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20.07.1990 - 

TK-Hersteller haben keine geeigneten Marketing-Konzepte parat

ISDN: Applikationen lassen noch Jahre auf sich warten

Die Integration der nicht sprachlichen Kommunikation in ISDN geht bei Herstellern und Anwendern nur schleppend voran. Systemtechnische Entwicklungs- und Anpassungsprobleme gibt es vor allem bei Schnittstellen zwischen TK und Host, Endgeräten und Software. Folge: Es fehlt an Produkten und Applikationen. Lösungen skizziert Herbert Pöhls* im zweiten Teil seiner ISDN-Serie.

Im ISDN-Ablösungskonzept bilden die Leitungs- und Netzintegration, die TK-Anlagen- und Endgeräte-Integration sowie die Anwendungsintegration in bestehende und neue Konfigurationen die drei tragenden Integrationssäulen .

Diesen "Essentials" haben sich alle Anbieter von Systemen und Komponenten für die Kommunikation im ISDN zu unterwerfen und ihre Produktlinien und Angebotsstrukturen an ihnen auszurichten. Konkret fallt dabei die hochqualifizierte Aufgabe der Integration von Sprache, Text, Daten und Bild (Grafik) in Kommunikationsanwendungen - vorzugsweise, aber nicht ausschließlich - in der Bürokommunikation an. So fördert die Deutsche Bundespost Telekom gegenwärtig rund 30 Anwendungsprojekte.

Vielfältige Standards bereiten Probleme

Doch nicht nur bei Neuentwicklungen stehen die Telecom Hersteller vor noch zu bewältigenden Aufgaben. Auch bei weiterhin nachgefragten Anwendungen auf den jetzt zur Ablösung anstehenden TK-Anlagen - analoge oder digitale - gilt es, diese in die neue ISDN-Anlagengenerationen funktionsfähig, zeitlich akzeptabel und kostenadäquat zu überführen.

Bei der Umsetzung dieser Integrationsaufgaben zeigt sich daß die gegenwärtig und auch weiterhin vielfältigen Firmenstandards in der Telekommunikation sowie Datenverarbeitung für alle Hersteller problematisch sind, auch wenn sich vereinzelt positive Realisierungsansätze ausmachen lassen.

Als Beispiel ist hier das von Digital Equipment entwickelte Computer-ISPBX-Interface nach ECMA-Standard zu nennen. Wird auch für die Nebenstellen ein entsprechendes Gegenstück entwickelt und eingesetzt, wie es Telenorma für ihre Integral-Systeme macht, ist eine Kommunikation zwischen Informations- und Kommunikationssystemen dieser beiden Hersteller möglich. Zu berücksichtigen bleibt allerdings, daß der Stellenwert dieser Lösung durch den Verlust der dominierenden Rolle der "dummen" Arbeitsstationen (ASCII-Terminals) aufgrund der Verfügbarkeit hochleistungsfähiger Ein- und Mehrplatz-Systeme zu relativieren ist. Die heute preiswerte Verlagerung der Computerintelligenz direkt auf den Arbeitsplatz des Bearbeiters minimiert dessen Zugriffe auf den Host über eine ISPBX spürbar.

Schnittstellen-Probleme bestehen nicht nur zwischen Host und Nebenstelle, sondern auch im Endgeräte-Sektor. Hier muß mangels einer fehlenden ISDN-Standardisierung bei den Endgeräten die Anpassung der vorhandenen Altbestände an das ISDN mittels Terminaladaptoren (TA) realisiert werden. Für den Anwender bedeutet das zusätzliche Investitionen.

Technisch übernehmen Terminaladaptoren Schnittstellen-Anpassungen zwischen vorhandenen normierten Endgeräten und dem neuen Transportsystem im ISDN; hierbei werden die transportierten Informationen ohne Verlust ihres Informationsgehaltes unter Geschwindigkeitsanpassung in den ISDN-B- und/oder -D-Kanal überführt. Adaptoren selbst tragen nicht zur Erhöhung der Anwendungsfunktionalität bei, ermöglichen allerdings erst deren Anwendung im ISDN.

Die Endgeräte zum ISDN lassen sich in der ersten ISDN-Einführungsphase über die Terminaladaptoren, in der zweiten Phase über So, Upo-Schnittstelle an, wobei zunächst die So Schnittstelle am ISDN-Hauptanschluß bedient wird und bei Einsatz einer Nebenstellen-Anlage auf die Inhouse-Upo-Schnittstelle umgestiegen wird.

