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02.01.1998 - 

Internationale Gewerkschaften wollen ihre Kräfte bündeln

IT-Arbeitnehmervertreter machen sich fit für Europa

CW: Outsourcing, Unternehmenszersplitterung oder das Abdrängen in die Scheinselbständigkeit verunsichert die Arbeitnehmer. Wird es dagegen eine gemeinsame europäische Strategie geben?

Jennings: Wir hoffen es. Schließlich organisieren sich die Arbeitgeber bereits seit Jahren über die Grenzen hinweg. Doch die internationalen Arbeitnehmervertretungen holen inzwischen auf. Dabei werden zum einen die europäischen Betriebsräte und zum anderen die elektronische Kommunikation eine große Rolle spielen. Wir werden von unseren Mitgliedsorganisationen zunehmend aufgefordert, internationale Treffen für Arbeitnehmervertreter von IT-Multis zu organisieren. Ich glaube, daß man sagen kann, ohne allzu optimistisch zu erscheinen, daß die Solidarität unter den Computerprofis grenzüberschreitend zu wachsen beginnt.

CW: Wird es im IT-Bereich in zehn Jahren noch abhängig Beschäftigte geben?

Jennings: In diesem Punkt bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen. Immer mehr Menschen arbeiten, gewollt oder ungewollt, als Scheinselbständige, und immer mehr Unternehmen bevorzugen dieses Arbeitsmodell. Nehmen wir beispielsweise Compaq. Das Unternehmen hat mit tausend kleinen Unternehmen Subverträge abgeschlossen und beschäftigt selbst vergleichsweise wenig Mitarbeiter. Ich fürchte, dieses Beispiel wird weltweit Schule machen.

CW: Die Zukunft, so prophezeien es immer mehr Experten, wird der Telearbeit, dem mobilen Büro und virtuellen Projekten gehören. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken dieser veränderten Arbeitswelt?

Jennings: Als große Chance sehe ich, daß die Menschen ihre individuellen Bedürfnisse besser erfüllen werden. Zu den Risiken zähle ich gerade bei der Teleheimarbeit die Möglichkeit der Selbstausbeutung sowie unzureichenden Arbeitsschutz. Das Problem der Gewerkschaften besteht darin, daß die Arbeitnehmer künftig schwieriger als bisher zu erreichen sind.

CW: Welche Möglichkeiten gibt es für die Gewerkschaften, diese mobilen Arbeitnehmer zu erreichen - geschweige denn zu vertreten? Welche Rolle werden die Gewerkschaften künftig spielen müssen?

Jennings: Die Arbeitnehmervertretungen haben schon andere Veränderungen hinnehmen müssen und sind damit zurechtgekommen. Ich gebe aber zu, daß es nicht leicht sein wird. Schließlich haben die Gewerkschaften es nicht nur mit neuen Arbeitsformen zu tun, sondern durch die Zusammenschlüsse der Arbeitgeber auch mit neuen Gesprächspartnern. Und die kann man im Multimedia-Bereich nicht gerade als gewerkschaftsfreundlich einstufen.

CW: Wie wollen Sie auf diese Entwicklung reagieren?

Jennings: Wir müssen und werden uns mit anderen Gewerkschaften zusammentun. Diese könnten eine Art Beratungsfunktion übernehmen und die entsprechenden Informationen im Internet anbieten.

CW: Eine wichtige Rolle in der internationalen Gewerkschaftspolitik spielen die Euro-Betriebsräte. Hat sich deren bislang schwache rechtliche Position mit den Richtlinien der Europäischen Kommission gebessert?

Jennings: Zumindest mußten Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten in Europa einen Euro-Betriebsrat zulassen. Gute Vereinbarungen allein reichen aber nicht aus. Sie müssen mit Leben erfüllt werden. Bei einer Revision der Richtlinie müssen dem Euro-Betriebsrat frühzeitiger Informations- und mehr Mitwirkungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Leider gibt es nach wie vor Fälle, in denen Unternehmensleitungen abblocken.

CW: Können Sie ein Beispiel nennen?

Jennings: Ein Paradebeispiel ist Digital Equipment. Deren Arbeitnehmervertreter wehren sich, indem sie die dubiose Unternehmenspolitik des Konzerns öffentlich machen. Dies dürfte für eine auf ihr Image bedachte Geschäftsleitung sicherlich schmerzhaft sein. DEC zeigt überzeugend, daß kompetente Betriebsräte auch ohne offiziellen Euro-Betriebsrat einiges auf die Füße stellen können. Dafür benötigen die Arbeitnehmervertreter allerdings elektronische Kommunikationsmittel.

