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20.04.1979

"Ist es sehr klug, die Computerindustrie zu fördern?"

DÜSSELDORF (ee) - Bedeutet die Subventionierung einer nationalen Datenverarbeitungsindustrie, daß dadurch in dem betroffenen Land staatliche Zuschüsse für "wichtigere Technologieförderung" fehlgeleitet werden? Doch: Ohne Subvention hätte sich auch ein rentables Unternehmen wie Siemens nicht den DV-Rang erobern können, den sich das Unternehmen heute beimißt. Aussagen aus dem Protokoll eines Symposiums, zu dem das in Düsseldorf erscheinende Wirtschafts magazin "Wirtschaftswoche" * Dr. Peter von Siemens, den Franzosen Boger Martin (Präsident der Firmengruppe St. Gobain Pont-a-Mousson), Dr. Hans Friderichs, Vorstandssprecher der Dresdner Bank und den japanischen Diplomaten Bunroku Yoshino als Gäste geladen hatte. Auszugsweise, mit freundlicher Genehmigung der "Wirtschaftswoche", die wichtigsten DV-Bezogenen Passagen.

Friderichs: Ich glaube, Herr Botschafter, daß einer der großen Erfolge Ihres Landes darauf beruht, daß Sie erfundene Dinge schneller in die Produktion umsetzen als Ihre meisten Mitbewerber. Ich weiß gar nicht, ob Sie soviel innovativer sind als andere; aber die Umsetzung der Innovation in die Tagesproduktion, das heißt in ein für den Markt fertiges Produkt, hat bei Ihnen eine hohe Geschwindigkeit. Damit sind Sie in der Lage, aufkommende Nachfragestrukturen unwahrscheinlich schnell zu befriedigen. Dies bedeutet eben Wachstum.

Ich glaube aber, daß man das wirklich nur kann, wenn man sich mehr auf die globale Forschungsförderung konzentriert und die Projektförderung reduziert - darf ich es mal so formulieren - auf so große Forschungsprojekte, bei denen auch das größte Einzelunternehmen mit dem daraus resultierenden Risiko nicht mehr fertig werden kann.

Nehmen wir die Kerntechnologie in all ihren Facetten, die den heutigen Standard ohne staatliche Förderung wahrscheinlich nicht erreicht hätte!

Bei der Datenverarbeitung lasse ich es deswegen nur bedingt gelten, weil wir hier mehr ein Rückstandsproblem, glaube ich, als ein gleichzeitiges Innovationsproblem gegenüber den Amerikanern aufzuholen hatten, denn wir waren durch Krieg und Nachkriegsentwicklung von den Dingen abgeschnitten. Aber auch hier ist eben die Frage, wann sich der Staat aus der projektbezogenen Förderung wieder zurückziehen kann, um sie dem Markt zu überlassen.

Kerlikowsky: Bleiben wir bei der Kernfrage Forschungsförderung Exzellenz, wie wird sie in Japan gehandhabt? Vielleicht können Sie das an den Bereichen Kernenergie und natürlich Datenverarbeitung erläutern.

Yoshino: Zum Beispiel hat der Staat in der Datenverarbeitung, in der Computerindustrie auch den Unternehmen bei der Finanzierung geholfen beziehungsweise hilft der Staat immer noch bei der Finanzierung gewisser Projekte, gewisser Entwicklungen in der Computerindustrie. Aber ich weiß nicht, ob dies sehr klug ist, ob man dabei sehr wohl beraten ist - langfristiggesehen. Aber wir wollen eben unsere Computerindustrie in die Lage versetzen, wettbewerbsfähig zu werden. Wir versuchen dies unter anderem auch dadurch, daß wir zu einem gewissen Zusammenschluß in drei großen Unternehmen beisteuern. Ich glaube das ist uns in gewisser Weise in bescheidenem Umfang auch gelungen. Der Anteil der amerikanischen Computerindustrie ist eben doch sehr groß in unserem Land; vielleicht auch aufgrund des Vorsprungs, den die Amerikaner auf diesem Gebiet immer noch haben.

Kerlikowsky: Sie sagten, daß es besser für Japan gewesen wäre, ausländisches Kapital willkommen zu heißen. Würde das auch für Sie bedeuten, daß es besser für Japan gewesen wäre, wenn IBM und andere amerikanische Computer-Firmen in Japan investiert hätten, als daß Japan selbst eine Computerindustrie aufgebaut hätte?

