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08.11.1991 - 

ETSI soll die Standardisierung vorantreiben

ISDN: Euro-Protokolle bilden kleinsten gemeinsamen Nenner

Im Zuge des bevorstehenden Binnenmarktes ist die Abstimmung der nationalen Standards auf europäischer Ebene unerläßlich. Dies gilt insbesondere für das Euro-ISDN, das zu einem wesentlichen Bestandteil der TK-Infrastruktur im Europa von morgen werden soll. Albrecht Seus* schildert die wesentlichen Merkmale der ISDN-Protokolle hierzulande sowie in Europa und geht auch näher auf das Procedere der Standardisierung ein.

Wie auf nationaler Ebene bestand auch europaweit die Idee, die Vielfalt unterschiedlicher Telekommunikationsnetze zu einem einheitlichen integrierten Netz zusammenzuführen. Dieses Vorhaben wurde in einer Ratsempfehlung der Europäischen Gemeinschaften (EG) artikuliert, so daß die Standardisierungsarbeiten vorangetrieben werden konnten. Die Ratsempfehlung umfaßt einen Stufenplan, der eine Übersicht verschafft, welche Dienste und Dienstmerkmale unterstützt und angeboten werden sollen.

Die praktische Umsetzung der Ratsempfehlung vereinbarten zunächst die EG-Staaten Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien durch die Schaltung von internationalen Netzübergängen. Gleichzeitig entwarfen die vier genannten Staaten einen Vertragstext, der als "Memorandum of Understanding" (MoU) bei der CEPT eingereicht wurde.

Das Memorandum wurde mittlerweile von 26 Netzbetreibern aus 20 europäischen Staaten unterzeichnet. Hinter der Unterzeichnung des Vertrags steht die Verpflichtung der Netzbetreiber, das europäische ISDN-Protokoll im Zeitraum von 1992 bis spätestens Ende 1993 in den jeweiligen Zuständigkeitsbereichen einzuführen.

Unterschiede bei der Schicht 3

Schritt für Schritt wird das europäische D-Kanal-Protokoll in das Netz der Telekom eingeführt werden. Dieses Protokoll beinhaltet gegenüber dem nationalen D-Kanal-Protokoll der Telekom (1TR6) einige schwerwiegende Unterschiede. Die Unterschiede betreffen in erster Linie die Schicht 3 (Vermittlungsschicht).

Die Schicht 3 der FTZ-Richtlinie ist in Form und Inhalt umfangreicher als die CCITT-Empfehlung, nicht zuletzt deshalb, weil sie mehr Beschreibungen an Dienstmerkmalen beinhaltet.

Ein weiterer Grund ist die historisch-technische Entwicklung des ISDN der Telekom. Bevor die CCITT endgültige Empfehlungen verabschiedete, startete die Telekom bereits ihr ISDN-Pilotprojekt. Diese Testphase ging frühzeitig in den Serienbetrieb über.

Bei diesem Schritt wurde das 1TR6-Protokoll der CCITT-Empfehlung soweit angepaßt, daß ein späteres Zusammenarbeiten (Interworking) zwischen 1TR6- und E-DSS1-Protokoll ermöglicht wird.

Das europäische D-Kanal-Protokoll basiert auf den CCITT-Empfehlungen I.430 (Schicht 1), Q.920/921 (Schicht 2), Q.930/931 (Schicht 3) sowie Standards zu Dienstmerkmalen, Paketvermittlung etc.

Einen Überblick über die gebräuchlichen europäischen ISDN-Normen gibt der technische Report ETR 010 (ETSI-Basic Guide).

Weitreichende Unterschiede zum 1TR6-Protokoll bestehen beim E-DSS1-Protokoll vorwiegend in den Inhalten von Zeichengabe-Nachrichten, bei der Fehlerbehandlung, der Kompatibilitätsprüfung, bei der Anzeige von analogen Übergängen und der Ausprägung von Diensten, Dienstmerkmalen sowie deren Aktivierung und Deaktivierung.

