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16.03.1984 - 

Amerikanischer ANSI-Ausschuß verzögert Herausgabe des Entwurfs, aber:

IS0 will Hickhack um Cobol-80-Norm beenden

WIEN - Die Expertengruppe der "International Organisation for Standardization" kurz ISO, will den seit Jahren andauernden Hickhack der Amerikaner um eine neue internationale Cobol-Norm beenden. Einen entsprechenden Entschluß faßte das zuständige Gremium der ISO jetzt auf einer Tagung in Wien. Obwohl

eine Gruppe von US-Anwendern versuchte, die Standardisierung weiter zu verzögern, empfahlen die

Experten. das Normungsverfahren für Cobol 80 auf internationaler Ebene einzuleiten - auch ohne

Zustimmung der Amerikaner.

Bisher war es üblich, daß eine nationale Norm (in diesem Fall ANSI (X3.23-19XX) nach einem entsprechendem Verfahren als internationaler Standard übernommen wurde. Diesmal erarbeitete der

zuständige amerikanische Normungsausschuß ANSI X3.J4 zusammen mit einer internationalen

Expertengruppe im Auftrag der ISO den vorliegenden Entwurf Cobol 80X.

Nach Informationen von Gremiumsmitgliedern wurde die Herausgabe trotz guter und zügiger Zusammenarbeit der Normungskommissionen gezielt verzögert, da in den USA eine Interessengruppe Inkompatibilitäten zu Cobol-74-Anwendungen befürchtet. So habe sich ein Manager aus der Versicherungsbranche dem Vernehmen nach mit mehreren tausend schriftlichen Aufforderungen

an andere Anwender gewandt und darin vorgeschlagen, gegen den Standard zu stimmen.

In der Tat seien als Feedback etwa 1900 Antwortschreiben beim American National Standards Institute (ANSI), New York, eingetroffen, in denen sich die User gegen eine internationale Cobol-Norm ausgesprochen hätten.

Die Normungsgegner befürchten Inkompatibilitäten, da einige Cobol-Relikte im neuen Standard

nicht mehr enthalten sein sollen. So etwa das "Alter"-Statement oder auch "Rerun"-Klauseln, die programmintern einen Wiederanlauf über Checkpoints möglich machten, als es noch keine Betriebssysteme heutiger Mächtigkeit gab.

Obwohl sich die ISO-Experten daraufhin einigten, zukünftig solche Statements nicht sofort in der nächsten Norm auszusteuern, sondern Veränderungen bis zum darauffolgenden Standard einer "Obsolete"-Kategorie zuzuordnen, legte sich das amerikanische nationale Normeninstitut wegen der vorliegenden Anwenderbedenken quer. Das US-Komitee verwies auf ihre ANSI-Sitzung im Mai 1984, auf der über die getroffenen Entscheidungen nochmals abgestimmt werden sollte.

Jetzt spielten jedoch die Experten nicht mehr mit. Konstatiert ein Mitglied aus den ISO-Reihen: "Seit der ersten internationalen Sitzung im Jahr 1978 arbeiten wir an dem Normentwurf, aber nun geht es nicht mehr so recht vorwärts. Wir haben das, was wir als Standard wollen, und das sollte jetzt auch abgeschlossen sein."

Vorgewarnt durch das bereits seit Jahren andauernde Abstimmungsgerangel der ANSI-Mitglieder,

so die Verlautbarungen von Konferenzteilnehmern, habe man beschlossen, den Normenentwurf vom Juni

1983, das sogenannte "Pink Book", zusammen mit den vorliegenden Änderungen der ISO zuzuleiten.

Darüber hinaus wurde der ISO empfohlen, das Normungsverfahren auf internationaler Ebene einzuleiten -

ohne Rücksicht auf das Veto der US-ANSI-Vertreter. Diese ungewöhnliche Entscheidung, die auch von

einigen Mitgliedern aus den Staaten mitgetragen wurde, sei deshalb notwendig gewesen, weil in allen repräsentierten Ländern der Wunsch nach einer neuen Cobol-Norm mit Nachdruck vorgetragen worden sei (CW Nr. 3 vom 13. 1. 84, S. 1, "Fehlende Normen, erschweren Softwarehandling").

In dieser Entscheidung, so ist VO]'1 offiziellen Stellen zu hören, schwinge aber auch die Hoffnung mit, daß dieser Schritt erstens die Normung in den USA beschleunige und, zweitens, der Übernahme des vorhandenen Vorschlags in das amerikanische Normenwerk nach der internationalen Anerkennung weniger Widerstand entgegengebracht werde.

So heftig die Angelegenheit "politisch hochgeschaukelt" wird, so spärlich fließen die Informationen über die Hintergründe dieser Entscheidung. Kongreßteilnehmer ließen jedoch durchblicken, daß ihr

Entschluß, das ANSI auf diesem Wege kaltzustellen, auf vertraulichen Informationen beruhe, denen zufolge

die US-Regierung, die ja als größter Kunde für Programmiersprachen gilt, sich wohl für den internationalen Standard entscheiden würde.

Damit zwinge man auch die amerikanischen Anbieter, zumindest eine der neuen Norm

entsprechende Lösung anzubieten, da die Regierung wegen ihrer strengen Beschaffungsrichtlinien keine Software von Herstellern einkaufe, die nicht einen zertifizierten Cobol-Compiler anbieten könnten.

Die Power der US-Regierung als Schlüssel zum Cobol-Vabanquespiel mag auch Dr. Reinhold Thurner, Geschäftsführer der Sodecon AG, nicht ganz ausschließen. Jedoch glaubt der Softwarespezialist

nicht, daß der neue Standard gegen die nationale amerikanische Institution durchgesetzt werden kann: "Die wichtigsten Kunden sind diejenigen, die sich an die ANSI-Norm halten. Da wird der größte Umsatz gemacht." Man habe sich mit dem neuen Standard, der nach Meinung von Thurner zu unausgegoren und noch nicht ausdiskutiert sei, zudem etwas viel vorgenommen. Ohne die Zustimmung aller Standardisierungsgremien

könne auch eine Benutzerakzeptanz nicht erwartet werden. Zu sehr liege der Kostenschock der

Umstellung von Cobol 68 auf Cobol 74 den Anwendern noch im Magen.

Unverständlich erscheint dagegen Harry Sneed, Geschäftsführer der SES GmbH, München, die Tatsache, daß die neue Norm nicht schon längst verabschiedet wurde. "Bei Cobol 80 haben endlich die Software-Ingenieure ihren Einfluß geltend machen können," freut sich Sneed, der in dem neuen Standard-Entwurf einen qualitativen Sprung nach vorne, hin zu den Sprachen der vierten Generation und einen

Bruch mit der Cobol-Vergangenheit sieht.

Kommentiert der Verfechter von Standards und Normen das Wiener Spektakulum: "ANSI hat wohl wegen der Proteste der Anwender der kalte Füße bekommen."