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07.11.1997 - 

Deutschland und der (schwierige) Weg zu Risikokapital

Investments in die Global Player von morgen

CW: In Deutschland mangelt es nicht an Unternehmensgründern mit innovativen Ideen, wohl aber am notwendigen Risikokapital zum Aufbau neuer Firmen. Paradiesische Zustände also für jemanden wie Sie, der hierzulande versucht, jungen Start-ups finanziell unter die Arme zu greifen.

Strascheg: Schön wäre es. Aber ganz so plakativ kann man dies natürlich nicht stehenlassen. Bevor wir über Risikokapital sprechen, muß man etwas anderes grundsätzlich feststellen: Es gibt in Deutschland nach wie vor keine mit den USA oder dem angelsächsischen Raum vergleichbare Unternehmerkultur, wenngleich sich dies in den letzten Jahren doch etwas gebessert hat.

CW: Mit anderen Worten: Nicht Geld, sondern neue Unternehmer braucht das Land.

Strascheg: So gesehen, ja. Wenn ich gerade von Verbesserungen gesprochen habe, dann denke ich in erster Linie an das universitäre Umfeld, etwa an die von McKinsey in München und Berlin initiierten Businessplan-Wettbewerbe, die für eine ganz erstaunliche Aufbruchstimmung, insbesondere auch im IT-Bereich, gesorgt haben. Doch das ändert nichts daran, daß in Deutschland der Aufbau eines Unternehmens immer noch mit der Gründung einer Existenz verwechselt wird. Der Software-Experte, der samt angestellter Ehefrau jedem sein PC-Programm so schreibt, wie er es gerne hätte, bietet sicherlich eine wertvolle Dienstleistung an. Wir reden aber nicht über Ingenieurbüros, sondern über Firmen, die das Potential zum Global Player mitbringen - entsprechende volkswirtschaftliche Wertschöpfung inklusive.

CW: Sie hoffen also auf einen deutschen Bill Gates?

Strascheg: Warum nicht? Allerdings muß sich zunächst in den Köpfen einiges ändern. Der Tüftler um die Ecke ist, um Ihr Bild zu gebrauchen, nun einmal in aller Regel nicht der Bill Gates von morgen. Und auch eine noch so gute Produktidee reicht nicht aus, wenn ein entsprechendes Vermarktungskonzept fehlt.

Wenn Sie sich die großen US-amerikanischen IT-Firmen ansehen, so werden dort nur rund zehn bis 15 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung, aber mehr als 60 Prozent in das Marketing und den Vertrieb investiert. In Deutschland sieht man das leider manchmal noch etwas anders - bisweilen sogar völlig spiegelverkehrt.

CW: Woran fehlt es noch, damit in Deutschland die von Ihnen genannten Global Player entstehen können?

Strascheg: Am Verständnis, daß es ohne Team nicht geht. Die meisten Firmen, gerade auch in der IT-Branche, entstehen im Zusammenhang mit einer innovativen Idee oder einem halbfertigen Produkt. Wenn es dann aber richtig losgehen soll, fehlt es meist an allen Ecken an Know-how - im Vertrieb, im Marketing und vor allem auch im Finanzbereich. Erste Empfehlung also: der Aufbau einer kompetenten Führungsmannschaft. Zweiter Rat: die Erarbeitung eines Businessplans, in dem nachvollziehbar dargelegt ist, wohin die Reise in den nächsten drei bis fünf Jahren gehen soll. Gemeint sind hier Strategie, anvisierte Märkte, Umsatz- und damit Wachstumsziele. Sind beide Voraussetzungen erfüllt, ist, um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, das Thema Risikokapital kein Problem mehr.

CW: Untertreiben Sie jetzt nicht gewaltig bei Ihrem Anforderungsprofil? Schließlich müssen Sie Ihren Investoren doch eine anständige Rendite garantieren.

Strascheg: Da schimmerte jetzt wieder ein für die momentane Diskussion leider typisches Vorurteil durch. Natürlich haben wir kein Geld zu verschenken. Wir garantieren unseren Investoren allerdings keinerlei Rendite, erwarten jedoch bei jedem unserer Fonds ungefähr ab dem fünften Jahr einen Return on Investment.

Lassen Sie mich an dieser Stelle unseren Markt mit ein paar Zahlen skizzieren: Wir hatten 1995 rund 200 Anfragen, 1996 waren es doppelt soviel, und für das laufende Jahr rechnen wir mit 800 bis 1000 Beteiligungsofferten. 1996 haben wir uns für insgesamt 16 neue Investments entschieden - also bei vier Prozent der uns angebotenen Deals ja gesagt. Dies ist zugegebenermaßen auf den ersten Blick nicht sehr viel. Man muß aber bedenken, daß wir nicht die einzigen sind, die in dieser Republik Wagniskapital vermitteln. Und es hat natürlich auch etwas mit der Qualität dessen zu tun, was uns in Form von Konzepten auf den Tisch kommt.