Yoshino: Das ist natürlich ein sehr vielschichtiges, schwieriges Problem. Es ist schwer, auch den Begriff Spitzentechnologie, Schlüsseltechnologie zu definieren. Wir verstehen normalerweise darunter die Industrien, die aus der Sicht unseres Landes gesehen eben Zukunftsindustrien darstellen. Aber wir möchten uns hier nicht nur auf unsere eigene Entwicklung, auf unsere eigene Sicht beschränken, sondern zumindest auch die regionale Entwicklung sehen, wenn nicht die Entwicklung insgesamt in der Welt.

Wenn wir uns fragen, welches ist die beste Technologie, für die es sich am meisten lohnt, vom Staat her zu subventionieren, sie zu unterstützen und wenn man sich dann dazu entschließt, diese Entwicklung vor allen Dingen der Computerindustrie angedeihen zu lassen, dann mag dies richtig sein. Aber ich bin davon nicht so überzeugt. Vielleicht gibt es andere Bereiche, wie die Kernenergie oder andere Industriezweige, die unter Umständen dann darunter leiden, weil wir nicht in der Lage sind, die gesamte Entwicklung zu subventionieren, zu finanzieren.

Welches ist die geeignetste Technik, die es staatlich zu fördern gilt? - Das ist eine Frage, die sicherlich nicht allgemein und für alle Zeiten beantwortet werden kann.

Kerlikowsky: Würden Sie sagen, Herr von Siemens, daß es ohne staatliche Förderung keine Zukunftstechnologie - Kernenergie - oder auch keine Computerindustrie in Deutschland gäbe?

Von Siemens: Darf ich zunächst an das anknüpfen, was unser japanischer Freund gesagt hat. Sie sagten gerade: Die Computerindustrie hat auch in Japan eine bedeutende Fabrikation. Soweit ich orientiert bin, hat IBM auf dem japanischen Markt einen Anteil von etwa 30 Prozent. In Deutschland ist er über 50, in Amerika ist er um die 50 Prozent.

Auf der anderen Seite - muß man sagen - hat Japan, vor allen Dingen die japanische Post - Dendengkosha -,in einer bewundernswerten Weise durch gezielte Entwicklungsaufträge und auch durch Subventionen die japanische Bauelementeindustrie und die Computerindustrie derartig gefördert, daß sie heute zur Weltspitze gehören.

Das hat natürlich zur Voraussetzung, daß diejenigen, die gefördert werden oder gefördert worden sind, die entsprechenden Qualitäten haben, diese Möglichkeit zu nutzen. Man muß unseren japanischen Freunden bescheinigen: Sie haben diese Möglichkeiten in einer bewundernswerten Weise ergriffen.

Wir selbst - Siemens -, die wir ja in der Nachkriegszeit aus von Herrn Friderich apostrophierten Gründen erst langsam Fuß fassen konnten haben jetzt mit einer japanischen Firma mit der wir übrigens seit über 50 Jahren verbunden sind - mit der Fujitsu -, einen Vertrag geschlossen, nach dem wir ebenfalls gewisse Dinge dorthin liefern, beispielsweise unseren Schnelldrucker, aber die Größcomputer, die heute in bezug auf Schnelligkeit sogar denen der IBM überlegen sind, beziehen wir in Zukunft aus Japan. Wenn wir die hätten selber entwickeln wollen - aus eigenen Kräften und sogar mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums-, so hätten wir hierfür Jahre gebraucht und hätten die in die vielfachen Millionen gehenden Entwicklungskosten auf uns nehmen müssen. Obwohl wir, wie Sie wissen, ein rentables Unternehmen sind, hätten wir das aus eigener Kraft nicht zuwege gebracht.

Martin: Wir haben hier an diesem Tisch erstaunlicherweise noch gar nicht von Europa gesprochen. Ich glaube, daß der Aufbau Europas eine ganz entscheidende Rolle bei der Möglichkeit zu spielen hat, Europa an die neuen wirtschaftlichen Bedingungen der Welt anzupassen. Das stimmt für die Einrichtung von protektionistischen Maßnahmen, von Schutzmaßnahmen, auf die keine Regierung wirklich ganz verzichten kann, weil es sich um eine Notstandssituation handelt.

Aber das stimmt auch für die Industrieentwicklung in Europa; denn so, wie die Welt derzeit aussieht, wird man für eine Reihe von industriellen Maßnahmen insbesondere bei der Großforschung - auf den Gebieten, von denen wir sprachen: Atom, Raumfahrt, EDV- Finanzmittel einsetzen müssen, die so erheblich sind, daß nur sehr große Firmen überhaupt mitkommen können.

Aber leider ist es uns - meist aus historischen Gründen - noch nicht gelungen, das zu tun, was wir eigentlich hätten tun sollen, nämlich eine europäische Raumfahrtindustrie, eine europäische Nuklearindustrie zu schaffen.