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20.12.2002 - 

Jahresrückblick/Rückblick 2002 (Teil II Mai bis August)

IT-Branche trägt Trauer - nur Rudi jubelt

2002 war nichts für Nervenschwache: Die Insolvenzen bewegen sich auf Rekordkurs. Was mancher Manager als Kostendämpfung ankündigt, kommt einem Kahlschlag gleich. Alles spart, alles wartet, alles hofft. Nirgends Aufbruchstimmung. Deutschland tut, was manche als seine liebste Beschäftigung ansehen - es klagt, lamentiert und stagniert. Ein Jahr geht zu Ende, das so niemand mehr erleben will.

Mai

Mal was Neues vom Fusions-Hickhack HP-Compaq: Noch immer sind die beiden Firmen nicht verschmolzen. Immer noch beharken sich die Befürworter und Gegner des Zusammenschlusses. Mittlerweile ist man vor Gericht gelandet, wo geklärt werden soll, ob HP-Chefin Fiorina noch Unentschlossene vielleicht durch kleine Aufmerksamkeiten überzeugt haben könnte, für die Fusion zu stimmen.

Network Associates ist Sicherheitsanbieter. Das klingt komisch im Zusammenhang mit der Meldung, dass die Bilanzen aus den Jahren 1999 und 2000 alles andere als sicher richtig waren. Jetzt müssen Buchprüfer sich wieder über die alten Geschäftsergebnisse beugen und vielleicht Lug und Betrug aufdecken. Die Übernahme von McAfee.com wird deshalb schon mal abgeblasen.

Als Microsoft den CRM-Anbieter Great Plains übernahm und Großes ankündigte, lächelte Siebel nur. Mitte Mai kauft die Gates-Company den dänischen ERP-Anbieter Navision. Mit dessen Software will der Softwaregigant den Mittelstand für ERP anfixen. SAP-Vorstand Hasso Plattner kommentiert das Ansinnen ziemlich diplomatisch und professionell: "Wir nehmen das sehr ernst, ohne vor dem Riesen Microsoft Angst zu haben."

Bei Sun Microsystems scheint der Haussegen schief zu hängen: Innerhalb kürzester Zeit verlassen im Mai mit Ed Zander, Michael Leh-mann, John Shoemaker, Larry Hambly und Stephen DeWitt gleich fünf Topmanager das Unternehmen.

Neue Besen kehren gut

Und dann ist es so weit: Richter William Chandler gewinnt dem Rosenkrieg zwischen HP-Chefin Fiorina und HP-Gründersohn Walter Hewlett offensichtlich nichts mehr ab und weist die Klage von Hewlett zurück. Er vermöge nicht zu erkennen, dass HP seinen Aktionären Informationen vorenthalten habe, die für die Fusionsentscheidung von Bedeutung gewesen wären. Der Weg für die Compaq-Übernahme ist frei.

Kaum im Amt, beweist IBM-CEO Sam Palmisano schon, wie das Wort vom neuen Besen, der gut kehrt, richtig zu verstehen ist. Der Branche geht es schlecht, also auch IBM, also feuert der Gerstner-Nachfolger rund drei Pro-zent der insgesamt 318000 IBM-Mitarbeiter. Bei solchen Nachrichten, die ja nicht gerade selten auf unseren Tisch flattern, fragen wir uns manchmal, ob Unternehmensverantwortliche eigentlich noch etwas können außer Ent-lassungen auszusprechen.

Manchmal - na ja, meistens - macht es Spaß, Marktführer zu sein oder zumindest einer der ganz Großen. Dell ist so einer. Der Direktvertreiber von PCs und Intel-Servern gibt Ende Mai bekannt, er wolle auch ins Druckergeschäft einsteigen. Da dürfte manchem bei HP, dem Fastmonopolisten im Druckergeschäft, das Gesicht in den Teller gefallen sein. Bislang gibt es aber nur Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit mit Partnern. Schau mer mal, dann sehn mer scho, wie ein großer deutscher Ex-Trainer ohne Lizenz zu sagen pflegt.

Nach Global Crossing, das in Sachen Missmanagement die Latte ziemlich hoch gelegt hat und nach Williams Communications strandet mit KPN Qwest ein weiterer Großer aus der Kommunikations- und Glasfaserbranche mit Pauken und Trompeten. Die Niederländer müssen Gläubigerschutz anmelden. Jetzt sollen Teile des Unternehmens verkauft oder Joint Ventures mit anderen Firmen eingegangen werden.

