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29.09.1989 - 

Btx: Konkurrenzfähiges Medium - kein Notnagel

ISDN könnte als Katalysator Btx in den Rang eines anerkannten Telekommunikations-Mediums heben:

Btx lebt. Von vielen bereits totgesagt, nimmt der Dienst einen kontinuierlichen Aufschwung. Heute, wo jene ominöse Diebold-Million aus Zeiten der Btx-Einführung längst Legende ist, ist auch im Postministerium die Euphorie einer realistischen Betrachtung gewichen. Dort hat man eingesehen, daß Btx zunächst nicht jener private Massendienst französischen Zuschnitts sein wird. Die Reanimation des einstigen Todeskandidaten Btx hat durch die professionelle Nutzung stattgefunden. Btx wird insbesondere in Unternehmen mit dezentraler Struktur als preiswertes Medium zur Information, Dialoganwendung und zum Teil der DFÜ immer seßhafter. Über diese DV-Nische, so glauben Experten, wird der Dienst als TK-Medium an Renommee gewinnen, zumal die Preise für Endgeräte deutlich gesunken sind. Mit der Flächendeckung von ISDN könnte Btx sogar der große Wurf gelingen. Um ein Vielfaches schneller als heute, so spekulieren einige Insider, wird ISDN-Btx dann sogar in ernsthafte Konkurrenz zu herkömmlichen DFÜ-Medien treten.

Btx hat in der DV heute noch da, Image der "Mickey Mouse", beklagt Thomas Eder, Projektleiter für DV-gestützte Systeme bei der Osram GmbH, das Negativbild des Mediums Btx. Sehr zu Seinem Leidwesen hat sich der Dienst der Bundespost bis heute kaum von dem "Flop-Image" erholt, das ihm seit der fehlgeschlagenen Einführungsstrategie des gelben Riesen wie Pech an den Fersen klebt.

Erinnern wir uns: lm Juni 1984, als die Post den Btx-Dienst erstmals bundesweit anbot, wurden die Erwartungen in Bonn sehr hochgeschraubt. Die Meßlatte lag bei einer Million Btx-Teilnehmer, die eine Diebold-Studie bis Ende 1988 prophezeit hatte, allerdings für den sogenannten "Best Case". Weit niedriger fielen die Zahlen der Beratungsunternehmens jedoch für den "Worst Case" aus. Der trat vor allem deshalb ein, (..)eil die Post in ihrer Btx-Rechnung die private Nutzung zum Hauptposten gemacht hatte, während die professionellen Anwender in der Kalkulation als Nebenbetrag geführt wurden.

Heute hat sich im Bundespost. ministerium die Erkenntnis durchgesetzt, daß das Pferd damals von hinten aufgezäumt wurde. Die jüngsten Zahlen aus dem Ministerium beweisen es: Btx beginnt sich über die gewerbliche Anwendung allmählich freizuschwimmen. Rund die Hälfte der 176 000 Btx-Anschlüsse entfallen, laut Eric Danke, Referatsleiter Bildschirmtext im Bundespostministerium, auf den profesionellen Bereich, 30 Prozent auf den semiprofessionellen Sektor und nur 20 Prozent auf die rein private Anwendung.

Btx-Experte Eder sieht sich durch diese Entwicklung in seiner Meinung bestätigt: "Ein technisches System wie Btx kann nur über die gewerbliche Nutzung in die Privathaushalte kommen." Von dieser Warte aus gesehen seien die bis Ende 1989 angestrebten 200 000 Anschlüsse bei realistischer Betrachtung für fünf bis sechs Jahre Regelbetrieb kein schlechtes Ergebnis. Damit habe Btx in seiner Anfangszeit mehr Anschlüsse, als es das Telefon, Telex und Telefax im vergleichbaren Zeitraum hatten.

