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13.01.1978

Ist der MDT-Begriff noch zeitgemäß?

Dipl.-Volkswirt Herbert Ackermann Kienzle Apparate GmbH, Villingen

Selbst ein eingefleischter EMDE-TEler sollte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Natürlich ist dieser Begriff nicht mehr unserer Zeit gemäß - oder zum mindesten ist die Bezeichnung nicht mehr so treffend, wie sie es einmal war. Aber um die Zählebigkeit einer solchen Wortkombination zu begreifen, muß man etwas weiter in die Vergangenheit zurückblicken.

Wie kam es dazu, daß vor zirka zehn oder zwölf Jahren alle Welt anfing, von "Mittlerer Datentechnik" zu sprechen? Zu Beginn der 60er Jahre gab es nun einmal eine riesige Angebotslücke auf dem Markt für maschinelles Buchen und Abrechnen - und zwar in der Mitte: zwischen den Großrechnern, den sagenhaften Elektronengehirnen, und den mechanischen, elektrisch angetriebenen Buchungsautomaten. Diese weiße Stelle im Angebot war keine Laune der Natur, sondern die Folge massiver Fehlsteuerungen von Leuten, welche Märkte machen. So lief das: Die ersten Elektronenrechner forderten einen immensen Kapitalaufwand. ENIAC, der Riese auf tönernen Füßen, eine Anhäufung von Röhrenelektronik, empfindlich, inflexibel, schwer programmierbar - und dennoch ein technisches Wunderwerk. Auf diesem Level blieb man, als es weiterging - auch in den folgenden Generationen. Freilich gab es eine Leistungssteigerung und eine gewisse Kostendegression. Aber die war doch nicht so gravierend, daß die Masse der potentiellen Anwender von der EDV angesprochen worden wäre.

1970 brachte "Carlsen", mit dem sich der Verfasser identisch fühlt, in der Fachzeitschrift "Der Erfolg" einen simplen Artikel zum Standort der Mittleren Datentechnik. Diese Abhandlung war mit einer Grafik illustriert, die aus drei vertikal angeordneten, sich überschneidenden Kreisen bestand: unten klassische Organisations-, Buchungs- und Fakturiermaschinen, oben konventionelle Lochkartentechnik und elektronische Großrechner, in der Mitte - die Mittlere Datentechnik. Professor Lutz Heinrich bediente sich später dieses Schaubilds, wobei er freilich MDT nicht als Datenverarbeitung für mittlere Datenmengen definierte, sondern den Versuch einer hardwareorientierten Begriffsbestimmung machte. Als Momentaufnahme war diese Aussage durchaus gültig, der MDT als "dynamischem Prozeß" wurde sie aber nicht gerecht. Noch heute sind Magnetkonten-Anlagen auf dem Markt, die als "intelligente Bürocomputer" hervorragende Organisationslösungen bieten. Welch logischer Fehlschluß, diese Techniken abzulehnen, weil: MKC gleich MDT sei (siehe Definition von 1970) und heute alle Welt weiß, daß für die Bewältigung mittlerer Datenmengen Floppy-, Magnetplatten-, Bildschirm- oder sonstwie orientierte Rechner ebenfalls in Betracht kommen.

Selbstverständlich gehören dazu auch die "Minis". Schon in den frühen 60er Jahren versuchte man in den Vereinigten Staaten im EDV-Bereich eine Marktdifferenzierung vorzunehmen, indem man kleinere Anlagen als "low-end-category" bezeichnete. Freilich handelte es sich dabei um Systeme, die einen Monatsaufwand von 10000 bis 15000 Dollars nötig machten. Der Begriff "Mini" schloß sich dann ziemlich nahtlos an das "low-end" an und war vermutlich - ohne zunächst ganz ernstgenommen zu werden - der Modesprache entliehen worden. Auch in Deutschland wurden schüchterne Versuche gemacht, MDT-Rechner als " Minis" zu bezeichnen. Aber es fand sich kein Hersteller, dem dieses Wort genügend seriös und werbewirksam erschienen wäre. Vermutlich hätte man sich auch mit solcher Terminologie zu weit von dem damals noch sehr hoch angesetzten EDV-Image entfernt. Neu aufgelebt ist das Wort "Mini" dann wieder, als die "Mikros" auf den Plan traten. Da die Kleinheit dieser Technologie sie dort überlegen machte, wo vor allem Miniaturisierung im Vordergrund steht, wandten sich die neuen Kleincomputer zunächst der Prozeßsteuerung zu, sie wurden als Prozeßrechner oder Prozeßleitrechner eingesetzt. Ein "Mini" wurde jedoch in dem Augenblick zum MDT-Rechner, als er in der Lage war, kommerzielle Programme zu übernehmen und mit der herkömmlichen MDT in Wettbewerb trat. MDT bleibt Datenverarbeitung für mittlere Datenmengen, wenn man es präzisieren will, kann man hinzufügen: im kommerziellen Bereich.

