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15.10.1999 - 

Technische Revolution oder Augenwischerei?

Internet via WAP-Handy ist ein teures Vergnügen

Von CW-Redakteur Jürgen Hill Seit Monaten grassiert in der Mobilfunkbranche mit dem WAP-Virus ein neues Fieber, über dessen Folgen sich die Branche und Analysten noch uneins sind. Während die einen das Wireless Application Protocol (WAP) als die Revolution feiern, die das mobile Internet bringt, sehen andere noch keinen Markt für WAP-Dienste.

Die Idee klingt genial: Statt sich über chronisch überlastete Buchungs-Hotlines zu ärgern, bucht der Geschäftsreisende von Welt künftig via Internet-fähiges Handy seinen Flug um. Dank WAP ist er dabei direkt mit dem Reservierungscomputer der Airline verbunden und kann auch gleich den gewünschten Sitzplatz reservieren, wie es heute bereits im Internet möglich ist. WAP bietet dabei gegenüber dem im Internet üblichen Übertragungsverfahren Hypertext Transfer Protocol (HTTP) für Web-Seiten den Vorteil, daß es weniger Overhead erzeugt und somit besser für die niederbitratige Luft-Schnittstelle der Handy-Netze geeignet ist. So weit zumindest die Theorie.

Doch in der Praxis sieht es bisher anders aus. Hierzulande verharren alle großen Netzbetreiber von T-Mobil über Mannesmann Mobilfunk, E-Plus bis Viag Interkom noch in den Startlöchern. Warum? Der Branche ist ein einmaliges Mißgeschick passiert: War sonst immer die Technik vor den entsprechenden Anwendungen auf dem Markt, stehen die Vorzeichen bei WAP genau andersherum. Die Content-Provider und Diensteanbieter waren schneller als die Hardwarehersteller und warten nun verzweifelt auf die Auslieferung von WAP-fähigen Handies in Stückzahlen. Angesichts dieses Fauxpas frotzelte die Branche bereits über WAP als Synonym für "Where are the phones".

Zwar produzierten Alcatel und Siemens bereits früh entsprechende Endgerät, doch diese sind höchstens Pre-Wap-fähig, da ihre Hersteller das Protokoll zu früh implementierten, so daß die Produkte nur die Standardversion 1.0 unterstützen. Diese sah noch die Übertragung der Informationen via Short Message Service (SMS, siehe Glossar) vor. Problem dabei ist jedoch, daß die deutschen Netzbetreiber einmütig die aktuellere Version 1.1 bevorzugen - diese arbeitet mit einer dauerhaften Verbindung wie etwa bei einem normalen Telefonat und nutzt anstelle von SMS den Datenfunkmodus. Besitzer eines "Siemens S25" haben sich also zu früh gefreut. Zwar besitzt das Handy einen WAP-Browser, doch der funktioniert in den deutschen Netzen nicht. Ein Update ist ebenfalls nicht möglich, da der Speicherplatz des Siemens-Handies zu klein ist.

Deshalb wartet die Branche mit Spannung auf die Auslieferung des "Nokia 7110". Es soll als erstes Handy über einen eingebauten Mikro-Browser verfügen, mit dem sich die neuen WAP-Dienste gemäß Standard 1.1 nutzen lassen. Laut Nokia ist das Gerät in Stückzahlen im Laufe des Oktobers verfügbar. Produktionszahlen wollte das Unternehmen jedoch nicht nennen. Entsprechend kursiert bei den Netzbetreibern die Furcht, WAP-Handies könnten am Anfang Mangelware sein.

Die Knappheit der Handies dürfte nicht das einzige Problem sein, mit dem die Netzbetreiber zu kämpfen haben. Sie müssen nämlich erst noch die Anwender überzeugen, die neuen Dienste auch wirklich zu nutzen. Eine Aufgabe, die nicht ganz einfach ist, denn mit hohem Marketing-Aufwand hatten die Netzbetreiber der Handy-Gemeinde bis vor kurzem noch SMS als den Kurzinformationsdienst und das Medium zum E-Mail-Austausch verkauft. So propagierte erst auf der Internationalen Funkausstellung im August ein Mobilfunker SMS als das Chat-Medium der jungen Generation - und nun soll der Anwender plötzlich zu WAP migrieren und die alte SMS-Welt vergessen. Erschwerend kommt hinzu, daß der Mehrwert von WAP nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, denn Börsenkurse, Wetterdienst oder Kontoabfrage sind auch im alten SMS-Dienst realisiert.

