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23.12.1988 - 

Applikationen für 64 KBits-schnelle Datenverbindungen gäbe es genug:

ISDN: DÜ-Professionals zwischen Skepsis und Neugier

Paul Hofmann ist Geschäftsführer der Datakom Ges. für Datenkommunikation mbH, Ismaning.

Kann ein Datennetz, designed für die Übermittlung von digitalisierter Sprache, nicht auch kostengünstig und zuverlässig schnelle Datenleitungen zur Verfügung stellen? Im Prinzip ja! Wer solche Überlegungen in seine Netzwerkplanung einbezieht, sollte jedoch bei den Stichworten "kostengünstig" und "zuverlässig" etwas genauer hinschauen.

Bei den diversen Veranstaltungen und Kongressen während der letzten Monate zum Thema Datennetze, speziell zum Thema ISDN, blieb dem Auditorium ein gewisser "Sinneswandel" bei Post beziehungsweise Fernmeldetechnischem Zentralamt (FTZ) nicht verborgen. Vor einigen Jahren noch fiel der Begriff ISDN bis auf wenige Ausnahmen immer im Zusammenhang mit der Erneuerung des heutigen analogen Fernsprechnetzes. Als Bonbon sozusagen bot man jedem Teilnehmer beziehungsweise Inhaber eines Basisanschlusses (S0) zusätzliche Non-Voice-Dienste wie schnellen Btx, Teletex etc. an. Jetzt aber zielt die ISDN-Werbung immer mehr auch auf die Betreiber von Datennetzen. Insider vermuten dahinter folgende Erkenntnis der Post: "Allein mit privaten Haushalten und Kleinunternehmen kommt man wohl kaum zu respektablen Anschlußzahlen."

Das ist richtig, denn wer heute für runde 40 Mark im Monat einen Telefonanschluß mit KomfortteIefon bekommt, wird wohl nur im Ausnahmefall bereit sein, für die bessere Übertragungsqualität und einige zusätzliche Features etwa das Doppelte zu bezahlen. Insofern wird der obengenannte Sinneswandel verständlich.

Applikationen für 64 KBit/s-schnelle Datenverbindungen im ISDN gibt es genug. Bridges zwischen LANs zum Beispiel, schnelle Backup-Leitungen, FEP-zu-FEP-Verbindungen (FEP = Front/End-Prozessor) etc. Kann die Post jedoch die Erwartungen, die professionelle Anwender an ein ISDN-Netz stellen, erfüllen? Eine Portion Skepsis ist angebracht.

Wie das heutige Fernsprechnetz besteht auch das ISDN aus einer gehörigen Anzahl von Orts- und Fernvermittlungsstellen. Eine Verbindung von München nach Hamburg zum Beispiel wird durch viele Vermittlungsstellen geroutet. Jede dieser Vermittlungen beansprucht eine entsprechende Durchschaltzeit. Im Extremfall können dabei schon einige Sekunden zusammenkommen, und das ist immer dann schlecht, wenn gute Antwortzeiten gefordert sind. Eine akzeptable Alternative wäre deshalb die sogenannte semipermanente ISDN-Verbindung. Bei dieser Variante wird über den D-Kanal als Steuerungskanal die Verbindung zwischen der Datenquelle und der Datensenke, um es mal im Postdeutsch auszudrücken, ständig aufrechterhalten.

Daten dagegen werden nur im Bedarfsfall übertragen. Für den Anwender geht es jetzt also darum, herauszufinden, welche Datenvolumen für diese Variante im Hinblick auf die Gebührenstruktur vorteilhaft sind.

Schon erscheinen von der Post und auch von den diversen Herstellern Gebührenvergleiche, meist in grafischer Form.

Vor solch vereinfachten Darstellungen sei gewarnt. Sie sind nur verbindlich, wenn - wie in dem von IBM veröffentlichten Vergleich (Bild 1) - tatsächlich 80 Stunden/Monat bei ISDN einer Nutzungszeit von 80 Stunden/Monat bei festgeschalteten Leitungen gegenübergestellt werden. Es lohnt sich auf jeden Fall, im Zusammenhang mit der existierenden oder geplanten Anwendung Messungen vorzunehmen und das Ganze dann genau zu analysieren (Volumen, Verbindungsaufbauzeiten, Antwortzeiten etc.). Vielleicht zeigt das Ergebnis, daß eine Wählverbindung zwar schlechtere Antwortzeiten bietet, aber wirtschaftlich vertretbar ist, oder aber, daß sogar eine permanente ISDN-Verbindung notwendig wäre.

