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13.07.1990 - 

Definitionsstreit erschwert den Durchbruch des digitalen Netzes

ISDN: Server als Bindeglied zwischen Daten und Sprache

Die trotz ISDN weiterhin vorhandenen unterschiedlichen Netze für Non-Voice- Kommunikation sind nicht die Ursache für die mangelnde ISDN-Nutzung. Vielmehr fehlen Produkte und Lösungen, die eine Aufgabenteilung von TK- und IV-Systemen im Verbund anwendungsgerecht erfüllen. Als Lösung diskutiert der Autor Herbert Pöhls* in dieser Folge der ISDN-Serie den Einsatz spezieller Server.

Wenn ISDN mit Unterstützung von Anwendungslösungen im Non-Voice-Bereich zum Durchbruch verholfen werden kann, dann ist das probate Mittel zur Erreichung dieses Ziels der "Server". In bundesdeutschen Unternehmen existieren heute nämlich unterschiedlichste Leitungsnetze für Daten-, Text- und Sprachkommunikation - sei es zum Zugriff auf das integrierte Text- und Datensystem IDN (Integrated Digital Network) der Deutschen Bundespost Telekom für die Nutzung der Datel-Dienste Datex-L, Datex-P und Direktruf (HfD) oder für die Nutzung des Telex- und Teletex-Netzes, oder sei es das Telefonnetz und LANs für Terminal-Computer-Verbindungen. Alle diese Systeme werden meist separat voneinander betrieben, nur selten sind sie durch Gateways oder Bridges miteinander verbunden.

Diese Vielfalt in der IuK-Infrastruktur steht wegen Unrentabilität, insbesondere bei Systemerweiterungen, längst zur Disposition. Mit ISDN bietet sich rein technisch durch die Digitalisierung der Übertragungsleitungen auf Basis der Schichten eins bis vier des ISO-Referenzmodells (transparenter Transport) von Netzanschluß zu Netzanschluß - womit getrennte Leitungen für Sprache und Nicht-Sprache überflüssig sind - ein integratives Ablösungskonzept an. Erstmalig können so nach der internationalen ISDN-Standardisierung über eine physikalische Anschlußleitung gleichzeitig die drei folgenden Übertragungsvorgänge stattfinden:

- Sprache mit 64 Kbit/s,

- Daten, Texte oder Bilder ebenfalls mit 64 Kbit/s, beide jeweils über einen eigenen B-Kanal oder als Sonderform zur Gebührenreduzierung nach Dienstewechsel über nur einen B-Kanal, und

- Signale zur Kommunikationssteuerung über den 16 Kbit/s-D-Kanal.

Dennoch sind alle drei Netzvarianten - ISDN, produktspezifische (zum Beispiel SNA und Transdata) und produktneutrale DFÜ-Netze (zum Beispiel Ethernet und Token-Ring) - wegen ihrer eindeutigen Aufgabenzuordnung weiterhin wirtschaftlich und technisch gerechtfertigt.

Die Vorteile des ISDN-Kommunikationsnetzes sind dagegen in erster Linie seine leitungsvermittelnden Funktionen und die erweiterte Sprachkommunikation, in zweiter Linie erst die einfachen Daten- und Textanwendungen, wo es um beschränkten Informationsaustausch zwischen Organisationseinheiten geht. ISDN ist auch für gelegentliche Zugriffe über ein ASCII-Terminal/PC auf die benutzereigenen Datenbestände in einem Host geeignet.

Integration weiterer Systeme denkbar

Ferner ermöglicht es den unterschiedlichen DV-Welten, über einen Vermittlungscomputer (Gateway) weltweit miteinander zu kommunizieren. Die DFÜ-Netze dagegen sind Hochleistungsnetze, die dem ISDN in der Durchsatzoptimierung und der Datenübertragung weit überlegen sind. Produktneutrale LANs und ISDN haben beide ihre Einsatzberechtigung in Multivendor-Umgebungen. Denkbar ist in naher Zukunft auch eine Integration weiterer externer Systeme, wie zum Beispiel Kopiersysteme oder Sprach- und Text-Boxen.