Tatsächlich haben beide Verfahren ihre Vor- und Nachteile. Für WAP spricht in erster Linie, daß sich hiermit komplexere Informationsangebote und Anwendungen einrichten lassen, sowie die Möglichkeit eines abgespeckten Internet-Zugriffs. Dementsprechend wollen alle großen Betreiber für die WAP-Dienste ähnlich wie im Internet Portale anbieten, die dann zu den jeweiligen Infodiensten wie Kino-News etc. verzweigen. Denkbar sind darüber hinaus Stadtinformationsdienste mit Kinoprogramm, Restaurantkritiken etc., oder die Benutzung von Suchmaschinen wie Yahoo, die mit D2 kooperieren, beziehungsweise Infoseek bei D1. Ferner hat der Anwender die Möglichkeit, ähnlich wie bei einem klassischen Internet-Browser auf seinem Handy Bookmarks zu anderen Seiten zu setzen, die in der Wireless Markup Language (WML, siehe Glossar) vorliegen. Des weiteren betonen die Carrier, daß mit WAP nun der E-Mail-Versand via Internet einfacher und zuverlässiger als bei SMS werde.

Doch WAP hat auch Schwächen. Das große Handicap ist die Abrechnung. Während der Benutzer SMS-Nachrichten zu einem festen Tarif zugestellt bekommt, zahlt er bei WAP die Verbindungszeit wie bei einem Telefongespräch, da der Service ein leitungsvermittelter Dienst ist. Und das kann teuer werden, falls ein Server oder eine Internet-Strecke überlastet ist und die Antwort entsprechend lange auf sich warten läßt. Zur Zeit ist ein Minutenpreis von 39 Pfennig anvisiert.

Bei SMS kann der Anwender dagegen Nachrichten teilweise bereits zum Festtarif von 15 Pfennig verschicken und empfangen. Wetterdienste, Börsenkurs- oder Kontostandsabfrage sind ebenfalls realisiert, und die E-Mail-Kommunikation via Internet ist auch kein Problem. Leben muß der Anweder aber mit einer Einschränkung: Die Länge einer SMS-Message ist auf 160 Zeichen begrenzt, während eine WAP-Information mehrere Display-Seiten umfassen kann.

Fragt man die Netzbetreiber nach den typischen Einsatzszenarien für SMS und WAP, so wird SMS vor allem als Medium der One-to-one-Kommunikation gesehen, das zudem, wie man es bei T-Mobil formuliert, den Abruf punktueller Informationen erlaubt. WAP dagegen bietet laut Viag Interkom eine komplexere Informationssuche sowie durch die Möglichkeit, mehrere Seiten zu übertragen, eine bessere Strukturierung der Information.

Letztlich muß also jeder Anwender selbst entscheiden, ob sich WAP für ihn rechnet. Ruft er nur ab und an seinen Kontostand und die Kurse seiner eigenen Aktien ab, so lohnt die Investition in ein WAP-fähiges Handy sicher nicht. Und bei der zeitabhängigen Tarifierung von WAP in Kombination mit dem derzeit mühseligen Tippen von Textnachrichten auf der Handy-Tastatur (drei- bis achtfache Belegung einer Zifferntaste mit Buchstaben, Satzzeichen, Symbolen etc.) stellt sich zudem die Frage, ob nicht der normale Anruf in einem Call-Center schneller und billiger zum Umbuchen eine Fluges führt.

Ein weiterer Punkt, der gegen einen sofortigen WAP-Einstieg spricht, ist die geplante Einführung des General Packet Radio Service (GPRS, siehe Glossar) Mitte nächsten Jahres. Dieser Datendienst soll auf dem Handy Übertragungsraten in ISDN-Geschwindigkeit gewährleisten. Zudem wird WAP dann wohl mit einer volumenabhängigen Tarifierung offeriert, da es sich bei GPRS um einen paketorientierten Dienst handelt. Um diesen schnellen Datenfunk zu nutzen, ist erneut ein Endgerätewechsel fällig. Will der Anwender dann auf das für 2001 oder 2002 angekündigte schnellere Universal Mobile Telecommunications System (UMTS, siehe Glossar) mit Transferraten zwischen 1 und 2 Mbit/s migrieren, kauft er bereits zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren ein neues Handy.

