer eins bei PC-Prozessoren, ausruhen kann man sich auf dem Status als Quasi-Monopolist aber längst nicht mehr. Auch wenn man Konkurrenten wie Advanced Micro Devices (AMD) weiterhin in Schach hält, die zunehmend dünner werdenden Margen bei PC-Chips signalisieren Handlungsbedarf. "Der PC-Markt", bestätigt auch Steffen Leonhardt, Unit Manager für die Branchen Telekommunikation, IT, Media sowie E-Commerce bei Diebold Deutschland, "gerät weltweit in eine Phase der Sättigung. In absehbarer Zeit wird es dort nur noch Ersatzgeschäft geben." Nennenswertes Absatzpotential sieht der Berater in Zukunft eher bei anderen Endgerätetypen, beispielsweise Internetfähigen Handys oder TV-Geräten samt intelligenter Zugangstechnik.

Die Konsequenzen für einen Chiphersteller wie Intel liegen daher auf der Hand: Diversifizierung des eigenen Geschäfts. Bereits seit mehr als zwei Jahren kämpft die Andrew-Grove-Company mit einem vergleichsweise geringen Umsatzzuwachs; die Gewinne verfehlten oft die Erwartungen der Analysten. Zuletzt geschah das im dritten Quartal 1999, als Intel mit einem Ertrag von "nur" 1,9 Milliarden Dollar die Wallstreet enttäuschte.

Der Kurs der Intel-Aktie fiel daraufhin von einem Zwischenhoch im August von 83 Dollar auf rund 66 Dollar; aktuell liegt das Papier bei rund 73 Dollar. Noch ist der Prozessorgigant mit einer Nachsteuerrendite von über 20 Prozent der profitabelste Halbleiterhersteller der Welt. Aber was ist morgen? Eine Frage, die zunehmend auch die Aktionäre stellen werden. "Die Anleger verlangen Performance und Phantasie, vor allem Investitionen in neue Geschäftsfelder, die Wachstum versprechen", gibt Diebold-Berater Leonhardt zu bedenken.

Die Chefetage um CEO Craig Barrett hat deshalb - zunächst kaum bemerkt - damit begonnen, die strategische Ausrichtung des Unternehmens zu ändern. Zur "Chefsache" wurde dabei der Kommunikationsbereich erklärt, bis dato eher ein Mitläufer unter den diversen Intel-Divisions. Von diesem Bereich erwartet man sich in Zukunft die nötigen Impulse, um Intel zu einem dominanten Internet-Player aufsteigen zu lassen. Daß dies wiederum nur nach dem Motto "Klotzen, nicht kleckern" gelingen kann, scheinen die Kalifornier durch ihre früheren erfolglosen Diversifizierungsversuche mittlerweile begriffen zu haben. Kennern der Branche ist beispielsweise noch gut in Erinnerung, wie der Prozessorgigant aus Santa Clara in den vergangenen Jahren versucht hatte, Grafikchip-Spezialisten wie Cirrus Logic, Nvida oder S3 das Fürchten zu lehren.

Frühere Diversifizierungen hatten wenig Erfolg

Doch aus dem Orkan, den die Konkurrenten im Geiste schon über sich hinwegfegen sahen, wurde nicht mehr als ein laues Lüftchen. Ähnliches gilt für den Anfang der 90er Jahre groß angekündigten Einstieg in das Geschäft mit Videkonferenz-Systemen ("Proshare") - ein Markt allerdings, in dem auch die etablierten Anbieter zunehmend in Schwierigkeiten kommen. Jetzt aber soll alles anders werden. Günther Jünger, Geschäftsführer der Intel Deutschland GmbH, lehnte sich jedenfalls unlängst vor Journalisten in München weit aus dem Fenster: "Nie zuvor haben wir für den Aufbau eines Geschäftsfelds soviel Geld in die Hand genommen." Allein im dritten Quartal wurden für Akquisitionen rund drei Milliarden Dollar locker gemacht.

Die Entschlossenheit der Kalifornier zeigt sich auch darin, daß sie jüngst ihre Gesamtaktivitäten in fünf Divisions neu aufgeteilt haben - mit jeweils eigener Gewinn- und Verlust-Verantwortung. Neben den herkömmlichen Units IA (Intel-Architecture), Server und Computer Enhancement Group werden im Organigramm des Unternehmens künftig auch die Network Communications Group und die gerade gegründete Communication Products Group zu finden sein. Dabei sieht die Aufgabenverteilung vor, daß die Networks-Gruppe Hardwareprodukte und Komponenten für die Internet/Netzwerk-Infrastruktur entwickelt und liefert, während die Products Group komplette Systeme bauen und verkaufen soll.

