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16.01.1998 - 

Thema der Woche

Intranets entwickeln sich zur Anwendungsplattform

Die schnelle Akzeptanz von Intranets erklärt sich unter anderem mit Defiziten im Informations-Management, für die HTML & Co. eine kostengünstige Lösung in Aussicht stellen. Während die operativen Daten in zentralen Datenbanken gut aufgehoben sind, liegt wichtiges Firmen-Know-how oft in verstreuten Word-Dokumenten oder Kalkulationstabellen auf PC-Festplatten brach. Wie weit die Mißstände in diesem Bereich gediehen sind, belegt allein die Tatsache, daß schon die Telefonliste im internen Web häufig als Killer-applikation von Intranets gilt.

Gleichzeitig mit der Einrichtung von Intranets beginnen viele Unternehmen, ihren Internet-Auftritt zu gestalten. Dieser beschränkt sich anfangs ebenfalls auf Präsentationsaufgaben und kann sich mit statischen HTML-Seiten begnügen. Etliche Firmen erkannten aber schnell die Möglichkeiten, die das Internet über diese Selbstdarstellung hinaus bietet. Freilich sind Kundendienst, elektronischer Handel oder logistische Aufgaben nicht mehr mit der ursprünglichen Web-Site zu bewältigen. Gefragt sind bei der Erschließung neuer, globaler Märkte und alternativer Vertriebswege Applikationen auf Basis des WWW. Während sich für den Kundensupport der Zugang zu technischen Beschreibungen noch häufig über eine separate, neuentwickelte Web-Anwendung realisieren läßt, muß elektronischer Handel direkt auf die bestehenden betriebswirtschaftlichen Programme zugreifen können. Wenn eine Bestellung aus dem Internet erfolgt, dann sollten sich zudem die entsprechenden Daten in Echtzeit aktualisieren lassen. Andernfalls schleichen sich zwangsläufig Fehler beim Kontakt mit dem Kunden ein, wenn beispielsweise der Abgleich des Lagerbestandes erst nachträglich im Batch-Modus erfolgt.

Die allmähliche Öffnung von kaufmännischen Kernanwendungen Richtung Internet gilt als eine der treibenden Kräfte für die Homogenisierung der Unternehmens-DV. Sind Geschäftsabläufe über das globale Netz erst einmal unvermeidlich geworden, spricht vieles dafür, die gleiche Anwendungsarchitektur nach innen und nach außen zu nutzen. Denn wer will schließlich auf Dauer zwei verschiedene Systeme unterhalten? Diese Angleichung wird dadurch begünstigt, daß die nötige Infrastruktur - also Intranets - bei vielen Anwendern auch hausintern bereits vorhanden oder zumindest im Aufbau ist.

Sie basiert auf offenen Standards und zeigt schon bei der bloßen Publikation von HTML-Dokumenten klare Vorteile gegenüber proprietären Technologien und den damit verbundenen Informationsbarrieren. Der Ausnutzung dieser Vorteile für die Anwendungsentwicklung standen bislang die Defizite der teilweise unausgereiften Web-Technologie im Weg.

Deren Dreh- und Angelpunkt war bislang neben HTML und dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP) das Web-Server-Hintertürchen Common Gateway Interface (CGI), über das Web-Clients Server-Anwendungen nutzen können (siehe Grafik). Diese Schnittstelle war allerdings nie für die Transaktionsverarbeitung im großen Stil gedacht und weist daher erhebliche Beschränkungen in der Performance und Skalierbarkeit auf. Typische Anwendungsgebiete für CGI-Programme sind die Öffnung von Adreßdatenbanken Richtung Web oder das Nachschlagen in Produktkatalogen. Tools der ersten Generation erleichterten die Umstellung oder Neuentwicklung solch relativ einfacher Anwendungen auf Basis der gerade eingeführten Intranets.