CW: Wieso sind diese so wichtig?

Jennings: Ganz einfach. Mit Hilfe des Netzes halten sich die Betriebsräte in verschiedenen Ländern gegenseitig auf dem laufenden. Wenn die Mitarbeiter auf internationalem Niveau informiert sind, können die Arbeitgeber sie nicht mehr so leicht wie früher gegeneinander ausspielen. Nehmen wir als Beispiel den Streik bei Bull in den Niederlanden. Als dort die Techniker wegen der Kürzung ihrer Bezüge die Arbeit niederlegten, erfuhren die Kollegen in ganz Europa von dieser Aktion. Wenig später gingen bei den Streikenden Solidaritätsgrüße von Kollegen ein. Das hat das Gefühl der Zusammengehörigkeit sehr gestärkt.

CW: Was sagen denn die Arbeitgeber, wenn Netze oder E-Mail-Systeme von Arbeitnehmern für Betriebsratsarbeit genutzt werden? Bei IBM in Deutschland hat das fast zur Kündigung eines Betriebsrats geführt.

Jennings: Das wird unterschiedlich gehandhabt. Bei DEC beispielsweise hat der Betriebsrat per Gerichtsbeschluß erreicht, daß das interne E-Mail-System für eigene Mitteilungen genutzt werden darf. Hier sind übernationale Rahmenbedingungen gefordert. Der freie Netzzugang für alle Mitarbeiter muß in den Unternehmen selbstverständlich werden. Eine europäische Richtlinie, die Arbeitnehmervertretern den Zugang zu Internet und E-Mail garantiert, muß her. IBM ist übrigens mit seiner Kündigungsdrohung nicht durchgekommen, dafür sind uns aber leider andere Fälle bekannt.

CW: Sie haben unlängst die Kooperation zwischen Euro-Fiet und der CI Communication International, der vormaligen Internationalen Postgewerkschaft, bekanntgegeben. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?

Jennings: Diese Entscheidung folgt Entwicklungen in der Industrie, die man gemeinhin mit Konvergenz bezeichnet. Das heißt, daß Telekommunikation, IT-Industrie, Medien etc. immer stärker zusammenwachsen und sich die Herausbildung einer neuen Branche abzeichnet. In diesem neuen Sektor wollen wir gemeinsam organisieren und Einfluß auf die Arbeitsbedingungen nehmen.

CW: Wenn Sie, wie soeben erklärt, die internationalen Kräfte bündeln wollen, stehen ja wohl noch weitere Gespräche mit anderen Arbeitnehmervertretungen an. Aus welchen Bereichen kommen sie, und was ist das Ziel dieser möglichen Kooperationen?

Jennings: Weitere Gespräche sind geplant. Am wahrscheinlichsten ist es, daß die Internationale Grafische Föderation, also Druck und Papier, dabei ist. Die internationale Gewerkschaft für Medien und Unterhaltung ist ebenfalls an den Gesprächen beteiligt. Die internationale Föderation der Journalisten verfolgt unsere Gespräche mit großem Interesse, will aber eine Entscheidung erst später treffen.

Euro-Fiet

"Euro-Fiet ist keine hierarchische Instanz, die wie eine multinationale Konzernzentrale anweisen und verfügen kann. Wir bringen Gewerkschaften zusammen und ermöglichen ihnen, auf einer übernationalen Ebene Erfahrungen auszutauschen. Wir sind dann verantwortlich für die Umsetzung der Beschlüsse. Dabei sind zunächst die nationalen Mitgliedsorganisationen unsere Ansprechpartner. Je nach Sachlage wenden wir uns bei der Umsetzung aber auch an internationale Organisationen wie UNO, Weltbank, Gatt, OECD etc. Darüber hinaus haben wir vielfältige Beziehungen zur EU-Kommission." Philip Jennings

Fiet

Der Internationale Bund der Privatangestellten vertritt Angestellte, Fach- und Führungskräfte und Techniker in der Privatwirtschaft. Der Federation International des Employes, Techniciens et Cadres (Fiet) gehören heute über elf Millionen Angestellte in 400 Gewerkschaften aus 120 Ländern an. Die Euro-Fiet als Unterorganisation bietet mit ihrem jährlich stattfindenden IT-Forum Computerprofis aus ganz Europa eine Plattform an, auf der Erfahrungen ausgetauscht werden können - wobei besonderes Interesse an den Praxisberichten der Euro-Betriebsräte besteht. Philip Jennings, Generalsekretär der Fiet, kämpft vor allem für eine europäische Beschäftigungsstrategie, die gewährleistet, daß das Sozialmodell nicht untergraben wird.