Im europäischen ISDN werden definierte Dienste in Übermittlungs- und Teledienste unterschieden. Bei den Übermittlungsdiensten handelt es sich um die Übertragungsleistung des Netzes, die der Netzbetreiber bereitstellt.

Dies sind in der leitungsvermittelten Übertragungsart:

- 64-Kbit/s-Übermittlungsdienst,

- 3,1-kHz-a/b-Übermittlungsdienst und

- Sprachübermittlungsdienst.

Im paketvermittelten Übertragungsmodus wird die Maximalintegration nach X.31 Case B unterstützt. Dieser umfaßt D- sowie B-Kanal-Nutzung für X.25-Datenpakete. Der von der Endeinrichtung geforderte Übermittlungsdienst wird vom Netz auf Kompatibilität geprüft.

Zur Übertragung von Ende-zu-Ende-Protokollen wurden die Teledienste Telefonie 3,1 kHz, 7 kHz audio, Teletex, Telefax und Bildtelefondienst definiert. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Endeinrichtungen, die einen Teledienst unterstützen, wird durch eine Ende-zu-Ende-Kompatibilitätsprüfung festgestellt. Das Netz transportiert dabei die dazu benötigten Informationselemente transparent.

Für die Zugehörigkeit eines Dienstes zur Gruppe der "Bearer Services" oder "Tele Services" ist entscheidend, ob in der SETUP-Nachricht ein High-Layer-Compatibility-Informationselement (HLC-IE) enthalten ist oder nicht. Ist kein HLC-IE enthalten, dann handelt es sich um einen Bearer Service, ist eines mit definiertem Inhalt vorhanden, dann liegt ein Tele Service vor, der durch die Kombination von BC und HLC genau definiert werden kann.

Im Bereich der Dienstmerkmale sind im Memorandum fünf Dienstmerkmale als Mindestleistungsumfang festgelegt. Diese Dienstmerkmale müssen alle Netzbetreiber bei der Ersteinführung des E-DSS1-Protokolls unterstützen. Es handelt sich dabei um die Dienstmerkmale:

- Multiple Subscriber Number (MSN - Mehrfachrufnummer),

- Direct Dialling In (DDI - Durchwahl zur Endstelle),

- Terminal Portability (TP - Umstecken am Bus),

- Calling Line Identification Presentation (CLIP - Anzeige der A-Rufnummer beim B-Teilnehmer) und

- Calling Line Identification Restriction (CLIR - Unterdrückung der Anzeige der A-Rufnummer beim B-Teilnehmer).

Den nationalen Netzbetreibern bleibt es überlassen, bei Ersteinführung des E-DSS1-Protokolls darüber hinaus noch weitere Dienstmerkmale anzubieten. Im Netz der Deutschen Bundespost Telekom werden zu diesem Zeitpunkt zusätzlich die

Dienstmerkmale

- Connected Line Identification Presentation (COLP - Anzeige der B-Rufnummer beim A- Teilnehmer),

- Connected Line Identification Restriction (COLR - Unterdrückung der Anzeige der B-Rufnummer beim A-Teilnehmer),

- Subaddressing (SUB - Subadressierung),

- User-to-user-Signalling Service 1 (UUS - Teilnehmer zu Teilnehmer-Zeichengabe Service 1),

- Advice of Charge (AOC - Anzeige der Gebühren) sowie

- Call Forwarding (CF - Rufumleitung)

angeboten.

Zum Aufbau einer Kommunikationsverbindung muß eine Endeinrichtung beim Netz eine

Übertragungsleistung anfordern, dies geschieht durch das Informationselement Bearer

Capability (BC), das in jeder SETUP-Nachricht enthalten sein muß. Ist die angeforderte Übertragungsleistung für den betreffenden Anschluß freigegeben, wird dem Endgerät ein zur Verfügung stehender Nutzkanal zugewiesen. Ist die vom Endgerät angeforderte Übermittlungsleistung nicht in der Vermittlungsstelle (VSt) freigegeben, wird der Verbindungswunsch vom Netz zurückgewiesen.

