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04.07.1986 - 

Weil die Post immense Gebühren für die nötigen Leitungen fordert:

ISDN-Pilotprojekt beim BR stagniert

04.07.1986

Mit einer Hicom-Anlage 600 arbeitet jetzt der Bayerische Rundfunk (BR) in München. Größtes Problem, mit dem sich der BR derzeit noch herumschlagen muß: Die Post fordert für Leitungen, die über öffentlichen Grund gehen, um 4000 Prozent höhere Gebühren. Herbert Tillmann, Leiter des technischen Zentralbereichs und federführend bei der Arbeitsgruppe "Kommunikationstechnik" des BR, beschreibt die bisherigen Erfahrungen.

Der auslösende Faktor, den Hicom-Pilotversuch in unserem Hause durchzufahren war die Überzeugung, daß dem ISDN die Zukunft gehört. Als wir von den Pilotprojekten gehört haben, die die Deutsche Bundespost (DBP) Ende des Jahres in Mannheim und Stuttgart beginnen will, haben wir dem Bundespostministerium unsere Bereitschaft signalisiert, an solchen Versuchen mitzuarbeiten. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß diese Projekte rein technischen Bezug haben. Hier sind lediglich jene Erfahrungen gefragt, die die Hersteller bei der Erprobung ihrer Systeme auf Netzebene sammeln.

Dennoch wollen wir die ISDN-Philosophie bei uns im Hause umsetzen. Zu diesem Zweck wurde eine Arbeitsgruppe "Kommunikationstechnik" gebildet, die sich aus Mitarbeitern der unterschiedlichen Direktionsbereiche zusammensetzt. Ihre Aufgabe ist es, ein Konzept zu erarbeiten sowie Erfahrungen zu sammeln und Auswertungen vorzunehmen.

Wir sind davon überzeugt, daß dieses Nebeneinander von verschiedenen Übertragungsmöglichkeiten für Daten, Sprache, etc. uns in etwa 10 bis 15 Jahren im Hinblick auf die ganzen Leitungsbereitstellungen vor unlösbare Aufgaben stellen würde. Daher wollen wir schnell Erfahrungen sammeln, um herauszufinden, ob der Transport von Sprache, Text und Daten mit einer entsprechenden Nebenstellenanlage (NSTA) bewältigt werden kann; Ziel ist es also, die verbesserten Möglichkeiten im Bereich der Telekommunikation (Endgeräte und Netz) zu testen, um diese später wirtschaftlich nutzen zu können. Ein weiterer Grund für das Pilotprojekt ist, daß die vorhandenen Telefax- und Teletexgeräte in Verbindung mit einer Kommunikationsvermittlungsanlage (K-Anlage) als Nebenstelle gleich die idealen Randbedingungen für einen Versuch bieten.

Nach Gesprächen mit insgesamt fünf Anbietern einigten wir uns auf eine K-Anlage von Siemens.

Von höchster Bedeutung ist für den BR die Erprobung des Mehr-Dienste-Betriebs. Wichtig ist für uns darüber hinaus, flexibel zu bleiben, um jedem Endanwender das für seine Aufgabenstellung nötige System an den Arbeitsplatz stellen zu können. Vorteilhaft ist dabei, daß keine neuen Leitungen gelegt werden müssen.

Einsatz neuer Techniken erfordert Akzeptanz

Mit der Nutzung moderner Endgeräte der Kommunikationstechnik haben wir bereits im vergangenen Jahr begonnen. Derzeit werden zirka 15 Teletexgeräte und etwa die gleiche Anzahl - Telefaxgeräte eingesetzt. Hinzu kommen Bildschirmtext und PC-Anwendungen. Zudem ist eine Fernschreib-Nebenstellenanlage in Betrieb. Die Sprachkommunikation im Rundfunkhaus wird nach wie vor über die Nebenstellenanlage EMS von Siemens abgewickelt. Ein Zusammenschalten der EMS mit der Hicom-Anlage ist bisher nicht möglich so daß wir die Hicom-Anlage als eigene NSTA betreiben. Die Installation der Hicom 600 führte der Auftragnehmer durch.

Ein wichtiger Aspekt ist die Schulung der Mitarbeiter an den verschiedenen Endgeräten. In Halbtages- und Tageskursen werden die Mitarbeiter mit der Nutzung der Endgeräte vertraut gemacht. Die Einführung am Vermittlungsplatz verlief ohne Probleme.

Einen bedeutenden Stellenwert wird in unserem Hause künftig die Beratung der Endanwender einnehmen. Akzeptanz beim Benutzer läßt sich nur dann erreichen, wenn er davon überzeugt ist, mit diesen neuen Techniken besser und effektiver arbeiten zu können. Neue Kommunikationsverfahren können unserer Meinung nach im Büro nicht "per Anordnung" eingeführt werden.

