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21.08.1998 - 

Open-Source-Software/Jetzt geht es um die wichtigsten Anwendungen

Ist Linux schon reif für professionellen Desktop-Einsatz?

Das Betriebssystem Linux hat in den letzten Jahren eine stürmische Entwicklung genommen. Das betrifft zum einen sein Aussehen auf dem Desktop, zum anderen aber auch Entwicklungen unter der "Motorhaube". Linux, zunächst nur ein Projekt des finnischen Informatikstudenten Linus Torvalds, läuft nicht mehr, wie noch in der Version 1.0 vor zweieinhalb Jahren, nur auf Intel-x86-Prozessoren, sondern inzwischen auch auf Alpha-, Sparc-, Mips-, Power-PC- und 68k-Rechnern.

Im Zuge der Entwicklung der Version 2.0 wurde der Kern von Linux portabel gestaltet, so daß ein Anpassen an eine neue Rechnerplattform inzwischen nur noch relativ wenige Änderungen erfordert, wenn auch weiterhin sehr gute Hardwarekenntnisse nötig sind. Weitere Veränderungen betrafen die Speicherverwaltung und den Buffer-Cache, die heute hinter keinem kommerziellen Betriebssystem mehr zurückstehen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die Linux-Ausführungen für den Alpha-Chip und für Ultra-Sparc zu den wenigen vollständigen 64-Bit-Betriebssystemen gehören. Dieses Ziel hat beispielsweise der "große Bruder" Solaris immer noch nicht erreicht.

Bei den Treibern gab es eine ähnliche Entwicklung. War man beim Einsatz von Linux vor ein paar Jahren noch auf eine sehr geringe Auswahl von Hardwarekomponenten beschränkt, kann man jetzt fast aus dem vollen schöpfen. Sicherlich gibt es immer noch Hardwarehersteller, die sich weigern, die Spezifikationen ihrer Produkte offenzulegen. Aber immer mehr erkennen den Wettbewerbsvorteil, wenn ihre Software auch auf dem freien Betriebssystem läuft. Schätzungsweise fünf Millionen Linux-Anwender bilden ein nicht zu unterschätzendes Marktpotential.

Manche Hardware-Anbieter verlangen jedoch, ein "Non-Disclosure Aggreement" zu unterzeichnen, was die Veröffentlichung des Quellcodes unmöglich macht und damit die Aufnahme eines solchen Treibers in den Standard-Kernel ausschließt. Gleichwohl kann es für solche Produkte Zusatztreiber geben, die allerdings von den Linux-Anwendern häufig nicht akzeptiert werden. Die Boykottaufrufe in Newsgroups gegen den Grafikkartenhersteller Diamond sind noch in Erinnerung.

Glücklicherweise haben mittlerweile sehr viele Hersteller die Bedeutung von Linux erkannt und arbeiten mit dessen Entwicklern in Form von Support oder Bereitstellung von Dokumentation und Testexemplaren zusammen. Manche stellen sogar die Treiber für ihre Produkte zur Verfügung. Als jüngstes Beispiel wäre die Firma Adaptec zu nennen, die den Entwicklern des SCSI-Subsystems von Linux Dokumentationen zu ihren SCSI-Controllern überläßt.

Standardhardware wie Grafikkarten und Festplatten ist heutzutage kein besonderes Problem mehr, auch wenn es die Treiber meistens erst ein paar Monate nach Produkteinführung gibt. Bei exotischerer Hardware sieht es hingegen etwas schlechter aus. Aber auch hier hat es in den letzten Jahren viele Anstrengungen gegeben, Linux zu einer vollwertigen Plattform zu machen.

So sind etwa im Projekt "Scanner Access Now Easy" (SANE) Treiber für viele Flachbett- und Handscanner entstanden, die gegenüber den unter Windows üblichen Twain-Geräten den zusätzlichen Vorteil besitzen, daß im Netzwerk die Nutzung von Scannern möglich ist. Gleichermaßen gibt es inzwischen Programme, mit denen sich CD-R- und sogar CD-RW-Brenner einsetzen lassen.

Linux-Versionen bald für alle Rechnertypen

Die Entwicklung des Betriebssystem-Kerns von Linux ist noch lange nicht abgeschlossen. Die neueren Versionen - die noch nicht als stabil gelten und deren Einsatz daher in kommerziellen Umgebungen nicht empfohlen wird - unterstützen Mehrprozessorsysteme jetzt deutlich besser.

Eine weitere Projektgruppe beschäftigt sich damit, Linux für Prozessoren ohne Memory Management Unit anzupassen. Damit wird es bald keine Hardware mehr geben, auf der Linux nicht läuft - selbst für Handheld-Computer existieren schon erste experimentelle Versionen.

