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01.03.1996 - 

Netscape-Gruender James Clark uebt Kritik an Microsoft und Online-Diensten

Internet-Kommunikation praegt die gesellschaftliche Entwicklung

MUENCHEN (CW) - Skeptiker glauben, dass es sich beim Internet- Boom nur um ein Strohfeuer handelt. James Clark, Mitbegruender der Netscape Communications Corp., sieht hingegen darin die Schluesseltechnologie fuer die gesellschaftliche Entwicklung. Einschneidende Aenderungen wird die globale Kommunikation in vielen Geschaeftsbereichen bringen, allen voran in der Software-Industrie. Dort sieht er die Geschaeftsgrundlage des Software-Monopolisten Microsoft schwinden. Auch Online-Dienste und Lotus Notes gehen nach seiner Meinung schweren Zeiten entgegen, wenn sie sich nicht den Standards des WWW oeffnen. Mit James Clark sprach Don Tennant, Redakteur bei der CW-Schwesterpublikation "Computerworld Hongkong".

CW: Es scheint mittlerweile Mode geworden zu sein, das Ende von Web-Browsern vorherzusagen. Tim Berners-Lee, Direktor des World Wide Web Consortium, und Jakob Nielson von Sunsoft sind beispielsweise Vertreter dieser Ansicht. Sie glauben, dass Web- Browser in naher Zukunft ueberfluessig werden, weil ihre Funktionalitaet direkt in die Betriebssysteme integriert wird. Was halten Sie davon?

Clark: Wenn vom Verschwinden der Web-Browser die Rede ist, dann kann damit zweierlei gemeint sein: Web-Browser werden ueberall integriert und verschwinden als eigenstaendige Anwendungen. Die andere Lesart, Web-Browser werden grundsaetzlich wieder verschwinden, finde ich laecherlich.

Ich glaube auch, dass es tatsaechlich nur eine Frage der Zeit ist, bis der Zugriff auf das World Wide Web fuer Benutzer transparent wird. Der Unterschied zwischen dem Zugriff auf Ressourcen des lokalen Rechners und denen des WWW wird immer weniger ersichtlich.

Was Tim Berners-Lee angeht, so sollte man nicht vergessen, dass er dagegen war, Grafiken in die Hypertexte Markup Language (HTML) aufzunehmen. Er war der Meinung, dies wuerde das Netz zusammenbrechen lassen. Es war Mark Andreessen, Mitbegruender von Netscape, der dagegen Sturm lief.

CW: In einem Interview mit der "Computerworld" vertrat Bill Gates die Meinung, Internet-Browser seien triviale Software. Zumindest dreissig Anbieter haetten ansehnliche Internet-Browser geschrieben, es sei nichts dabei, solche Produkte zu entwickeln. Was sagen Sie dazu?

Clark: Sie duerfen mich zitieren: MS-DOS ist eine triviale Software. Es gibt mindestens zehn Firmen, die diese triviale Software entwickelt haben. Das meine ich ganz ernst. Warum war Gates erfolgreich? Weil er ein grossartiges Programm entwickelt hat? Das ist doch laecherlich. Er hat das verdammte Ding nicht einmal selbst geschrieben, sondern nur in Lizenz genommen. Wir haben zumindest die Leute bei uns in der Firma, die unseren Browser geschrieben haben.

CW: Im gleichen Zusammenhang aeusserte Gates die Ansicht, die ganze Aufregung ueber Netscape sei Teil eines Goldrausches, der sich rund um das Internet breitgemacht habe. Dieser werde sich als Ueberreaktion erweisen. Was denken Sie darueber?

Clark: Ich habe grossen Respekt vor Microsoft, Gates selbst ist ein hervorragender Stratege. Es ueberrascht mich aber nicht, dass man bei Microsoft den Aufstieg eines neuen, bedeutenden Unternehmens herunterspielen will. Die Redmonder haben sich daran gewoehnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Ich sehe das als Reaktion auf Fragen wie "Wird es Microsoft genauso ergehen wie IBM?" Ich glaube nicht, dass der Stern von Microsoft verblassen wird, es ist nach wie vor ein grossartiges, erfolgreiches Unternehmen. Aber sie bilden sich ein, niemand ausser ihnen duerfte bei Software auch nur den geringsten Marktanteil haben, und zwar aufgrund ihres gottgegebenen Rechts, den ganzen Markt zu besitzen. Das ist sicherlich eine Antwort.

Eine andere Antwort ist jedenfalls, dass fuenf Industriezweige, die das Internet benutzen werden, sich fundamental veraendern. Das betrifft die Telekommunikationsindustrie mit einem jaehrlichen Umsatz von zwei Billionen Dollar weltweit, die Medienindustrie, Serviceanbieter wie beispielsweise Reiseveranstalter, Consumerelektronik und schliesslich natuerlich die Software- Industrie. Fuer letztere hat dies die Konsequenz, dass gerade Desktop-Anwendungen hoellisch billig werden. Microsofts Erfolgsgrundlage, das 490 Dollar teure Office-Paket, ist in Gefahr. Es gibt wirklich keinen Grund, warum diese Software, von der die meisten Anwender ohnehin nur zehn Prozent benutzen, so viel kosten muss. Ich kenne Unternehmen, die Konkurrenzprodukte in Java entwickeln und ueber das Netz anbieten wollen.

