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26.11.1993

Interesse galt den Power-PCs Comdex '93: IBM liefert sich Marketing-Duell mit Microsoft

26.11.1993

LAS VEGAS (ciw) - Auf der diesjaehrigen Herbst-Comdex sorgte neben den von Apple, IBM und Motorola vorgestellten Power-PCs auch Big Blues Betriebssystem-Billigversion "OS/2 for Windows" fuer Furore. Echte Neuigkeiten gab es auf der diesjaehrigen Herbst-Comdex in Las Vegas nur wenige. Allerdings wurde vieles von dem, was im Verlauf dieses Jahres angekuendigt worden ist, erstmals gezeigt.

Die Microsoft Corp. versucht, mit dem erst im Alphatest befindlichen Betriebssystem "Chicago", ihre Windows-Kunden bei der Stange zu halten. Waehrenddessen trachtet Big Blues Division Personal Software Products (PSP) danach, die Anwender mit OS/2 for Windows ins blaue Lager hinueberzuziehen.

Zur Zeit sammelt IBM Punkte im Kampf um den Desktop-Markt. Denn anders als Chicago, das erst fuer den Sommer naechsten Jahres erwartet wird, ist das auch unter dem Codenamen "Ferengi" bekannte OS/2 for Windows schon verfuegbar. Dem Chef der PSP, Lee Reiswig, zufolge, zielt das Produkt auf die Millionen von Windows- Anwendern, "die heute ein stabiles 32-Bit-Betriebssystem wollen, das Multitasking-faehig ist und unter dem sie ihre Windows- und DOS-Applikationen besser fahren koennen als mit dem jeweiligen Original-Betriebssystem". Eigenschaften, die Microsoft erst mit Chicago bieten werde.

In den USA wird das Billig-OS/2 bereits ausgeliefert - zu einem Einfuehrungspreis von 49 Dollar -, und in Europa soll es im Januar 1994 auf dem Markt erscheinen. Das Betriebssystem ist nicht zuletzt deshalb so preiswert, weil es weder MS-DOS- noch Windows- Code enthaelt, sondern darauf aufsetzt. Folglich muss Big Blue keine Lizenzgebuehren an Microsoft bezahlen.

Auf die Frage, ob das Produkt nicht den Verkauf von OS/2, Version 2.1 kannibalisiere, erklaerte Reiswig mit Blick auf die Millionen von Windows-Installationen: "Nein. Es eroeffnet uns neue Moeglichkeiten, Geschaefte zu machen." Da IBM Marktanteile hinzugewinnen wolle, "muessen wir billig sein oder das Produkt verschenken. OS/2 for Windows fuer 49 Dollar zu verkaufen ist verrueckt, aber wir muessen den Marktanteil vergroessern", betonte er.

NT-Applikationen waren kaum zu sehen

Allerdings sieht er die Eroberung des Betriebssystem-Marktes nur als Mittel zum Zweck: "Betriebssysteme sind Commodity-Produkte, Geld wird mit zusaetzlichen Leistungen wie Multimedia-Tools, dem LAN-Server und anderen systemnahen Softwareprodukten verdient."

Obwohl sich die IBM mit allen Mitteln bemueht, Windows-Anwender zu gewinnen, gab sich Microsoft-Chef Bill Gates in seiner Comdex-Rede sehr zuversichtlich. Von den schaetzungsweise im Einsatz befindlichen 50 Millionen 32-Bit-PCs arbeiteten seiner Meinung nach 40 Millionen unter Windows: "Das ist ein Fundament, auf dem wir aufbauen koennen." Die Chicago-Konkurrenz OS/2 for Windows nahm Gates in seiner CEO-Perspective-Rede nicht zur Kenntnis.

Der Microsoft-Frontmann nutzte die Veranstaltung, die rund 5000 Besucher anzog, um das Softwarepaket Office 4.0 eingehend vorzustellen. Ausserdem lobte er die Eigenschaften von "Windows at Work" und liess die Versammelten, die zuvor in langen Schlangen geduldig auf Einlass gewartet hatten, einen ersten Blick auf die Oberflaeche von Chicago werfen. Einige Zuschauer erkannten darin IBMs OS/2 wiederer und andere sahen eine grosse Aehnlichkeit mit Apples System 7.

Besonders angetan zeigten sich die Microsoft-Fans, als Gates zeigte, dass die Chicago-GUI die Programm- und File-Manager aus Windows 3.1 zu einem einzigen Manager kombiniert hat.

Das wahrscheinlich zum zweiten Halbjahr 1994 verfuegbare Chicago werde Multitasking-faehig sein, 32-Bit-Verarbeitung bieten und mit 4 MB Hauptspeicher auskommen, erlaeuterte Gates.

In bezug auf Windows NT gab sich der Microsoft-Mann verwundert darueber, dass einige Medien von einem langsamen Start des Systems sprechen. Das sei falsch, NT erfreue sich in weiten Teilen des Marktes grosser Beliebtheit. Ausserdem, so Gates weiter, sei Microsoft die langsame Akzeptanzzunahme bei Betriebssystemen gewoehnt.

