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15.04.1988 - 

Erworbenes Wissen hält nicht mehr ein Leben lang:

Intervall-Training zwischen Praxis und Ausbildung

Tragender Baustein einer Karriereplanung für Hochschulabsolventen der Informationstechnik ist, während des Studiums die Praxisnähe zu suchen, rät Professor Joachim Griese vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern. Nur so kann der Student das Studienangebot an künftigen Berufsanforderungen messen.

"In der Praxis ist alles anders" - dies wird oft triumphierend von Praktikern behauptet und eher deprimiert von Berufsanfängern eingestanden. Tatsächlich ist in der Praxis nicht so sehr aufgrund einer allgemeingültigen formalen Betrachtung, sondern pragmatisch entsprechend den gerade geltenden Randbedingungen getroffen. Der Zeitdruck erzwingt die Bereitschaft, auch nicht ideal richtige, vielleicht sogar falsche Entscheidungen zu treffen - und sie zu verantworten. In der Ausbildung ist das anders. Dort lernt man in dem jeweiligen Fachgebiet die Grundlagen für eine Entscheidung - sei sie technischer Natur oder sei es ein Management-Entscheid - zu erarbeiten, die Entscheidungen systematisch vorzubereiten und sie - nein, nicht durchzuführen, sondern nur als Gedankenexperiment zu fällen. Dies ist ein konstituierendes Merkmal der Ausbildung; mitunter kommen noch weitere Eigenschaften hinzu, die den Gegensatz zur Praxis verstärken: Etwa, daß sich die Ausbildung mit Gebieten beschäftigt, die in der Praxis selten oder nie vorkommen.

Weitaus verdächtiger sieht es mit der Forschung aus. Von Praxis wie Ausbildung losgelöst werden wissenschaftliche Erkenntnisse gemacht, deren Nutzen oft überhaupt nicht einsichtig ist und deren Aufwand beeindruckend sein kann.

Richtig ist - und das mag einen Teil des Gegensatzes erklären -, daß aus der Sicht eines Lebensablaufs Ausbildung und Praxis zeitlich entkoppelt sind. Wir durchlaufen zunächst eine mitunter 20 Jahre dauernde Ausbildung, bevor wir in ein etwa ebenso langes Berufsleben "entlassen" werden - insgesamt also zweimal "lebenslänglich". Von der Forschung erkennen wir allgemein an, daß sie die Quelle neuer Erkenntnisse bildet, die dann in der Ausbildung vermittelt und in der Praxis angewendet werden; für viele von uns stellt Forschung jedoch nur einen kurzen Lebensabschnitt dar, etwa wenn man im Rahmen der Ausbildung ein Stück Forschung betreibt. Hierzu kommt - und auch dies mag zur Kultivierung des Gegensatzes beitragen -, daß Forschung, Ausbildung und Praxis institutionell getrennt wird. Auf der einen Seite stehen die Unternehmen, in denen Praxis stattfindet, auf der anderen Seite sind es Berufsschulen, Fachhochschulen und Universitäten als Ausbildungsstätten, und für die Forschung ist der "Elfenbeinturm" reserviert.

Seit einiger Zeit weiß man, daß der Einsatz von Informationstechnik im Büro deshalb so langsam vorankommt, weil damit organisatorische Konsequenzen, eine Veränderung des Prinzips der Arbeitsteilung von der Verrichtungsorientierung zur Objektorientierung, verbunden sind.

Empirische Forschungsarbeiten müssen erst Klarheit über diese organisatorischen Konsequenzen erbringen, bevor die Praxis vorankommt. Ähnlich stellt sich die Situation in der Fertigung dar. Der Technikeinsatz, zum Beispiel Roboter, NC-Maschinen, Betriebsdatenerfassung, stiftet erst dann seinen vollen Nutzen, wenn er durch eine sachgerechte Fertigungssegmentierung und adäquate organisatorische Konzepte, zum Beispiel Kanban, begleitet wird.

Für den Studenten heißt es also: Lassen Sie sich zunächst einmal nicht durch den scheinbaren Gegensatz von Forschung, Ausbildung und Praxis beeindrucken. Tragen Sie während Ihrer Ausbildung durch ein Praktikum zwischen Abitur und Studium und/oder während Ihres Studiums dazu bei, den Gegensatz nicht entstehen zu lassen.

Sie lernen auf diese Weise die Anforderungen Ihres späteren Berufsfeldes kennen und können dann kritisch prüfen, was Ihnen in Ihrer Ausbildungsstätte geboten wird (im Zweifel sollten Sie nicht zögern, daraufhin Ihre Ausbildungsstätte zu wechseln).

Wählen Sie für eine zeitliche Ausdehnung ihrer Ausbildung (etwa wenn Sie eine Dissertation schreiben wollen) eine Hochschule und einen Hochschullehrer die Ihnen praxisbezogenes Arbeiten sichern.

Schalten Sie nach dem Ende Ihrer Ausbildung nicht auf die sequentielle Sicht um. Praktizieren Sie ein Intervalltraining zwischen Praxis und Ausbildung und suchen Sie sich einen Arbeitgeber, der Ihnen dies garantiert. Im Bereich der Informationstechnik und ihrer Anwendung sollten Sie Ihre Praxisqualität durch mindestens 20 Tage Ausbildung pro Jahr sichern. Informieren Sie sich regelmäßig über die Ergebnisse anwendungsbezogener Forschung, die vielleicht helfen können, die Alltagssituation Ihres Berufslebens positiv - zu beeinflussen. Durch eine engere Verbindung von Ausbildung und Praxis sowie eine Sichtverbindung zur Forschung wird Ihre Karriereplanung zu einer erfolgreichen Langzeitkarriere auf dem Gebiet der Informationstechnik und ihrer Anwendung führen.