Firmen kaufen und das eigene Unternehmen restrukturieren ist aber das eine, das Ganze zu einem funktionierenden Gebilde zu formen, das andere. So tun sich die Kalifornier momentan auch schwer, ihren üppig gefüllten Einkaufskorb zu sortieren und auseinanderzudividieren. Fest steht bislang nur, daß Shiva, Level One, Netboost und Ipivot im Netzwerkbereich angesiedelt sind, während Dialogic derzeit den Kern der Products-Abteilung bildet. Interne Veränderungen sind durchaus noch möglich. Für Diebold-Berater Leonhardt ist die offenkundige Improvisation indes nicht weiter dramatisch: "Auch wenn das bei Intel derzeit alles nach einem Fleckenteppich aussieht - die Marktregeln im Internet lehren uns, schnell zu sein, nicht unbedingt eine ausformulierte Strategie zu haben, zunächst einmal so viele Felder wie möglich zu besetzen, um Präsenz zu zeigen." Mit dieser Vorgehensweise sei Intel übrigens keineswegs allein auf weiter Flur, spielt der Branchenkenner auf Netzkrösus Cisco Systems an.

Der Vergleich mit Cisco wäre zweifellos eine nähere Betrachtung wert. Zumindest hat man dort zwei Dinge, die Intel noch fehlen: Eine eigene Division, die sich um das "Beteiligungs-Management" kümmert, und man ist unumschränkter Marktführer im Netzgeschäft, kauft allenfalls interessante Technologien und Entwicklungen hinzu. Intel hingegen muß in dieses Business erst noch hineinwachsen. Somit könnte sich noch etwas anderes als verhängnisvoll erweisen: So schnell Intel derzeit kauft, soviel Zeit läßt man sich bei der Integration der Neuerwerbungen. Einzig Shiva wurde bisher voll eingegliedert. Bei allen anderen Zukäufen ist ein schrittweiser Übergang angesagt. Deutschland-Chef Jünger gibt offen zu, warum: "Wir haben in Sachen Integration keine Erfahrung. Deshalb gehen wir eher vorsichtig zu Werke." Bei Intel weiß man: Verdirbt man es sich mit den neuen Mitarbeitern, könnte den Kaliforniern genau das abhanden kommen, was sie mit ihren Einkäufen gewinnen wollten: Know-how.

Besonders die mit Level One übernommenen Spezialisten dürfte das Intel-Management pfleglich behandeln. Denn die Übernahme der 830 Mitarbeiter starken Prozessorschmiede ist für Intel quasi die Eintrittskarte in den Markt für Kommunikationschips - ein Bereich, wo man laut Jünger "ohne Wenn und Aber nach der Marktführerschaft" strebt. Mit anderen Worten: Wie im PC-Geschäft hofft Intel zumindest mittelfristig darauf, seine Prozessoren mehr oder weniger zum Weltstandard machen zu können. Einer der Hauptbestandteile von Intels "Internet Exchange Architecture", einer Plattform für die Entwicklung neuer Internet-Knotenrechner, ist der "IXP-1200"-Pozessor von Level One. Das Internet erfülle längst nicht mehr die heutigen Qualitätsanforderungen. Spätestens bis 2010 werde es daher zu zu einem intelligenteren Netz mit neuen Funktionen und Produkten kommen, so Jünger.

Doch der Wettbewerb schläft nicht. Mit Branchenprimus IBM, Förderer der kalifornischen Chipschmiede in früheren Jahren und selbst mit ausreichend Know-how und Fertigungsstätten für die Prozessorproduktion ausgestattet, wittert ein ganz Großer Morgenluft im Chipgeschehen. Anfang September enthüllten die Armonker ihre Pläne für Netzprozessoren. Sie wollen eine Reihe von Chips für den Einsatz in Switches und Routern entwickeln und fertigen. Nortel und Alcatel haben sich bereits als erste Kunden angemeldet. Beide beabsichtigen noch Ende dieses Jahres, spätestens aber im Januar, entsprechend bestückte Geräte auf den Markt zu bringen.