In den Messehallen waren allerdings nur wenige NT-Applikationen zu bewundern, lediglich einzelne Entwicklungs-Tools waren zu sehen. Dafuer zeigte jedoch Microsoft-Konkurrent IBM eine auf dem Power-PC ablauffaehige NT-Portierung. Damit laufen auf den neuen RISC- Rechnern die Betriebssysteme AIX, Sun Solaris, NT und das von IBM angekuendigte Workplace OS im Native-Mode und OS/2, DOS und Windows als Emulation. Ausserdem bietet Apple auf seinem Power-PC natuerlich das eigene Betriebssystem an. Ob System 7 nun in Lizenz vergeben wird, war auch auf der Comdex nicht eindeutig in Erfahrung zu bringen. Geruechten zufolge sind jedoch Compaq, NEC, Sharp und Toshiba USA an dem Mac-Betriebssystem interessiert.

"Diese Industrie hat noch einen weiten Weg vor sich, bis sie es geschafft hat, Information leicht benutzbar zu machen", bedauerte Gates in seiner Rede. Die Richtigkeit dieser Einschaetzung konnten auch die gezeigten Usability-Verbesserungen bei den Produkten von Softwarehaeusern wie Borland, Wordperfect, Lotus und Microsoft nicht widerlegen.

Der Microsoft-Chef verwies mit ueberraschender Bescheidenheit auf die geringe Groesse seines Unternehmens. In der Rangliste der amerikanischen DV-Hersteller nehme Microsoft nur den 20. Rang ein. Allerdings arbeite man mit fast allen grossen Herstellern sehr eng zusammen. Nur Sun Microsystems mache "Witze ueber Microsoft, aber vielleicht arbeiten wir in Zukunft auch mit diesem Unternehmen", sagte Gates weiter. Mit diesem Satz bezog er sich auf die CEO- Perspective-Rede, die Sun-Chef Scott McNealy am Vortag gehalten hatte. Darin setzte sich McNealy pointiert mit dem proprietaeren Ansatz der Redmonder auseinander.

"Wenn ich die Rechte an der englischen Sprache besaesse und Sie 249 Dollar Lizenzgebuehren zahlen muessten, um Englisch 1.0 zu sprechen, wuerden Sie vor Wut kochen. Die Leute wollen keine Steuern mehr an eine kleine Firma in Washington bezahlen", erklaerte McNealy beispielsweise seinem Publikum. Er haelt offene Systeme sowohl im Software- als auch im Hardwaresektor fuer unvermeidlich.

Deshalb muesse auch Microsoft, wenn es im professionellen Softwarebereich bleiben wolle, die COSE-Spezifikationen akzeptieren und seine Systeme entsprechend ausstatten. Andernfalls koennten Anwendungsunternehmen nicht bei miteinander konkurrierenden Herstellern einkaufen, sondern nur bei Microsoft. "In dem Fall kann man den Chef der Einkaufsabteilung getrost entlassen", so McNealy. Er sagte auch voraus, dass Microsoft es bald zu langweilig finden werde, "Run-your Business"-Software zu verkaufen. Statt dessen wuerde die Gates-Company sich auf den Entertainment- und Heimanwendermarkt konzentrieren. "Immerhin sind Sega und Nintendo die geschlossensten Systeme der Welt", sagte er. Allerdings haetten die Unix-Hersteller Windows NT auch viel zu verdanken, weil es nun anstelle von Unix den Rang des "neuen und ungetesteten" Betriebssystems eingenommen habe, fuhr McNealy fort.

Auch gegen die von Apple-Chairman Michael Spindler verbreitete Multitasking-Strategie zog der Sun-Chef zu Felde: "Wow, jetzt kann man also auch auf dem PC zwei Dinge zur gleichen Zeit machen. Wir machen das bereits seit 1987."

Die PC- und Desktop-Welt bezeichnete McNealy als Teil der ersten Computerisierungswelle, die noch stark mit Host-basierter Datenverarbeitung zusammenhaenge. Schliesslich wuerden PCs nicht selten als Terminals eingesetzt, auf denen nur optional lokale Software gefahren werden koenne. Die naechste Stufe der Informationsverarbeitung sei das Peer-Computing, in dem jeder Rechner in einem Verbund direkt mit einem anderen kommunizieren koenne.

Denen, die glauben, der Mainframe sei nicht tot, hielt McNealy entgegen: "Der Mainframe ist tot, aber es dauert noch 15 Jahre, um die Leiche zu beerdigen". Wer heute noch einen Grossrechner kaufe, verhalte sich aehnlich unsinnig wie jemand, der noch neue Dampflokomotiven erwerben wolle.

Apple-Chef Spindler hielt auf der diesjaehrigen Comdex, die mit ueber 2000 Ausstellern und etwa 170 000 erwarteten Besuchern rekordverdaechtig war, die Eroeffnungsrede. Er sieht kuenftig auf jedem Schreibtisch eine RISC-Maschine und einen Apple-Newton in jeder Tasche. Der CEO versprach allerdings auch, dass sich Apples Preispolitik aendern werde. "Wir lassen uns nie wieder Technologie mit einem Preisaufschlag bezahlen. Wir werden Technik benutzen, um Volumen zu generieren und um das beste Preis-Leistungs-Verhaeltnis bieten zu koennen. Das verspreche ich: Unsere Rechner werden mehr leisten, weniger kosten, sich einpassen und einzigartig sein." Spindler will RISC als die verbreitetste Desktop-Umgebung etablieren.