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16.06.2000 - 

Gateway und AOL setzen auf Transmeta-CPUs und Linux

Internet-Appliances nehmen neuen Anlauf

MÜNCHEN (ba) - Internet-Appliances sollen den PC als klassisches Zugangsgerät zum World Wide Web ablösen. Dieses Ziel visieren AOL und Gateway mit einem Rechner auf Basis von Transmetas "Crusoe"-CPU und Linux an. Doch der Enthusiasmus der Hersteller und Analysten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Markt mit Problemen kämpft. So haben die Anbieter noch nicht herausgefunden, welchen Gerätetyp die Kunden wollen.

"Wir wollen das Leben ein wenig leichter machen." Mit dieser ebenso einfachen wie banalen Botschaft schickt Gateway-CEO Jeffrey Weitzen die neuen Internet Appliances ins Rennen. "Wenn ich ein Kochrezept brauche, kann ich es per Knopfdruck über mein Internet-Terminal aus dem Netz herunterladen", führt der Chef des Direktanbieters als Beispiel an.

Steve Case, Boss des Gateway-Verbündeten AOL in Sachen Internet-Appliances, argumentiert sozialpolitisch: "Es ist wichtig, auch den ärmeren Bevölkerungsschichten einen Zugang zum Internet zu ermöglichen." Bislang hätten nur zehn Prozent der Haushalte mit einem geringen Einkommen in den USA einen Netzanschluss. In den begüterten Schichten seien es dagegen über 75 Prozent. Dieses Missverhältnis könnte durch neue Angebote ausgeglichener gestaltet werden.

AOL und Gateway haben Anfang Juni den Prototypen ihres gemeinsam entwickelten Internet-Appliance vorgestellt, der die Vorherrschaft des PCs beim Zugang ins Netz brechen soll (siehe CW 23/00 Seite 1). Über die technischen Details des speziell für den Internet-Zugang ausgelegten Gerätes gibt es bislang nur wenige Informationen. Einzig die CPU und das Betriebssystem stehen fest. So setzt Gateway auf Crusoe-Prozessoren der Firma Transmeta. Als Betriebssystem wird das von der gleichen Firma entwickelte "Mobile Linux" zum Einsatz kommen. Dahinter steckt Linux-Vater Linus Thorvalds, der seit letztem Jahr auf der Gehaltsliste Transmetas steht.

Die Erwartungen der Appliance-Protagonisten sind hoch gesteckt. Peter Ashkin, Chief Technology Officer (CTO) bei Gateway, prophezeit, dass seine Firma bereits im nächsten Jahr Hunderttausende dieser Geräte verkaufen werde. Die ersten Rechner werden nach Aussage der Gateway-Verantwortlichen im vierten Quartal 2000 auf den Markt kommen. Mit diesem Termin könnte der in San Diego ansässige Direktanbieter noch mit Gewinnen aus dem lukrativen Weihnachtsgeschäft kalkulieren.

Der Vertrieb der Internet-Appliances wird über Gateways Country-Stores und Direktangebote im Netz laufen, erklärt ein Firmensprecher. AOL plant, die Geräte seinen über 22 Millionen Kunden weltweit ebenfalls online anzubieten. Nach Einschätzung von Insidern werden die Preise je nach Ausstattung bei maximal 500 Dollar liegen. Weder Gateway noch AOL konnten bislang Informationen über eine Vermarktungsstrategie für Deutschland liefern. Daran werde momentan noch gearbeitet.

Doch das Online-Verkaufskonzept hat auch einen Pferdefuß. Wer online gehen kann, besitzt bereits ein entsprechendes Zugangsgerät, in den meisten Fällen einen PC. Bei dieser Klientel ist zweifelhaft, ob sie sich einen zusätzlichen, rein auf den Internet-Zugang beschränkten Zweitrechner anschafft. Potenzielle Kunden, die bislang keinen Internet-Account besitzen, können hingegen nicht via Online-Angebot angesprochen werden. Für diese Hauptzielgruppe werden sich die Anbieter deshalb Partner oder andere Konzepte suchen müssen.