Mal was von uns: Ende Mai 2002 verlässt mit Nora Hörmann ein Gründungsmitglied der Redaktion das Unternehmen. Hörmann war Schreiberin der ersten Tage der CW, als die sich im Oktober 1974 anschickte, die unangefochtene Nummer eins der IT-Medienwelt zu werden (Okay, zumindest bei den Titeln, die Know-how über das gesamte IT-Themenspektrum aufweisen können.) "30 Jahre CW sind genug", kommentiert Hörmann, und wir können der Kollegin nur alles Gute für die kommenden Dezennien wünschen.

Juni

"Wir erhöhen die IT-Sicherheit durch die Vermeidung von Monokulturen. Wir verringern die Abhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern. Wir sparen zudem beim Kauf der Software und bei den laufenden Kosten." Wissen Sie, wer das gesagt haben könnte? Kommen Sie nicht drauf. War ein deutscher Bundesinnnenminister namens Otto Schily. Der setzt bei öffentlichen Verwaltungen voll auf Open Source.

Leider denkt dasselbe Ministerium in anderen Sachverhalten erheblich weniger offen: Im Bundesrat geht eine Gesetzesvorlage durch, die Telekom-Provider verpflichtet, Nutzungsdaten von Telefon-, Mobilfunk- und Internet-Nutzern in wesentlich größerem Umfang als bisher und über einen bis dato nicht für möglich gehaltenen Zeitraum festzuhalten und auf Anfrage an Ermittlungsbehörden weiterzugeben. Datenschützer sind entsetzt, ihr oberster Dienstherr Schily findet das gut.

Und wieder einmal interessieren sich hierzu-lande Richter für Geschäftspraktiken deutscher Manager: Diesmal geht es um erklärungsbedürftige Finanztransaktionen der SER Systems AG, die SER-Gründer Gert Reinhardt in Gang gebracht hat. Per Management-Buyout sollten wesentliche Vermögensteile an leitende Mitarbeiter verschachert werden. Das Landgericht Koblenz wollte die trickreiche Verschiebung per einstweilige Verfügung aufheben, was Reinhardt offenbar nicht anficht. Aus den USA, wohin er sich in weiser Voraussicht begeben hat, lässt er mitteilen, alles sei in bester Ordnung. Trotzdem möchte er bis auf weiteres lieber keinen Heimatboden betreten.

Im Juni ist es nun so, dass die Balltruppe von Tante Käthe vor den Augen einer ungläubig staunenden Weltöffentlichkeit ihr Niveau bei weitem überschreitet. Sie tut nämlich das, was Dutzende andere Nationen seit langem praktizieren, sie spielt einfach Fußball - zunehmend jedenfalls. Mit dieser genialen Strategie kommen die teutonischen Balljongleure - in Pisa-Deutschland weiß da schon lange niemand mehr, wie man das Wort schreibt - bis ins Fiiinaaaleee. Dort müssen sie sich zwar den noch größeren Ballkünsten der Brasilianer beugen. Das erledigen sie aber mit sehr viel Bravour. Nachher gibt es "nur ein Ruudiii Vööölleeerr" - und wir müssen diesen Umstand hier einfach auch erwähnen, damit wenigstens einmal was Positives zu vermelden gewesen ist. Auch diese Überschriften aus der CW gilt es nämlich zu zitieren: "Worldcoms Bilanzskandal kostet 17000 Arbeitsplätze", "Cap Geminin entlässt erneut 5500 Mitarbeiter", "Brain zahlt im Juni keine Gehälter", "Xerox korrigiert seine Bilanzen", "Bankrotter Carrier KPN Qwest wird wohl zerlegt". Alles in einer Ausgabe. Jetzt verstehen Sie vielleicht auch, warum es langsam keinen Spaß mehr macht, diesen Jahresrückblick zu schreiben.

Juli

Im Juli erhalten Gerüchte um eine mögliche Demission von Telekom-Chef Ron Sommer neue Nahrung. Die Milliardenschulden seines Unternehmens und der Sturzflug der T-Aktie lassen es geboten erscheinen, dass Kanzler Gerhard Schröder ein Machtwort spricht und Sommer seines Amtes enthebt. Noch dementiert Berlin.

Mindestens einem Bömbchen kommt es gleich, als SAP Mitte Juli verlauten ließ, die Umsatzprognose für das Jahr 2002 müsse revidiert werden, und ein negatives Ergebnis für das zweite Geschäftsquartal sei zu erwarten. Vielleicht sollte man einfach keine Zeitung mehr lesen.

Es gibt Leute, die behaupten, die CW schreibe kritisch über Microsoft. Das stimmt. Deshalb veröffentlichen wir jetzt mal was Nettes von der Gates-Company: Die hat nämlich das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2001/02 mit einem NettoGEWINN von 1,53 Milliarden Dollar abgeschlossen und im gesamten Jahr einen PROFIT von 7,8 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Microsoft-Chef Ballmer sagt ferner, er werde im nächsten Jahr 5000 Mitarbeiter EINSTELLEN. Kennt man diese Ausdrücke noch? Die Nachrichten lesen sich so gut, dass sie ja eigentlich fast schon wieder unanständig sind. Aber wir schreiben hier, dass wir das jetzt sehr gerne geschrieben haben.

