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04.07.1986 - 

Erste Erfahrungen mit der Nebenstellenanlage Hicom bei der Stadt München:

ISDN soll München den OA-Durchbruch bringen

MÜNCHEN- Mit dem Kauf einer ISDN-Nebenstellenanlage hat man noch kein (Organisations-)Problem gelöst - die Schwierigkeiten fangen dann erst an. Roland Kiene, leitender Baudirektor am Baureferat der Stadt München, warnt davor, neue Techniken in unveränderten Organisationsformen einzusetzen. Kiene schildert seine ersten Erfahrungen mit einer ISDN-Nebenstellenanlage.

Die Fernsprechanlage in der Bezirksverwaltungsstelle im Rathaus Pasing war zu klein geworden, sie hätte im Amts- und im Teilnehmerbereich erweitert werden müssen. Da es nicht sehr sinnvoll ist, eine 25 Jahre alte Anlage nochmal zu erweitern, entschied man sich, die gesamte Anlage zu erneuern. Damit stand man vor der Frage, eine digitale oder eine ISDN-Fernsprech-Nebenstellenanlage einzubauen. Eine Nebenstellenanlage also, die nicht nur digital arbeitet, sondern nach der weltweit gültigen Norm zwei Übertragungskanäle unter einer Rufnummer hat, das heißt Netzkanäle mit zweimal 64 Kilo(...) pro Sekunde und einen Signalisierungskanal mit 16 Kilobit pro Sekunde (B + B + D). Siemens war interessiert, bei einem Kunden die neu entwickelte ISDN-Anlage in der Praxis zu erproben, und die Stadtverwaltung München wollte die neuen technischen Möglichkeiten kennenlernen und nutzen.

Betriebsausfälle als Preis für eine Pilotanlage

Seit, dein 12. Dezember 1985 läuft im Rathaus Pasing die erste ISDN-Nebenstellenanlage bei einer Stadtverwaltung, eine der ersten ISDN-Anlagen in der Welt. Bereits jetzt kann man sagen, daß die Entscheidung für ISDN richtig war.

Die Stadtverwaltung hat nicht eine der letzten Anlagen der vorhergehenden Anlagengeneration, sondern eine Anlage beschafft, deren Technik in die Zukunft führt. Die Betriebsausfälle während der Erprobungsphase, die man als Preis für eine Pilotanlage zahlen muß, waren weit geringer, als man es bei einer neuen, hochkomplizierten Technik befürchten mußte. Erfreulicherweise war die Hardware von Anfang an fehlerfrei. An der Software und an den Telefonapparaten des Typs 211 war noch einiges nachzubessern. Die Störungen traten durchwegs an Randgebieten auf und ließen sich auch schnell beheben. Seit. März läuft die Anlage fehlerfrei.

Die Anlage ist ausgebaut mit 15 Amtsleitungen, 120 Nebenstellenanschlüssen und 6 Querverbindungen.

Daran angeschlossen sind 102 digitale Telefone Hicom 211, 4 digitale Komforttelefone Hicom 260 als Chef-/Sekretärinnen-Anlagen, 1 Sprachserver (Voice Mail), 1 Textserver 35 10 S, 1 Wartungsserver ADS, 3 multifunktionale Terminals 3510 T sowie 2 Hicom-Adapter für Telefon, Teletex und Fax.

Die ISDN-Anlage bietet die Leistungsmerkmale, wie sie von der bisherigen Ausstattung 2 nach der FO bekannt sind: Selbständiger Rückruf, Anrufumleitung, Kurzwahl, Wahlwiederholung etc. Wesentlich vereinfacht und verbessert ist die Nutzung dieser Leistungen durch das im Fernsprechapparat eingebaute Display. Hier erscheinen Bedienerhinweiser Rufnummer und Name des anrufenden, rückrufenden oder umgelegten Teilnehmers. Das Display eröffnet eine neue Dimension des

Telefonierens.

Ein wesentliches Merkmal der ISDN-Nebenstellenanlage Hicom sind die integrierter und die multifunktionalen Terminals. Server sind Prozessoren, kleine DV-Anlage, mehrplatzfähige PCs; sie ermöglichen Funktionen wie Textverarbeitung, Sprachspeicherung, Datenbank, elektronisches Ablagesystem oder Inhouse-Btx, Multifunktionale Endgeräte fassen mehrere Dienste in einem Gerät zusammen. Das Multiterminal Hicom 3510 vereinigt die Funktionen eines digitalen Komforttelefons mit einer Text- und Datenstation und dient als Terminal für Bildschirmtext.