Zweiteilung des Endgerätemarktes

Eine Zweiteilung des Endgeräte-Marktes zeichnet sich dadurch ab - einerseits in die Produkte für Haushalt, Freiberufler, Klein- und Kleinstunternehmen mit So-Schnittstelle für den Basisanschluß, vertrieben über den Einzelhandel, andererseits in die Endgeräte für Nutzer von Nebenstellen-Anlagen, die durch deren Upo-Schnittstelle bedient werden, nur direkt vertrieben durch die TK-Hersteller.

Zusätzlich treten neben dieser Schnittstellen-Problematik (Endgeräte, DV-Anlagen) weitere nicht unerhebliche Umsetzungsprobleme im Softwarebereich auf. Auch wenn durch die Hardware alle Voraussetzungen für eine leistungsfähige ISDN-Informationsverarbeitung und Telekommunikation realisiert wären, wird es noch Jahre dauern, bis mit Ausnahme von einigen Spezialfällen ISDN-geeignete Anwendungssoftware angeboten wird. Dies gilt besonders für komplexe Inhouse-Applikationen .

Entsprechende Software muß es den Telecom-Anlagen ermöglichen, daß zum Beispiel Vermittlungsprogramme für gruppenübergreifende Funktionen, Verwaltungs- sowie Service- und Diagnoseprogramme auch für nachträgliche Änderungen mit geringem Zusatzaufwand generierbar sind.

Ursachen der Anpassungsprobleme

Anlagen- und Kundendaten könnten so über externe Rechner (adaptierte Server) oder über das Systemterminal beziehungsweise die Abfragestelle (integrierte Server) eventuell vom Kunden selbst im Anwenderdialog geändert werden. Auch ist über Server der Zugang zu herkömmlichen digitalen Netzen, wie Datex-P und Datex-L, oder auch in spezielle Datennetze wie SNA zu realisieren. Server müssen vom Grundsatz her mit ihrer Software Text- und Datenkommunikation in geschlossenen Inhouse-Anwendungen ebenso wie die Nutzung der verschiedenen Kommunikationsdienste der Deutschen Bundespost über das öffentliche ISDN-Netz ermöglichen. Auch sind die bis heute stark vernachlässigten Bereiche von sogenannten Branchenlösungen (Branchenserver) oder die Einsatzfähigkeit von Servern für den TK-Anlagenbetrieb und die Netzsteuerung (Administrations- und Betriebsserver) rasch zu verwirklichen.

Worin liegt aber die Hauptursache für die zweifelsfrei bestehenden Anpassungs- und Portierungsprobleme in ISDN-IuK-Systemen? Wenn Server für TK-Anlagen die Trennung zwischen Steuer- und Nutzinformationen sowie die Bereitstellung und Übergabe dieser Daten an das Vermittlungssystem (zum Beispiel Aktivierung eines Rufes, Schaltung von Berechtigungen, Übernahme und Weiterleitung von Datensätzen) gewährleisten, so werden zwar trotz einer gewissen Datenmanipulation in diesem System Informationen verarbeitet, eine IV im Sinne von DV-Anlagen findet damit aber nicht statt. Diese Interpretation würde dem TK-Auftrag eines real-time-fähigen und reibungslosen Informationstransportes auch nicht gerecht.

Solche IV-Aufgaben bleiben ausschließlich Servern mit ihren anwendungsspezifischen Funktionen vorbehalten. Für diesen Anwendungsservice der Sammlung, Speicherung, Verarbeitung, Versendung und Ausgabe von Daten sind von den Anbietern Serverfunktionen zu realisieren.

Heutige Server benötigen aber wegen ihrer immensen Entwicklungskosten dringender denn je eine Festlegung auf eine standardisierte und widerspruchsfreie (offene) Schnittstelle mit definierten Protokollen und servicebezogenen Verarbeitungsalgorithmen gemäß dem ISO/OSI-Referenzmodell an der ISPBX für die Koppelung mit Computern (Servern). Entsprechende Bemühungen wurden auf Initiative von Digital Equipment unter dem Stichwort "Computer Integrated Telephony" (CIT) angeregt und mittlerweile durch die Arbeitsgruppe "Computer Supported Telephone Application" (CSTA) innerhalb der ECMA (European Computer Manufacturing Association) aufgegriffen. Ähnliche Anregungen kommen im "PBX and Computer Teaming" (PaCT) von Siemens zum Ausdruck.

Sollte hier seitens der Hersteller auch eine für den Anwender tragfähige und dauerhafte Einigung erzielt werden, so stellt dies einen wesentlichen Meilenstein auf dem Wege zum ISDN-Nutzungsdurchbruch dar.

Solange der nahtlose Übergang zwischen "analog/digital" und ISDN bei bestehenden ebenso wie bei neuen Anwendungen durch die Schnittstellen-Problematik, die fehlende Standardisierung und die fehlende Anwendungssoftware nicht endgültig bewältigt ist, wird das ISDN-Ablösungskonzept schwach bleiben.