Über Siebel schreiben wir oft gar nicht so ne-gativ. Dessen Umsatz bricht aber im zweiten Quartal trotzdem um 30 Prozent ein, und das Unternehmen entlässt 1200 Mitarbeiter. Müssen wir schreiben.

August

Im Sommer- und Ferienmonat meldet der Branchenverband Bitkom für das Jahr 2002 erstmals seit Anfang der 90er Jahre einen Rückgang der Mitarbeiterzahl in der ITK-Branche. Das entspricht einem Minus von 3,4 Prozent.

Dass sich die IBM seit der Ära Louis Gerstner zum größten IT-Dienstleister der Welt genausert hat, hält den neuen Firmenlenker Palmisano nicht ab, sich auch noch die Consulting-Sparte von Pricewaterhouse-Coopers (PWC) samt 30000 PWC-Mitarbeitern einzuverleiben. Dabei hat IBMs eigene Dienstleistungstruppe IBM Global Services (IGS) bereits 150000 Mitarbeiter und erwirtschaftet 40 Prozent des gesamten Umsatzes von Big Blue.

Apropos gute Nachrichten, schlechte Nachrichten: Gerade erst haut uns Peoplesoft-Chef Craig Conway um die Ohren, er könne die schlechten Nachrichten nicht mehr lesen, wir sollten doch endlich auch mal für eine gute Stimmung sorgen. Mit einer guten Stimmung - Psychologie ist bekanntlich alles - würden auch die Geschäfte wieder gut laufen.

Also das probieren wir jetzt mal: Zwar hat nach T-Mobile und O2 jetzt auch D2 Vodafone den Startschuss für die Inbetriebnahme seines UMTS-Netzes verschoben. Auch die schwedische Tele 2 friert ihre Investitionen für UMTS ein. Und die France-Télécom-Tochter Orange sieht auch keine Nachfrage mehr nach mobilen Datendiensten - UMTS ist also eigentlich am Ende. Ein Riesentiger ist grandios als Bettvorleger geendet. Aber sind Tante Käthes elf Freunde nicht immer noch Vize-Weltmeister? Wenn das keine gute Stimmung verbreitet!

Worldcom gesteht, müssen wir im August leider auch schreiben, weitere Fehlbuchungen ein. Dafür haben sich die Niederlande gar nicht erst für die Fußball-WM qualifiziert! Und die Lintec AG sieht ganz schweren Zeiten entgegen. Umsatzeinbußen und Verluste bringen den ostdeutschen Computerhersteller in die Bredouille. Aber England und Argentinien sind schon in der Vorrunde ausgeschieden bei der Fußball-WM!

Und dass die IBM gleich fünf Prozent oder 15600 Mitarbeitern die rote Karte zeigt, sollte uns die Stimmung nicht zu sehr vermiesen. Wir sind schließlich alle freie Marktwirtschaftler.

Und hatten nicht IBM-Deutschland-Chef Erwin Staudt und Jenoptik-Speerspitze Lothar Späth verlangt, Deutschland müsse IT-mäßig weltweit an die Spitze rücken, um im Wettbewerb bestehen zu können? Ha, jeder zweite Deutsche, sagt das Berliner Marktforschungsinstitut Forsa, ist mittlerweile im Internet. Wir wissen zwar nicht, ob das jetzt eine positive Nachricht oder überhaupt eine ist - aber für die Stimmung tun wir alles.

Dell meldet für das zweite Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 501 Millionen Dollar. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um sechs Prozent.

Novell legt in seinem dritten Geschäftsquartal ein positives Nettoergebnis vor. Das hat die Analysten an der Wallstreet so angenehm überrascht, dass in der Folge der Kurs der Aktie um 30 Prozent steigt.Na also, geht doch mit den positiven Nachrichten und Stimmungen.

Gut, 15 AOL-Manager hat die US-amerikanische Börsenaufsicht in Verdacht, den Aktienkurs künstlich in die Höhe getrieben und rechtzeitig vor dem Absturz ihrer Anteile äußerst gewinnbringend verkauft zu haben. Aber mal ehrlich: haben wir nicht immer gewusst, dass das so läuft? Davon lassen wir uns die Stimmung nicht vermiesen.

Telekom-Chef Ron Sommer wird (rechtzeitig?) vor der Bundestagswahl am 22. September geopfert. Angeblich von Kanzler Schröder. Dementiert der natürlich. Helmut Sihler, der auch gut als Alterspräsident durchgehen würde, wird Interimschef beim größten deutschen Telekom-Konzern.