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01.11.1985

ISDN-Planung: Mindestkapazität nicht bedarfsorientiert ausbauen

Mit Franz Arnold, Geschaftsleitung SCS, Bonn, sprachen Helga Biesel und Claudia Marwede-Deng

- Der Zeitpunkt rückt näher, zu dem die Fachwelt erste Angaben zu den künftigen ISDN-Gebühren erwartet. Herr Arnold, Sie haben doch das Ohr auf der Schiene, was tut sich, zwischen welchen Eckwerten gilt es für die Bundespost Position zu beziehen, vielleicht zunächst einmal beim ISDN-Hauptanschluß?

Was für die Fachwelt im Augenblick am wichtigsten ist, sind erstens konkrete Angaben der Bundespost über ihre Einführungspläne, das heißt sowohl über die geografische Verteilung als auch zeitliche Einführung der ISDN-Ortsvermittlungsstellen, hierüber gibt es noch keine Verlautbarung der Bundespost, und zweitens, was mindestens genauso wichtig ist. Angaben über die Grund- und Verkehrsgebühren für den Anwender.

Ich habe vor etwa zwei Jahren einige Forderungen auch hinsichtlich ISDN-Gebühren gestellt, aus der Sorge heraus, daß bei diesen Gebühren zu stark Rücksicht auf vorhandene Gebührenstrukturen in den heutigen Text- und Datennetzen genommen würde. Es gabe damals Überlegungen, im ISDN die Gebühren auf einzelne Dienste zu beziehen, also eine Datengebühr, eine Textgebühr etc.

Dies hielt ich für eine falsche Richtung, weil dadurch die Integrationswirkung des ISDN und damit der wesentlichste Vorteil für die Anwender verlorenginge.

Ich bin inzwischen durch Äußerungen der Post zur Überzeugung gekommen, daß diese Kritik aufgegriffen wurde und daß auf jeden Fall die Verkehrsgebühren im ISDN diensteunabhängig sein werden. Das bedeutet, der 64-Kbit-Kanal wird zeitabhängig tarifiert werden, unabhängig davon, ob darüber Text, Daten oder Sprache übertragen wird, wie beim heutigen Fernsprechnetz.

Wenn man in der Gebührenstruktur der öffentlichen Netze bleibt, sollte man mal anfangen mit der Grundgebühr. Hier hatte ich damals gesagt, die Grundgebühr: für den 64-Kbit-Kanal sollte wie beim analogen Fernsprechkanal behandelt werden; dies heißt, die Bundespost soll das ISDN auch tariflich in erster Linie als Nachfolgenetz des Fernsprechtnetzes betrachten und nicht der heutigen Text- und Datennetze. Bei einer Gebühreneinnahme, die heute so in der Größenordnung über 20 Milliarden beim Fernsprechern, zu 500 Millionen Mark etwa bei Text und Daten beträgt, ist klar, daß man sich keine Illusionen auf der Datenseite machen sollte, daß das ISDN spezielle Datengesichtspunkte tariflich berücksichtigen könnte.

- Was bedeutet das jetzt aus ihrer Sicht? Sie hatten von Illusionen gesprochen. Wird das ISDN die Datenübertragung verbilligen oder verteuern?

Da komme ich gleich drauf. Zuerst nochmal zu den Grundgebühren: Ich sage, der Analogkanal des analogen Netzes soll genauso werden, wie der 64-KBit-Kanal im ISDN. Nun hat der ISDN-Anschluß zwei 64-Kbit-Kanäle, also wäre es folgerichtig, die Grundgebühr des ISDN-Hauptanschlusses gebührenmäßig so zu behandeln, als wären es zwei Analoganschlüsse. Damit sind Sie bei meinem Vorschlag auf mittlere Sicht, nämlich der Gebühr für den heutigen Dopellanschluß, also 40 Mark monatlich für den ISDN-Hauptanschluß. Sollten es anfänglich Zweimal 27 Mark sein, das heißt ohne Doppelanschlußrabatt, so wäre dies auch akzeptabel.

- Nun gibt es ja Äußerungen der Post beziehungsweise des FTZ, in denen genau diese 40 Mark immer einmal wieder genannt werden.

