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ISDN als gemeinsame Herausforderung annehmen

12.06.1992

Wilfried Heinrich Leiter der Unternehmenskommunikation der IMK-Firmengruppe, Grevenbroich

Zweifellos, das Angebot von ISDN ist hinter den Zielvorgaben zurückgeblieben. Und obwohl die Telekom derzeit überall vehement graben läßt, steht selbst hinter den korrigierten Planungen, bis Ende 1993 die digitale Vernetzung der alten Bundesländer abgeschlossen zu haben, ein dickes Fragezeichen.

Ebenso steht außer Zweifel, daß sich die Zahl der Anschlüsse gegenwärtig noch sehr zögerlich entwickelt. Eine monatliche Steigerung von gut zehn Prozent im vergangenen Jahr auf immerhin sehr geringem Niveau ist denn auch nicht dazu angetan, von einer euphorischen ISDN-Aufbruchstimmung zu sprechen.

Es gibt schließlich noch einen dritten Faktor, der maßgeblich die Entwicklungsdynamik von ISDN behindert: der Mangel an konkreten Anwendungen. ISDN-Endgeräte sind inzwischen in einem akzeptablen Maße auf dem Markt, weil sie auch ohne ISDN-Nutzung ihre Bedeutung haben. Doch ohne die erforderlichen Anwendungen bleiben sie ebenso unbedeutend wie die Möglichkeit, prinzipiell auf das digitale Netz zuzugreifen. Hier fehlt es also herstellerseitig an den notwendigen Impulsen.

Angesichts dieser Fakten ließe sich nun leicht der Schluß einer unzureichenden Akzeptanz ziehen. Tatsächlich ist es in der öffentlichen Diskussion ruhiger um ISDN geworden, Nüchternheit macht sich breit. Aber handelt es sich dabei um eine untypische Reaktion, verbergen sich dahinter Signale eines Akzeptanzproblems?

Eine Antwort darauf scheint auf den ersten Blick nicht leicht zu fallen, denn der tatsächliche Zuspruch wird sich trotz aller Prognosen erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts gesichert abzeichnen. Dennoch, bei sachlicher Betrachtung lassen sich die gegenwärtigen Auswirkungen der Bremseffekte als Zwischenstadium bewerten, das dem Aufbau der - immerhin sehr aufwendigen - Grundversorgung und sicherlich auch der Orientierung dient, dem Durchsetzungsvermögen von ISDN aber wohl nichts anhaben kann.

In einer Orientierungphase befinden sich beispielsweise jene, in deren Händen die Entwicklung von ISDN-Anwendungen liegt. Eigentlich kann das kaum verwundern, denn fast immer ist zunächst auch Zurückhaltung im Spiel, wenn es auf breiter Front um die Einführung neuer Techniken geht, bis sich halbwegs klare Anzeichen für eine Öffnung des Marktes zeigen. Und umgekehrt steigt das Interesse für eine neue Technik in Abhängigkeit von den verfügbaren Produkten.

Also ein gegenseitiges Abwarten, bei dem niemand so richtig die Rolle des Schrittmachers übernehmen will. Bei ISDN warten die Anwender auf eine flächendeckende Verbreitung, die von der Telekom noch ohne aktuelle Bedarfsabdeckung vorgenommen wird, standardisierte Hard- und Software, um das digitale Kommunikationsangebot überhaupt wirtschaftlich nutzen zu können. Die Hersteller hingegen machen die ausreichende Grundversorgung und die Entwicklungsraten bei den Anschlüssen zum Maßstab ihres Entwicklungsengagements, schließlich hat es für sie wenig Sinn, in einen noch fiktiven Markt zu investieren. Btx läßt grüßen.

Anwender wie Anbieter sind also vorläufig noch um eine ökonomische Risikobegrenzung bemüht. Insofern muß die Strategie der Telekom begrüßt werden, exemplarisch Anwendungsentwicklungen für verschiedene Branchen aktiv, also auch finanziell, zu fördern. Dadurch wird die durch beidseitiges Abwarten entstandene Patt-Situation zwischen Softwareproduzenten und potentiellen Anwendern durchbrochen. Gleichzeitig verläßt ISDN seinen optionalen Status und wird real erlebbar; die Telekom-Initiative hat also eine wichtige Anschubwirkung.

Doch die Beschreibung eines eher typischen Phänomens sagt noch wenig über die Perspektiven aus. Sie ergeben sich aus sehr realen Sachverhalten. Dazu gehören die teilweise sehr beträchtlichen Kostenvorteile. Sie werden besonders dann zu Buche schlagen, wenn die zahlreichen Optionen von ISDN eingelöst werden. Ob für den Zugriff auf zentrale Datenbestände, den unternehmensübergreifenden Austausch von Daten, die komfortable Unterstützung dezentraler Arbeitsplätze oder überhaupt für die gesamte Informationslogistik: ISDN als Infrastruktur wird ein sehr breites Kommunikationsspektrum bieten.