Viele Hersteller springen auf den Appliance-Zug aufDie Allianz zwischen AOL und Gateway hat dem Konzept der Internet-Appliances zu neuem Schwung verholfen. Immer mehr Hersteller ziehen nach. Auf der Computermesse Computex, die Anfang Juni im taiwanischen Taipeh stattfand, zeigten verschiedene Hersteller aus Fernost neue Produkte. First International Computer (Fic), eigentlich ein Spezialist für Hauptplatinen, präsentierte sein "Aqua Web Pad", das wie das Gateway-Gerät mit einem Crusoe-Chip von Transmeta rechnet. Beim Betriebssystem setzt Fic ebenfalls auf Linux. Der Preis werde zwischen 600 und 700 Dollar liegen, erklärte Julia Kuo, Produkt-Managerin bei Fic. Die Volumenproduktion soll im November dieses Jahres starten.

Die Firma Proview stellte in Taiwan ein All-in-one-Gerät vor, das mit einem Chip von National Semiconductor sowie einem herkömmlichen Röhrenbildschirm auf den Markt kommen soll. Auch Proview baut auf Linux als Betriebssystem. Die Kosten betragen bei der Variante ohne Festplatte 300 Dollar, mit Festplatte sind 500 Dollar fällig.

Die Analysten glauben an die Zukunft der Internet-Appliances. Nach Einschätzung der International Data Corp. werden die Anbieter im Jahr 2004 etwa 89 Millionen Geräte weltweit verkaufen. 1999 waren es elf Millionen. Damit wurde allerdings die ein Jahr zuvor prognostizierte Zahl von 13 Millionen verkauften Geräten deutlich verfehlt. Der Umsatz werde laut den Auguren von 2,4 Milliarden Dollar im letzten Jahr auf 17,8 Milliarden Dollar 2004 steigen.

Betrachtet man jedoch die Basis der IDC-Analyse, erscheint die Zukunft dieser Geräteklasse in einem diffuseren Licht. Die Autoren fassen in der Kategorie Internet-Appliances die unterschiedlichsten Gerätetypen zusammen: Settop-Boxen, Handhelds und Spielekonsolen. Angesichts des Booms bei Spielekonsolen und Handhelds muss man sich fragen, wie groß das Wachstum bei den Appliances wirklich ist. Die Auguren können oder wollen diese Frage nicht beantworten.

Auch die Marktforscher der Gartner Group legen sich nicht eindeutig fest. Basis ihrer Einschätzung ist, dass der Internet-Boom die nächsten Jahre ungebrochen andauern werde. Demzufolge würden sich auch die entsprechenden Zugangsgeräte in den folgenden Jahren gut verkaufen, erklärt Gartner-Analyst Tom Austin. Welche Geräte das sein werden, sei allerdings unklar. Das Spektrum reicht vom klassischen PC über Handheld-Rechner bis zum Handy. Dazwischen gebe es laut Austin eine Vielzahl verschiedener Geräteklassen, deren Entwicklung auf dem Markt nur schwer vorhergesagt werden könne.

Austin glaubt, dass bis 2004 die Nicht-PC-Geräte die klassischen Desktop-Rechner als typische Zugangsgeräte zum Internet überholt haben werden. Gute Chancen räumt der Marktforscher den Spielekonsolen ein. Hersteller wie zum Beispiel Sony arbeiten daran, ihre Konsolen mit Internet-Funktionen auszurüsten.

Doch in die Lobeshymnen auf das Geschäft mit den Internet-Appliances mischen sich auch kritische Töne. Der Preiskampf, der im PC-Business seit Jahren tobt und den Herstellern zu schaffen macht, trifft auch den Appliance-Markt. Um gegen das herkömmliche PC-Modell bestehen zu können, muss die neue Geräteklasse bei den Kosten Vorteile gegenüber den Desktop-Rechnern bieten. Diese Forderung können angesichts der Preise von 500 Dollar und mehr allerdings die wenigsten Hersteller erfüllen. Problematisch sind vor allem die hohen Display-Preise, die die Kosten für die Geräte in die Höhe treiben: Ein Zehn-Zoll-Display kostet augenblicklich etwa 250 Dollar. Für ein Thin-Film-Transistor-(TFT-)Display mit 13 Zoll müssen die Hersteller 500 Dollar auf den Tisch legen.

Die Preise der meisten Geräte liegen etwa auf dem Niveau von Billig-PCs, zum Teil sogar darüber. Damit stecken die Hersteller in der Zwickmühle: Auf der einen Seite möchten sie Designgeräte anbieten, die nicht unbedingt im Arbeitszimmer versteckt werden müssen, auf der anderen Seite müssen sie günstiger sein als die PC-Konkurrenz. Ein Spagat, den die meisten Anbieter noch nicht schaffen.