Schnelle Datenverbindungen sollten, oder besser gesagt, müssen einen hohen Qualitätsstandard vorweisen. Warum, ist DÜ-Experten längst bekannt, aber auch für Laien schnell erklärt.

Je höher die Geschwindigkeit, desto größer das "Modolo". Gemeint ist damit eine Vereinbarung im Übertragungsprotokoll, die festlegt, wie viele Datenblöcke ohne Bestätigung vom Sender an den Empfänger übertragen werden können. Modolo 8 zum Beispiel bedeutet, daß acht Blöcke hintereinander übertragen werden. Erst dann muß der Empfänger den Erhalt aller 8 Blöcke quittieren.

Bei schnellen Datenverbindungen wählt man gerne große Modolo, 128 etwa. Eine Quittung braucht dann erst nach 128 Blöcken erfolgen. Das spart Zeit und damit Geld, setzt aber gute Leitungsqualitäten voraus. Denn wenn die Quittung besagt, daß beispielsweise der 64. Datenblock von 128 defekt war, ist der Sender aufgefordert, diesen Block und alle weiteren noch einmal zu senden. Oft sollte so etwas nicht vorkommen.

ISDN wurde ja bekanntlich für die digitale Übertragung von Sprache designed. Geht bei einer solchen Übertragung zum Beispiel jedes dritte Bit verloren oder wird es verändert, ist der Empfänger, also das menschliche Ohr, immer noch in der Lage, die Nachricht zu interpretieren. Bei der Datenübertragung dagegen würde schon ein defektes Bit aus 128 Datenblöcken den obengenannten zeitraubenden Wiederholungsprozeß bedeuten.

Die Post beziehungsweise das FTZ, mit solchen Fragen konfrontiert, verweist dann gerne auf die ISDN-Spezifikationen oder, besser noch, auf die Ergebnisse des ISDN-Pilotprojekts. Dort wurden gute Bitfehlerraten und auch eine durchaus gute Verfügbarkeit, ebenfalls ein wichtiges Kriterium für Datennetzbetreiber, ausgewiesen. Eine solche Pilotinstallation kann jedoch nicht mit einer flächendeckenden ISDN-Struktur verglichen werden. Erst die Zusammenschaltung von vielen Vermittlungsstellen wird die Antwort bringen, denn die Kette ist bekanntlich nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

Wer davon ausgeht, daß alle oben genannten Bedenken gegenstandslos sind, kann also schon jetzt mit der Netzwerk- und Endgeräteplanung beginnen. Oder nicht? Die bis zum heutigen Tage vorliegenden Aussagen: "Wann gibt es wo wie viele ISDN-Anschlüsse?", machen es jedem Planer schwer, Entscheidungen zu treffen. Ein ISDN-Atlas, verfügbar für die verschiedenen Regionen, sprich Fernmeldebezirke, mit verbindlichen Aussagen als Ergänzung zu den bereits publizierten globalen Informationen (Bild 2), ist hier nötig. Auch die zuständigen Datennetz-Koordinatoren sollten in der Lage sein, genauere Auskünfte zu geben und daneben auch qualifizierter zum Thema "Wann ISDN und wann nicht" beraten können.

Die ersten groben Empfehlungen der Hersteller liegen bereits vor. Bild 3 gibt die Meinung von Big Blue- wieder. Die "E"s bei der permanenten Verbindung bedeuten: Tarif vorteilhaft, man sollte jedoch die Erfahrungen mit dem Netz abwarten.

Im Grunde genommen kann man diese Empfehlung als Bestätigung aller vorgenannten Bedenken interpretieren. IBM empfiehlt ISDN 64 KBit/s für den Backup, bei kleiner Last. Die semipermanente Verbindung wohl aus Kostengründen nur zusammen mit dem SHM (Short Hold Mode), bei dem das Polling weitgehend vom Netz verschwindet. Ansonsten gelten die HfD-Leitung (Hauptanschluß für Direktruf) oder die Datex-P-Verbindung immer noch als erste Wahl. Es sei denn, die Post sorgt dafür, daß auch bald das ISDN zur ersten Wahl wird. Das könnte wesentlich dazu beitragen, ein zweites-Btx-Dilemma zu verhindern.