CW: Was muß ein für Sie schlüssiges Konzept beinhalten?

Strascheg: Das Produkt und das Management müssen stimmen, und es sollte eine Marktperspektive gegeben sein, die groß genug ist, um entsprechendes Wachstum erwarten zu lassen. Wenn sich überdies das Erreichen einer globalen Marktführerschaft als realistisches Ziel erweist, um so besser. Anders formuliert: Käme jemand auf die Idee, ein PC-Betriebssystem zu entwickeln, das dreimal besser als Windows NT ist, so würde dieses Unternehmen aller Voraussicht nach nicht einmal mit einer Milliarde Dollar Risikokapital eine Chance im Markt haben.

CW: Ziel aller Träume nicht nur für die jungen Unternehmen, sondern auch für die Investoren ist bekanntlich der Gang an die Börse. Wie beurteilen Sie das jetzt auch in Deutschland zu beobachtende Aktienfieber? Ist selbiges Ihrem Geschäft eher zu- oder abträglich?

Strascheg: Es ist richtig, daß wir zum Teil bestrebt sind, die Firmen, bei denen wir uns engagiert haben, an die Börse zu bringen. Das hängt vom Zeitpunkt und den damit verbundenen Gewinnchancen unseres Investments ab. Risikokapital benötigt ein Unternehmen in der Regel in einer frühen Phase, wo an einen Börsengang noch gar nicht zu denken ist. Danach folgt das sogenannte "Bridge-Financing", also die Überbrückung der letzten Phase bis zum Going Public. Wir haben im vergangenen Jahr bei zwei unserer Beteiligungen den Börsengang realisiert, wovon ein Unternehmen jetzt einen Wert von 500, das andere von 800 Millionen Mark besitzt.

Was den Börsenplatz Deutschland angeht, gibt es durch zusätzliche Handelssegmente wie den Neuen Markt in Frankfurt mittlerweile auch für High-Tech-Emissionen genügend Spielraum. Aber es mangelt nach wie vor an einer ausreichenden Zahl von Firmen, die die für einen Börsengang notwendige Performance mitbringen. Ingesamt ist aber durch das Entstehen so etwas wie zarter Blüten einer Aktienkultur in Deutschland unser Geschäft zumindest nicht schwieriger geworden.

CW: Wann hat ein Unternehmen die von Ihnen geforderte Performance?

Strascheg: Ein Unternehmenswert von mindestens 50 Millionen Mark ist Bedingung, weil sonst die institutionellen Anleger mangels Masse abwinken und die Aktie nicht in ihr Portfolio aufnehmen.

CW: Wenn man hierzulande über das Thema Wagniskapital spricht, ist man sehr schnell mit Kritik an den Banken bei der Hand. Von fehlendem Know-how zur Beurteilung von High-Tech-Industrien ist da die Rede und - damit verbunden - von der übertriebenen Forderung nach Sicherheiten. Kommt es Ihnen nicht zupaß, daß die klassischen Geldhäuser dieses zukunftsträchtige Geschäft bis dato mehr oder weniger verschlafen?

Strascheg: Es gehört gewiß nicht zu meinen primären Aufgaben, die deutschen Banken zu verteidigen. Aber man muß schon unterscheiden zwischen dem, was die Börse oder wir bereitstellen können, nämlich Eigenkapital, und dem, was Banken anbieten - Fremdmittel.

Mit Eigenkapital habe ich hohe Gewinnchancen, gehe aber auch ein entsprechend großes Risiko ein. Das Fremdkapital, mit dem die Banken arbeiten, unterliegt bekanntlich deutlich niedrigeren Zinsmargen. Die Geldhäuser können es sich demzufolge gar nicht leisten, daß jedes fünfte bis zehnte Engagement buchstäblich in die Hose geht - von den gesetzlichen Auflagen ganz zu schweigen. Hier prügelt man also auf einen Geschäftszweig ein, der per definitionem gar nicht für dieses Business zuständig ist. Etwas anders verhält es sich mit den diversen, in den 80er Jahren gegründeten Venture-Capital-Gesellschaften deutscher Großbanken. Die sind unter anderem auch deshalb gescheitert, weil sie mit der ihnen eigenen Banker-Attitüde in einen für sie völlig neuen Markt gingen. Im übrigen: Gehen Sie einmal in den USA zu einer Geschäftsbank und fragen Sie dort nach Risikokapital - man wird Sie vermutlich auslachen.