Noch vor zwei Jahren war Linux mehr oder weniger ein Betriebssystem für hartgesottene Kommandozeilenliebhaber, die auf Benutzer von Fenstersystemen und Mäusen verächtlich herabblickten. Daß die einzugebenden Befehle oft sehr kryptisch und mit vielen schwer verständlichen Parametern gespickt waren, machte diesen Profis nichts aus. Aber für den Endanwender war das natürlich völlig inakzeptabel.

Zwar gab es für Linux mit dem netzwerktransparenten Fenstersystem X11 schon von jeher ein Fenstersystem, das sich nicht hinter dem von Windows oder dem von Macintosh verstecken mußte, aber was daraus gemacht wurde, war wenig erfreulich: Es gab viele inkompatible Darstellungsmethoden, Schaltflächen waren mal rund und mal eckig, und an eine Integration der einzelnen Anwendungen, etwa durch Drag and Drop, war überhaupt nicht zu denken.

Im Oktober 1996 begann dann eine Gruppe von Entwicklern im Internet einen freien Desktop zu schreiben, der die Stabilität und Flexibilität von Unix-Systemen beibehalten, aber gleichzeitig die Oberfläche so benutzerfreundlich und leicht erlernbar machen sollte, wie man es beispielsweise vom Macintosh oder OS/2 gewohnt war. Dieses Projekt - zu finden unter http://www.kde.org - nannte sich "K Desktop Environment" (KDE), eine Anspielung auf die kommerzielle und in den Augen der Linuxer unbefriedigende Lösung Common Desktop Environment (CDE).

Mit der Zeit kamen neben den eigentlichen Komponenten wie einer Fensterverwaltung und einer Schnellstartleiste kontinuierlich weitere Features hinzu: Produktivitätswerkzeuge wie Editoren und Grafikbetrachter, Terminal-Emulationen, Internet-Anwendungen wie ein Web-Browser, Mail- und News-Leseprogramme, Programme für den Systemverwalter - und natürlich die unvermeidlichen kleinen Spiele. Alles ist Drag-and-drop-integriert, mit einheitlichen Darstellungen und von einem sehr übersichtlichen Kontrollzentrum aus konfigurierbar.

Damit hat Linux mit Windows 95 von der Bedienbarkeit her gleichgezogen und ist in Anbetracht der deutlich höheren Stabilität und der besseren Kosten-Nutzen-Relation sogar im Vorteil. Aber die KDE-Entwickler machten noch nicht halt. Die Betrachtung von Verzeichnisinhalten wie Web-Seiten, von Microsoft erst mit Windows 98 notdürftig aufgesetzt, steht in KDE schon seit etwa einem Jahr zur Verfügung.

Und eine vollständige Internet/Intranet-Integration gibt es in diesem Maße unter Windows immer noch nicht: KDE-Benutzer können eine Datei, die auf einem lokalen Server oder irgendwo im Internet liegt, genauso selbstverständlich öffnen oder deren Icon per Drag and drop in eine Anwendung ziehen, wie das mit lokalen Dateien seit jeher geht. Es lassen sich sogar Dateien aus Archivdateien auf Servern entnehmen, ohne daß der Benutzer diese Dateien vorher auspacken müßte.

Die Reaktionen der Anwender auf die Freigabe der ersten "offiziellen" KDE-Version waren sehr positiv. Viele Anwender berichteten, daß sich jetzt auch unerfahrene Computeranwender vor ein Linux-System setzen konnten. Das Ziel - einfach wie der Macintosh, stabil wie Unix - kann damit als erreicht gelten.

Das haben auch die Linux-Distributoren, die vorkompilierte und mit Installationsprogrammen versehene Versionen von Linux auf CD vertreiben, erkannt: Zwei der größten, die Firmen Caldera und SuSE, haben für ihre nächsten Versionen die Integration von KDE in ihre Distributionen angekündigt. Einige kleinere sind dazu bereits übergegangen.

Natürlich gibt es über das Erreichte hinausgehende Entwicklungsziele im KDE-Projekt. Dazu gehört unter anderem eine weitere Verbesserung der Konfigurierbarkeit. Es gibt beispielsweise Alpha-Versionen, die eine beliebige Zuordnung von Tastenkombinationen zu Desktop-Funktionen gestatten.

Ein ebenso bedeutendes Entwicklungsziel ist die weitere Integration von Nicht-KDE-Anwendungen. Schon immer laufen auch nicht für KDE geschriebene Unix-Anwendungen auf einem KDE-Desktop, der sie teilweise sogar noch mit ursprünglich nicht vorhandenen Zusatzfunktionen wie Session Management unterstützt.