Wenn TK-Anlagen als Sprachsysteme mit Daten-, Text- und Bildübertragung im ISDN fungieren, so bleiben sie primär doch Telefonsysteme. Sie können zwar mittels technischer Hilfssysteme die nichtsprachlichen Kommunikationsformen mit bis zu 140 Mbit/s (Breitband) übertragen, aber keine Daten-, Text- und Bildverarbeitung vornehmen. Hierzu bedarf es einer systemtechnischen Ergänzung und einer funktionalen Integration der an sich selbständig operierenden Computer- und TK-Anlagen zu einem in Teilbereichen abzustimmenden Informations- und TK-System.

Dieser hochqualifizierte Anspruch auf Teilintegration heterogener Kommunikationssysteme wird vom Anwender an die heute vollständig digitalisierten ISPBXen (Integrated Services Private Branch Exchange) gestellt - nicht zuletzt deswegen, weil die ISDN-Werbung ihm dieses ja gerade als den wesentlichen Vorteil bei der Nutzung von ISDN anpreist.

Wenn aber eine TK-Anlage eine Verarbeitung von Daten im klassischen Sinne nicht übernimmt - obgleich im ISDN-Nebenstellenbau der Trend zu beobachten ist, möglichst viel Intelligenz in die Anlage selbst zu integrieren -, können die neuen ISDN-Leistungsanforderungen nur im Verbund mit zusätzlichen Einrichtungen erfüllt werden.

Die ISDN-Gesamtkonzeption kann mit den folgenden drei Integrationssäulen beschrieben werden:

- Leitungs- und Netzintegration (gemeinsame Nutzung von Ressourcen für Sprache und Daten sowie die Möglichkeit zur Interkommunikation zwischen verschiedenen Netzen), - TK-Anlagen- und Endgeräte-Integration (multifunktionale Endgeräte für Sprach-, Daten- und Textverarbeitung sowie die Einbettung einer Multivendor-Umgebung in den Kommunikationsprozeß),

- Anwendungsintegration (netzunabhängige Kommunikation von Applikationen zwischen IPBXen und Computern).

Voraussetzung für diese konzeptionelle Umsetzung zu einem hochleistungsfähigen interkommunikativen Gesamtsystem ist die Verfügbarkeit eines jeweils aufgabenspezifischen Bindegliedes, welches Nebenstellenanlage und Computer funktions- und standardgerecht miteinander verbindet. Dieses Bindeglied ist der Server, der in der Regel weit mehr ist als ein Hilfssystem.

Server, die sowohl an ISPBXen als auch an LANs oder an Hosts angeschlossen werden und netzweite Kommunikations- und Verarbeitungsdienste

zwischen unterschiedlichen digitalen Informationssystemen (Telefon und Computer) ermöglichen, realisieren damit erst das Szenario der Sprach- und Non-Voice-ISDN-Kommunikation.

Servern kommt somit bei einer anforderungsgerechten Realisierung nicht nur die entwicklungstechnische, sondern ebenfalls auch die vertriebsbezogene Schlüsselrolle zu. Komplette Informations- und TK-Dienstleistungen werden über Server- und Serviceleistungen durch Angebot und Nachfrage nach spezifischen Funktionalitäten am Markt so erst zu einem national und international handelbaren Produkt. Der Anbieter, der hier mit Hilfe von spezifischen Servern standardisierte oder aber auch individuelle Anwendungslösungen stabil, kostenadäquat und zeitgerecht liefert, wird mit dem dadurch zwangsläufig einhergehenden ISDN-Nutzungsdurchbruch seinen Marktanteil erheblich ausbauen.

