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19.11.1976

IST das EDV-Chinesisch unumgänglich?

Top Down Approach, Chief Programrnery Team-Konzept, Distributed Processing, Cache Memory, bipolare Speichertechnik, Overlay - wie herrlich "in" klingt das, wenn einer mit diesen Wörtern seine EDV-Kenntnisse untermauern kann. Oft glaubt doch ein cleverer EDV-Chef, die Entscheidung seines Managements damit überfahren zu können: "Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß!"

Der Manager aber, der für die teure Datenverarbeitung - dank Fortschritt der Technologie schon wieder Gelder bereitstellen muß? Er liest - vor allem EDV-Fachliteratur -, damit er für Gespräche mit seinem EDV-Leiter gerüstet ist. Denn da steht ja alles drin. Zum Beispiel: Top Down Approach, Chief Programmer, Team-Konzept, Distributed Processing ... und vieles mehr. Alles wieder in EDV-Chinesisch.

Zwei EDV-Chefs und ihre Manager berichten über ihre "Verständigungsschwierigkeiten". hö

Bernd J. Holtbrügge, Leiter der EDV, P.I.V. Antrieb Werner Reimers KG, Bad Homburg

Bei einer Diskussion zu diesem Thema in unserem Hause haben wir festgestellt, daß das EDV-Chinesisch sogar uns Fachleuten teilweise Probleme bringt. Es gibt manchmal Begriffe, die wir selber nicht verstehen. Eindeutschen kann man diese Begriffe nicht, doch sollten seltener vorkommende Abkürzungen erklärt oder zumindest einmal im Text in ungekürzter Form wiedergegeben werden.

Zur EDV gehört einfach das englische Wort, mit dem sich ein EDV-Vorgang wesentlich besser wiedergeben läßt als in Deutsch. Heute kann man davon ausgehen, daß EDV-Leiter über ausreichendes Fachenglisch verfügen.

Im Gespräch mit dem Maagement versuche ich natürlich weitestgehend deutsche Ausdrücke für meine Vorschläge zu prägen - ich will ja schließlich mein Ziel erreichen. Handelt es sich aber um Ausdrücke, die inzwischen durch ständige Verwendung bekannt geworden sind, dann benutze ich sie in ihrer ursprünglichen Form, denn das Verständnis muß ich von meinem Management voraussetzen.

Taucht ein neuer Begriff erstmalig auf, dann wird er von mir meist mündlich vorgetragen und erklärt, eventuell noch schriftlich fixiert.

Muß ich gegenüber meinem Management eine Rechtfertigung bezüglich einer Veränderung in der EDV vortragen und läßt sich das EDV-Chinesisch nicht vermeiden, werde ich selbstverständlich bemüht sein, dies zu erklären.

Nicht beeinflußbar in meiner Funktion als EDV-Leiter ist die Situation, wenn der Geschäftsführer EDV-Fachliteratur liest. Und er muß lesen, denn ein gewisses Mißtrauen gegenüber dem EDV-Leiter ist unumgänglich, das ist notwendig, da gewisse Entscheidungsprozesse zwangsläufig eine gewollte oder ungewollte Manipulation - wie bei jeder Entscheidung - mit sich bringen.

Denn allein die Auswahl der Alternativen stellt bereits eine Manipulation dar. Hier kann zum Beispiel die CW dem Geschäftsführer helfen, Zusammenhänge eines Problems unabhängiger beurteilen zu können.

Dr. Horst Hoppe, Leiter der Zentralen org. und DV, Gruner + Jahr AG, Hamburg

Aber natürlich ist das EDV-Chinesisch unumgänglich. Wie jede Fachdisziplin braucht auch die EDV zur präzisen Beschreibung ihrer fachspezifischen Sachverhalte eigene Fachbegriffe.

Verglichen mit anderen Disziplinen hat die EDV zur Zeit allerdings noch den Nachteil, sehr jung , zu sein und extrem schnell zu wachsen. Die eingeführten Fachbegriffe haben häufig nicht genügend Zeit, definitorisch auszureifen.

Dafür hat die EDV aber den Vorteil (bedingt durch die Dominanz der US-Hersteller), ihre Fachbegriffe weitgehend nur aus einer, und zwar einer lebendigen Sprache zu entnehmen. Dieser Umstand erleichtert außerordentlich Gespräche über nationale Grenzen hinweg und sollte deshalb auf keinen Fall aus nationalem Ehrgeiz in Frage gestellt werden.

