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09.07.1993

ISDN mausert sich zu einer ernsthaften DV-Alternative Das digitale Telefonnetz reizt Anwender als WAN-Medium

Es gab nicht wenige Stimmen, die dem Integrated Services Digital Network (ISDN) hierzulande seit dem offiziellen Startschuss auf der CeBIT '89 ein aehnlich trauriges Schicksal wie Btx prophezeiten. Die Art und Weise, wie die Telekom lange Zeit die Werbetrommel fuer ISDN ruehrte, war in der Tat nicht das Gelbe vom Ei. Fixiert auf die Sprachkommunikation, verloren die Strategen das I im ISDN, naemlich die integrierten Dienste, etwas aus den Augen. Dabei entpuppt sich die Datenkommunikation im digitalen Telefonnetz zunehmend als Renner. Die 30kanaligen Primaermultiplex-Anschluesse finden bei Grossunternehmen reissenden Absatz, die ISDN mehr und mehr als WAN-, zum Teil aber auch als LAN-Medium fuer ihren Datentransfer entdecken. Insbesondere bei der Anbindung dezentraler Endeinrichtungen ueber TK-Anlagen verbuchen ISDN- Anwendungen bei den ansonsten eher skeptischen Datenverarbeitern Pluspunkte. Kein Wunder also, dass Manfred Zeller, Fachbereichsleiter ISDN-Anwendungen bei der Telekom, fordert: "ISDN muss auf die Platine."

Die 64 Kbit/s von ISDN sind kein Ausschlusskriterium in der Datenverarbeitung, betont Robert

Wever, Projektleiter ISDN 95 in der Generaldirektion der Telekom. Im Gegenteil: Die Uebertragungsrate des ISDN biete sich bis zu einem bestimmten Datenvolumen dafuer geradezu an, professionelle Vernetzung zu realisieren, meint Wever und hat nur Kopfschuetteln fuer diejenigen uebrig, die immer wieder die Milchmaedchenrechnung 64 Kbit/s kontra 10 Mbit/s aufmachen.

Tatsaechlich fluechtet sich so mancher eingefleischte Datenverarbeiter in der Diskussion um die Tauglichkeit von ISDN als Mittel zur Datenkommunikation gern in die Ausrede, ISDN sei viel zu langsam. Dabei ist die Gegenueberstellung klassischer LAN- Topologien wie Ethernet oder Token Ring mit der Uebertragungsrate des digitalisierten Telefonnetzes so sinnlos wie der beruehmte Vergleich von Aepfeln mit Birnen.

"ISDN kann in der Datenkommunikation nur ein ergaenzendes Medium zu den LAN-Technologien sein, aber ein sehr sinnvolles", erklaert Peter Soell, geschaeftsfuehrender Gesellschafter der NCP Engineering GmbH in Nuernberg, die unter anderem ISDN-Komponenten produziert. Jeder andere Ansatz sei gedanklich falsch, argumentiert Soell und steht mit dieser Ansicht keineswegs allein. Eine kategorische Festlegung nur auf LANs oder ISDN haelt auch Horst Schaefers, Leiter der Abteilung Kommunikationstechnik bei der WestLB in Duesseldorf, nicht fuer den richtigen Weg und plaediert fuer eine gesunde Kombination aus beidem.

"Es gibt kein Entweder-Oder, sondern nur ein Sowohl-Als auch", versucht auch Wever die Philosophie der Telekom zu unterstreichen. Beides zusammen mache Sinn, so der Projektleiter, da durch ISDN eine enorme Flexibilitaet geschaffen werde, weil sich dahinter mit dem Telefonnetz eine gewaltige Netzressource verberge und heute in nahezu jedem Unternehmen eine TK-Anlage installiert sei.

Gerade am Telefonnetz scheiden sich jedoch die DV-Geister. Es erweist sich als ein wesentlicher Knackpunkt bei der Akzeptanz von ISDN, weil viele IS-Manager beim Gedanken, Daten ueber das Telefonnetz zu uebertragen, noch die Nase ruempfen. "Die Datenanwender, insbesondere die Host-Fraktionen, tun sich sehr schwer, ISDN in die Anwendungen zu integrieren", weiss Dieter Steuer, Geschaeftsfuehrer der auf Vernetzung spezialisierten DOK- Systeme GmbH und Eigentuemer eines Ingenieurbueros fuer Tele- und Datenkommunikation in Hannover, aus seiner Erfahrung als Berater zu berichten.

