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08.03.1996 - 

Viele technische Fragen unbeantwortet

Internet-PC: Revolution laesst noch auf sich warten

Treibende Kraft hinter dem Internet-Rechner ist das Bestreben einiger Hersteller, eine Alternative zum ueberaus erfolgreichen sogenannten Wintel-PC mit Windows-Betriebssystem und Intel-CPU zu etablieren. IBM, Sun und Oracle hatten die Herbst-Comdex dazu benutzt, einen Paradigmenwechsel mit Hilfe des Internet-PCs als Front-end-System anzukuendigen.

Der herkoemmliche PC, so kritisierten diese Hersteller, habe sich waehrend der letzten fuenfzehn Jahre praktisch nicht veraendert. Er schleppe zu viele Altlasten mit sich herum (siehe Seite 10). Die Wartung von PCs sei aufwendig und teuer, ihre Benutzung kompliziert und daher ebenfalls kostentraechtig.

Oracles CEO Larry Ellison, einer der lautesten Kritiker von "Legacy Windows Systems", beziffert die Unterhaltskosten pro PC und Jahr mit fuenf- bis achttausend Dollar. Neben den offiziellen Ausgaben kommen in der Regel noch erhebliche versteckte Kosten hinzu. Eine Studie der Gartner Group subsumiert darunter den Supportaufwand, der von Nicht-DV-Personal geleistet wird. Dazu gehoeren der Peer-Support ("Hey-Joe-Effekt"), Einarbeitung in Software durch Kollegen und die Folgen von Fehldiagnosen (siehe Grafik).

Im krassen Missverhaeltnis zum ganzen Aufwand steht, dass die meisten Anwender ihren PC nur zur Textverarbeitung, fuer Dateneingabe und E-Mail benutzen. Trotzdem ist das regelmaessige Hardware-Update unvermeidlich, weil die Desktop-Betriebssysteme und die gaengigen Bueroanwendungen immer umfangreicher werden - und das, obwohl die meisten Anwender nur einen Bruchteil der Funktionen nutzen.

Der Internet-PC dagegen ist ein schlanker Computer ohne eigenen Massenspeicher. Er soll ueber Anschlussmoeglichkeiten fuer diverse Netzwerke verfuegen, zumindest aber ein Modem und einen Ethernet- Adapter eingebaut haben. Erweiterungsmoeglichkeiten in Form von Einschueben sind nicht vorgesehen, die vorgestellten Prototypen gleichen eher Spielekonsolen. Das Betriebssystem besteht nur aus einem konfigurierbaren Web-Browser, den er sich beim Start aus dem Netz laedt. Wie schon auf dem PC lassen sich damit Web-Seiten anzeigen und E-Mail erledigen. Anwendungen sollen ebenfalls von Servern heruntergeladen werden und innerhalb des Browsers ablaufen. Sie koennen beispielsweise aus Java-Applets oder anderen Modulen beliebig zusammengesetzt werden. Auf diese Art sollen die Textverarbeitungen und Datenbank-Front-ends zustande kommen. Bei diesem Konzept gibt es auf der Client-Seite nichts zu konfigurieren, Updates erfolgen zentral auf dem Server und transparent fuer den Anwender. Soweit die Vision.

Neben ideologischen Einwaenden ("Rueckkehr zu den Terminals") sehen sich die Vertreter dieses Konzepts mit ungeklaerten technischen und oekonomischen Fragen konfrontiert. Fehlende Bandbreite im Internet gehoert sicher zu den groessten Hindernissen. Allerdings zielen die Strategen des Internet-PCs vorerst auf die sogenannten Intranets, denen es aber zumeist auch an leistungsfaehigen Netzen fehlt. Dort soll der schlanke Client den PC ueberall ersetzen, wo nur einfachere Aufgaben zu bewaeltigen sind.

Ein weiteres Hindernis fuer das Internet-Terminal besteht in den ungeklaerten Kosten fuer die Software. Nach dem angestrebten Lizenzierungmodell bezahlen Anwender fuer die Nutzungsdauer der Programm-Module, die sie aus dem Internet herunterladen.

Wegen der Verfuegbarkeit von Software in Form von Modulen reklamieren die Befuerworter des Internet-PCs, dass der Anwender mit diesem Konzept in den Genuss der Objekttechnologie kommt. Das koennte massgeschneiderte Anwendungen, inkrementelle Updates und Unabhaengigkeit von grossen Anbietern bedeuten. Freilich ist bis dato ungeklaert, wie die Integration der Applets im Detail aussehen soll. So ist der Nachrichtenaustausch zwischen Java-Applets nicht geregelt, gaenzlich unuebersichtlich wird die Lage, wenn OCXe eingebunden werden sollen. Fuer die Erstellung von Verbunddokumenten gibt es noch kein Dateiformat, das die Zustaendigkeit einzelner Applets fuer bestimmte Dokumentabschnitte festlegt. Im Gegensatz zum Bento-Format von Opendoc sind HTML- Dokumente fuer die gleichzeitige Bearbeitung durch mehrere Anwender ungeeignet - was wohl nicht im Sinne von netzwerkzentriertem Computing sein kann.

Nicht zu unterschaetzen sind psychologische Barrieren, die gerade geuebte Anwender den Internet-Terminals entgegenbringen koennten, wenn das Einspielen von privater Software nicht moeglich ist. Fuer Steve Youngblood, CEO von Sunriver, darf beim professionellen Einsatz von Computern darauf keine Ruecksicht genommen werden: "Sicher schaetzen Anwender die PCs auf dem Schreibtisch. Doch ein Unternehmer muss sehen, dass die Arbeit getan und die Rechner verwaltet werden - nicht, dass die Angestellten spielen koennen. Die Bank of America beispielsweise kauft ab sofort keine PCs mehr, weil die laufenden Kosten wesentlich hoeher als der Nutzen waren."

Larry Ellison prophezeit, dass bereits im Jahr 2000 mehr Netzwerk- Computer als PCs verkauft werden. Vom Verschwinden der PCs ist anders als zu Beginn der Diskussion heute kaum noch die Rede, der Internet-PC soll vielmehr bessere Skalierbarkeit bei den Clients gewaehrleisten und den PC nur ergaenzen. Dabei konkurriert er im Consumer-Markt mit Fernsehgeraeten. Fuehrende TV-Hersteller sind bereits dabei, ihre Geraete mit Internet-Anschluessen zu versehen.