Das Intel-Management sieht dies aber gelassen. Schließlich nimmt man nicht nur das in Zukunft vermeintlich lukrative Geschäft mit Netzprozessoren ins Visier. Offen bekundetes Ziel ist es vielmehr, zu einem der wichtigsten Lieferanten für die eingangs erwähnte Internet-Ökonomie aufzusteigen. Also neben PCs und Servern sowie Internet-Infrastruktur auch Web-Services (zum Beispiel Application-Service-Providing) anzubieten. Hinzu kommt ein Bereich, in dem Intel schon länger ein nicht ganz unwichtiger Anbieter ist: Netzprodukte (Switches und Router) für kleine und mittelständige Unternehmen - auch wenn sich dies bis dato in der Intel-Bilanz noch nicht nennenswert niedergeschlagen hat. Das soll sich jetzt aber ändern. Laut Jünger wird konzernweit langfristig eine Umsatzverteilung angestrebt, die sich etwa so liest: "30 Prozent herkömmliche Intel-Architektur, 30 Prozent der Server-Bereich und 30 Prozent für das gesamte Netz- und Kommunikationsgeschäft." Davon ist man noch weit entfernt. In diesem Jahr rechnen die Kalifornier, die im 1998 einen Umsatz von rund 26 Milliarden Dollar erzielten, im neu definierten Netzsegment mit Einnahmen von rund einer Milliarde Dollar. Im kommenden Geschäftsjahr sollen sie allerdings bereits doppelt so hoch sein.

Reine Utopie? "Sicher braucht im Kommunikationsgeschäft noch niemand vor Intel Angst zu haben", konstatiert Diebold-Berater Leonhardt. Aber daß die Kalifornier auch dort das Zeug zur Marktmacht haben, glaubt er schon. Er gehe davon aus, daß in fünf Jahren das Kommunikationsgeschäft bei Intel "einen signifikanten Anteil ausmacht". Auch US-Analysten sind in ihren langfristigen Prognosen für Intel durchaus zuversichtlich gestimmt. Für die nächsten Quartale indes revidierten viele - quasi im Vorgriff auf sich später rechnende Investitionen - ihre Gewinnerwartungen für den Chipriesen. So ging beispielsweise auch Drew Peck von SG Cowen in einem kürzlich erschienenen Bericht des "Handelsblatts" davon aus, daß sich "eine Reihe schmerzlicher Erfahrungen" bei der Integration der Zukäufe auf den Wert der Intel-Aktie negativ auswirken könnten.

KAUFRAUSCH

Zehn Unternehmen hat Intel in diesem Jahr bereits gekauft. Den Anfang machte der Netzkomponenten-Hersteller Shiva Corp., die Intel im März für 185 Millionen Dollar übernahm. Kurz darauf verkündeten die Kalifornier ihr Interesse an dem auf Hochgeschwindigkeitsnetze spezialisierten Chiphersteller Level One - ein Kandidat der teureren Sorte. 2,3 Milliarden Dollar ließ Intel für diesen Deal, der dann letztlich im August über die Bühne ging, springen. Dazwischen füllte der Prozessorgigant das "Sommerloch" mit den Übernahmen der Firmen Dialogic, Softcom Microsystems, Netboost sowie der Ethernet-Entwicklungsabteilung von Olicom, um schließlich im Herbst mit dem Kauf der Telecom Component Products Division von Stamford sowie dem Erwerb von Ipivot und DSP Communication gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen, der Appetit sei gestillt. Als kleines Intermezzo schloß man Mitte Oktober noch einen Pakt mit Nokia. Auf Basis von Intel-Prozessoren wollen die Kalifornier zusammen mit den Finnen Set-top-Boxen entwickeln, mit denen herkömmliche TV-Geräte für den Empfang von Digital-Fernsehen sowie den Zugang zum Internet aufgerüstet werden können. Letzte Schlagzeilen in diesen Zusammenhang waren die - allerdings nur geringfügigen - Beteiligungen bei Brokat, Opticom Storage sowie Orad Hi. Für einstellige beziehungsweise kleine zweistellige Investments in Millionenhöhe erwarb man sich hier Zugang zum Know-how in Sachen E-Business, multimediale Speichertechnik sowie virtuelle Studiotechnik.

*Beate Kneuse ist freie Journalistin in München.