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16.10.1998 - 

Hintergründe des neuen Aktienfiebers im World Wide Web

Internet-Broker wirbeln die Wall Street durcheinander

Seit geraumer Zeit ist von den vermeintlichen Milliardenumsätzen im kommenden Electronic-Commerce-Zeitalter die Rede. Jedenfalls in den Prognosen der einschlägigen Hersteller und Marktforscher, während es in der Realität (meistens) noch anders aussieht. Jenseits aller Euphorie um die digitalen Zukunftsmärkte hat sich aber längst ein Geschäftszweig im Internet etabliert, der bisher in der Branche nur unzureichend wahrgenommen wurde: Der Online-Handel mit Aktien und anderen Wertpapieren, der sich zu einem der momentan interessantesten und vor allem lukrativsten Services im World Wide Web zu entwickeln scheint.

So haben Privatanleger in den Vereinigten Staaten im ersten Halbjahr 1998 bereits 22 Prozent ihrer Börsenaufträge über das Internet abgewickelt. Bis Jahresende dürfte dieser Wert nach einer Studie der US-Investmentbank Piper Jaffray auf knapp 30 Prozent ansteigen. Mehr als 4,9 Millionen Online-Wertpapierkonten waren demnach bis Ende Juni in den USA registriert; die Zahl entsprechender Geschäftsabschlüsse betrug im zweiten Quartal im Tagesdurchschnitt 227800. Diese Zahlen haben längst auch die klassischen Auguren "inspiriert". Forrester Research rechnet beispielsweise bis zum Jahr 2003 allein in Nordamerika mit mehr als 14 Millionen Internet-Wertpapierdepots.

Nicht umsonst herrscht seit geraumer Zeit Katzenjammer unter den etablierten Brokern an der Wall Street. Wertpapierhandelsfirmen wie Merrill Lynch, Morgan Stanley oder Goldman Sachs, die bisher im Verein mit klassischen Geschäftsbanken den Aktienhandel an der New York Stock Exchange (NYSE) und der Nasdaq kontrollierten, sehen sich neuer Konkurrenz im Internet ausgesetzt.

Eine Tatsache, die durch eine von besagten Geldhäusern selbst bei Ernst & Young in Auftrag gegebene Untersuchung untermauert wird. Demnach verfügt, statistisch betrachtet, nur ein Prozent von mehr als 100 befragten Wertpapierhandels-Gesellschaften und Großbanken in den USA über einen Internet-Auftritt, der, so die Consultants, "den Anspruch, das Internet als wichtigste Vertriebs- und Handelsplattform zu benutzen, überzeugend dokumentiert".

Der Trend zum Aktienhandel im Internet läßt sich aber auch an den Geschäftzahlen der Web-Herausforderer ablesen. So sie denn überhaupt welche sind. Denn neben neugegründeten Cyberspace-Wertpapierhändlern wie DLJ direct oder Trading Direct sind es vor allem längst etablierte Firmen wie Fidelity Investments oder Charles Schwab aus der sogenannten Discount-Broker-Szene der USA, die momentan den Ton angeben. Anbieter also, die mit einem reduzierten Dienstleistungsportfolio schon seit Anfang der 80er Jahre den alteingesessenen "Full-Service-Brokern" das Leben schwer machen und bereits vor mehr als zehn Jahren mit dem Aufbau entsprechender Online-Vertriebskanäle begannen. Auch E-Trade Securities gehört im weiteren Sinne dazu, eine Company, deren Ursprünge bis ins Jahr 1983 zurückreichen, als der Physiker Bill Porter für eben Charles Schwab und Fidelity Investments die seinerzeit vielbelächelte Online-Lösung "E-Trade" entwickelte. 1996 wurde daraus die E-Trade Securities Inc., die derzeitige Nummer zwei unter Amerikas Web-Brokern, die es im dritten Quartal 1998 auf einen Umsatz von immerhin 62,3 Millionen Dollar und einen Gewinn nach Steuern von 6,6 Millionen Dollar brachte.