Ja. Allerings gibt es andere Vorstellungen im europäischen Rahmen,

nämlich daß man zu dieser Grundgebühr noch einen Dienstzuschlag erhebt. Diese Vorstellungen, von denen ich fürchte, daß sie auch in der Bundesrepublik viel Gehör finden,

besagen: Na gut, ISDN ist zwar ein Fernsprechanschluß, und wenn der Teilnehmer nur Fernsprechen macht dann zahlt er eben zweimal 27 Mark oder 40 Mark, aber wenn er

zusätzlich Text- und Datenübertragung macht dann muß er das der Post melden und dann kriegt er noch einmal eine Grundgebühr ich sage mal von 15 Mark pro Dienst.

- ...wobei man auf Umwegen quasi wieder beim Bitzählen wäre . . .

Nicht unbedingt beim Bitzählen, aber man simuliert tariflich getrennte Netze. Aus der Sicht des Netzträgers und solche auf den einzelnen Dienst bezogenen Zusatzgebühren verständlich, da ja auch Mehraufwendungen, zum Beispiel für Netzübergänge auftreten. Trotzdem rate ich dringend, auf derartige Dienstzuschläge zu verzichten, da dabei die integrierte Nutzung des ISDN (Sprache, Fax, Text, Daten) nicht gefördert wird. Daran muß auch die Post ein Interesse haben. Wir vollen doch gerade aus volkswirtschaftlichen Erwägungen, daß das Netz multifunktional verwendet wird, und es macht eigentlich keinen Sinn, von der Gebührenstruktur her zu versuchen, wieder Text, Sprache und Daten sauber zu trennen. Also meine Position ist: Keine Dienstzuschläge in der Grundgebühr, sondern den ISDN-Hauptanschluß als etwas ganz Neues ansehen, zwar in den Höhen der Gebühren bezogen auf das Fernsprechen, aber dienstintegriert zum Beispiel 5O bis 60 Mark pauschal. Soweit zur Grundgebühr.

- Große Spielräume kann man da ja nicht definieren, der Preis müßte sich irgendwie zwischen 40 und 60 Mark bewegen, um überhaupt den Markt attraktiv zu gestalten.

Ja, die unterste Grenze sind sicher die 40 Mark, weil man ja nicht unter das analoge Netz gehen kann und die oberste Grenze wäre längerfristig nicht wesentlich über 60 Mark.

- Nun gilt es ja, in der Einführungsstrategie Fehler zu vermeiden, wie sie zum Beispiel beim Bildschirmtext gemacht worden sind. Wann erwarten Sie diese ersten Angaben zu den Gebühren, damit eine gewisse Planungssicherheit für die Industrie entsteht, wann erwarten Sie die Möglichkeit, mit multifunktionalen zugelassenen ISDN-Endgeräten dann auch gleich ans Netz zu gehen?

Ich habe gerade eine Studie für die EG gemacht, in der ich vorgeschlagen habe, nicht abzuwarten, bis alle denkbaren neuen Dienste definiert sind, sondern möglichst schnell einige wenige zu konkretisieren und auch einzufahren. Wir haben in dieser Studie vier neue Dienste genannt, die man ausschließlich mit Terminals über den transparenten Kanal abwickeln könnte ohne zusätzliche Unterstützung aus der Vermittlungsstelle, eine wesentliche Voraussetzung für eine schnelle Einführung in ganz Europa bei dem unterschiedlichen Planungszustand der Postverwaltungen.

Die frühzeitige Bekanntgabe der Verkehrsgebühren im ISDN ist besonders wichtig, nicht nur für potentielle Anwender, sondern auch für Hersteller von Endgeräten, denn an ihnen hängt es ja, ob überhaupt Kunden kommen; bei Btx fehlt es ja genau an dieser Ecke, bei den Endgeräten. Die technische Ausgestaltung der Endgeräte hängt stark davon ab, für, welche Kundenkreise sie bestimmt ist - geschäftliche Nutzer oder private Haushalte -, und diese werden wiederum auch stark von den Gebühren bestimmt.