Auch wenn solche Web-Anwendungen nicht allzu leistungsfähig sind, zeigen sie andererseits klar die Vorteile und Perspektiven der neuen Architektur auf. Einer davon ist die Etablierung des Browsers als einheitliches Front-end, egal ob Nutzer bloß in HTML-Dokumenten stöbern oder Datenbanken abfragen wollen. Die Durchsetzung von solchen schlanken Clients ist möglich, weil die Anwendungslogik vom fetten Client in das Netzwerk abwandert. Befürworter dieses Modells versprechen Anwendern eine erhebliche Einsparung von Kosten, weil damit die aufwendige Wartung komplexer Desktops entfällt.

Die Standardisierung auf Basis einheitlicher Protokolle und Schnittstellen schafft darüber hinaus erstmals ein umfassendes Integrationsmedium, das bestehende DV-Inseln und Legacy-Anwendungen mit neuen Applikationen zusammenführen kann. Diese Eigenschaft ist nicht nur Voraussetzung bei der Öffnung von Geschäftsanwendungen für den E-Commerce. Sie überzeugt auch durch Konkurrenzvorteile, die eine solche DV durch bessere Nutzung vorhandener Informationen erzielen kann, indem sie Anwendern den Zugriff auf unterschiedlichste Daten aus einem einheitlichen Client heraus eröffnet.

Ausgehend vom Status quo sind also die Fähigkeit zu leistungsfähigerer Transaktionsverarbeitung, die Unterstützung von mehrstufigen Anwendungsarchitekturen und Integration bestehender Applikationen die Vorgaben, nach denen Hersteller die Web-Architektur ausbauen müssen. In der Tat haben viele Softwarehäuser ihre Investitionen in diese Richtung umgelenkt. Die Folge dieser Ambitionen ist eine weitreichende Veränderung der ursprünglichen Web-Architektur, die rasch mit bestehender Client-Server- und Objekttechnologie verschmilzt.

Die aktuellen Versionen der gängigsten Web-Tools umgehen die CGI-Beschränkungen durch Nutzung von proprietären Web-Server-APIs wie ISAPI und NSAPI oder reduzieren winzige CGI-Programme auf den Austausch von Parametern und HTML-Seiten mit permanent aktiven Server-Prozessen. Ein breites Angebot bereits ausgereifter Werkzeuge erzielt dadurch erhebliche Leistungsverbesserungen, zumal sie auch das Session-Management und die Verwaltung der Datenbankverbindungen übernehmen. Die meisten Produkte dieser Kategorie sind aber für die Programmierung und Ausführung umfangreicher Geschäftslogik schlecht gerüstet. Die Anwendungsentwicklung beschränkt sich zumeist auf Scriptsprachen.

Diese Tools eignen sich aber ausgezeichnet für die rasche Realisierung weniger komplexer Anwendungen auf Abteilungsebene. Da keinerlei Client-Software installiert werden muß, reicht die Bekanntgabe einer neuen Web-Adresse für den Zugriff - ein nicht unerheblicher Vorteil im Vergleich zu traditionellen Client-Server-Programmen. In diese Produktkategorie fallen unter anderem "Cold Fusion" von Allaire http://www.allaire.com , "Tango Enterprise" von Everyware Development Inc. http://www.everyware.com , "Jet Connect" von XDB Systems http://www.xdb.com und Borlands "Intrabuilder" http://www.borland.com . Letzterer unterstützt in der Enterprise-Version durch die beigepackte abgespeckte Version der Middleware "Midas" mehrere verteilte Instanzen des Applikations-Servers. Die Anwendungsentwicklung erfolgt dort in Javascript.

Einen Schritt weiter gehen Anbieter von Applikations-Servern, die ihre Produkte für die im Web geforderte Zentralisierung der Anwendungslogik optimieren.