Tatsächlich scheint es so, als habe Btx in einer maßgeschneiderten DV-Nische ein Plätzchen gefunden, von dem aus nun der Sprung zu einem akzeptierten Medium in der DV-Fachwelt gelingen Soll. Immer mehr Unternehmen mit dezentraler Struktur entdecken nämlich ihre Liebe zu Btx, um mit ihren Außenstellen preiswert zu kommunizieren.

Die Chancen, den Popularitätsgrad von Btx durch dessen professionelles Einsatzfeld zu steigern, hat auch die Post erkannt. Referatsleiter Danke zu dem gewerblichen Vorteil von Btx: "Für große Unternehmen wird Btx dann interessant, wenn Außenstellen zu erschließen sind, für die sich die Integration in die herkömmliche Datenkommunikation wirtschaftlich nicht rechnet."

In diesem Punkt sind sich alle Anwender einig: Das größte Plus von Btx ist der Preisvorteil, der eine Kommunikation mit der entferntesten Filiale in der Bundesrepublik zum Ortstarif ermöglicht. So räumt ein DV-Spezialist der Bosch GmbH ein: "Bosch hat in Btx in erster Linie ein kostengünstiges Medium gesehen, um die Bosch-Dienste flächendeckend zu erreichen." Das gleiche Argument führt auch Christian Ritz, Vertriebsbeauftragter für die Kommunikation bei der NUR Touristic GmbH an: "Wir benutzen Btx, weil das Medium als Informationsträger preiswert ist und über die normale Telefonleitung auch die entlegendsten Reisebüros anbindet."

Stellt sich die Frage nach weiteren Prädikaten von Btx. Die Palette der Btx-Vorteile reicht bei Karin Bekelaer, in der BMW AG Vertriebsgesellschaft Deutschland für den DV-Einsatz der inländischen Handelsorganisation zuständig, von der Flächendeckung über die leichte Implementierung in bestehende DV-Systeme bis hin zu den günstigen Gerätschaften. Außerdem sei keine Schulung und DV beim Händler nötig. Ferner, so die DV-Expertin, falle die manuelle Bearbeitung der Belege weg, weil Btx direkt in die Datenbank von BMW hineinreiche.

Die komfortable und simple Bedienerführung sowie, den Aspekt des Datenschutzes führt Projektleiter Eder als Btx-Pro an. Dadurch, daß in geschlossenen Benutzergruppen (GBG) schon eine große Datenschutzfunktion enthalten sei, werde die mühsame Zugriffssicherung am eigenen Rechner hinfällig.

Das Kriterium, mit Btx Rechnerdialog betreiben zu können, hebt Claus Reis, bei der Vereinigung der Spielwarengeschäfte, Vedes e.G. für den Bereich Organisation und Programmierung verantwortlich, als Btx-Positivum besonders hervor. Wie die Spielwarengenossenschaft auch, haben die meisten Unternehmen eine GBG mit externem Rechner (ER) realisiert, wobei je nach Branche die Anwendungen unterschiedlich aussehen. Überwiegend, das hat die Analyse der Applikationen ergeben, wird Btx als Informationsquelle und Dialogmedium genützt, um Auftragsdaten zu erfassen, Geschäfte abzuwickeln, Lager- und Kundenbestände abzufragen oder Rückstände zu prüfen.

Btx, nur ein Medium für die preiswerte Dialoganwendung? An diesem Punkt scheiden sich die Geister der Btx-Experten. Die meisten sehen den Nutzen von Btx ausschließlich in der Informations- und Dialoganwendung, halten Btx als DFÜ-Medium jedoch für ungeeignet. So zum Beispiel die DV-Spezialistin Bekelaer: "Bei über 900 Händlern und rund 80 Applikationen haben wir bei BMW das Problem, Applikationen einsetzen zu müssen, die größere Datenmengen enthalten und für Btx eigentlich nicht gedacht sind. Da unsere Handelsorganisation aber noch nicht hundertprozentig mit DV ausgestattet ist, überfrachten wir jetzt Btx. Wir müssen einen Abbau schaffen und Btx auf die Dialoge beschränken. Im Dialogbetrieb wird es jedoch nie eine Alternative zu Btx geben."