Nehmen wir einmal an, die Grundgebühr für ISDN wäre 300 Mark, dann wäre das durchaus keine prohibitive Gebühr für die großen Geschäftsanschlüsse, aber es wäre für den Endgeräte-Hersteller von Anfang an klar, daß er, Endgeräte mit Leistungsmerkmalen produzieren kann, die Preise in der Größenordnung von Tausenden von Mark wie bei Teletex rechtfertigen. Redet man dagegen von 40 oder 60 Mark ISDN-Grundgebühr, so werden auch manche Endgerätehersteller, nicht alle, versuchen, auch den privaten Markt anzugehen. Das heißt, solche Hersteller werden vielleicht keine Terminals bauen, die allen professionellen Nutzungsanforderungen standhalten, aber dafür kosten sie vielleicht auch nur 400 oder 500 Mark. Mit anderen Worten: Die ISDN-Gebühren bestimmen gravierend auch die Ausgestaltung der ISDN-Endgeräte. Die Grund- und Verkehrsgebühren sollten am besten noch in diesem Jahr genannt werden und die Einführung, die konkrete zeitliche und örtliche Einführung der ISDN-Ortsvermittlungstechnik spätestens im nächsten Jahr, also weit vor Beendigung der Versuche in Mannheim und Stuttgart. Ich verstehe zwar die Bundespost, die sagt, ich weiß ja noch gar nicht, ob da technische Pannen und dergleichen auftreten, nur - das gilt doch generell für jede Technik. Es ist doch wesentlich besser zu sagen, das sind unsere Vorstellungen und es bleibt den Anwendern überlassen in einer Risikoabschätzung etwaige zeitliche Verschiebungen, wie sie immer auftreten können, einzukalkulieren. Aber zumindest hat man dann Vorstellungen auf der Anwenderseite, ob bestimmte Nutzungsformen, die sich die Anwender heute überlegen, Oberhaupt im zeitlichen Rahmen in Betracht kommen oder nicht.

- Wie hoch schätzen Sie denn die Schwierigkeiten ein, Teilnehmerendgeräte zu entwickeln? Das dürfte ja nicht so komplex sein wie bei Btx mit der langwierigen Entwicklung des Decoders auf Eurom-Basis, die ja vieles verzögert hat. Bekanntlich liegt einiges in der Schublade oder auch schon beim FTZ vor.

Erstens ist die Situation bei ISDN mit Btx nicht zu vergleichen, weil die ISDN-Endgeräte durch die Inhouse-Kommunikation mit dem Vorweglaufen der ISDN-Nebenstellenanlagen profitieren werden. Bevor öffentliche ISDN-Anschlüsse Oberhaupt in wesentlichen Stückzahlen kommen, sagen wir mal ab 1988, gibt es ja dort schon viele Inhouse-ISDN-Endgeräte. Es gibt zwar auch noch einige technische Probleme, wir haben gerade in der EG-Studie gesagt, daß man sich jetzt in Europa verpflichten sollte, wirklich S0 einheitlich öffentlichen Netz anzuwenden, und es ist höchste Zeit , daß es eine Klärung gibt, ob So an der Nebensstellenanschlußleitung überhaupt der einzige Netzabschluß sein kann oder nicht.

Ich weiß, daß in einer Vielzahl von Unternehmen in Deutschland multifunktionale Geräte von Btx plus 64-Kbit-Fernsprechen, über Btx plus Fax bis Fax plus Fernsprechen bereits heute entwickelt werden und auch heute zu besichtigen sind, und wenn man ferner weiß, daß im nächsten Jahr ISDN-Nebenstellenanlagen verkauft werden mit Endgeräten, so sehe ich, daß, wenn die Bundespost frühzeitig ihre Einführungs- und Gebührenstrategie bekannt gibt, keine größeren Engpässe bis 1988 bei den Endgeräten auftreten werden.

Ich bin überzeugt, daß hinsichtlich der Endgeräte ein Einfluß auch von der Liberalisierungsdiskussion ausgeht. Es wäre schlecht, wenn einerseits die Bundespost bis zum Ende der Regierungskommission im Jahre 1987 immer nur sagt, die ISDN-Endgeräte werden im Monopol von der Bundespost geboten, und andererseits jedem in diese Diskussion Eingeweihtem eigentlich doch klar ist, daß diese Vorstellungen der DBP unrealistisch sind. Das heißt, die Ordnungspolitik beeinflußt diesen Markt sehr wesentlich. Es ist nun mal wichtig für Hersteller von Endgeräten, für welchen Käufermarkt sie eigentlich Käufer entwickelt, ob nur für die Bundespost oder auch über ihr eigenes Vertriebsnetz oder auch über Dritte.

