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12.11.1976

Ist die Hochschulausbildung in Datenverarbeitung praxisgerecht?

Lutz J. Heinrich, Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebsinformatik, und Vorstand des ifbi - Institut für Fertigungswirtschaft und Betriebsinformatik der Universität Linz.

Als man Ende der sechziger Jahre in der BR Deutschland das Informatikprogramm aus der Taufe hob, das eine massive Förderung der Informatik in Lehre und Forschung zum Gegenstand hatte, wurde u. a. damit argumentiert, daß man im Durchschnitt vier bis fünf Informatiker mit Hochschulausbildung je installiertem Rechner in Wirtschaft und Verwaltung benötigen würde. Anläßlich einer Podiumsdiskussion während der Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik 1975 in Dortmund wurde von dem DV-Leiter eines Großanwenders festgestellt: "Wenn sie, die Hochschulen und Institute, und das Handwerkszeug liefern, mit dem wir unsere Aufgaben lösen können, dann brauchen wir, wenn ich mit Absicht überzeichne, praktisch keine Informatiker heutiger Prägung." Wie läßt sich diese Diskrepanz zwischen Planung und Wirklichkeit erklären?

Zunächst einmal ist festzustellen, daß man bei den damaligen Prognosen von der irrigen Annahme ausging, daß ein Bedarf an Informatikern besteht, sowie sie heute von den Universitäten ausgebildet werden. Es ist nach unseren Einsichten fast unerklärlich, wie man aus der Tatsache des Bedarfes an akademisch ausgebildeten Mitarbeitern für die Planung, die Lenkung und den Betrieb computergestützter Informationssysteme in Wirtschaft und Verwaltung den Schluß ziehen konnte dieser könne ausschließlich durch Absolventen der Studienrichtung Informatik gedeckt werden.

Es muß hier allerdings angemerkt werden, daß bereits damals einige Vertreter der Betriebswirtschaftslehre (namentlich ist beispielsweise E. Grochla, Köln, zu nennen) sich mit Nachdruck, aber im wesentlichen ohne Erfolg, gegen diese Fehleinschätzung stemmten. Dabei fanden sie zwar die Unterstützung ihrer eigenen Fachkollegen, bei den öffentlichen Stellen allerdings, die damals in Bund und Ländern die Weichen stellten, stießen sie nur auf taube Ohren. (So wurde meiner Erinnerung nach von etwa 12 Schwerpunktbereichen im Informationsprogramm nur einer auf betriebswirtschaftliche Probleme konzentriert.)

Eine zweite Fehlentscheidung war darin zu seheng daß man nicht in der Lage war, die Entwicklung unserer Informationssysteme zu prognostizieren. Mit anderen Worten ging man von zentral organisierten batch-verarbeitenden und benutzerfernen Konzepten aus. Ein Blick auf die heute verfügbare Informationstechnologie und die dadurch möglichen Gestaltungsformen für Informationssysteme (Dialog-Datenverarbeitung, Computer am Arbeitsplatz) zeigt völlig veränderte Bedarfsstrukturen, die man etwa, was den Bereich akademisch ausgebildeter Mitarbeiter betrifft wie folgt gliedern kann:

Den größten Bedarf haben Wirtschaft und Verwaltung an den Anwendungsspezialisten, also an Mitarbeitern für die Fachabteilungen, die ergänzend zu ihrem Anwendungswissen eine Ausbildung in betrieblicher Datenverarbeitung (Betriebs- bzw. Verwaltungsinformatik) haben. Ziel dieser Ausbildung ist es, die Absolventen in die Lage zu versetzen, die Einsatzmöglichkeiten von Computersystemen zur Unterstützung ihrer betrieblichen Aufgaben richtig einzuschätzen, die Benutzeranforderungen zu formulieren und somit sachverständig an der Planung, Lenkung und beim Betrieb von Informationssystemen mitzuwirken. Die Anwendungsspezialisten sind also die Benutzer der Informationssysteme.

Zweitens besteht ein Bedarf an Planungsspezialisten für Informationssysteme (Systemplaner) mit guten Anwendungskenntnissen, mit guten Kenntnissen der Informationstechnologie und mit organisatorischen Kenntnissen, die sie gemeinsam in die Läge versetzen, computergestützte Inforrnationssysteme zu planen. Sie sind auf die "Handwerkszeuge" von seiten der Informatik angewiesen, von denen eingangs die Rede war. Der Bedarf an Systemplanern ist zweifellos wesentlich geringer als der im vergangenen Abschnitt genannte. Auch die anfangs genannte Zahl dürfte - für heutige Verhältnisse - zu hoch gegriffen sein, wenn man die jetzt und zukünftig verfügbare Informationstechnologie zugrunde legt.

Schließlich besteht zweifellos ein Bedarf an Informatikern, die sich in erster Linie als Algorithmenentwerfer der EDV-technischen Lösung von Datenverarbeitungsaufgaben verstehen. Wird darin die Anwendungsprogrammierung einbezogen, so verändert sich zweifellos die Bedarfslage etwas, doch muß zweifelhaft sein, ob Anwendungsprogrammierung - soweit sie nicht ohnehin mehr und mehr zu den Benutzern verlagert wird

- akademischer Vorbildung bedarf. So kann wohl das ihrer Ausbildung entsprechende Tätigkeitsfeld der Informatiker vor allem bei Hardwareherstellern und Softwarehäusern gesehen werden. Für den Bedarf von Wirtschaft und Verwaltung liefert sie - was die Anwendungsspezialisten angeht - selbstverständlich nichts, was die Systemplaner angeht nur dann etwas, wenn sich die Absolventen ganz intensiv auch mit betrieblichen Anwendungsaufgaben auseinandersetzen.

Daß dafür Studienrichtungen geeigneter sind, die von vornherein einen Ausbildungsschwerpunkt in den betrieblieben Aufgabensystemen, einen zweiten in der Informatik sehen, liegt wohl auf der Hand. Dabei muß deutlich sein, daß die Grundlage und der Ausgangspunkt der Ausbildung in der jeweiligen Substanzwissenschaft

(z. B. Betriebswirtschaftslehre, Verwaltungsbetriebslehre) liegen muß und daß die Informationstechnologie nur instrumentalen Charakter hat, nicht aber Betrachtungsobjekt und Gestaltungsobjekt selbst ist.

Dieser Ausbildungsbereich muß an den Universitäten als eindeutig unterentwickelt angesehen werden. Erst in den letzten Jahren haben sich einige Konzepte durchgesetzt (z. B. Wirtschaftsingenieurstudium "Operations Research und Informatik" an der Universität Karlsruhe, Wirtschaftsinformatikstudium an der Gesamthochschule Duisburg, Studium "Betriebs- und Verwaltungsinformatik" an der Universität Linz), an anderen Orten sind sie trotz jahrelanger Bemühungen noch immer blockiert (z. B. an der Universität Köln).

Was nun den zuerst genannten Bedarf angeht, so existieren ergänzende Studiengänge zum betriebswirtschaftlichen Studium an zahlreichen Universitäten (z. B. Köln, Hamburg, Regensburg, Erlangen, Nürnberg, Linz). Aus anderen Wissenschaftsbereichen (Rechtswissenschaften, Medizin) sind ähnliche Entwicklungen bekannt.

Zusammenfassend muß aus der Sicht des betriebswirtschaftlichen Hochschullehrers mit Bedauern festgestellt werden, daß die Hochschulausbildung in Datenverarbeitung nicht praxisgerecht ist.