Höhe der Transaktionen steigt kontinuierlich

Zum Vergleich: Marktführer Charles Schwab konnte im gleichen Zeitraum 612 Millionen Dollar an Provisionen kassieren und dafür unter dem Strich 77 Millionen Dollar Gewinn verbuchen. Zwei andere Kennziffern dürften jedoch noch mehr Aussagekraft besitzen: 52 Prozent aller Transaktionen wurden bei Charles Schwab im dritten Quartal über das Internet abgewickelt; jede Woche wechseln dort Wertpapiere im Wert von rund zwei Milliarden Dollar via World Wide Web den Besitzer.

Was macht nun die mittlerweile mehr als 70 in den USA registrierten Internet-Broker bei der (vorwiegend privaten) Kundschaft so interessant? Experten führen als Gründe in erster Linie die deutlich niedrigeren Bearbeitungsgebühren beim Kauf oder Verkauf von Aktien, Optionsanleihen und Investment-Zertifikaten an. Teilweise bieten besagte Firmen bei ausgewählten Papieren sogar eine kostenlose Geschäftsabwicklung an. Zudem wuchern die Wertpapierhändler im Cyberspace natürlich mit dem Pfund der ihnen zur Verfügung stehenden Technik: Ausführung der elektronisch erteilten Aufträge binnen Sekunden - inklusive postwendender Bestätigung; darüber hinaus der Echtzeitzugriff auf das jeweilige digitale Wertpapierkonto. Und immer mehr Internet-Broker verstehen sich auch als Dienstleister, bieten via Netz Informationen über Aktienkurse sowie Geschäftsdaten börsennotierter Firmen an.

Längst sind daher Charles Schwab & Co. auch bei Anlegern außerhalb der Vereinigten Staaten, die in US-Aktien investieren wollen, en vogue. Ein Umstand, dem zumindest die führenden Internet-Broker durch eine entsprechende Internationalisierungsstrategie Rechnung tragen. So hat etwa E-Trade Securities in den letzten Monaten diverse Lizenzabkommen mit europäischen Partnerfirmen (in Deutschland unter anderem mit der Berliner Freiverkehr AG) zwecks Aufbau spezifischer Online-Handelskanäle geschlossen. Insgesamt wollen die Kalifornier ihren Service mittelfristig in 32 Ländern anbieten. Charles Schwab ist eigenen Angaben zufolge derzeit vor allem in Großbritannien mit der Etablierung eines Cyberspace-Ablegers beschäftigt.

Daneben rüsten sich die Online-Broker aber längst für ihren nächsten strategischen Schritt. E-Trade, das bis vor kurzem immer auf der Web-Site von America Online (AOL) Werbung in eigener Sache betrieb, stellte beispielsweise vor wenigen Wochen seine neue Homepage vor. Der Anspruch, den man damit verband, ist kein geringer: Als sogenannter Portaldienst will man mit einem umfassenden Service- und Informationsangebot inklusive Werbung etablierten WWW-Suchmaschinen wie Yahoo und Lycos zumindest bei den im Internet surfenden Aktienfreaks das Wasser abgraben.

Viel mehr Sorgen dürften der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) jedoch andere Planspiele bereiten. So denken mehr als ein Dutzend Internet-Broker unter der Führung von Charles Schwab derzeit intensiv darüber nach, mittelfristig eigene elektronische Handelssysteme aufzubauen - ein Vorhaben, hinter dem sich eine Menge Zündstoff verbirgt. Bis dato werden bekanntlich alle Orders von den Servern der Internet-Broker in das jeweilige Handelssystem von NYSE oder Nasdaq geroutet, etwas anderes ist derzeit technisch und vor allem juristisch nicht möglich.

Wie viele Branchenkenner war auch die SEC vom boomenden Aktienhandel im Internet auf dem falschen Fuß erwischt worden. Eilig formulierte Bestimmungen in Sachen Online-Wertpapierhandel, die vom US-Kongreß noch als Gesetze zu verabschieden sind, werden seit Monaten in den zuständigen Ausschüssen beraten - Ausgang und vor allem Ende der Beratungen ungewiß. Bis auf weiteres hat es sich die staatliche SEC deshalb nach Ansicht von Experten leicht und den Internet-Newcomern schwer gemacht: Ende September genehmigte die US-Börsenaufsicht der NYSE eine nur für die Internet-Broker geltende Erhöhung der Kosten pro Transaktion um 50 Prozent.

(Ein Bericht über den Aktienhandel via Internet in Deutschland folgt demnächst).