Die Ursache fuer die Aversion gegen das Telefonnetz als DFUe-Medium duerfte in der historisch bedingten Trennung von Telekommunikation und DV im Inhouse-Bereich der Unternehmen begruendet sein. "Die Leute

sprechen unterschiedliche Sprachen", raeumt Dirk Novourtne, Leiter Buerokommunikation beim Gerling Konzern, ein, in dessen Unternehmen im Inhouse-Bereich LAN-Strukturen und im WAN-Bereich X.25- Verbindungen dominieren.

Stichwort WAN: Fuer die Nutzung von ISDN zur Koppelung von LANs ueber Unternehmensgrenzen hinweg spricht nicht nur die hohe Verfuegbarkeit des Telefon- beziehungsweise Universalnetzes, wie es im Sprachgebrauch der ISDN-Fachleute heisst. Die Befuerworter der digitalen Kommunikationstechnologie fuehren als weitere wichtige Pluspunkte auch die guenstige Tarifierung sowie hohe Uebertragungsgeschwindigkeit im Vergleich zu Datex-P und dem Modembetrieb ins Feld, die beide mit dem Protokoll X.25 arbeiten. Waehrend die hohe Uebertragungsrate in diesem Fall unstrittig ein Plus ist, haengt das Pro-Argument "preiswerter Tarif" von der Anwendung ab. Hier gilt die Faustregel, dass ISDN beim File- Transfer im Normalfall die kostenguenstigste Loesung ist, waehrend im Online-Betrieb unter Umstaenden Vorteile bei Datex-P liegen koennen.

Trotz der genannten WAN-Positiva von ISDN wundert sich Consultant Steuer, dass ausgerechnet diejenigen, die am lautesten die Geschwindigkeit ihrer LANs loben, grundstuecksuebergreifend mit Datendirektverbindungen (DDV) von 9,6 Kbit/s Uebertragungsrate arbeiten und die Staerke von ISDN als WAN-Medium nicht wahrhaben wollen.

Gute Erfahrungen hat beispielsweise der DFUe-Verantwortliche eines deutschen Automobilherstellers sowohl mit Datex-P als auch mit ISDN gemacht. Zugunsten von ISDN spraeche jedoch, so der Spezialist, die hoehere Uebertragungsgeschwindigkeit bei gleichzeitig niedrigeren Gebuehren. Der Konzern nutzt seit kurzem sogar beim Austausch von CAD/CAM-Daten mit Konstruktionsbueros ISDN-Waehl- und -Festverbindungen. Waehrend die Uebertragung per Datex-P bei 9,6 Kbit/s von Fall zu Fall schon zwischen ein und zwei Stunden dauern koenne, reduziere sich das DFUe-Verfahren mit ISDN auf wenige Minuten.

Auf ISDN-Waehlverbindungen als WAN-Medium schwoert auch Erich Harsch, Geschaeftsfuehrer der Filiadata GmbH, einer Tochter des dm Drogerie

Marktes mit Hauptsitz in Karlsruhe. "Die Online-Anbindung unserer zahlreichen Endstellen ueber Datex-P kaeme viel zu teuer", resuemiert der fuer die Informationssysteme zustaendige Harsch das Ergebnis einer Kostenanalyse. Die dm Drogerie Markt GmbH - uebrigens ein Unternehmen der ersten ISDN-Stunde - integriert heute bereits zwei Drittel der 320 Filialen in Deutschland ueber ISDN in die DV der Zentrale. ISDN habe sich, so der TK-Spezialist,

in den Vergleichsrechnungen mit den Modems als das bessere Medium fuer die Anwendungen mit den dezentralen Endstellen erwiesen.

Neben dem dm Drogerie Markt ist auch die Datev, die DV- Organisation der Steuerberater in Deutschland, zu den ISDN- Pionieren hierzulande zu zaehlen.