Als reines Informationsmedium setzt die Iduna Versicherung Btx ein. Wie ein Mitarbeiter der Iduna mitteilte, spiele Btx im Unternehmen nur als Informationsquelle für die Vertreter eine Rolle, um Bestände der Versicherten abzufragen. Der Insider weiter: "Der Außendienst erfaßt keine Daten, die via Btx übermittelt werden. Btx spielt bei uns als Medium zur Datenübertragung keine Rolle."

Neben der Information über Ersatzteilbestände oder noch freie Reisekontingente findet Btx bei der Bosch GmbH und NUR Touristic GmbH auch als Bestellmedium Anwendung. So werden bei Bosch die Aufträge der Bosch-Dienste über Btx abgewickelt, bei NUR die Buchungen der Reisebüros entgegengenommen.

Nach Ansicht von Projektleiter Eder sind die Kapazitäten von Btx als Mittel zur Information und Bestellung längst nicht erschöpft. Der leidenschaftliche Btx-Verfechter beschwört auch die DFÜ-Tauglichkeit des Dienstes: "Btx ist für die DFÜ geeignet. Osram fährt zum Beispiel die gesamte Übertragung der Auftragsdaten über Btx. Hier kann durch Intelligenz sehr viel aus dem angeblich so miserablen Btx herausgeholt werden." Unter Intelligenz versteht Eder die Optimierung des Datenvolumens (Stichwort Nettodatenübertragung), intelligente Programmstrukturen und den Einsatz von Zugangsknoten mit 1200 Baud.

Kritik übt Eder besonders an den klassischen Vertretern der DFÜ: "Die sagen 1200 Baud sind zu langsam, weil sie von der Technik geblendet sind." Schießen demnach viele DV-Experten in ihrer DFÜ mit Kanonen auf Spatzen? Nach Meinung von Eder ja, "weil sie bei der Auswahl des Mediums nur die Technik, aber nicht die Anwendung sehen".

Stellt sich die Frage nach der DFÜ-Konkurrenz von Btx. Als Hauptkonkurrent wird fast einhellig Datex-P genannt. So findet beispielsweise bei einem bekannten Unternehmen, das weltweit Autos vermietet, aber nicht genannt werden möchte, die Kommunikation zwischen der Hauptverwaltung und den Filialen über Datex-P statt, "weil es", so der Fachmann, "schneller als Btx ist". Das Unternehmen setze Btx deshalb nur als reines Servicemittel für die Kunden ein.

"Btx ist für uns kein Thema", heißt es auch in der Hamburger Zentrale einer Mineralölgesellschaft, die ebenfalls ungenannt bleiben möchte. Dort werden die Daten von den Tankstellen momentan noch über ein Wählleitungsmodem täglich abgerufen. Im ersten Quartal 1990 wird das Unternehmen dann, so die Auskunft, auf Datex-P umstellen. Die integrierten Systeme werden dann die Daten an einen PC der Tankstelle weitergeben, wo sie von einem Knotenrechner abgerufen und gebündelt in den Host der Zentrale übertragen werden.

Bei einem anderen Ölgiganten in der Hansestadt scheint das Vertrauen in Btx zu schwinden. Der Konzern, der heute die Daten von den Tankstellen via Btx abfrägt, liebäugelt mit anderen Übertragungsformen. "Wenn ein permanenter Datenaustausch stattfindet, ist Btx zu langsam", kritisiert der Experte das Medium und fügt hinzu: "Ich weiß nicht, ob Btx die Zukunftsform der Datenübermittlung von Filialen ist."