Handelt es sich für die Endeinrichtung um einen ankommenden Ruf, hat diese das Informationselement Bearer Capability auszuwerten. Bei festgestellter Kompatibilität, kann die SETUP-Nachricht angenommen und positiv quittiert werden.

Sollte das ankommende SETUP ein BC-Informationselement enthalten, das von der gerufenen Endeinrichtung nicht unterstützt wird, ist der Verbindungswunsch zu ignorieren oder mit einer RELEASE-COMPLETE-Nachricht und Cause-Informationselement mit dem Inhalt "Incompatible Destination" zurückzuweisen.

Ob zwei Endeinrichtungen zu gemeinsamer Kommunikation in der Lage sind, wird mittels der Informationselemente "High Layer Compatibility" (HLC) und "Low Layer Compatibility" (LLC) in einer Ende-zu-Ende-Kompatibilitätsprüfung ausgehandelt.

Das rufende Endgerät, das einen Tele Service (zum Beispiel Fax G4) unterstützt, generiert die Informationselemente HLC und LLC. Das Netz überprüft nur deren Länge und reicht sie dann transparent zur gerufenen Endeinrichtung weiter.

Das gerufene Endgerät wertet die Kompatibilitätselemente aus und entscheidet, ob es sich um kompatible oder inkompatible Informationen handelt. Bei Inkompatibilität wird der Verbindungswunsch vom Endgerät zurückgewiesen.

Anders als beim 1TR6-Protokoll wird beim europäischen D-Kanal-Protokoll der Übergang einer Verbindung in ein analoges Netz oder zu einem "analogen Anschluß am ISDN (ANIS)" angezeigt. Das Verlassen des ISDN-Netzes wird einem Endgerät mit dem Informationselement Progress Indicator signalisiert. Dabei kann kenntlich gemacht werden, daß es sich um keine End-to-end-Verbindung im ISDN handelt oder die Ursprungs- beziehungsweise Zieladresse analog ist.

Trotz der Einführung des E-DSS1-Protokolls durch die Telekom wird das 1TR6-Protokoll weiterhin unterstützt. Um sowohl die nationale als auch die europäische Protokollvariante im Netz anzubieten, wird in den digitalen Vermittlungsstellen ein erweiterter ISDN-User-Part vorgesehen, der beide Protokolle auf einen gemeinsamen zentralen Zeichenkanal umsetzt.

Selbstverständlich müssen auch Kommunikationsbeziehungen zwischen 1TR6- und E-DSS1-Endgeräten möglich sein. Die Umsetzung (Interworking) der Protokolle wird bei einer solchen Verbindung in der Zielvermittlungsstelle realisiert. Das Interworking bezieht sich in diesen Fällen hauptsächlich auf die Umwandlung von Kompatibilitäts- und Adreß-Informationselementen.

Mit Einführung des E-DSS1-Protokolls wird dem Endgerätebenutzer die Möglichkeit eingeräumt, 1TR6- sowie E-DSS1-Endgeräte an einem gemeinsamen Basisanschluß zu betreiben. Diese Anschlußart ist in der jeweiligen Vermittlungsstelle an eine E-DSS1-Beschaltungseinheit angebunden, das heißt, sie wird aus Sicht des Netzes wie ein normaler E-DSS1-Anschluß behandelt. Mittels eines eigens für den bilingualen Basisanschluß entwickelten Netzabschlusses (NT BIBA) werden ankommende E-DSS1-Nachrichten und -Informationselemente auf 1TR6-Endgeräte umgesetzt. Umgekehrt werden von 1TR6-Endgeräten gesendete Nachrichten und Informationselemente ins entsprechende E-DSS1-Protokoll umgewandelt. Die Protokollanpassung durch den NT BIBA ist in der Richtlinie 1TR229 beschrieben.