Bei der Kommunikation mit ihrer Klientel setzen die Nuernberger ebenfalls voll auf das digitale Netz. "Wir versuchen, ISDN zu forcieren", erlaeutert Hans-Joachim Joergens, Abteilungsleiter Datennetze, die Marschroute der Datev. Ein Drittel des Datenaustausches zwischen den Steuerberatern und der Datev laeuft laut Joergens bereits ueber ISDN-Waehlverbindungen, dem Rest, der gegenwaertig noch ueber Modems kommuniziert, soll das ISDN-Verfahren moeglichst schnell schmackhaft gemacht werden.

Langfristig duerfte den Modems ohnehin durch ISDN das letzte Stuendlein schlagen. Eine Studie der Marktforscher von Dataquest mit dem Titel "Der europaeische ISDN-Markt und Applikationen" prognostiziert zwar fuer das Jahr 1995 noch einen Absatz von voraussichtlich ueber 1,6 Millionen Modems gegenueber 300 000 ISDN- Adapterkarten.

Bis 1996 rechnet Dataquest aber damit, dass bereits rund 30 Prozent des Marktes fuer V.32-, V.32bis- und V.Fast-Modems auf ISDN uebergehen werden, vorausgesetzt, die Preise fuer ISDN-Adapter fallen unter die von V.32-Modems.

Glaubt man einer Untersuchung der IMK GmbH aus Grevenbroich, einem Hersteller von ISDN-Adapterkarten, werden insbesondere die Grossunternehmen - in diesem Fall sind Firmen mit ueber 50 Millionen Mark Jahresumsatz gemeint - ihre Skepsis gegenueber ISDN als WAN- Medium bald aufgeben. Bis 1995 will jede vierte Company das digitale Telefonnetz nutzen, um ein WAN aufzubauen, waehrend 1992 nur sechs Prozent der Befragten an der Realisierung dieses Vorhabens arbeiteten.

Aehnlich verhaelt es sich bei der Nutzung von ISDN zur PC- Kommunikation mit Grossrechnern sowie im Einzugsbereich des LANs. Auch hier haben sich die Anwender gegenwaertig noch Zurueckhaltung auferlegt, doch planen laut IMK fast 30 Prozent der befragten Unternehmen bis 1995 ISDN-basierte Netze. Die aus der DV kommende Philosophie, die PC-Kopplung nur ueber LANs, Gateways und Server zu loesen, ist nach Ansicht des TK-Experten der WestLB, Schaefers, in zahlreichen Unternehmen noch sehr stark verbreitet.

Der in Fachkreisen als ISDN-Verfechter bekannte Kommunikationstechniker versteht ISDN als ein Baukastensystem, das aufgrund seiner Netzphilosophie die Moeglichkeit zur Mehrfachnutzung einer Leitung bietet. Der Vorteil sei, so Schaefers, dass alle Arten von Verbindungen, ob Waehl-, Stand- oder Mietleitungen, immer miteinander gekoppelt werden koennten, weil das Protokoll voellig unabhaengig vom oeffentlichen Netz ueberall transparent verwendbar sei.

"Ueberall, wo es sich lohnt, fahren wir ueber die gleiche Leitung Sprache und Daten", erklaert Schaefers das Konzept der WestLB und fuegt hinzu: "Unsere ganzen PCs haengen in Zukunft an TK-Anlagen." Der ISDN-Pionier raeumt zwar ein, dass die Struktur seiner Landesbank mit vielen verteilten Aussenhaeusern nicht auf jedes andere Unternehmen uebertragbar ist, sieht in seinem speziellen Fall ISDN allerdings als die ideale Loesung an, PCs ueber TK-Anlagen zu verbinden. Zu diesem Zweck hat die WestLB ueberall im Ortsnetz ISDN-Anlagen installiert, die mit 2-Mbit/s-Standleitungen vernetzt sind, unter anderem, um die im August 1992 von der Telekom vorgenommenen drastischen Gebuehrenerhoehungen fuer Wettbewerbsleitungen im Nahbereich aufzufangen.

