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30.11.2004

Intentia verpatzt Millionenprojekt

Das krisengeschüttelte schwedische Softwarehaus muss ein millionenschweres ERP-Projekt beim Modehersteller More & More rückabwickeln.

Mehr als zwei Jahre lang versuchte Intentia, eine angepasste Version seines ERP-Systems "Movex" bei der Starnberger More & More AG zu implementieren. Doch auch nach zahlreichen Nachbesserungen arbeitete die Installation nicht fehlerfrei. Der mittelständische Kunde gab frustriert auf und migrierte zurück auf ein zuvor eingesetztes Programmpaket.

Für den ohnehin krisengeschüttelten Softwarehersteller hatte das geplatzte Projekt ein juristisches Nachspiel: More & More klagte beim Landgericht München I, das am 20. Oktober 2004 ein Urteil verkündete: Die Verträge mit einem Gesamtwert von mehr als einer Million Euro sind rückabzuwickeln; Intentia muss rund 450000 Euro an den Kunden zurückzahlen. Bis Redaktionsschluss war eine Berufung noch möglich.

Wie die computerwoche erfuhr, kam es nach dem Produktivstart des ERP-Systems im Dezember 2002 zu gravierenden Funktions- und Performance-Problemen. Davon betroffen war insbesondere auch die Buchhaltung. Der Wirtschaftsprüfer verweigerte More & More deshalb zunächst das Testat für den Jahresabschluss 2002. In einem Gutachten soll ein Sachverständiger mehrere hundert Programmfehler bestätigt haben.

Jürgen Richter, Sales Director bei der Intentia Deutschland GmbH, wehrt sich gegen diese Darstellung: In Deutschland arbeiteten rund 130 Unternehmen mit der Software. "Würde dieser Vorwurf stimmen, könnte keiner von denen einen Abschluss machen. Das ist absurd." Angesprochen auf das Sachverständigengutachten, reagierte Richter gereizt: Derselbe Gutachter habe schon bei der Vorauswahl der Software für More & More mitgewirkt und Intentia dabei ein ausgesprochen gutes Zeugnis ausgestellt.

Begonnen hatte das Projekt bereits Mitte 2001. Gemäß dem Werkvertrag vom 29. Juni 2001 sollte Intentia die bis dato genutzte Branchen- und Finanzsoftware inklusive der Hardwareplattform durch eine erweiterte Version der Standardsoftware Movex ablösen. Damit verbunden war im weiteren Projektverlauf auch der Wechsel von einem IBM-AS/400-Rechner auf einen Sun-Server. Intentia hatte das ursprünglich in RPG geschriebene Movex-Paket auf die Sun-Programmiersprache Java portiert.

Trotz der langen Design- und Implementierungsphase gestaltete sich die Softwareanpassung schwierig: Den zunächst für den 1. Juli 2002 geplanten Live-Start des Systems musste das Projektteam zweimal verschieben. Als es am 9. Dezember 2002 endlich so weit ist, wird das wahre Ausmaß der Probleme deutlich: Wegen der unzureichenden Performance und Stabilität der Installation kommt es zu Abstürzen und erheblichen Verzögerungen im Geschäftsbetrieb des Modeherstellers.

Auch nach dem Start des Produktivbetriebs bessert Intentia nach, doch es treten immer neue Fehler auf. Die Migration des Movex-Systems auf einen von Intentia bereitgestellten AS/400-Server bringt nicht den gewünschten Erfolg. Nachdem der Hersteller mehrere Fristen zur Beseitigung der Mängel verstreichen lässt, wirft More & More das Handtuch und installiert eine Version der ursprünglich eingesetzten Software.

Intentia-Manager Richter macht den Kunden für das Scheitern des Projekts verantwortlich: Zwar seien auch auf Seiten Intentias Fehler gemacht worden. Hauptgrund aber sei gewesen, "dass die Organisation der Firma More & More für ein Projekt dieses Kalibers nicht vorbereitet war". Vor allem habe die Rückendeckung des Managements gefehlt. More & More will sich nicht offiziell zu dem Fall äußern.

Zumindest in einem Punkt räumt Intentia Defizite ein: Die ursprünglich gewählte Kombination von Datenbank, Hard- und Software sei für das hohe Transaktionsvolumen bei More & More nicht ausreichend gewesen, so Richter.

Java-Produkt war unreif

Man habe aus den Erfahrungen gelernt und werde die Risiken in Zukunft ausschließen. Das betreffe insbesondere die zu wählende Systemkonfiguration. Helmuth Gümbel von der Unternehmensberatung Strategy Partners sieht dagegen Probleme in der aktuellen Intentia-Software: Aus der Portierung von RPG auf Java seien "Performance- und Stabilitätsprobleme" entstanden.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Java-Version von Movex zum Zeitpunkt der Einführung bei More & More noch nicht ausgereift war. So erklärte Intentias Entwicklungschef Henrik Billgren erst vor wenigen Tagen gegenüber der computer-woche: "Heute können wir mit Java die gleiche Stabilität bieten wie beim RPG-Produkt. Vor zwölf Monaten war das nicht möglich."

Erst kürzlich kündigte Intentia-CEO Bertrand Sciard an, die Wartungsgebühren für die in RPG geschriebenen Programme drastisch zu erhöhen. Dadurch sollen Kunden zum Umstieg auf das Java-Produkt bewegt werden (siehe CW 48/04, Seite12). Gümbel beurteilt dieses Vorgehen kritisch: "Eine Sanierung auf dem Rücken des Kunden ist nie zu empfehlen."