CW: Kommen wir zum Schluß noch zu einem Standortdefizit ganz anderer Couleur. Die Arbeit mit Risikokapital bedeutet meistens, daß die Investoren, vertreten durch die Venture-Capital-Firma, Anteile am Unternehmen halten. Damit reden ein paar Leute mehr mit - ein Tatbestand, mit dem sich deutsche Firmengründer bisweilen nur sehr schwer anfreunden können.

Strascheg: Dies kann ich leider nur bestätigen. Ich bezeichne dies bei diversen Gelegenheiten immer als Haus-und-Hof-Denken, das der Sache und damit dem betreffenden Unternehmer selbst überhaupt nicht dienlich ist. Dies hat mit der schon erwähnten mangelnden Teamfähigkeit zu tun und scheint mir in der Tat ein typisch deutsches Phänomen zu sein. In den USA gibt sich jedenfalls so mancher Softwareguru, der mit Hilfe von Risikokapital und dem damit verbundenen Know-how aus seinem Unternehmen etwas gemacht hat, mittlerweile mit der Rolle des Entwicklungschefs zufrieden - weil er im Interesse der Firma eingesehen hat, daß es für die anderen Aufgaben qualifizierterer Leute bedarf .

Andererseits ist es abwegig, daß es, wie bisweilen auch behauptet wird, prinzipiell das Ziel von Venture-Capital-Firmen ist, die absolute Kontrolle über ihre Beteiligungen zu gewinnen. Wir achten auf ein konstantes Wachstum und wollen einen ordentlichen Return on Investment. Dazu gewähren wir die entsprechende Unterstützung und stehen mit Rat und Tat zur Seite, wo wir es für notwendig erachten. Und wir haben erst recht noch keinen innovativen Produktentwickler und Firmengründer aus der operativen Verantwortung gedrängt, der sich als guter Manager erwiesen hat. Aber es gibt leider auch Fälle, wo man nicht zwangsläufig vom einen auf das andere schließen kann..

Wie Risikokapital funktioniert

Venture-Capital-Firmen investieren im Auftrag privater Investoren und/oder institutioneller Anleger in Start-up-Companies mit Perspektive - ohne Sicherheit, aber mit saftiger Beteiligung am etwaigen Gewinn. Entsprechende Kandidaten müssen sich einem harten Auswahlverfahren unterziehen. Das Venture-Capital-Unternehmen gewährt im Gegenzug nicht nur Eigenkapital, sondern stellt bei Bedarf auch das notwendige Management-Know-how bereit; vielfach gehen Anteile am Unternehmen auf den Risikokapitalgeber über. Ziele sind überdurchschnittliches Wachstum und damit ein höherer Unternehmenswert der Portfoliofirmen sowie nach Möglichkeit der Gang an die Börse. Dann, spätestens aber nach dem Ende der jeweiligen Fondslaufzeit (in der Regel zehn Jahre) hoffen die Investoren auf eine satte Verzinsung ihres Kapitals. Offizielle Angaben dazu gibt es nicht, unter der Hand wird von Nettorenditen zwischen 50 und 60 Prozent gesprochen, die Firmen wie die Technologieholding, Atlas Venture und Techno Venture Management (TVM) ausschütten.

Venture Capital: Start-up eines Marktes

Noch müssen hiesige IT-Firmengründer vom Silicon Valley träumen - auch und gerade bei der notwendigen Beschaffung von Risikokapital. Mehreren hundert Wagniskapitalfirmen in Kalifornien standen bis dato ganze drei reinrassige Venture-Capital-Vermittler in Deutschland gegenüber. Neu hinzugekommen in diesen erlauchten Kreis ist kürzlich die Telekom-Tochter T-Telematik Venture Holding GmbH, mit deren Hilfe das ehemalige Bonner Postunternehmen Start-ups im Bereich Telematik in puncto Kapitalbeschaffung und Know-how helfen will. Marktführer - gemessen am eingesetzten Risikokapital - ist die 1987 in München von Falk Strascheg und seinem Partner Gert Köhler gegründete Technologie Holding VC GmbH. 17 Mitarbeiter, darunter zwölf Investment-Manager, betreuen derzeit von München, Bad Homburg und Leipzig aus sechs Technologiefonds, die den mittlerweile mehr als 70 (überwiegend im deutschsprachigen Raum ansässigen) Portfoliofirmen aus den Bereichen IT und Telekommunikation, industrielle Elektronik, Chemie und Bio-Technologie als Eigenkapitalquelle dien(t)en. Derzeitiges Fondsvolumen: rund 450 Millionen Mark.