Ein anderes Thema ist natürlich die Kommunikation zwischen EDV-Leuten und Leuten aus anderen Fachgebieten. Hier ist Fach- Chinesisch (von beiden Seiten!) unangebracht und auch unnötig. Bei bewußter Einstellung auf den Gesprächspartner lassen sich die für ihn relevanten Sachverhalte auch in allgemein verständlichem Deutsch beschreiben.

Friedrich Roesemann, kaufmännischer Geschäftsführer der P.I.V. Antrie Werner Reimers KG, Bad Homburg

Zunächst ganz grob gesagt: EDV-Chinesisch ist zum Teil unumgänglich. Denn schließlich hat ja jedes Fachgebiet seine eigene Sprache. Es gibt viele Begriffe, die heute jeder kennt, allerdings war es notwendig, daß diese Wörter bei Einführung von der Presse erläutert wurden. Der Unterschied zur EDV besteht nun darin, daß wir hier fast täglich neue Ausdrücke - sei es auf dem Gebiet der Software oder auch Hardware - zu hören bekommen. Jedes Unternehmen bringt seine eigenen Abkürzungen, dazu kommen dann noch die Abkürzungen, die die eigene EDV benutzt. Und das soll nun jemand verstehen, der sich nicht täglich mit diesen Problemen beschäftigt und auch nicht beschältigen kann, der aber letztlich über die Kosten entscheiden muß.

Wenn er dann erst einen EDV-Fachmann zu Hilfe bitten muß, ist er von vornherein bei diesem Gespräch benachteiligt. Zudem scheint es mir, daß die EDV-Journalisten sich ein Vergnügen daraus machen, einen Artikel "reißerisch" darzustellen, indem sie ihn beispielsweise überschreiben mit "Pfirsichbaum und Jumbotraum" - gelesen in einer CW-Ausgabe. Da muß man sich erst hineinlesen, anstatt daß durch entsprechende Überschriften der Leser auf den Inhalt aufmerksam gemacht wird.

Heute kann man feststellen, daß die EDV-Abteilung im eigenen Hause, die sich ja ständig mit diesen Problemen beschäftigt, dazu neigt, intern auch nur noch Abkürzungen zu verwenden. Das sind die Nachwirkungen des EDV-Chinesisch, mit dem diese Leute täglich konfrontiert werden.

Ich finde, daß hier die Presse die Pflicht hat, gewisse neue Ausdrücke zu erklären.

Denn wäre es nicht für alle EDV-Leiter eine Unterstützung, wenn ihre vorgesetzten Geschäftsführer über die anstehenden Probleme unterrichtet oder dafür schon etwas vorbereitet werden könnten?

Dr. Adrian Schickler, Vorstandsmitglied der Gruner + Jahr AG, Hamburg

Jede Fachsprache hat Vorund Nachteile. Vorteil des EDV-Chinesisch ist, daß man mit wenigen Ausdrücken komplexe Sachverhalte allgemeingültig beschreiben kann. Nachteil ist, daß man mit Menschen, die des Chinesischen nicht mächtig sind, nicht sprechen und sie daher auch nicht überzeugen kann. Soll und kann deswegen auf das EDV-Chinesisch verzichtet werden?

Meine Meinung: Nein. Zum einen wäre es vergebliche Liebesmüh', Fachleuten ihre Fachsprache austreiben zu wollen. Zum anderen wäre das unökonomisch, da die Fachsprache ökonomisch ist. Wie also ein Babylon vermeiden?

-Die EDV-Fachleute lernen , ihr Chinesisch in verständliches Deutsch zu übertragen,

-die Fachleute bedienen Sich eines "Dolmetschers", der das für sie macht,

-die Nichtfachleute machen sich daran, das Vokabular der EDV-Sprache zu erlernen und zu verstehen.

Meine Lösung: Die Zusammenarbeit zwischen Datenverarbeitung, Anwendern ,und Geschäftsleitung so zu organisieren, daß alle drei Wege gegangen werden und die Verständigung klappt. Die Stichworte dazu: Team-Projektarbeit, EDV-Koordinatoren in den Fachbereichen gemeinsame Anwenderkonferenzen, Ad-hoc-Arbeitsausschüsse.

Ich persönlich habe mich dafür entschieden, etwas EDV-Chinesisch zu lernen.