Die Option, mit ISDN relativ problemlos Any-to-any-Verbindungen aufbauen zu koennen, ist ein weiteres Argument zugunsten des digitalen Netzes. Neben den vielen Vorteilen, die ein lokales Netz besitzt, haben LANs doch einen wesentlichen Nachteil - sie sind hinsichtlich der Verkabelung vergleichsweise unflexibel. Insbesondere bei Umzuegen oder der Anbindung von remoten Rechnern eignet sich ISDN hervorragend, so argumentieren die Befuerworter, diese Geraete ohne groessere Bauvorhaben und Verkabelungskosten wieder ins Netzwerk zu integrieren.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Geschwindigkeit von ISDN und LANs kann den Datenverarbeitern auch durch Datenkompressions- und Multiplex-Verfahren Wind aus der Contra- Argumention genommen werden. Die WestLB faehrt zum Beispiel Software, die bei groesseren File-Uebertragungen automatisch zwei B- Kanaele zusammenschaltet und ausserdem Daten komprimiert. Allerdings funktioniert das Multiplexen nur bei ISDN-Festverbindungen, nicht aber bei Waehlleitungen.

Das einzig wesentliche Argument des Kontra-Lagers, das Schaefers derzeit gelten laesst, ist der Mangel an Applikationen. "Wer sich die Anwendungssoftware nicht selbst schreibt, ist aufgeschmissen", prangert der Insider den gegenwaertigen Zustand an und wirft der Industrie fehlende Innovationsfreude vor. Insbesondere beklagt Schaefers den Umstand, dass heute keinerlei integrierte Anwendungen am Markt sind.

Rueckendeckung erhaelt der Fachmann aus Duesseldorf von Berater Steuer: "Es gibt zwar ISDN-Software fuer den PC, aber leider ist viel Schrott dabei", bringt der Consultant die Marktsituation auf den Punkt. Auch die Datev hat ihre Software selbst geschrieben, weil es, so Abteilungsleiter Joergens, "mit dem Angebot seitens der Hersteller hapert".

Der Industrie den Schwarzen Peter allein in die Schuhe zu schieben, waere jedoch ungerecht. So haben beispielsweise im Bereich der Adapterkarten die Firmen AVM, Stollmann und Systec in Zusammenarbeit mit der Telekom das Common ISDN Application Programming Interface (CAPI) entwickelt. Die CAPI definiert die Schnittstelle zwischen der Karte und den Kommunikationsprogrammen, wodurch die Software unabhaengig von jedem speziellen Adapter arbeitet. Die CAPI, die den Gremien der CCITT und ETSI zur Normierung als internationaler Standard vorgelegt wurde, ist oberhalb der Netzwerkschichten transparent, bietet beim Verbindungsaufbau einige Dienste und Protokolle an und unterstuetzt ausserdem die Anschluesse mehrerer S0-Busse.

Zumindest fuer die Firma Stollmann hat sich der Entwicklungsaufwand nicht mehr gelohnt. Die Hamburger mussten im April wegen einer "Kombination aus Finanzierungsschwaeche und zuwenig Umsatz" die Segel streichen, wie der damalige Geschaeftsfuehrer Guenter Tolkien gegenueber der COMPUTERWOCHE sagte. "Die Pleite von Stollmann ist signifikant fuer den Zustand des Marktes fuer ISDN-Adapterkarten", wertet Berater Steuer den Konkurs als Barometer fuer die gegenwaertig noch geringe Nachfrage und raet, trotz der CAPI, bei Installationen nur die Adapter eines Herstellers zu implementieren.

"Die Akzeptanz von ISDN bei den Anwendern ist ganz schwach", zeichnet der Insider ein duesteres Bild des Status quo, ist aber langfristig fest von positiven ISDN-Perspektiven ueberzeugt. Steuer rechnet bis 1995 mit einer "Durchhaengepartie", weil erst das schwierige Jahr 1994 mit der Umstellung auf Euro-ISDN bewaeltigt werden muesse.

Von der Einfuehrung des Euro-ISDN, einem einheitlichen Standard, auf den sich 26 Netzbetreiber in 20 europaeischen Laendern geeinigt haben, verspricht sich nicht nur die Telekom, sondern auch die Industrie und die Marktforscher einen Schub fuer ISDN.

Unter anderem sollen billigere Tarife im Euro-ISDN gegenueber der nationalen Norm 1TR6, mehr Applikationen sowie die Moeglichkeit, grenzueberschreitend ISDN-Anwendungen fahren zu koennen, den Boom bewirken.