Aber der entscheidende Aspekt ist hierbei: Dieses Angebot deckt sich mit dem konkreten Bedarf, da die Kommunikationsqualität für Anwender mehr und mehr den Charakter eines zentralen Wettbewerbsfaktors erlangt. Wer in den sich stärker international entwickelnden Märkten erfolgreich agieren will, wer ein flexibles Marktverhalten sucht und interne Prozesse effizient steuern will, benötigt höhere und vor allem standortübergreifende sowie integrierte Kommunikationsmöglichkeiten.

ISDN bietet im Vergleich zu allen Alternativen entscheidende Vorteile, zumal sich für diesen Dienst im nächsten oder übernächsten Jahr die Grenzen öffnen und auch die weltweite digitale Datenkommunikation die Phase der technischen Spekulation lange verlassen hat. Hinter dem Kürzel ISDN verbirgt sich also zukünftig eine internationale Kommunikations-Infrastruktur.

Gerade unter Integrationsgesichtspunkten dürfte sich der - stationäre wie portable - PC zur Drehscheibe der gesamten digitalen Kommunikation entwickeln, etwa in der PC-Host-Koppelung, der LAN-LAN-Verbindung, der Integration von LANs in WANs, dem Einschluß externer PCs in LANs als vollwertige Netzteilnehmer, der Nutzung der ISDN-TK-Anlage als LAN mit Zugang zum öffentlichen ISDN-Netz etc. Die Möglichkeiten dieser Kombination von ISDN und PC sind also fast uneingeschränkt, sie vermag auch den Multimedia-Verheißungen den Weg zu ebnen. Allerdings: Über den Nutzen und die Einsatzbreite dieser Technik besteht weithin noch Unkenntnis, wodurch sich zu den bereits genannten ein weiterer relevanter Hemmfaktor der Verbreitung gesellt.

So schön alle diese - technisch heute umsetzbaren! - Visionen auch klingen, solange sie keine Realität werden, bleibt ihr Sinn zweifelhaft. Es ist weder allein die Aufgabe der Telekom oder der ISDN-Industrie noch der Anwender, für die erforderlichen Impulse zu sorgen. Die digitale Zukunft muß als gemeinsame Herausforderung angenommen werden. Dazu gehören eine verbesserte Informationspolitik und eine zügige Verbreitung des digitalen Netzes, dazu gehören aber auch bedarfsgerechte Anwendungen, in den Markt gebracht durch Entwicklungen der TK-Unternehmen. Denn Beschleunigungswerte stehen immer in Abhängigkeit von den Antriebskräften, beim Kraftfahrzeug genauso wie beim ISDN-Zug. Es gilt also, für die nötige Power zu sorgen und Weitblick mit etwas Mut zu würzen.

Allerdings, wenn denn vorauszusehen ist, daß wir - langsamer oder schneller - in eine digitale Zukunft hineinwachsen, müssen irgendwann auch die sozialen Implikationen dieser Entwicklung betrachtet werden. Mit ISDN werden sich nicht nur die Kommunikationsstrukturen in Unternehmen ändern, sondern gesamtgesellschaftliche Veränderungen eintreten. Dahinter verbergen sich zahlreiche Vorteile, aber auch negative Potentiale. Sollen diese Kommunikationsstrukturen in absolut freier Gesetzmäßigkeit entstehen? Die heutigen Verkehrsprobleme sind beispielsweise in hohem Maße eine Folge fehlender Integration der verschiedenen Verkehrsträger und abgestimmter Infrastrukturen, das Ergebnis völlig frei und unkoordiniert agierender Bestrebungen.

Eine solche Situation ist auch für die technische Kommunikation nicht auszuschließen, nur wird der Mensch dann noch viel vielfältiger davon betroffen und möglicherweise in seiner Persönlichkeit digital vereinnahmt. Denn ISDN vermag zwar bestimmte Probleme zu lösen, aber ohne entsprechende Sensibilität für manche Risiken auch neue zu schaffen.

Fazit: ISDN und die zukünftigen Dimensionen der gesellschaftlichen Kommunikation sind nicht allein eine technische (und wettbewerbspolitische) Sache, sondern auch eine soziale. Dies gilt es im Auge zu behalten, und wahrscheinlich muß es sich die Telekom auf ihren von Standardisierungsbestrebungen, strukturtechnischen und anderen Maßnahmen vollgespickten Merkzettel notieren, hier früh die Initiative zu ergreifen. Wegen ihrer engen Verflechtung mit der Politik und ihrer zentralen Rolle im Kommunikationsgeschäft ist sie prädestiniert dafür. Sie trägt auch die größte Verantwortung dafür, daß heute nicht mit einer ungeheuren Eigendynamik Kommunikationsstrukturen entstehen, die irgendwann gesellschaftlich nicht mehr konsensfähig, aber dann kaum noch veränderbar sind. Und darüber gilt es zu kommunizieren, in der Politik und mit den relevanten gesellschaftlichen Gruppen.