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05.07.1996 - 

Sind Netscape, Yahoo & Co. hoffnungslos überbewertet?

Internet-Aktien: Big Deal oder Flop für die Anleger

Die beiden Erfolgsstories sind bekannt und immer noch in aller Munde: Als die Aktien des WWW-Browser-Spezialisten Netscape im August 1995 an der US-Computerbörse Nasdaq eingeführt wurden, sollte das Papier 29 Dollar kosten. Innerhalb weniger Stunden war der Kurs bei 75 Dollar und damit dem Zweieinhalbfachen des Einführungswertes angelangt. Und als im April dieses Jahres die Anbieter des Internet-Suchdienstes Yahoo pünktlich zu ihrem zweijährigen Firmenjubiläum das "Going Public" wagten, konnte für die Aktie der gleichnamigen Company nach Börsenschluß ein Ersttagsgewinn von mehr als 150 Prozent verbucht werden.

Beispiele wie diese, wenn auch von weniger bekannten Firmen, ließen sich mühelos fortsetzen - etwa der Softwarehersteller Lycos, der ebenfalls "Suchmaschinen" anbietet, oder der in Internet-Kreisen fast schon als konservativer Tip gehandelte TCP/IP-Spezialist FTP Software. Bekannt ist allerdings auch die Kehrseite der Medaille: Oft genug klaffen, wie "Die Woche" unlängst die Hysterie der Cyberspace-Börsianer kommentierte, Realität und Spekulation weit auseinander - die Anleger investieren im wahrsten Sinne des Wortes in virtuelle Geschäfte.

Dies offenbar auch unbeeindruckt von den wenigen Tatsachen, die bis dato verifizierbar sind. So steckt etwa Yahoo, Börsenwert derzeit mehr als 700 Millionen Dollar, tief in den roten Zahlen - bei einem im übrigen mehr als bescheidenem Umsatz von 3,4 Millionen Dollar. Reich geworden sind, wie objektive Kenner der Szene spotten, nur die beiden Firmengründer Jerry Yang und David Filo, auch wenn Yahoo-President Tim Coogle kürzlich in einem CW-Interview seine Company als eines der in Zukunft führenden Internet-Unternehmen einordnete. Ähnliches gilt für den anderen "Shooting-Star": Netscape schloß das Geschäftsjahr 1995 mit einem Verlust von mehr als drei Millionen Dollar ab.

Aktien von Internet-Firmen sind eine Risiko-Anlage - an und für sich eine Binsenweisheit, deren Tragweite aber nach Ansicht vieler Experten vor allem die zahlreichen Kleininvestoren noch zu spüren bekommen werden. Auch der Münchner Vermögensberater Arnd Wolpers ist angesichts der "Internetmania" bei den Börsianern irritiert. Zum einen werde, so Wolpers, bei vielen Neuemissionen durch eine künstliche Verknappung der Tranchen-Volumina die Hysterie noch angeheizt, zum anderen tummelten sich auf dem Börsenparkett zum Teil auch "die falschen Leute". Will heißen: Kleinanleger, die auf Dauer nicht die finanzielle Kraft haben, um ihr Portfolio mit solchen Risikowerten zu belasten und aller Voraussicht nach ihr Engagement in Internet-Aktien buchstäblich teuer bezahlen werden.

Immer noch basieren die vielfach explosionsartig nach oben schießenden Kursgewinne von Internet-Aktien auf der Hoffnung, daß sich mit der "Mutter aller Netze" das von vielen erhoffte neue, weltweite Wirtschaftswunder einstellt. Eine Prognose allerdings, die mittlerweile durch immer mehr nachdenklichere Einschätzungen des künftigen Cyberspace-Szenarios relativiert wird. So ist beispielsweise das neue Geschäftsfeld Electronic Commerce, auch Online-Shopping genannt, bereits ins Gerede gekommen. Zwar schwadronieren weltweite Marktprognosen für das Jahr 2000 immer noch von Umsätzen bis zu 200 Milliarden Dollar - gleichzeitig fürchten aber immer mehr Zeitgenossen, daß der ebenfalls zu beobachtende Trend zum "Erlebniseinkauf" so manche Online-Luftschlösser zum Einsturz bringen wird.

Wie also soll sich der Anleger verhalten? Der Internet-Markt ist, so Wolpers, so zu betrachten, wie er wirklich ist: diffus und mit ungewissen Perspektiven. Für den Börsenprofi heißt es daher, in zweierlei Hinsicht zu diversifizieren, nämlich bei der Menge von Internet-Aktien im Portfolio und bei den Firmen, in die investiert wird.

Morgan Stanley warnt vor Euphorie und Skepsis

Ähnlich sehen es auch die Broker der US-Kapitalanlagegesellschaft Morgan Stanley, die in einer kürzlich (auch im Internet) veröffentlichten Analyse vor zuviel Euphorie, aber auch Skepsis bei Internet-Aktien warnten.

Man müsse im Zusammenhang mit der Internet-Euphorie schon aufpassen, daß sich nicht ähnliches wie beim PC-Boom Anfang der 80er Jahre wiederholt, heißt es da - verbunden mit der durchaus beeindruckenden Auskunft, daß von den 1981 an der Nasdaq gehandelten Top-100-PC-Unternehmen heute noch ganze 17 börsennotiert und damit nicht wie der Rest von der Bildfläche verschwunden sind.

Ansonsten geben sich die Börsenprofis in Sachen World Wide Web verhalten optimistisch. Zumindest institutionelle Anleger kämen um ein Engagement bei Internet-Firmen auf keinen Fall herum, wenn es die richtigen sind.

Cisco und AT&T gelten als seriöse Empfehlung

Und die heißen Morgan Stanley, aber auch anderen Anlage-Experten zufolge nicht unbedingt Netscape und Yahoo, sondern eher Microsoft, Sun, vor allem aber auch klassische Networking-Firmen wie Cisco Systems, ohne deren (Internetworking-)Equipment auch in Sachen Internet-Nutzung nicht viel laufen wird. Die künftige Rolle klassischer Online-Service-Provider wie Compuserve und America Online (AOL) wird indes in der Analyse eher skeptisch beurteilt.

Nicht umsonst sei der Kurs der AOL-Aktie seit Anfang Mai um mehr als 40 Prozent in den Keller gestürzt, heißt es. Hier dürfte sich, so Morgan Stanley, aber auch andere Experten, der Druck großer internationaler Carrier wie AT&T, die mit Dumping-Angeboten für Internet-Zugänge quasi in letzter Sekunde auf den WWW-Zug aufgesprungen sind, noch verstärken, was letztlich auch die großen Telefongesellschaften wieder zu interessanten Titeln macht.