Die technische Begründung für die ISDN-Anwendungskrise liegt also in den identifizierten drei Schwachstellen im ISDN-Ablösungskonzept: TK-Host-Schnittstellen-Problematik, Endgeräte-Schnittstellen-Problematik sowie Softwareproblematik zur Integration bestehender und künftiger Anwendungslösungen.

Die Hauptursache aber für die geringe Verfügbarkeit von ISDN-Produkten und Anwendungslösungen ist ganz offensichtlich darin begründet, daß häufig auf ein ganzheitliches, unternehmensweites Informations- und TK-Konzept bei den Telekom-Herstellern in der Realität nicht zurückgegriffen werden kann. So sind zwar alle Vertriebsbroschüren auf dem neuesten Stand der Technik, von einer praktischen Umsetzung kann aber selten die Rede sein.

Wenn auch, bedingt durch Auftragsarbeiten für Einzelanwendungen, technische Lösungsansätze am Markt existieren, so ist deren Einbettung und Absicherung durch vorausschauende Produktfindungskonzepte und durch widerspruchsfreie Serverkonzepte im Marketing so gut wie nicht vorhanden. Passiv wird auf diesem Gebiet auf Pilotkunden gesetzt, die willens und in der Lage sind, Entsprechende Voice- und Non-Voice-Techniken trotz des Fehlens innovativer Konzepte im ISDN-Verbund real einzusetzen. Verständlicherweise halten sich hierbei aber die potentiellen Pilotkunden noch stark zurück.

Fehlende Konzepte führen jedoch folgerichtig zu fehlenden Produkten, so daß selbst zum gegenwärtigen Zeitpunkt immer noch nur wenige vermarktbare Non-Voice-Produkt im ISDN-Verbund verfügbar sind. So ist verständlich, daß sich der ISDN-Nutzungsdurchbruch und mit ihm die Nachfrage nach den Produkten für die nicht-sprachlichen Kommunikationsfunktionalitäten noch nicht durchgesetzt hat.

Konnten in der Vergangenheit aufgrund der reichhaltigen Erfahrung der Telecom-Mitarbeiter im Voice-Bereich und wegen der engen Vorschriften der alten Fernmeldeordnung die wenigen technischen Anpassungen und Erweiterungen getrost den Technikern überlassen bleiben, so ist heute eine ähnliche Vorgehensweise für den wettbewerbsintensiven Non-Voice-Bereich, der den meisten Mitarbeitern letztendlich doch neu ist, auf keinen Fall ohne vorherige Produktfindungs-Strategie durch das Marketing oder andere kompetente Analytiker in geeignete Entwicklungsprojekte umzusetzen. Aber nicht nur in der Entwicklung und im Marketing sind teilweise gravierende Mängel zu beobachten, auch beim Vertrieb ist ein erhebliches konzeptionelles Angebots- und Nachfrage-orientiertes Defizit abzubauen .

Wenn sich heute die vertriebliche Situation "draußen vor Ort" ausnahmslos noch so gestaltet, daß zwar die Aufforderungen zur Einreichung von Angeboten für Organisations- und IuK-Lösungen aus dem Bereich der nicht-sprachlichen Kommunikation zunehmen, Auftragserteilungen aber im größeren Umfang nicht erfolgen beziehungsweise deren Umsetzung beim Auftraggeber zeitlich noch nicht akut ist, so bestätigt dies in praxisbezogener Weise das Fehlen des ISDN-Nutzungsdurchbruchs.

Diese scheinbare "Atempause" muß jetzt vom Vertrieb in Zusammenarbeit mit dem Marketing und den Entwicklungsabteilungen zielgerichtet für Qualifizierungs- und Kompetenzmaßnahmen im Non-Voice-Bereich genutzt werden. Dabei hat der Vertrieb sich darauf zu konzentrieren, daß er neben den von Kunden nachgefragten Non-Voice- und Serverprodukten auch die qualifizierte und dauerhafte Anwenderberatung, die Lieferung von Anwendungskonzepten und demonstrationsfähigen Komplettlösungen in seine Überlegungen miteinbeziehen muß.

Dies erfordert künftig von den Telecom-Herstellern interne und externe Kooperationen die sich an technischen, technologischen und Marketing-Kompetenzen innerhalb und außerhalb des Gesamtunternehmens zu orientieren haben. Im Hinblick auf ISDN ist die Zeit für ein sofortiges strategisches Handeln der Telecom-Hersteller überfällig und günstiger denn je. +

(wird fortgesetzt)