Zu den Merkmalen dieser neuen Produktgeneration, die sich auch für den unternehmensweiten Einsatz eignet, gehören hohe Skalierbarkeit, dynamische Lastverteilung und Anwendungspartitionierung zwischen mehreren Instanzen des Servers, Transaktions-Management, Unterstützung von verteilten Objekten nach dem Corba-Standard und Java zur Programmierung der Geschäftslogik. In dieser Liga spielen beispielsweise Bluestone Software http://www.bluestone.com mit "Sapphire/Web", HAHT Software Inc. http://www.haht.com mit "Haht Site", Infoscape http://www.infoscape.com mit "Fresco", Kiva Software mit dem "Kiva Enterprise Server", Netdynamics http://www.netdynamics.com mit der gleichnamigen Software und Progress Software http://www.progress.com mit "Apptivity". Einige dieser Produkte wie Haht Site und Netdynamics bieten zudem Anbindung an Standardsoftware wie etwa von SAP oder Peoplesoft.

Die Produkte dieser zweiten Kategorie unterstützen zwar noch die ursprüngliche Web-Architektur, gehen aber weit über diese hinaus, indem sie verteilte Anwendungen unter Umgehung des WWW-Servers erlauben. Letzterer beschränkt sich dann nur mehr auf die Distribution von Client-Software via HTTP. Sie besteht in der Regel aus Java-Applets, die dann direkt mit dem Applikations-Server kommunizieren, entweder über eine proprietäre Socket-Verbindung (Infoscape) oder über Corba-Mechanismen (alle anderen genannten Produkte). Der Akzeptanz von verteilten Corba-Anwendungen kommt entgegen, daß Netscape als Marktführer bei Web-Browsern Visigenics Object Request Broker (ORB) in den "Communicator" eingebaut hat. Vorgesehen ist die Objekttechnolgie freilich nicht nur für die Kommunikation von Client und Server, über sie lassen sich auch Geschäftsobjekte auf dem Server integrieren.

Die Großen der Branche schließlich halten sich nicht mit einzelnen Tools auf, sondern entwerfen ein übergreifendes Rahmenwerk zur Erstellung von Web-Anwendungen. Als erster präsentierte Netscape eine solche mit dem "Open Network Environment" (ONE), das Technologien wie HTML, HTTP, Java und Javascript zur Grundlage für die Anwendungsentwicklung zu- sammenfaßt und proprietären Programmier-Schnittstellen wie Win 32 Konkurrenz machen soll http://developer.netscape.com/one . Zur Beseitigung des CGI-Engpasses führte die Internet-Company zwar eine proprietäre Web-Server-API (NSAPI) ein, unterstützt aber seit der Version 3 des "Enterprise Server" auch Corba. Letzterer ist längst kein einfacher HTTP-Server mehr, sondern präsentiert sich als Anwendungs-Server. Allerdings sind seine Möglichkeiten der Applikationsentwicklung mit dem zugehörigen Javascript-Werkzeug"Livewire" beziehungsweise "Visual Javascript" beschränkt. Netscape entschloß sich daher kürzlich zur Übernahme von Kiva Software (siehe CW Nr. 48 vom 28. November 1997, Seite 6).

Neben Netscape stellten unter anderem auch Microsoft, Oracle und IBM ein umfangreiches Rahmenwerk für unternehmensweite Web-Anwendungen vor. Die "Distributed Internet Applications Architecture" (DNA) der Gates-Company setzt erwartungsgemäß auf Windows NT und dem Component Object Model (COM) auf. Microsoft ist dabei bemüht, in das Betriebssystem-Flaggschiff alle möglichen Dienste zu integrieren, die zur Entwicklung von Enterprise-Applikationen nötig sind. Das Zusammenspiel des "Internet Information Server" (IIS) mit "Active Server Pages" (ASP), "Transaction Server" und "SQL Server" soll robuste Web-Anwendungen möglich machen. Als Kitt für diese Komponenten, die allesamt Bestandteil der "Enterprise"-Variante von NT sind, fungiert COM. Die Anwendungslogik läßt sich in Form von Active X Controls im Transaktions-Server ablegen (in einfacheren Fällen als Scripts in ASPs), der Datenbankzugriff aus ASPs erfolgt über OLE DB (via Active X Data Object). Bei Bedarf erstrecken sich COM-basierte Web-Anwendungen auch bis zum Client, weil sich Active X Controls über HTML-Seiten auch in den hauseigenen Browser herunterladen lassen. In einem Strategiepapier zu OLE DB http://www.microsoft.com/data/udastra.htm-definition lobt Microsoft die einfachere Wartbarkeit von Web-Anwendungen, weil sie im Unterschied zum Fat-Client-Modell Geschäfts- und Datenzugriffslogik auf der Server-Seite zusammenfassen.