CW: Microsoft will im Laufe dieses Jahres das "Sweeper Software Development Kit" ausliefern, mit dem Entwickler eine Internet- Anbindung in Anwendungen und Tools einbauen koennen. Einige Marktbeobachter sind der Meinung, dass damit Windows und OLE zu einer ernsthaften Herausforderung fuer das Java-Modell werden koennten. Glauben Sie das?

Clark: Voraussetzung dafuer ist, dass die Entwickler auf diese Technik einsteigen. Viele von ihnen wollen nicht fuer Microsoft entwickeln - sie haben keine Lust, sich jedesmal die Butter vom Brot nehmen zu lassen, nur weil Microsoft ihren Markt als lukrativ erkannt hat. Microsoft steht praktisch zu allen in Konkurrenz, sie sind im Content-Geschaeft genauso taetig wie bei Online-Services, dem Netzwerkbereich und natuerlich bei Betriebssystemen. Speziell Anwendungsentwickler haben es satt, fuer Microsoft-Plattformen zu entwickeln und sich nachher vom Anbieter des Betriebssystems aus dem Markt draengen zu lassen. Die Welt ist auf der verzweifelten Suche nach einer Alternative zu Microsoft und seinen monopolistischen Methoden.

CW: Lassen Sie uns ueber Lotus sprechen. Diese Company kaempft gegen die Einschaetzung, dass das WWW Lotus Notes ueberfluessig machen wird. Kann das Web ein Produkt wie Notes wirklich ersetzen?

Clark: Nein, das glaube ich nicht. Alle bewegen sich in Richtung Internet, und genau das wird auch Lotus mit Notus tun. Das Problem mit Notes besteht eher darin, dass sich die Groupware fuer Anwender als Falle erweisen kann: Sie ist proprietaer und sehr komplex. Es besteht erhebliche Nachfrage nach einfacheren und offenen Loesungen. Das ist der Grund, warum wir Collabra gekauft haben. Wir wollen alle Spezifikationen fuer unsere Collabra-Produkte offen definieren. Das Sicherheitssystem beispielsweise soll so gestaltet werden, dass jeder Entwickler sein Produkt an unseres anbinden kann. Das geht nicht bei Notes: Sobald es sich um Sicherheit und Datenbanken dreht, wird die Sache proprietaer. Wenn Lotus im Internet-Geschaeft konkurrenzfaehig bleiben will, dann muessen sie alle Spezifikationen oeffentlich zugaenglich machen.

CW: Es wurde berichtet, dass Netscape mit America Online ueber die Lizenzierung des Navigators verhandelt. Wieviel liegt Ihnen daran, mit Online-Diensten wie AOL ins Geschaeft zu kommen?

Clark: Als wir Mitte 1994 die Firma gruendeten, glaubten wir, dass das damalige Modell, bei dem sich Informationen auf das Angebot einiger Online-Anbieter konzentrieren, mit unserem Auftrag unvereinbar ist. Die Welt ist zu gross, um von zwei oder drei Informationskanaelen erfolgreich bedient werden zu koennen. Trotz alledem werden groessere Gruppierungen bestehen bleiben, denen Leute beitreten moechten - betreute Online-Gemeinschaften, wenn Sie so wollen. Insofern besteht Bedarf an Zusammenschluessen von Anwendern.

Die Grundlage fuer unsere Company hingegen ist, dass wir Software entwickeln, mit der praktisch jeder seinen eigenen Online-Service einrichten kann. Natuerlich arbeiten wir gerne mit Diensten wie AOL zusammen. Allerdings sind wir der Meinung, dass Online-Dienste mit proprietaerer Software nicht mehr akzeptiert werden. Anbieter von Online-Inhalten sind es leid, ihr Material fuer AOL in einem anderen Format abzuliefern als fuer Compuserve. Content-Provider stellen zunehmend auf HTML um und wandern ins Web ab.

CW: Angeblich ist die chinesische Regierung auf der Suche nach Technologien, mit der sich unerwuenschte Inhalte aus dem Internet filtern lassen. Koennten Sie eine solche Technologie anbieten?

Clark: Sie existiert bereits in Form von Standardprodukten wie Firewalls und Proxy-Servern. Freilich laesst sich damit Material nicht aufgrund bestimmter Inhalte, sondern nur aufgrund seiner Herkunft ausschliessen. Eine solche Anstrengung, die ein ganzes Land hinter einen Firewall verbannt, bedeutet eine ernsthafte Behinderung der Kommunikation. Jede Gesellschaft, die Kommunikation einschraenken will, wird sich unvermeidlich in Richtung Unterentwicklung und Dritte Welt bewegen. In fuenf Jahren wird jedes Unternehmen das Internet genauso brauchen, wie es heute die Telefonverbindung benoetigt.