Auch die Frage, wie die Appliances am besten vermarktet werden können, bereitet den Managern noch Kopfzerbrechen. Zwar gebe es von der technischen Seite der Geräte her bis auf wenige Details kaum noch Probleme, erklärt James Lin, Marketing-Manager bei Quanta-Computer. Aber auf welchem Weg man die Geräte am besten an den Mann bringe, dafür existiere bislang kein Patentrezept.

Michael Schönrock, Geschäftsführer der deutschen Gateway-Niederlassung, definiert die Vermarktungsfrage als entscheidenden Erfolgsfaktor. Allerdings liege darin auch der Reiz des neuen Geschäfts. Während der PC-Markt kaum noch neue Gestaltungsmöglichkeiten zulässt, könnten sich die Anbieter den Markt für die Internet-Appliances selbst definieren. Wichtig sei dabei vor allem der Inhalt, der über die Geräte angeboten werde. Laut Schönrock sollten die Kunden das Internet-Angebot persönlich konfigurieren können.

Bis erfolgreiche Produkte auf dem Markt erscheinen werden, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen, glaubt IDC-Analyst Kevin Hause. Nach seiner Einschätzung stecken die Hersteller noch in der Experimentierphase. Eine Vielzahl unterschiedlicher Geräte werden auf dem Markt auftauchen. Allerdings dürfte davon nur eine Handvoll Erfolg haben. Wichtig sei es, ein attraktives Servicemodell rund um das Gerät anzubieten. "Auf die richtige Mischung aus Services und Preis wird es ankommen", prophezeit Hause.

Intel und Microsoft reagieren gelassen auf die neuen Appliances. Ihr gemeinsamer Schlachtruf: Der PC ist nicht tot. Nach Ansicht von Pat Gelsinger, Senior Vice President der Prozessorschmiede, werden rechenstarke PCs auch in Zukunft gefragt sein. Leistungshungrige Applikationen oder breitbandige Internet-Zugänge erforderten schnelle Prozessoren, um das steigende Datenaufkommen zu bewältigen.

Easy-PC-Initiative für einfache BedienungDaneben versucht Intel mit seiner Easy-PC-Initiative, der Hauptforderung der Appliance-Gemeinde nach einfacher Bedienung gerecht zu werden. Dabei weiß der Chiphersteller die Phalanx der großen PC-Anbieter hinter sich. Dell, Compaq, HP und IBM haben im Verlauf des vergangenen Jahres so genannte Information-Appliances (IAs) vorgestellt. Rechner wie Compaqs "Ipaq" präsentieren sich im hübschen Design und versprechen den Benutzern einfache Bedienung. Hinter der gefälligen Fassade findet sich jedoch das altbekannte PC-Schema. Mit Windows und einer Standard-PC-Architektur hat sich gegenüber den herkömmlichen Rechnermodellen kaum etwas verändert.

Auch die Verantwortlichen bei Microsoft versuchen, Gelassenheit zu verbreiten. Zum einen werde der PC auch in Zukunft eine wichtige Computing-Plattform bleiben. Zum anderen sei Microsoft in der Lage, auch andere Nicht-PC-Plattformen mit geeigneten Betriebssystemen zu versorgen, erklärte Chefentwickler Bill Gates vor kurzem. Die alles entscheidende Frage wird jedoch sein, welche Preis- und Lizenzpolitik Microsoft im Appliance-Geschäft verfolgen wird. In einem Markt, in dem die Gerätehersteller jede Möglichkeit nutzen müssen, um Kosten einzusparen, liegen die Trümpfe ganz klar beim Open-Source-System Linux.

Compaq macht''s vorPC-Hersteller Compaq zeigt, wie die Internet-Appliances vermarktet werden könnten. Die Firma Stay Connect Inc. plant, 3700 US-amerikanische Hotels mit "Ipaq"-Rechnern auszustatten. Das bedeutet, dass bis Ende 2001 in etwa 50000 Hotelzimmern ein texanischer Designrechner stehen wird. Damit stünden den Hotelgästen neben den Internet-Diensten auch Büroanwendungen wie Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation zur Verfügung, erklärt Compaq-Manager Mike Winkler.

Gerüchten zufolge plant Compaq neben PC-ähnlichen Geräten wie dem Ipaq auch dedizierte Internet-Appliances. Laut Insiderberichten wird der Rechner mit dem Betriebssystem "Be-OS" von Be Inc. laufen, das der PC-Hersteller aus Houston im letzten Dezember in Lizenz genommen hat. Compaq wollte diese Spekulationen bislang nicht kommentieren.