Sie wissen, daß ich für beide Vertriebswege bin. Ich meine, daß sowohl die Bundespost als auch andere, bei ISDN hat man ja einen Netzanschluß, hinter diesem Netzanschluß Endgeräte vertreiben können und sollen. Ich würde es allerdings für falsch halten, wenn sich Industrie und Post bei ISDN-Endgeräten nur an der professionellen Kundschaft orientieren würden. Ob ein Dienst einen Wert für bestimmte Nutzungsgruppen hat, wird sehr stark auch von den Endgeräten bestimmt. Den rein professionellen Kunden gibt es meines Erachtens insofern nicht. Man sieht das typisch am Beispiel Bildschirmtext in Frankreich und Deutschland: Die Franzosen haben bewußt mit einem Terminal auf den privaten Markt gezielt und werden wohl die einzigen sein in Europa, die mit Bildschirmtext relativ schnell große Teilnehmerzahlen haben.

- Nun läßt sich ja eine so dirigistische Maßnahme wie in Frankreich in der Bundesrepublik kaum durchsetzen.

Im Grunde braucht es dazu keine dirigistische Maßnahme. Es ist nicht eine Frage von Monopol oder nicht, wenn die Bundespost zum Beispiel 200 000 Bildschirmtext-Terminals bestellt und im Wettbewerb mit anderen vertreibt. Die dadurch erzielte Preisdegression - manche nennen dies auch Hebammenfunktion der Post - käme allen zugute. Es ist also nicht die Frage, ob die Bundespost dirigistisch, das heißt, im Monopol etwas vertreiben soll, sondern die Bundespost hat bei Bildschirmtext so getan, als bräuchte sie sich um das Terminal nicht zu kümmern. Dies war bisher der Fehler, der wohl auch durch die ordnungspolitische Diskussion herbeigeführt wurde.

- Jetzt haben Sie eben eine etwas unvorsichtige Aussage, wie ich glaube, gemacht, nämlich daß es den rein professionellen Kunden in gewisser Hinsicht nicht gäbe. Wir sind Vertreter dieser professionellen Kunden, könnten wir also das Gespräch an dieser Stelle abbrechen? Sie sollten diesen Satz wohl etwas modifizieren.

Ich weise nur darauf hin, bei den Größenordnungen von Grundgebühren sollte man auf der Terminalseite nicht so tun, als sei dieses Terminal für immer und ewig auf den rein professionellen Anwender ausgelegt, das würde auch den ganzen PC-Entwicklungen etc. eigentlich zuwiderlaufen. So meine ich das. Den professionellen Kunden interessiert weniger die Grundgebühr als vielmehr die Verkehrsgebühr. Der einfache Weg, diese festzulegen, wäre der, daß man von der Fernsprechgebühr ausgeht und den 64-Kbit-Kanal wie den analogen Kanal betrachtet. Damit würden wir die Gebühren des analogen Fernsprechnetzes eins zu eins umsetzen. Das heißt konkret: Heute gilt die Nahzone mit acht Minuten (nachts 12 Minuten), dann die Zone 20 bis 50 Kilometer mit 45 Sekunden, dann die Zone von 50 bis 100 Kilometer mit etwa 22 Sekunden und darüber die Zone größer 100 Kilometer mit 12 Sekunden Zeittakt für 23 Pfennige. Man könnte sich vorstellen, diese Zeittakte mit den gleichen Entfernungsstufen für den 64-Kbit/s-ISDN-Kanal zu verwenden. Dies wäre natürlich relativ einfach, auch in der politischen Durchsetzung.

Ich würde es aber sehr bedauern, wenn die Post so verfahren würde, weil es nur selten eine Möglichkeit gibt, ganze Gebührenstrukturen zu verändern. Wenn die Post strukturell Gebühren verändert, dann gibt es immer ein großes Geschrei, weil strukturelle Veränderungen immer wesentliche Verteuerungen und Verbilligungen bedeuten und die Verteuerungen kritisiert werden, selbst wenn die Gesamtmaßnahme insgesamt eine Gebührensenkung darstellt.

Da das ISDN doch einen ganz neuen Charakter hat, würde ich versuchen, zwei technologische Entwicklungen in die künftige Gebührenstruktur mit hineinzubringen. Seit einigen Jahren wird die Bedeutung der Entfernung hinsichtlich der Kosten einer Verbindung immer geringer. Mit der Digitalisierung, das heißt beim ISDN beschleunigt sich diese Entwicklung. Die Entfernung spielt also künftig kaum mehr eine Rolle für die Kosten. Zweitens: Man spricht immer von den Auswirkungen des ISDN auf die Wirtschaft; da würde ich sagen, das ISDN bietet auch die Chance, die Unterschiede zwischen dem flachen Land und den Zentren zu nivellieren. Ich plädiere dafür, und das haben wir in der EG-Studie besonders hervorgehoben, innerhalb eines Landes im ISDN nur zwei Gebührenzonen einzurichten eine Nahzone und eine bundesweite Fernzone.