Saubere sprachliche Abgrenzung notwendig

In der Praxis ist zu beobachten, daß eine unsaubere sprachliche Abgrenzung auch unter Fachleuten unnötige und zeitraubende Diskussionen verursacht, bis eine einheitliche begriffliche Ausgangsbasis gefunden wird. Für den nichtsprachlichen ebenso wie für den sprachlichen Kommunikationsbereich wird hier der Begriff Server (Telekommunikationsserver) nicht streng ISO/OSI-, sondern eher nutzungsorientiert festgelegt:

Server-Definition:

Applikationsabhängiges Subsystem, welches über eine

- definierte Kommunikationsschnittstelle einen Datentransfer zwischen sich und der TK-Anlage ermöglicht und darüber hinaus

- durch Bereitstellung spezifischer Leistungsmerkmale - die über eine transparente Leitungsdurchschaltung hinausgehen die Funktionalität eines Informations- und/oder Telekommunikationssystems benutzer-, anlagen- und/oder transportbezogen erweitert.

Die servergestützten Kommunikations-Funktionalitäten unterliegen dabei in jedem Einzelfall den sieben Schichten des ISO/OSI-Referenzmodells.

Server übernehmen somit im ISO/OSI-Referenzmodell die Aufgabe, dem Anwender von rein leitungsvermittelten Transportleistungen im ISDN deren Nutzinformationen durch Darstellung der inhaltlichen Bedeutung mittels Schnittstellen, Protokollen und Verarbeitungsalgorithmen zu vermitteln.

Referenzmodell für eine Klassifikation ungeeignet

Im Gedankenmodell des allgemein verwendeten ISO/OSI-Referenzmodells wird die Kommunikation streng in die genannten aufgabenbezogenen Schichten gegliedert. Die unteren Schichten eins bis vier bilden dabei die sogenannten Transportfunktionen der Transportprotokolle ab (Transportsystem), die oberen Schichten fünf bis sieben beschreiben Anwendungsprotokolle (Anwendungssystem).

Diese Trennung in Transport- und Anwendungssystem ist modellmäßig korrekt und wird hier nicht in Frage gestellt. Vielmehr soll darauf verwiesen werden, daß aus Sicht des Endanwenders das Transportsystem notwendige Voraussetzung zur Nutzung seiner Anwendung ist und von ihm problemmäßig gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Benutzerfreundliche Bedienungsprozeduren erwecken eher sein Interesse als gesicherte Übertragungsprotokolle, die bei fehlerhafter Übertragung das gesamte Anwendungssystem zu Recht fragwürdig erscheinen lassen. Aus diesem Grunde ist das Referenzmodell für eine Klassifikation von Servern ungeeignet.

Was in der Diskussion um ISDN und seiner notwendigen breiten Durchsetzung fehlt, ist eine an einer realen Nutzorientierung ausgerichtete Serverklassifikation - und mit ihr auch die von Non-Voice-Subsystemen -, die durch ihre Ordnungsstruktur eine praxisgerechte organisatorische Umsetzung mit zukunftsorientierten Detaillierungs- und Erweiterungsmöglichkeiten gestattet.

Einen Beitrag hierzu hat der Verfasser in der CW Nr. 47 vom 17.11. 1989, Seite 18, primär aus dem Blickwinkel des Anwenders vorgestellt. Danach ist es gelungen, die Serverklassifikation auf drei Anwendungsgruppen zu reduzieren, die sich durch transportorientierte, anlagenorientierte und benutzerorientierte Funktionseigenschaften auszeichnen.

Server bieten somit bei einer praxisbezogenen Realisierung und Implementierung die Chance, den gegenwärtigen ISDN-Grundmangel von fehlenden, insbesondere von nicht-sprachlichen, nicht-postalischen Kommunikationsanwendungen im ISDN qualifiziert und dauerhaft abzuhelfen.

*Herbert Pöhls ist Sachverständiger für Software und Systemtechnik der Handelskammer Hamburg sowie selbständiger Ingenieur und Unternehmensberater.