Sachlich gibt es am MDT-Begriff auch heute nur wenig zu deuteln, wenn man sich darüber klar ist, daß jede Technologie zur Verarbeitung mittlerer Datenmengen - sosehr sie sich auch bei immer kürzer werdenden Innovationszyklen wandeln mag - damit von den beiden Worten umschrieben und bezeichnet wird. Man darf allerdings nicht vergessen, daß die Propagierung der Mittleren Datentechnik als "Produkt- und Organisationsphilosophie" auch eine bemerkenswerte Leistung auf dem Gebiet der technischen Public Relations darstellte - womit PR im besten Sinne gemeint ist. Es soll nicht behauptet werden, daß ohne die Leistungen des "Arbeitskreises Mittlere Datentechnik" und vieler Fachschriftsteller, die die Brisanz des Themas kannten, heute noch der ENIAC sein Unwesen treiben würde - die grandiosen Entwicklungen auf dem Gebiet der Bauteile-Miniaturisierung hätten so oder so unaufhaltsam ihren Lauf genommen. Aber mit Sicherheit haben die Leistungen deutscher Kleinrechner-Hersteller in den 60er und frühen 70er Jahren die Dinge beschleunigt, und eine einsichtsvolle Fachpublizistik sorgte dafür, daß die Psychologische Barriere, welche durch das Image des "Elektronengehirns" errichtet war ("dafür sind wir doch zu klein, das können wir uns ja gar nicht leisten"), rechtzeitig abgebaut worden ist. Das führte schließlich so weit, daß auch die Mainframer nach unten gingen und immer mehr Außenseiter ihr Heil im Wachstumsmarkt MDT suchen, in dem es keine Schonzeiten und kein Freigehege gibt, sondern auf dem mit harten Bandagen um jeden Kunden geworben und gekämpft wird.

Die SYSTEMS 1975, also die vor drei Jahren, sollte man sich merken. Damals waren die DV-Bosse, die Hersteller von Computern aller Größenordnungen, anläßlich eines Podiumsgesprächs einhellig der gleichen Meinung: Die Zeit der ausschließlichen Zentralisierung ist zu Ende, der Schwerpunkt des Rechnereinsatzes wird künftig im dezentralen Bereich liegen. Anwender-Orientierung, Intelligenz vor Ort, Distributed Intelligence, Computer am Arbeitsplatz - die Schlagworte der Zukunft. Wenn man also künftig anstatt von MDT von Dezentralisierter Datenverarbeitung spricht, so ist das kein Glaubensverrat; weil die MDT der Zentralisierung noch nie das Wort geredet h(...). Aber ein Wandel ist doch gekennzeichnet: Offensichtlich haben sich die drei Kreise von ehedem immer mehr miteinander verflochten, sind stärker ineinander übergeflossen; die ehedem klar erkennbaren Überschneidungszonen lassen sich nicht mehr bestimmen. In den 50er Jahren hatten wir zwei weit voneinander entfernte Märkte (kleine Datentechnik und EDV), die sich nicht einmal berührten. Dann kam die Mittlere Datentechnik, die eine Verbindung schuf: drei ineinander übergreifende Märkte. Und schließlich ist heute der EDV-Markt ein riesengroßes Oval, eine Arena, ein Arsenal, so ungeheuer und faszinierend wie CeBIT auf der Hannover-Messe, aus dem sich der Systemfachmann, der Organisator seine Geräte, Maschinen, Automaten, Roboter, ganz einfach seine Sachmittel holt und die notwendigen Konfigurationen zusammenstellt. Alles fließt - wer das nicht begreift, dem ist nicht zu helfen. (...) könnte man sagen: Die MDT ist nicht tot - aber es lebe die DDV, die Dezentralisierte Datenverarbeitung!