Momentan hat es sich das KDE-Team zur Aufgabe gemacht, Drag and drop zwischen KDE- und Nicht-KDE-Applikationen zu ermöglichen. Das soll durch eine Umstellung vom KDE-eigenen Protokoll auf den neuen Drag-and-drop-Standard XDND realisiert werden.

Mit einem integrierten, konsistenten und einfach zu bedienenden Desktop ist es aber noch nicht getan. Der Anwender benötigt vor allem die klassischen Office-Anwendungen Textverarbeitung, Zeichenprogramm, Präsenta- tionsprogramm und Datenbank. Auch hier sieht es unter Linux längst nicht so düster aus, wie oft noch behauptet wird.

Mit Corels "Wordperfect" steht einer der großen Klassiker unter den Textverarbeitungen zur Verfügung, und "Applixware" ist eine vollständige Office-Suite. Dies sind nur einige Beispiele bekannter kommerzieller Programme.

Aber auch in dieser Richtung wollte das KDE-Team einen Schritt weiter gehen und begann in diesem Frühjahr, eine eigene Office-Suite zu entwickeln. Sie zeichnet sich neben der Integration in den KDE-Desktop vor allem dadurch aus, daß es sich bei den einzelnen Bestandteilen um Corba-Komponenten handelt, die auch verteilt in einem Netzwerk laufen können.

Diese Komponenten-Suite (siehe Abbildung) ist ein sehr junges Projekt und eigentlich noch nicht für den Endbenutzer geeignet. Aber das Präsentationsprogramm "K-Presenter" und die Tabellenkalkulation "K-Spread" haben doch schon bemerkenswerte Fortschritte gemacht und sind auch schon in ersten "Ernstfällen" eingesetzt worden.

Wo es nun also einen stabilen, benutzerfreundlichen Desktop und mit den genannten Office-Produkten sowie in Zukunft dem "K-Office" auch die typischen Büroanwendungen gibt, stellt sich natürlich die Frage, was Linux eigentlich noch dazu fehlt, auf jedem Rechner eingesetzt zu werden.

Es gibt tatsächlich noch eine ganze Reihe von Anwendungs-typen, zu denen man entsprechende Linux-Pendants vergeblich sucht. Dazu zählen zum einen DTP-Programme ê la "Framemaker" oder "Quark XPress" und Grafikprogramme der Klasse eines "Corel Draw", zum anderen viele vertikale Anwendungen, vorwiegend aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich. So gibt es weder SAP-R/3- noch Baan- Clients für Linux.

Open-Source-Alternativen für wichtige Anwendungen

Das liegt vielleicht auch daran, daß die für diese Anwendungen typischerweise verwendeten Datenbanken für Linux lange nicht verfügbar waren. Doch mit "Adabas D" gibt es bereits seit einiger Zeit eine wichtige relationale Datenbank auch für Linux - mit solchem Erfolg, daß andere Anbieter umdenken. Seit kurzem steht auch Informix SE zur Verfügung. Oracle hat seine Verweigerungshaltung aufgegeben und eine Linux-Version der Datenbank für Ende 1998 angekündigt; weitere Produkte sollen folgen.

Exemplarisch dafür, daß auch Programme mit bisheriger Alleinstellung nicht unangreifbar sind, ist "Photoshop" von Adobe. Im Bereich der Bildverarbeitung führte an diesem hervorragenden Stück Software bisher kein Weg vorbei. Doch inzwischen hat eine Gruppe von Programmierern für Unix-Systeme das freie "Gimp" (GNU Image Manipulation Program) entwickelt. Bildverarbeitungsprofis bescheinigen ihm einen mit Photoshop vergleichbaren Funktionsumfang, lediglich die Bedieneroberfläche weise einige Mängel auf.

Angeklickt

Das Internet, das ja von jeher auf Unix-Rechnern aufgebaut wurde, ist auf der Server-Seite fest in der Hand von Unix und seinem freien Derivat Linux. Und auch als Datei-, Druck- und Fax-Server beginnt Linux, sich in vielen Firmen durchzusetzen. Was ist gegen ein System einzuwenden, das - egal wie viele Clients bedient werden - nicht nur keinerlei Lizenzgebühren kostet, sondern auch noch sehr stabil ist, das besser unterstützt wird als jedes andere sowie Macintosh-, Novell-, Windows- und Unix-Clients gleichzeitig mit Dateien, Druckern und Faxen bedienen kann? Der Autor schildert die neuesten Entwicklungslinien.

Matthias Kalle Dalheimer ist freiberuflicher Software-Entwickler, Fachbuchautor und Übersetzer in Meilsdorf bei Hamburg.