Die Telekom will die Umstellung auf Euro-ISDN zwischen Ende 1993 und April 1994 realisieren und eigenen Angaben zufolge den Standard 1TR6 noch bis zum Jahr 2000 unterstuetzen, "sofern der Markt dies erfordert". Anwender, die weiter die deutsche Norm nutzen wollen, benoetigen dazu einen bilingualen Basisanschluss, an dem sie Endgeraete sowohl nach dem 1TR6- als auch Euro-Standard betreiben koennen sollen.

Berater Steuer haelt diese Aussage der Telekom im Moment jedoch noch fuer eine Goodwill-Erklaerung, weil er bislang noch keinen funktionierenden bilingualen Anschluss gesehen hat. Tatsaechlich ist die Industrie laut Telekom-Mann Zeller gerade erst dabei, den Konverter zu

entwickeln, den es nur fuer Basis-,

nicht aber fuer Primaermultiplex-Anschluesse geben wird. Trotzdem ist Zeller optimistisch, dass der Anschluss rechtzeitig fertig sein wird.

Wie ueberhaupt derzeit beim Bonner Carrier eine regelrechte Aufbruchstimmung in Sachen ISDN spuerbar ist. "Die Zeit fuer ISDN ist jetzt reif", sagt Zeller und befindet sich mit dieser Ansicht im Einklang mit den Marktforschern. Uebereinstimmend prophezeien die Analysten von Dataquest sowie Frost & Sullivan den Take-off des ISDN-Marktes. So rechnet Dataquest 1996 im europaeischen Markt fuer ISDN-Terminaladapter mit einem Volumen von 400 Millionen Mark, waehrend der Umsatz 1991 bei 120 Millionen Mark lag. Der Gesamtwert von ISDN-Endeinrichtungen soll den Marktbeobachtern von Frost & Sullivan zufolge von 4,617 Milliarden Mark im Jahr 1992 auf mehr als 10,22 Milliarden Mark bis 1997 steigen.

Rosigen Zeiten darf die Telekom in Sachen ISDN tatsaechlich entgegenblicken, wenn der Ende 1992 eingetretene Boom bei den Anmeldungen fuer ISDN-Anschluesse weiter anhaelt. Bis zum 30. April 1993 hatte der Carrier seit dem offiziellen ISDN-Startschuss 1989 insgesamt 195 943 Universalanschluesse mit 782 300 B-Kanaelen vermarktet. Davon entfallen 418 320 B-Kanaele auf 13 944 Primaermultiplex-Anschluesse und 363 980 B-Kanaele auf 181 990 Basisanschluesse. Damit hat sich die Zahl der vermarkteten Nutzkanaele seit 1. Juni 1992 nahezu verdoppelt. Grob ueber den Daumen gepeilt, schaetzt Wever, dass die Anschluesse zu rund 70 Prozent fuer Sprach- und zu 30 Prozent fuer Datenkommunikation genutzt werden.

Allerdings hat die Statistik einen Haken. Von den 195 943 vermarkteten Anschluessen waren 55 882, das entspricht 28 Prozent, noch nicht geschaltet. Als Gruende dafuer gibt Projektleiter Wever administrative Nacharbeiten, Schwierigkeiten der Zulieferer sowie die Bestellung der Anschluesse gleichzeitig mit dem Kauf der TK- Anlagen an.

Besondere Impulse hinsichtlich der Nutzung von ISDN im Bereich der Datenverarbeitung erwartet sich Fachbereichsleiter Zeller von einem besonderen Schmankerl des Euro-ISDN. Demnach wird kuenftig ueber den D- oder B-Kanal der Zugang zum Datex-P moeglich sein und koennen im Steuerkanal - dem D-Kanal - Nutzdaten bis zu 9,6 Kbit/s uebertragen werden. Damit soll, so Zeller, ISDN fuer Non-voice- Anwendungen noch attraktiver gemacht werden. Neben dem Tarif fuer den ISDN-Anschluss wird dann ein Grundentgelt fuer Datex-P zu zahlen sein.

NCP-Chef Soell haelt diesen neuen technologischen Aspekt des Euro- ISDN fuer sehr interessant, weil ueber den D-Kanal ein reiner Dialogbetrieb gefahren werden koenne. "Das hebt den Schwachpunkt von ISDN auf, bei wenig Dialogen zu teuer zu sein", erklaert Soell den Vorteil des Verfahrens.