- Welchen Kilometerbereich würde die Nahzone bei uns umfassen?

Die läge in Deutschland gegenwärtig bei 20 Kilometern, das muß aber nicht immer so bleiben. Man könnte sich in der Zukunft durchaus auch eine bessere Abgrenzung der Nahzone als die mit der heutigen Vermittlungstechnik mögliche vorstellen; es wäre sogar denkbar, daß man die Nahzone nicht mehr nach Kilometern definiert, sondern nach anderen Kriterien, zum Beispiel politischen Grenzen, wie zum Beispiel Landkreisen. Die Verzonungsmöglichkeiten neuer Vermittlungsstellen sind hier größer. Also, mein Vorschlag: Ein Nahbereich und darüber eine einheitliche Tarifzone im ganzen Bundesgebiet, das heißt, im Vergleich zu den heutigen Fernsprechtarifen sollten im ISDN die Tarifzonen von 20 bis 100 Kilometern einfach wegfallen.

Die Reduzierung der Tarifzonen bedeutet eine Verringerung der Strukturnachteile für das flache Land. Allerdings müßte der Zeittakt am Tag 12 Sekunden sein, das heißt die heutige Gebühr über 100 Kilometer. Das heißt, zwischen 20 und 100 Kilometern würde es teurer als heute beim analogen Fernsprechnetz. Dies ist jedoch vertretbar, da erstens der 64-Kbit/s-Kanal auf Dauer doch einen erheblich größeren Nutzwert aufweist als der analoge Fernsprechkanal und zweitens man dafür die Tarifeinheit in der Fläche gewinnt. Der häufigste Einwand dagegen lautet, der Tarifsprung an der Nahbereichsgrenze würde dadurch noch größer als heute - also künftig von 8 Minuten auf 12 Sekunden klettern. Hier würde ich einen Zeittakt von zum Beispiel vier Minuten im Nahbereich bei ISDN durchaus akzeptieren, zumal die mittlere Verbindungsdauer schon beim heutigen analogen Netz unter drei Minuten liegt.

- Angenommen, Ihre Vorschläge würden realisiert, was könnte das für die heutigen Datex-L- und Datex-P-Anwender bedeuten? Vor allen Dingen für die Datex-P-Anwender?

Man muß folgendes sagen: Das ISDN-Netz ist kein Datex-L-Netz und kein Datex-P-Netz. Wenn man nun mal von 125 für 23 Pfennigen für den 64-KBit/s-Kanal beim ISDN ausgeht, so bedeutet dies eine wesentliche Verbilligung des übertragenen Kilobits im Vergleich zu Datex-L und Datex-P. Nur hat die Sache zwei Haken: Man kann nur dann diese billige Gebühr für Text- und Datenübertragung ausnützen, wenn man ein 64-Kbit-Endgerät hat und nicht mit heutigen Geräten der Text- und Datenübertragung arbeitet. Der zweite Haken ist mindestens genauso gravierend: Da die Fernsprechtarifierung angewendet wird, gibt es zwangsläufig eine Mindestgebühr pro Verbindung, nämlich 23 Pfennige, selbst wenn die Verbindung nur 1 bis 25 Sekunden besteht, zum Beispiel bei gewissen Formen des Dialogverkehrs. Im Datex-L ist diese Gebühr nur 5 Pfennige, im Datex-P gibt es sie gar nicht.

Die Frage, wird nun ISDN diese Gebühren für Datenanwendungen und Textanwendungen verteuern oder verbilligen, kann nicht einfach mit ja oder nein beantwortet werden. Man muß vielmehr fragen, welche Art von Datenverkehr würde teurer welche billiger.

- Es wäre ja auch zu schön gewesen.

Es war auch in vorhandenen Netzen bisher nicht so. Datex-P war auch nicht in jeder Beziehung billiger für jede Art von Anwender.

- Nein, es war für spezialisierte Anwendungen so.