Anschluß der Endgeräte an Hicom steht bevor

In der nächsten Zeit sollen die genannten Endgeräte sowie künftig hinzukommende Systeme neben etwa 80 Sprachterminals an die neue Kommunikationsanlage angeschlossen werden. Die Hicom 600 selbst ersetzt eine für die Rundfunkgebührenstelle bisher dezentral eingesetzte Fernsprech-Nebenstellenanlage vom Typ EMS 80.

Diese EMS 80 war über Querverbindungen mit dem Nebenstellennetz im Rundfunkhaus gekoppelt. Uns schien der Aspekt sehr interessant, die Hicom-Anlage anfangs als ganz normale NSTA in der Gebührenstelle einzusetzen und die zusätzlichen Merkmale (Teletex und Telefax) zu testen.

Gegenwärtig werden in den Büros im Rundfunkhaus, das etwa 150 Meter Luftlinie von der Gebührenstelle entfernt liegt, Endgeräte wie beispielsweise das Teletexgerät "T 4200" von Siemens auf ihre Funktionen geprüft. Der nächste Schritt sollte die Integration dieser Geräte in die Hicom-Nebenstellenanlage sein. Im Augenblick stehen wir jedoch noch vor einem großen Problem, das nicht so sehr auf der technischen Seite zu suchen ist, sondern im postalischen Bereich liegt.

Post verlangt vom BR exorbitante Gebühren

Die Leitungen, die für die Anbindung der Teletex- und Telefax-Geräte an Hicom benötigt Werden, führen über öffentlichen Grund. Und weil dies so ist, hat selbstverständlich die Bundespost ihre Finger im Spiel. Die DBP teilte uns mit, daß diese Leitungen, die wir bisher im analogen Bereich für 150 Mark monatlich benutzt haben, als Mehrfachdiensteleitungen plötzlich zirka 6000 Mark im Monat kosten sollen. Wir sind hier anderer Meinung, schon allein deswegen, weil an den Drähten selbst physikalisch nichts verändert wird. Lediglich die Informationen werden auf eine andere Art und Weise über die Kabel geschickt. Aus diesem Grund sehen wir nicht ein, daß wir dafür einen um den Faktor vierzig erhöhten Betrag zahlen sollen.

Nachdem es sich hier um einen Pilotversuch handelt, müßte die DBP eigentlich über ihren Schatten springen und uns entgegenkommen können. Gegenwärtig führen wir Gespräche mit der Postbehörde, wie man dieses Problem lösen kann. Erst wenn die postalischen Fragen geklärt sind, erfolgt der Anschluß dieser Leitungen an die Hicom.

Während des Pilotversuchs ist eine PC/Host-Anwendung über die K-Anlage vorgesehen. Welche Anwendungen letztendlich auf der Hicom 600 laufen werden, hängt jedoch davon ab, welche technischen Neuentwicklungen bis zur Einführung des ISDN-Netzes noch auf den Markt kommen. Auf keinen Fall werden in den nächsten zwei Jahren Online-Anwendungen (vom Terminal zum Host) über die Hicom gefahren.

Über die Maßnahmen des Pilotprojektes wurde der Personalrat etwa Mitte vergangenen Jahres informiert. Wir haben sehr offen über die verschiedenen Auswirkungen gesprochen und dem Personalrat zugesichert, ihn über alle weiteren Schritte in diesem Zusammenhang zu unterrichten.

Kompatibilitätsversprechen der Hersteller prüfen

Wir erhoffen uns vom Zusammenfassen der bisher einzeln am Netz der DBP angeschlossenen Endgeräte über eine K-Anlage außerdem geringere Gebühren, da die Teilnehmer hausintern über die Anlage kommunizieren können. Ein weiterer Vorteil liegt darin, daß wir bereits jetzt ISDN-taugliche Kommunikationsendgeräte unterschiedlicher Hersteller testen können. Dabei wird sich auch herausstellen, ob die Aussagen einzelner Anbieter über die vorhandene Schnittstellenkompatibilität tatsächlich in vollem Umfang zutreffen.

Im Jahre 1988 ist ein Anschluß an das ISDN-Netz in München möglich, so daß wir dann im Verbund mit anderen Rundfunkanstalten dieses neue Kommunikationsnetz der DBP erproben und - unter Umständen in einer weiteren Testphase - nutzen können.

Auch auf dem Gebiet des künftigen Glasfaser-Breitbandnetzes will der BR bald entsprechende Erfahrungen sammeln. Wir haben die DBP daher gebeten, den Anschluß an das in München und in weiteren 28 Städten einzurichtende Glasfaserverteilnetz einzuplanen.