Dabei handelt es sich um Modelle, die nach heutiger Marktlage jedesmal um die 700 Mark kosten, denn noch ist unklar, ob die Netzbetreiber die Geräte für gute Altkunden ähnlich wie bei der Neukundenakquise subventionieren. Eine offizielle Sprachregelung seitens der Carrier gibt es nicht. Allerdings ist zu hören, man wolle im Einzelfall dem Kunden entgegenkommen. Zeigt der Netzbetreiber hierzu wenig Bereitschaft, hilft eventuell folgende Vorgehensweise: Der Anwender droht seinem Netzbetreiber nach Ablauf des Zweijahresvertrags zu einem anderen Carrier zu wechseln, falls er ihm die Handy-Subvention für Neukunden nicht gutschreibt. Eine Ankündigung, die in den meisten Fällen Wirkung zeigt, es sei denn, der Benutzer telefoniert nur für 30 bis 50 Mark im Monat. In diesem Fall wird der Provider den Kunden gerne ziehen lassen, da er nur Kosten verursacht.

Angesichts der oben angeschnittenen offenen Fragen beurteilen Marktforschungsinstitute wie IDC die WAP-Zukunft deutlich zurückhaltender als die Netzbetreiber. So glauben die IDC-Auguren frühestens im Jahr 2001 an einen WAP-Boom in Europa. Zudem bezweifeln auch sie den Mehrwert von WAP, da viele Infodienste bereits heute via SMS nutzbar sind, ohne daß Anwender und Netzbetreiber in neue Technologien investieren.

WAP im Unternehmen

Während der Nutzen von WAP für den Privatanwender fraglich ist, eröffnen sich Unternehmenskunden interessante Einsatzgebiete. Denkbar ist etwa der Zugriff auf Unternehmensdaten von unterwegs, ohne daß der Anwender ein Notebook mit sich herumschleppt. So hat die Siegburger Cedros GmbH ein Tool zur Integration von WAP in die Lotus-Notes/Domino-Infrastruktur entwickelt. HP testet derzeit die Eignung von WAP für Außendienstmitarbeiter in einem Pilotversuch. 17 Servicetechniker erhalten via WAP-Handy Informationen zum Einsatzort sowie die Spezifikationen des jeweiligen Kunden.

Um entsprechende Intranet-WAP-Dienste zu realisieren, richtet ein Unternehmen eine eigene Startseite ein, die bei der Einwahl in den WAP-Service erscheint. Der Zugang zu den dahinterliegenden Diensten beziehungsweise Unternehmensdaten wird durch ein Paßwort geschützt. Der Server, der die Services bereithält, steht dabei im eigenen Unternehmen, muß jedoch die Daten nicht wie bei bisherigen Internet- oder Intranet-Lösungen in Hypertext Markup Language (HTML), sondern im WML-Format liefern.

Je nach Größe des Unternehmens unterscheidet sich dann die weitere Vorgehensweise. Die Mobilfunkbetreiber gehen davon aus, daß die WAP-Gateways als Schnittstelle zwischen Intranet und Handy bei großen Companies wie Daimler-Chrysler, Lufthansa etc. direkt beim Anwender stehen. Kleinere und mittelständische Unternehmen, so das Credo der Carrier, werden dagegen kaum ein eigenes WAP-Gateway einrichten, sondern das Gateway der Netzbetreiber mitnutzen. In diesem Fall erfolgt der Datentransfer verschlüsselt vom Unternehmen via Internet zu den WAP-Gateways der Funknetzbetreiber. Einen der ersten WAP-Server offeriert HP in Zusammenarbeit mit Nokia.

Unabhängig von der Frage des Server-Standorts müssen die Programmierer von Web-Seiten und -Angeboten umlernen, falls sie sich die manuelle Konvertierung von HTML-Inhalten in WML ersparen wollen. Das WAP-Forum, ein Zusammenschluß von Herstellern, Netzbetreibern und Applikationsentwicklern, empfiehlt, Internet-Inhalte künftig nur noch in XML abzulegen. Mit der Fertigstellung der Extensible Style Language (XSL) an der derzeit das WWW-Consortium (W3C) arbeitet, ist dann die automatische Übersetzung der XML-Daten in HTML und WML gewährleistet. (vgl. Grafik).

WAP im Internet

Wer die genauen Spezifikationen des WAP-Standards sucht, der wird beim WAP-Forum (www.wapforum.org) fündig. Informationen in Deutsch offerieren unter anderem die Seiten www.wap-portal.de sowie www. wapweb.de. Unter www.tagung. com findet der Cyber-Reisende Informationen zur ersten deutschen WAP-Konferenz, die Ende September stattfand, sowie Links zu zahlreichen Firmen, die WAP-Inhalte beziehungsweise Produkte anbieten. Wer WAP einmal testen möchte, ohne ein entsprechendes Handy zu besitzen, kann sich bei Nokia (www. forum.nokia.com/wap) oder Ericsson (www.ericsson.se/wap) WAP-Toolkits mit Emulatoren für den PC laden. Mit dem Thema WAP-Publishing befaßt sich dagegen www.webcab.de.