Ja, ich behaupte zwar, daß letzten Endes die wichtigste Aussage doch die ist, daß das Kilobit im ISDN wesentlich billiger wird; diese Tatsache wird die Anwendungen in den nächsten zehn Jahren verändern. Die Anwender werden zusammen mit den Herstellern versuchen, ihre Anwendungen so zu verändern, daß die Übertragungsgebühren minimiert werden. Wenn man eine 64-Kbit/s-Verbindung aufbaut und auf jeden Fall 23 Pfennige bis zu den ersten 12 Sekunden bezahlen muß, so muß man versuchen, möglichst viele Daten mit der Endgeschwindigkeit von 64 Kilobit über diesen Kanal zu bringen. In dieser Richtung werden sich die Anwendungen verändern, genauso wie in der Vergangenheit Anwendungen so abgeändert wurden, daß sie die öffentlichen Netze gebührenmäßig optimal ausnützen.

Es geht also eigentlich darum, welche Anwendung wird teurer und welche billiger. Es ist klar, welche billiger wird: diejenige der Massenübertragung; Batchbetrieb wird erheblich billiger. Welche wird teurer? Dialogverkehr, vor allem. Jetzt gibt es noch unterschiedliche Arten von Dialogverkehr, nämlich solchen, der zwar Dialog ist, aber relativ lange Sessions hat, der kann sogar verbilligt werden, je nachdem. Aber der Dialogverkehr, der kurze Verbindungen hat, der heute eine typische Datex-P-Anwendung ist, zum Beispiel im Bankenbereich, der kann sich vom Faktor 2 bis 20, möchte ich mal sagen, verteuern. Wenn man heute Datex-P-Verbindungen hat, die nur eine halbe Sekunde dauern, und diese dann einfach eins zu eins auf ISDN übernimmt, ohne die Anwendung zu verändern, so würde man sicher wesentlich teurer fahren und nicht billiger.

- Das heißt also, die Bundespost konnte guten Gewissens Datex-P erhöhen, weil die Gebühren trotzdem noch unter den ISDN-Gebühren liegen werden?

Ich glaube nicht, daß das der Grund war für die Bundespost; ich weiß, daß diese Spezialnetze sehr kostenintensiv sind. Beim ISDN als Nachfolgenetz des analogen Fernsprechnetzes kann nun mal die Verkehrsgebühr nicht völlig freizügig festgelegt werden, um solche Dialoganwendungen besser zu berücksichtigen. Der 64-Kbit/s-Kanal ist als Sprachkanal definiert, der sich auch für alle anderen Verkehrsarten eignet. Beim Datex-P ist es ganz anders: Dies ist ein Spezialnetz, und ich behaupte, auf die Dauer werden Spezialnetze immer teurer werden müssen.

- Nun sind aber die attraktiven ISDN-Anwendungen, von denen die Hersteller und die Bundespost am meisten sprechen, doch Dialoganwendungen zum Beispiel die berühmte Mischkommunikation. Was ist daraus zu schließen?

Das ist richtig. Aber man kann von der Bundespost nicht erwarten, daß sie diese Tatsache in den ISDN-Gebühren berücksichtigt. Es gibt Vorstellungen, daß die Bundespost im ISDN den Zeittakt generell verkürzen und dafür die Gebühreneinheit vierteln sollte oder so etwas. Man müßte dann die ganzen Fernsprechtarife umstellen auf kürzere und damit auch die Einheit, also den Wert der Gebühreneinheit verändern.

- Was spricht dagegen?

Ich halte das letzten Endes für nicht machbar, vor allem deshalb nicht, weil es den großen Nachteil hätte, daß man das Analognetz und das ISDN-Netz dann generell unterschiedlich behandeln müßte, und das würde die Nutzung von ISDN behindern, weil der Kunde wirklich immer wieder überlegen würde, soll ich lieber im analogen Netz bleiben oder ins ISDN gehen?

Ich sehe einen ganz anderen Weg. Derjenige, der heute Dialoganwendungen macht, ist ja nicht gezwungen, schlagartig mit seiner heutigen Anwendung auf das ISDN zu gehen. Die Bundespost baut ein neues Datex-P-Netz, das eine Planungskapazität bis 1995 hat. Die heutigen Dialoganwender können das auch so betrachten, daß es mit dem ISDN eine zusätzliche Möglichkeit zur Übertragung von Text und Daten gibt. Sie würden also ihre Massendaten per ISDN übertragen und den Dialogverkehr beim Datex-P lassen.