Der Bildschirm bietet ein komfortables alphabetisch sortiertes Telefonregister für schnelle Wahl. Man kann gleichzeitig mit dem Telefonpartner sprechen und den Inhalt des eigenen Bildschirms auf den des Partners übertragen (Display-Copy). Ganze Dokumente verschickt man als elektronische Post an andere Teilnehmer. Ob man selbst neue Post erhalten hat, sieht man an einer Leuchtdiode.

Vorführung der Hicom als Teil der Fortbildung

Zum Erstellen der Texte enthält das Multiterminal einen einfachen Text-Editor. Wenn das Multiterminal auch jetzt noch nicht alle Wünsche erfüllen kann, so zeigt es doch den vielversprechenden Weg zur kommunikativen Textverarbeitung und zur elektronischen Bürokommunikation. Die Leistung ist aufgeteilt zwischen den Terminals und dem Server. Die Terminals sind weitgehend selbständige. Arbeitsstationen mit eigener Intelligenz, eigener Text-Software und eigenen Textspeichern. Sie müssen aber nicht wie der PC eigene Disketten oder einen eigenen Magnetplattenspeicher haben und können deshalb wesentlich preisgünstiger sein. Der Server übernimmt die Funktionen Datenspeicherung, Datensicherung und Datenübertragung.

Nach der Inbetriebnahme der Anlage wollten wir drei Ziele kurzfristig erreichen:

-Oberste Priorität hatte die Betriebssicherheit.

-Die Anlage sollte zunächst für die Benutzer als komfortabler digitale Nebenstellenanlage laufen. Das heißt, es sollten erst die neuen Möglichkeiten, weiche diese, Anlage für die Sprachkommunikation bietet, von den Fernsprechteilnehmern akzeptiert werden.

-Schließlich wollten wir erproben, wie und für welche Aufgaben die Text-, Daten- und Bildübertragung genutzt werden kann. Es war ein guter Vorschlag der Organisationsabteilung des Personalreferats, einen Demonstrationsraum einzurichten und die Multiterminals, Fax- und Teletex-Geräte sowie digitale Telefone hier aufzustellen. Damit ist es möglich, vielen städtischen Dienstkräften die neue Technik und die neuen Rationalisierungsmöglichkeiten nahezubringen. Zu unserer Freude haben die Vertreter der Referenten, Amtsleiter und Hauptabteilungsleiter reges Interesse gezeigt und sich die Anlage vorfuhren lassen. Die Präsentationen sind jetzt in die Fortbildungsveranstaltungen der Stadt eingebunden.

Wir haben die Absicht, alles, was an neuen Geräten verfügbar ist, hier auszuprobieren und interessierten Dienstkräften der Stadt vorzuführen. Auch die Techniker und die Organisatoren müssen die Geräte erst selbst kennenlernen und testen. Gemeinsam wollen wir die technischen Möglichkeiten und deren sinnvollen Einsatz prüfen.

Zur Zeit ist es wesentlich besser, Hunderten von Mitarbeitern die neue Technik näherzubringen, als in einer begrenzten Anwendung Text- und Datenverkehr zu betreiben. Die Anlage in Pasing hat bisher noch keinen Kommunikationspartner, und es ist wenig sinnvoll, Daten zwischen benachbarten Schreibtischen oder Telekopien zwischen nebeneinanderliegenden Zimmern auszutauschen.

Unsere nächsten Schritte sind die Inbetriebnahme des Sprachspeicher-Servers und im Herbst der Einbau eines Inhouse-Bildschirmtext-Servers.

Stadt plant mit Inhouse-Btx internes Auskunftssystem

Der Sprachserver speichert Sprache in teilnehmerbezogenen Infoboxen und ermöglicht die zeitversetzte Sprachkommunikation. Wenn ein Teilnehmer nicht erreichbar ist, zum Beispiel wegen der Gleitzeit oder weil er im Außendienst ist, leitet er Anrufe für ihn auf den Sprachspeicher um. Dort werden sie mit Zeitangaben versehen und digital abgespeichert. Der Teilnehmer kann seine Nachrichten jederzeit, auch von außerhalb der Anlage in Pasing abfragen, löschen oder mit Ergänzungen versehen an andere Boxinhaber weitersenden.

Mit dem Inhouse-Btx wollen wir ein stadtinternes Informations- und Auskunftssystem aufbauen. Außerdem können sich die Btx-Teilnehmer über Postfächer frei gestaltete Texte, ausgefüllte oder ausfüllbare und ergänzbare Mitteilungsseiten zusenden.