Oracle als Erfinder des Network Computers stellte unter der Bezeichnung "Network Computing Architecture" (NCA) ebenfalls ein übergreifendes Konzept für Internet-Anwendungen vor http://www.oracle.com/nca . Die Grundfesten dieses Rahmenwerks bilden HTML, HTTP, Corba und Java. Entwickler kapseln bei NCA die Geschäftslogik in sogenannten Cartridges, die sich wahlweise am Oracle-Datenbank-Server, dem "Web Application Server" oder auf (NC-)Clients einklinken lassen. Der Middleware "Inter Cartridge Exchange" (ICX) kommt die Aufgabe zu, die Komponenten auf den verschiedenen Anwendungsstufen zu vermitteln. Sie ist Bestandteil von Oracles Anwendungs-Server. Auch bei der Ellison-Company stehen damit mittelfristig die Zeichen mehr auf verteilte Objekte denn auf HTTP-Verbindungen.

IBM schließlich legte im letzten Jahr das "Network Computing Framework for E-Business" http://www.software.ibm.com/ebusiness/ncf vor, das die Kernprodukte aus Big Blues Portfolio zu einem Rahmenwerk für Internet-Anwendungen zusammenfaßt. Auch die Gerstner-Company setzt dabei auf offene Standards wie Java und Corba. Wegen seiner traditionellen Großrechner-Orientierung legt IBM einen größeren Wert auf die Integration von Host-Daten in das Web. Dazu bietet sie eine Reihe sogenannter "e-business Connectors" an, darunter "CICS Internet Gateway", "CICS Gateway for Java" und "MQ Series Internet Gateway". Eine zentrale Rolle spielt dabei auch der "Domino"-Server der Tochter Lotus, der nicht nur Notes-Dokumente für Web- Clients konvertieren kann, sondern über das Zusatzmodul "Domino.Connect" Zugriff auf Unternehmensdaten via CICS und MQ Series bietet. Der Umbau des Groupware-Systems zu einer Internet-Plattform ist allerdings noch nicht abgeschlossen, Web-Browser sind gegenüber dem proprietären Client bisher benachteiligt. Auch die Corba-Unterstützung ist erst für die Version 5.0 geplant (siehe CW Nr. 45 vom 7. November 1997, Seite 30).

Gerade die übergreifenden Frameworks der etablierten Anbieter lassen erahnen, daß die Zeit einfacher CGI-Programme vorbei ist und Web-Applikationen der nächsten Generation die Komplexität von traditionellen Client-Server-Anwendungen zu übertreffen drohen. Diese konzentriert sich freilich auf der Server-Seite und verspricht daher bessere Wartbarkeit. Was auf Dauer vom ursprünglichen Web-Modell bleibt, ist die kostengünstige Distribution von Client-Software via HTTP und HTML. Sind Java-Applets oder Active X Controls erst am Desktop angelangt, dann entfalten sie ein Eigenleben als verteilte Objekte. Die Attraktivität dieser Architektur schätzt eine Studie der Gartner Group jedenfalls hoch ein: Für das Jahr 2000 prognostiziert sie bei OLTP-Anwendungen für das Internet einen Anstieg der Neuentwicklungen von derzeit 30 auf 65 Prozent.