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26.03.2004 - 

Expertendiskussion auf der CeBIT

IT-Branche schafft neue Jobs - im Ausland

HANNOVER (iw) - Outsourcing und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland entwickeln sich zum Horrorszenario für den IT- Arbeitsmarkt. Lamentierten Experten vor vier oder fünf Jahren noch über den Mangel an Fachkräften, war auf der diesjährigen CeBIT eher von der Verlagerung hochqualifizierter Positionen in Billiglohnländer die Rede.

Von einem Fachkräftemangel im IT-Sektor spricht heute kaum mehr jemand. Zwar suchen Unternehmen weiterhin Informatiker, aber längst nicht mehr so viele wie vor einigen Jahren. Eine Studie von A. T. Kearney mit der Prognose, 130 000 IT-Jobs gingen in Deutschland durch Offshoring verloren, sorgte im Vorfeld der CeBIT für Aufregung. Die Idee, Projekte in kostengünstigere Länder zu verlagern, scheint gerade auf IT-Firmen eine große Faszination auszuüben.

"Unsere Studie zeigt ein Worst-Case-Szenario" erläuterte Holger Röder von A.T. Kearney in der Eröffnungsdiskussionsrunde des Jobs-und-Karriere-Zentrums auf der CeBIT und präzisiert: "IT-Mitarbeiter in Konzernen sind am meisten gefährdet, denn IT-Dienstleister aus Nearshore-Ländern drängen mit unschlagbar günstigen Preisen in den Markt." Wie die Analysten von Gartner meinen, haben insbesondere die zehn neuen Beitrittsländer der Europäischen Union gute Chancen, mit attraktiven Angeboten zu punkten. Aus Anwendersicht überwögen hierzulande die Vorteile klar gegenüber den Risiken. Der A.T.Kearney-Bericht konkretisiert eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren bereits schleichend einsetzte und jetzt an Dynamik gewinnt. Bisher wanderten in erster Linie einfache Produktionsprozesse ab, sukzessive werden auch höherwertige Arbeiten ins Ausland verlagert.

"Der Offshore-Trend bildet nur die sichtbare Spitze des Eisbergs und drückt den tief greifenden Strukturwandel in der IT-Branche aus", erklärte Günther Thoma, Geschäftsführer der Management-Beratung Step-Process in Wiesbaden, und ergänzt: "Eine noch größere Gefahr für Arbeitsplätze ist die pessimistische Stimmung. Wir müssen es schaffen, das wieder aufzufangen."

Stephan Pfisterer, Bildungsexperte des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), sieht zwar Impulse eines wirtschaftlichen Aufschwungs oder zumindest einer Erholung in der IT-Branche, doch auch er räumt ein, dass sich das nicht in neuen Jobs niederschlagen werde. Allerdings mahnte Pfisterer: "Längst nicht jedes Unternehmen plant ein Indien-Projekt. Die Erfahrungen waren nicht immer positiv."

Trotzdem wird sich das Thema Offshoring durchsetzen, meint A.T. Kearney-Mann Röder. Die Kalkulation und Abwicklung von solchen Projekten stehe hier aber erst am Anfang. Röder sieht die zentraleuropäischen Firmen in Sachen Outsourcing noch weit hinterherhinken. Es gebe einen hohen Lernbedarf gegenüber anderen Ländern wie beispielsweise den Vereinigten Staaten. Dort wird gerade hitzig diskutiert, ob Regierungsaufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden sollen, die nicht mit Partnern in Billiglohnländern arbeiten.

Dieter Scheitor von der IG Metall zweifelt indes, dass sich mit Offshore-Projekten größere Summen einsparen lassen. Er wünscht sich eine offenere Diskussion über die Nachteile und Risiken einer Verlagerung ins Ausland. "Großunternehmen planen aggressiv das Outsourcing und lösen damit große Ängste aus", fasst Scheitor die Stimmung zusammen. Er fürchtet, dass es zu Übertreibungen und einem Herdentrieb kommt, da die Kostenvorteile überschätzt würden. Der Gewerkschaftsmann fordert deshalb eine nüchterne Analyse und eine ehrliche Kalkulation aller anfallenden Kosten. Scheitor weigerte sich, in das Klagelied vom miserablen Standort Deutschland einzustimmen. Ausbildung und Entwicklungsstand der Industrie könnten international gut mithalten.

Kompetenz darf nicht verloren gehen

Auch August-Wilhelm Scheer, Gründer der IDS Scheer AG und Universitätsprofessor in Saarbrücken, hält den deutschen IT-Standort grundsätzlich für attraktiv - Es komme jetzt darauf an, dass das so bleibe. "Die Kompetenz darf nicht verloren gehen, wie es in der Vergangenheit schon passiert ist. Wir bauen hier keine Hardware mehr, und die Unterhaltungselektronik ist auch schon verloren." In der angewandten Informatik, beispielsweise der Medizintechnik, sieht Scheer dagegen noch Wachstumspotenzial. Jetzt komme es auf die Aus- und Weiterbildung an, sich den Veränderungen und neuen Herausforderungen zu stellen und andere Schwerpunkte zu setzen. "Ich empfehle meinen Studenten, sie sollen lieber eine Fremdsprache lernen, damit sie weltweit mithalten können, als in meine Vorlesung zu gehen, da technische Dinge sowieso schnell veralten", empfiehlt Scheer selbstironisch.

Wie sehen neue Ausbildungskonzepte aus? Der Bitkom-Mann Pfisterer fordert beispielsweise, in den Informatikstudiengängen an den Hochschulen Englisch als Unterrichtssprache zu wählen. Das erhöhe auch die internationale Attraktivität der deutschen Universitäten. Thoma schließt sich dieser Forderung an. Bisher stehe an den Hochschulen die Wissensvermittlung im Vordergrund; Lerntechniken, Projektarbeit und die Anwendung des Gelernten in der Praxis treten häufig in den Hintergrund. "Es wird immer noch auf spezifiziertes und standardisiertes Fachwissen gesetzt, das sich auch am einfachsten in Offshore-Projekte verlagern lässt", bemängelt Thoma.

Wirtschaftsinformatik und neue Studienangebote, die Ingenieurwissenschaften und Informatik verknüpfen, sollen die Wettbewerbsfähigkeit der zukünftigen IT-Mitarbeiter erhalten. Aber auch die Führungskräfte sind aufgefordert, nicht alle Kompetenzen auszulagern, sondern die Nähe zum Geschäft gerade in anwendungsorientierten IT-Feldern zu erhalten.