Aber auf Dauer ist das sicher nicht der Weg; ich glaube, die Anwendungen werden sich verändern. Es ist nicht gottgegeben, daß der hier angesprochene Dialogverkehr so organisiert ist, sondern dieser Dialogverkehr wurde eben auf das Datex-P-Netz abgestimmt. Andere Arten des Dialogs werden zum Beispiel auf anderen Netzen (Datex-L, HfD, Btx) abgewickelt. Ich bin überzeugt, daß wenn das ISDN da ist, es Anwender geben wird, die von ihren Herstellerfirmen und Softwarehäusern verlangen, eine Software zu entwickeln, die beim Dialogverkehr eine andere Abwicklung des Terminal/Rechner-Verkehrs gestattet. Der Kilobit-Preis bei den ISDN-Gebühren ist so billig, daß ein natürlicher Anreiz in dieser Richtung bestehen wird.

- Da entsteht offenbar ein sehr attraktiver und großer Markt für Softwarehäuser, heutige Anwendungen in Richtung ISDN umzustricken in den nächsten paar Jahren.

Ja. Und das ist auch fair. Es wäre schlimm, wenn die Bundespost sagen würde, wir schalten ISDN ein und die vorhandenen Netze gibt es nicht mehr. Wenn die Bundespost ihre ISDN-Gebühren frühzeitig bekanntgibt und die vorhandenen Netze bestehen bleiben, so steht für die Anwender auch genügend Zeit zur Verfügung.

- Was passiert dann gebührenmäßig bei den festgeschalteten Leitungen, wie zum Beispiel HfD?

Die Mietleitungen halte ich für das Problematischste überhaupt, weil sie Grunde das einzige Hindernis sind, um eine totale Nutzungsliberalisierung bei den öffentlichen Netzen zu erreichen. Letzten Endes wäre es bei den vorgeschlagenen ISDN-Gebühren völlig unproblematisch, die Nutzung der im Monopol angebotenen Netz-Infrastruktur völlig freizügig zu gestalten, das heißt, jeder, einschließlich der Bundespost könnte Dienste anbieten, wenn nicht tarifliche Mietleitungen anders strukturiert wären. Private Mehrwertdienste könnten meines Erachtens jederzeit zugelassen werden wenn Mietleitungen genauso wie das Wählnetz, nämlich nach der Belegungszeit, tarifiert würden. Mein Vorschlag heißt also: Die Mietleitung im ISDN sollte exakt wie eine Wählleitung tarifiert werden. Beim ISDN-Hauptanschluß kann sogar der Kunde einen B-Kanal als Wählleitung, den anderen als Mietleitung nutzen. Setzt sich die Bundespost mit ihren in diese Richtung gehenden Bestrebungen durch, so ist eine weitgehende Nutzungsliberalisierung möglich.

- Selbst wenn alle Anwender jetzt den fliegenden Wechsel zum ISDN proben würden, und selbst wenn die Tarifierung so "harmonisch", wie Sie das jetzt geschildert haben, und auch so "einfach" ausfallen würde, dann wird es doch immer irgendwelche Punkte geben, an denen die von Ihnen so oft beschworene nationale Anstrengung noch klemmt. Welche könnten das sein? Oder wären damit alle Schwierigkeiten aus dem Wege?

Nein, im wesentlichen muß die Bundespost erst mal erklären, daß sie in den Jahren 1988 bis 1993 eine gewisse Mindestkapazität an ISDN-Hauptanschlüssen nicht bedarfsorientiert aufbaut und dabei eine weitgehende Flächendeckung, zum Beispiel 80 Prozent durch eine entsprechende Overlay-Einführungsstrategie erzielt. Für die EG haben wir vorgeschlagen, daß diese Mindestkapazität 5 Prozent der Analogteilnehmer in 1993 betragen soll, das wären in Deutschland zirka 1,5 Millionen ISDN-Anschlußeinheiten. Diese Aussage der Bundespost fehlt noch immer - auch die Angabe der geografischen Verteilung. Sie ist jedoch für die nötige Vertrauensbildung bei Anwendern und Herstellern unbedingt erforderlich. Die Bundespost sagt heute immer noch, das ISDN wird entsprechend der Nachfrage aufgebaut. Gerade dies ist jedoch in der Anfangsphase eines neuen Netzes nicht möglich, sondern erst später.

- Das bedeutet eine kräftige infrastrukturelle Vorleistung.

Ja, ich habe diese in einer Studie "nationale Anstrengung" genannt.