Obwohl die Telekom die Datenverarbeiter mit solchen Features zu koedern versucht, tut sie nach Ansicht Steuers im Gegenzug wiederum alles, diese Klientel zu verunsichern. Der Consultant haelt die in den Allgemeinen Geschaeftsbedingungen des Telefondienstes festgeschriebene Verfuegbarkeit fuer ein wesentliches Manko im ISDN- Konzept der Bonner, weil die Datenspezialisten hoehere Sicherheitsgarantien gewoehnt sind.

"Wir haben leider feststellen muessen, dass ISDN nicht stabil ist", klagt zum Beispiel ein DV-Leiter, der anonym bleiben moechte. Das Unternehmen, Hersteller von Wintersportartikeln, ist im Fruehjahr 1992 zum Teil von HfD-Standleitungen auf ISDN-Festverbindungen umgestiegen, die vier auf Standorte im Raum Fuerth verteilte TK- Anlagen Hicom 300 von Siemens verbinden. Ueber das TK-Netz sind das zentrale Rechenzentrum mit einer AS/400 und rund 250 angeschlossene Terminals sowie ein Token-Ring- und Appletalk-Netz in die unternehmensinterne Datenkommunikation integriert.

Bis zum Maerz 1993 sei es jedoch, so berichtet der IS-Manager, zu eklatanten Leitungsausfaellen gekommen. Zwar habe die Telekom das Problem mittlerweile weitgehend im Griff, die Stabilitaet der frueheren HfD-Verbindungen sei aber noch nicht erreicht. "Es gibt fuer uns Wichtigeres zu tun, als durch Rechenoperationen und Programmlaeufe Daten staendig wieder auf den richtigen Stand zu bringen", wettert der DV-Chef und scheint der HfD-Vergangenheit nachzutrauern.

Der Fachmann ist naemlich noch aus zwei weiteren Gruenden auf die Telekom nicht gut zu sprechen: Erstens, weil der Carrier auf seine Forderung nach mehr Stabilitaet der ISDN-Festverbindungen lapidar die Rueckkehr zu HfD-Leitungen empfahl; zweitens, weil die Telekom die Tarife fuer ISDN-Festverbindungen im Nahbereich drastisch erhoeht hat. Dadurch sei die Einsparung gegenueber den alten DDV von urspruenglich 4600 Mark im Monat auf 1500 Mark gesunken.

Keine Probleme mit der Verfuegbarkeit der ISDN-Festverbindungen und -Waehlleitungen hat hingegen der Projektverantwortliche des genannten deutschen Automobilkonzerns. Sollte die Verbindung dennoch einmal abbrechen, erklaert der Insider, sorgt das Odette- File-Transfer-Protokoll dafuer, dass der Datentransfer an der Fehlerstelle neu aufgesetzt wird.

Vorteile von ISDN hin, Nachteile her, gewiss duerfte sein, dass ISDN im Zusammenhang mit der Anfang 1993 in Kraft getretenen Corporate- Network-Verfuegung einen Integrationsprozess von Sprache und Daten in den Unternehmen ausloesen und ueber kurz oder lang zu einer Verschmelzung der Berufsbilder TK- und DV-Leiter zum Kommunikations-Manager fuehren wird. Wuerden die Konzerne heute bereits dazu uebergehen, den Corporate-Network-Erlass konsequent auf ihre Netze anzuwenden, ginge der Telekom durch das Abmieten von DDV oder Datex-Leitungen schon viel Geld verloren.

Einbussen kann sich der Carrier derzeit jedoch am allerwenigsten leisten. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb die Strategen ihre Plaene zur sogenannten Sekundenabrechnung (Spitztarifierung) wieder auf Eis gelegt haben. Die Sekundenabrechnung der Daten im ISDN wuerde den Kunden zwar eine gerechtere Tarifierung bei Kurzzeitverbindungen bieten, aber auch die Konkurrenz von ISDN zu anderen Datenkommunikationsverfahren weiter verstaerken. ISDN waere dann unter Umstaenden selbst fuer hartgesottenste Datenverarbeiter eine Versuchung wert.

Peter Gruber