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05.08.1983

Internationaler Technologietransfer: Verwestlichung ist nicht unbedingt die Folge

Heute stehen auf dem Weltmarkt einige japanische Produkte erfolgreich da. Sie konkurrieren gegen die Produkte anderer Industrieländer nicht mehr wegen des billigen Preises, sondern durchaus wegen der Qualität, vor allem wegen der Fertigungsqualität und der neuen technischen Ideen. Bei solchen Produkten kann man erst recht sehen, daß die Technologieübernahme von Europa bewiesenermaßen erfolgreich gewesen ist. Hinter diesen Erfolgen stecken jedoch kreative Innovationen, deren soziokulturelle Infrastruktur hauptsächlich auf Faktoren aufgebaut sind, die man aus der traditionellen japanischen Gesellschaftsordnung zurückgewonnen hat.

Bewußte Reaktivierung der Vergangenheit

Diese Art der neuen Organisationsführung in den japanischen Betrieben ist nicht einfach ein Überbleibsel aus der vorindustriellen Zeit, sondern es handelt sich um eine bewußte Reaktivierung aus der Vergangenheit, also durchaus gezieltes, bewußtes Verhalten.

Auf diese Weise stellen die Arbeit - ich meine die Arbeit mit aller Betonung in europäischer Hinsicht - und das Leben in Japan keineswegs getrennte, gegensätzliche, verschiedene Welten dar, sondern die Arbeit kann gleichzeitig Leben und das Leben kann gleichzeitig Arbeit bedeuten. So kam es auch dazu, daß man in der Betriebsorganisation die bestehenden Unterschiede in Rangordnung und Funktion nicht mehr so streng gehandhabt hat wie heute noch in europäischen Fabriken, so daß man in japanischen Betriebsorganisationen mehr Flexibilität, mehr Freiheit hat, und zwar vom untersten Mitarbeiter an, der sogar wichtige technische Verbesserungsvorschläge einreichen kann.

Das ist sicherlich ein Ergebnis der rein japanisch erdachten strategischen Organisationsformen. Im möchte noch einmal betonen, daß derartige traditionell erscheinende typisch japanische Zuge eines japanischen Unternehmens in vielen Fällen nicht einfach ein Relikt aus der Vergangenheit darstellt, sondern umgekehrt eine strategische Entwicklung mit dem Ziel, aus intellektuell technologischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten herauszukommen und einen technologischen Durchbruch unter eigener Idee zu erreichen.

Ein Beispiel: Ich erwähnte vorhin die Fertigungsqualität als ein Konkurrenzmoment bei bestimmten japanischen Produkten. Das setzt voraus, daß man eine perfekte Qualitätskontrolle in den Produktionsstätten durchführt. Diese Qualitätskontrolle läßt sich nur dann ausreichend realisieren wenn sich alle Mitarbeiter nicht als "atomare Aggregate" einer Fabrik verstehen,

sondern sich dabei gemeinsam bemühen. Um das zu erreichen, hat man in den japanischen Fabriken sogar die vorindustriellen gemeinschaftlichen Organisationsmethoden wieder reaktiviert, so daß man die Belegschaft nun als eine Gemeinschaft umbilden kann.

So ist Japan heute zwar industrieller und wirtschaftlicher Partner und Konkurrent für europäische Länder geworden, trotzdem bleibt das Land für Europa vielfach unverständlich, wechselhaft und undurchschaubar.

Manche Wirtschaftspräsidenten aus dem Westen, die in den Prozeß der industriellen Entwicklung in Japan keine angemessene Einsicht besitzen, haben die in Japan geschaffene Koppelung von europäischen und japanischen Elementen zu einem neuen strategischen Mittel vielfach als japanische Non-Tarif-Barrier (NTB) im Verdacht. So haben einige Repräsentanten gesagt, die Existenz von großen General Trading Companies sei ein Paradebeispiel für eine Non-Tarif-Barrier. Wegen der Existenz solcher Firmen könnten europäische Firmen keinen guten Erfolg in Japan haben. Die anderen haben gesagt: Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in Japan ist eine NTB. Andere sagten, die Firmenstruktur, die sich von der Struktur europäischer Firmen unterscheide, sei eine NTB. Wieder andere haben gesagt, daß die Beziehung zwischen Banken und Unternehmen unter sich, die typisch japanisch ist, auch eine weitere Non-Tarif-Barrier sei.

Notwendig ist eine neue Optik

Wenn es darum geht, etwas zu betrachten, hängt das immer von zwei Faktoren ab, nämlich einmal von dem Gegenstand der Betrachtung und von dem Mittel der Betrachtung, nämlich der Optik. Und wenn sich der Gegenstand verändert, müssen wir dementsprechend eine neue Optik auflegen.

Was über Japan gesagt wurde, gilt auch für die Entwicklung von anderen nicht-westlichen Ländern. Das gilt auch, wenn ein nicht-westliches Land seine Struktur verändert von sich aus neue organisatorische und technologische Innovationen entwickelt und seinen Standort und seine Funktionen ändert. Wir müssen uns eine dementsprechende neue Optik auferlegen, damit wir das Phänomen genau und exakt betrachten können.

Japan wird nicht das einzige Beispiel bleiben, man spricht heute vielfach davon, daß zum Beispiel Südkorea, Taiwan oder Singapur auf dem Wege zu einer vollen industriellen Entwicklung sind, auch bei Mexiko und Brasilien ist diese Tendenz zu beobachten. Was würde geschehen, wenn Europa eines Tages diesen Block der traditionellen, kulturell gar nicht westlichen Länder als vollendete Industriemächte vor sich hätte, zu denen es in seiner Denk- und Empfindungsweise historisch bis jetzt keinen Zugang gehabt hat, und wenn diese nicht-westlichen Industrieländer als neue Konkurrenten und Partner an Europa herantreten würden.?

Yasusada Yawata ist Associate Professor an der Nihon Universität, Tokura. Der Kommentar ist ein Auszug eines Vortrages, den Yawata auf dem Kongreß "Zukunftschancen eines Industrielandes" am 14./15. Dezember 1982 in Stuttgart gehalten hat.