Sprachspeicher ermöglicht zeitversetzte Kommunikation

Inhouse-Btx und Sprachspeicher haben einen großen Vorteil:

Auch Fernsprechteilnehmer außerhalb der Anlage Pasing können diese Server über das städtische Querverbindungsnetz nutzen. Wir wollen Sprachboxen für Fernsprechteilnehmer anderer Nebenstellenanlagen einrichten, die einen besonders dringenden Bedarf für zeitversetzte Kommunikation benötigen. Den Sprachserver kann man mit einem kleinen Zusatzgerät steuern, das Mehrfachfrequenzcodes aussendet. Man hat jedoch nicht den Komfort, den der digitale Apparat mit den Display-Anzeigen bietet.

Für den internen Telefonverkehr betreibt die Stadtverwaltung ein großes Querverbindungsnetz. 72 Nebenstellenanlagen sind über Querverbindungen gekoppelt. Mit der Wählziffer 1 erreichen alle Teilnehmer am Querverbindungsverkehr - das sind etwa 15 000 - den Netzknoten der Hauptanlage. Die Anlage hat 7000 Teilnehmeranschlüsse, von denen die meisten über stadteigene Kabel außenliegend sind.

ISDN wird den Durchbruch zum elektronischen Büro bewirken

Das wesentlichste Ziel des weiteren Einsatzes von ISDN-Technik ist, einen Teil dieses Querverbindungsnetzes auf ISDN umzustellen. Wir planen, die Hauptanlage und die größeren Anlagen, zum Beispiel die der Krankenhäuser, mit ISDN-Scheiben zu erweitern. Neue Anlagen werden wir in ISDN-Technik errichten und alte Anlagen gegen solche austauschen. Damit können wir sehr schnell die über das ganze Stadtgebiet verteilten Dienststellen über ISDN-Querverbindungen oder über außenliegende ISDN-Nebenstellenanschlüsse in einem ISDN-Netz miteinander verbinden.

ISDN-Nebenstellenanlagen ermöglichen die Einführung kommunikativer Textverarbeitung. Sie wird endlich den lange erwarteten Durchbruch zum modernen elektronischen Büro bewirken. Wenn es gelingt, etwa zehn Prozent unserer Fernsprechteilnehmer mit multifunktionalen Endgeräten auszustatten, dann haben wir das moderne Kommunikationsmittel, mit dem die vielen über die Stadt verteilten Dienststellen zusammenrücken, als wären sie alle in einem Haus untergebracht.

Besonders betonen möchte ich, daß es sich hier nicht um die Datenverarbeitung bisheriger Art handelt, sondern um kommunikative elektronische Bürokommunikation. Weiter hin bleibt es Aufgabe der Groß-EDV, die zentralen Aufgaben der Stadtverwaltung zu bearbeiten. Die Bildschirme für den Dialog sind fest an den zentralen Rechner angeschlossen; es wird in der Regel nur mit einem Programm gearbeitet.

Bei den Terminals an der Nebenstellenanlage ist das völlig anders. Sie können über die Nebenstellenanlage, über das Querverbindungsnetz und über das öffentliche Netz direkt miteinander kommunizieren. Sie können verschiedene Server der eigenen Anlage oder anderer Nebenstellenanlagen im Querverbindungsnetz erreichen. Datenverkehr ist auch mit den Großrechnern der Stadt oder über das öffentliche ISDN-Netz mit vielen anderen Rechnern möglich.

Entsprechend der Aufgabenstellung wird das Terminal spezielle Eigenschaften aufweisen, beispielsweise eine andere Tastatur für die Schreibkraft oder Bildschirme mit höherer Auflösung für Bürografik oder CAD.

Ein besonders wichtiges Jahr wird 1988 sein:

- Zu diesem Zeitpunkt beabsichtigt die Deutsche Bundespost, die ersten öffentlichen ISDN-Nebenstellenanlagen in Betrieb zu nehmen. Der Probebetrieb mit zwei Anlagen soll Ende dieses Jahres beginnen.

- Die Telekommunikationsordnung wird ab 1. Januar 1988 das bisherige Fernmeldebenutzungsrecht, die Fernmeldeordnung, ablösen. In der TKO sind dann auch die Bestimmungen und Gebühren für die ISDN-Anschlüsse geregelt.

- Es wird zudem die ISDN-Netzknoten geben, mit denen ISDN-Nebenstellenanlagen über 64-Kilobit-Kanäle verbunden werden können. Man wird darüber hinaus vorhandene Nebenstellenanlagen mit ISDN-Teilen erweitern können.