Infolge der hohen Innovationsgeschwindigkeit bei Telekommunikationsprodukten erhöhte sich seit Anfang der achtziger Jahre auch der Druck auf die Standardisierungsverfahren. Zukünftige Standards sollten möglichst die Interessen aller Beteiligten einschließlich Hersteller und Anwender und die Interessen der europäischen Binnenmarktes im Auge behalten.

Einheitliche europäische Spezifikationen sind Voraussetzung für die Telekommunikation in einem gemeinsamen Europa. Bei den von der Conférence Européen des Administration des Postes et des Télécommunications (CEPT) geleiteten Arbeiten wurden zwar gewisse Fortschritte erzielt, aber es war ersichtlich, daß umfassende Veränderungen nötig wurden.

Auf diesem Weg entstand das European Telecommunications Standards Institute (ETSI), ein selbständiges europäisches Normungsinstitut. Um den Anforderungen zukünftiger Standards gerecht zu werden, besteht ETSI nicht nur aus Delegierten nationaler Fernmeldeverwaltungen. Mitglieder von ETSI sind auch Hersteller und Anwender von Produkten der Informations- und Telekommunikationstechnik, öffentliche Netzbetreiber und Wissenschaftsverbände.

Damit eine effektive Normierungsarbeit möglich wird, ist ETSI in verschiedene Organisationseinheiten aufgeteilt:

- Sekretariat,

- Generalversammlung (GA),

- Technische Versammlung (TA),

- Technische Komitees und Subkomitees (TC/STC) sowie

- Projektteams (PT).

Der Entwurf eines europäischen Telekommunikationsstandards durchläuft einige der genannten ETSI-Komitees und Versammlungen, bis er letztendlich als gültige Norm wirksam wird.

Den ETS-Entwurf kann beispielsweise ein Projektteam erarbeiten. Anschließend wird der beabsichtigte Standard als Arbeitspapier (Draft-ETS) beim zuständigen technischen Komitee eingereicht. Die Mitglieder dieses Ausschusses überprüfen beziehungsweise überarbeiten diesen ETS-Entwurf und reichen ihn nach der Anerkennung beim ETSI-Sekretariat ein. Das ETSI-Sekretariat verteilt den Entwurf an die nationalen Normierungsgremien, die dann die Möglichkeit haben, beim ETSI-Sekretariat Kommentare einzureichen. Nach der Überarbeitung und Anerkennung des ETS-Entwurfes durch die technischen Komitees entscheidet die technische Versammlung dann über die Annahme des ETS.

Die europäischen Spezifikationen für das E-DSS1-Protokoll (Schicht 2: ETS 300 125, Schicht 3: 300 102-1/-2) enthalten einige Optionen, die von den nationalen Netzbetreibern mit Festlegungen ausgefüllt werden müssen.

Der Telekom als Netzbetreiber werden die nationalen Festlegungen zur Anwendung des E-DSS1-Protokolls in den Schichten 2 und 3 in der Richtlinie 1TR 67 dokumentiert. Die dort aufgenommenen nationalen Festlegungen beeinträchtigen nicht die Kompatibilität zu anderen Netzen und den dort betriebenen Endeinrichtungen.

In Form von zwei- beziehungsweise dreitägigen Seminaren bietet das Projekt Roland der Telekom seit Juni 1991 Informationen zur Umsetzung der europäischen Standards in Produkte und Anwendungen im zukünftigen ISDN-Netz. Ebenso wird seit Oktober 1991 ein Testservice angeboten. Zu diesem Zeitpunkt können Tests der NET 3 sowie zusätzlich definierte Testfälle durchgeführt werden. Dies wird als ein weiterer Schritt angesehen, den Endgerätemarkt so vielfältig wie möglich zu gestalten.