Aber auch aus einer anderen Ecke droht Btx-Konkurrenz. Blokkiert wird die Entwicklung von Btx nach Ansicht von Claus Reis durch den gegenwärtigen Telefax-Boom. Reis: "Die steigende Zahl an Fax-Teilnehmern gaukelt leider vor, daß die optimale Lösung im Fernkopieren besteht. Fax und andere Bestellmedien sind aber keine echte Alternative zu Btx, weil sie keinen Rechnerdialog ermöglichen."

Lob hin, Kritik her, das Akzeptanz von Btx als mündiges, autonomes TK-Medium muß hierzulande über die gewerbliche Nutzung erst noch gewonnen werden. Im Postministerium scheint Optimismus, wie Pessimismus gleichermaßen vorzuherrschen. Einerseits sprechen die Indizien laut Btx-Referatsleiter Danke für einen Imagegewinn von Btx durch die gewerbliche Nutzung, andererseits bleibe Btx außerordenlich erklärungsbedürftig. Danke: Btx ist im gewerblichen Bereich als Einzelprodukt nicht zu vermerkten."

Ins gleiche Horn stößt TK-Berater Bernd Litke, Dreieich, bei seiner Erklärung der Btx-Mankos: "Btx wurde für ein Haushalts- oder Computerspielzeug gehalten, während sich die professionelle TK-Welt auf anderen Ebenen bewegte, wie Datex-P, 80-Zeilen-Darstellung und hohe Übertragungsgeschwindigkeiten. Da konnte Btx sehr lange nicht mithalten. Wir fangen deshalb in der Beratung nicht mit Btx an, sondern prüfen alles, erarbeiten Alternativen, und kommen dann vielleicht auf Btx."

Dennoch stehen die Aktien für Btx in Zukunft als Medium weiter an Bedeutung zu gewinnen, nicht schlecht. Als Katalysator könnte da ISDN dienen. Aufgrund der wesentlich höheren Geschwindigkeit von ISDN würde ein "Turboeffekt" entstehen, der die "Btx-Schnecke" stark in Gang bringen würde. Dadurch könnte Btx aus dem Schatten anderer TK-Medien heraus und dazu stärker in Konkurrenz treten.

ISDN-Btx spielt deshalb in den Planungen vieler Unternehmen eine zukunftsgerichtete Rolle. So malt sich auch schon Projektleiter Eder für Osram eine noch rosigere Btx-Zukunft aus: Sobald ISDN einigermaßen flächendeckend ist, werden wir Btx über ISDN nutzen. Btx wird dann irrsinnig schnell und es ist kein Unterschied mehr zur herkömmlichen DV zu erkennen." Bis dahin müsse aber, so Eder, ISDN noch deutlich billiger werden. Bei dem Kostenstand heute, hätte ich keine Chance ISDN durchzusetzen."

Daß der Silberstreifen am Horizont für Btx größer wird, hat neben ISDN noch einen weiteren Grund. Heute stellt sich nämlich der Endgerätemarkt weitaus positiver dar, als zu Zeiten der Btx-Einführung.

Gab es damals nur wenig taugliche Geräte zu Wucherpreisen, so sind die Btx-Produkte - insbesondere für die professionelle Anwendung - erschwinglich geworden. Dazu hat auch die Post beigetragen, die nach langem Zögern Anfang des Jahres die Voraussetzung für die Zulassung von Software-Decodern auf jeglicher Art von PC geschaffen hat. Damit ist der gewerblichen Nutzung von Btx die Tür noch weiter geöffnet.

Zwar stellt sich der Btx-Endgerätemarkt für den NUR-Vertriebsbeauftragten Christian Ritz noch als "bunter Haufen" dar, doch sind nach seiner (und allgemeiner) Ansicht Btx-Geräte aller Art heute problemlos und preiswert für Unternehmenszwecke zu kaufen. Nicht zuletzt deshalb kommt Ritz zu dem Ergebnis: "Btx ist ein konkurrenzfähiges Medium und kein Notnagel."