- Bis 1988 werden alle Hersteller von Nebenstellenanlagen Systeme anbieten, die der ISDN-Norm von entsprechen. Dies wird sich auf die Preise der Anlagen und auch auf die, (...)falt der angebotenen technischen Lösungen positiv auswirken. Es wird leistungsfähige multifunktionale Terminals und Personal-computer geben mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 64 Kilobit pro Sekunde, Server für alle angedachten Dienste, und es wird die Software entwickelt sein für die komfortable Textverarbeitung und sonstige Bürodienste.

- Schließlich erwartet man, daß 1988 die Normung der Transportprotokolle für Dokumente und Bürografik abgeschlossen ist und erste Geräte nach dieser Norm verfügbar sind.

Datenschutz noch immer ein ungelöstes Problem

Nicht unterschätzen darf man die Probleme, welche mit der kommunikativen Textverarbeitung mit mehr Information und mehr Möglichkeiten am Arbeitsplatz verbunden sind. Mit dein Kauf einer ISDN-Nebenstellenanlage hat man noch kein Problem gelöst, damit fangen die Schwierigkeiten erst an. Neue Techniken darf man nicht in die unveränderten Organisationsformen der Büros einbringen, eine grundlegende Organisationsänderung ist erforderlich. Erfahrungen, wie man das richtig macht und was alles zu verändern ist, gibt es bisher praktisch noch nicht. Die Organisationsabteilung selbst muß sich den neuen Notwendigkeiten anpassen, einen erheblichen Schulungsaufwand leisten und umfangreiche Einführungshilfen bieten. Vielleicht ist es der bessere Weg, auch die Organisationskompetenzen mehr zu dezentralisieren.

Es gibt noch eine ganze Reihe von ungelösten Problemen. Ich möchte hier den Datenschutz anführen, der bei verteilten Datenspeichern besondere Aufmerksamkeit verdient. Die rechtsverbindliche oder verpflichtende Unterschrift verlangt bei der elektronischen Post nach einer Lösung. Möglicherweise ist dies die Chip-Karte und ein nicht überlistbares Verschlüsselungsverfahren. Wie macht man die Datensicherung bei vielen verteilten Datenspeichern? Oder besser gefragt: Wer macht sie? Eine automatische, mehrfache Abspeicherung auf verschiedenen Magnetplatten könnte das mit viel Zeit- und Arbeitsaufwand verbundene Abspeichern auf Bändern oder Kassetten erübrigen.

Ganz im Vordergrund steht immer die Frage, ob die neuen Techniken, ob die Informations- und Textsysteme Arbeitsplätze abbauen. Ich bin der Auffassung, es kommt entscheidend darauf an, mit welcher Zielrichtung man diese Techniken einführt. Hat man nur die Absicht zu rationalisieren, dann wird ein Personalabbau wohl unvermeidlich eintreten. Führt man die Systeme ein, um schneller, leistungsfähiger und vielseitiger zu sein, dann kommt es mehr zu einer Veränderung der Aufgabenbereiche und der Wertigkeit der Arbeitsplätze. Der Rationalisierungseffekt und der Zeitgewinn, den der Technikeinsatz bringt, kann für neue Aufgaben genutzt werden, die dieser Technikeinsatz erst möglich macht.

ISDN stellt alle Beteiligten vor völlig neue Probleme

Der Sachbearbeiter wird einen Teil der Schreibfunktionen, die Schreibkraft Sachbearbeitungsfunktionen übernehmen. Wenn überhaupt, dann fallen einfache Arbeitsplätze weg und höherwertige, für Organisation, Schulung, Programmierung, Koordinierung oder Fernmeldetechnik nehmen zu.

Neue Technik und besonders solche, die so große Auswirkungen auf die Arbeitsplätze hat, soll man nur mit den Betroffenen einführen, sonst sind Ärger und Fehlschläge vorprogrammiert. Der Einsatz von Technik darf nicht zu Qualitätsverschlechterungen führen. Ich meine auch, die Datenverarbeitung sollte sich an den Menschen anpassen und nicht der Mensch an die Restriktionen der DV.

Die Entwicklung, die sich hier in Richtung ISDN abzeichnet, läßt sich nicht aufhalten. Sie stellt alle, die in Büros oder in einer Verwaltung arbeiten, vor ganz neue Probleme. Es ist noch einiges zu tun, bis man sagen kann, ISDN hat uns in ein neues Zeitalter, in das Zeitalter der Kommunikation, gebracht.